Gestorben

Das Wort war sein Leben. Das gedachte, das geschriebene, das gestaltete. Als ihn das Wort vor geraumer Zeit verlassen hatte, schickte er sich an zum Abschied nehmen. Der international gewürdigte Typograf und Lyriker Philipp Luidl starb am 12. August. In seinem Heim in Dießen, jenem Ort, wo er am 11. Dezember 1930 in der Fischerei auf die Welt kam.

Generationen von Schriftsetzern, grafischen Gestaltern, Formgebern der Zeit verdanken ihm ihre berufliche Qualifikation. „Als Angehörige des grafischen Gewerbes ist für uns die Schrift und die Ausformung zum Bild das Fundament unserer beruflichen Existenz“, so formulierte er es einmal. Aber es war für Philipp Luidl viel mehr. Es lässt sich kaum beschreiben, wie er vom Buchstaben zum Wort, vom Wort zum Gedicht und zur Prosa fand, und stets auch noch die Ästhetik des Schriftbildes, die Schönheit des Ganzen im Fokus hatte, wie er sein Gestalten und sein Tun mit Intellektualität, scharfem Denken, Klarheit, Ehrlichkeit und Kompromisslosigkeit gliederte, strukturierte und weitergab.

/ Gestalter, Denker und Lyriker – weiter lesen auf Augsburger-Allgemeine

Ingolds Einzeiler

Ein Füsschen das fliegt. Ein Pfeil der will. Noch ist kein Kerl zu sehn der diesen Wald zum Wandern bringt.

Jeden Donnerstag punkt 11 Uhr veröffentlicht L&Poe ein ungedrucktes Monostichon des Schweizer Dichters Felix Philipp Ingold. Mehr

E-Books Turn Poet-Friendly

When John Ashbery, the Pulitzer Prize-winning poet, first learned that the digital editions of his poetry looked nothing like the print version, he was stunned. There were no line breaks, and the stanzas had been jammed together into a block of text that looked like prose. The careful architecture of his poems had been leveled.

He complained to his publisher, Ecco, and those four e-books were immediately withdrawn.

That was three years ago, and digital publishing has evolved a lot since then. Publishers can now create e-books that better preserve a poet’s meticulous formatting. So when Open Road Media, a digital publishing company, approached Mr. Ashbery about creating electronic versions of his books, he decided to give it another chance.

Last week, Open Road published 17 digital collections of Mr. Ashbery’s work, the first time the bulk of his poetry will be available in e-book form. This time, he hasn’t asked for a recall.

Afrikas Wesen?

Aus Teil 4 der Auseinandersetzung mit der neuen Anthologie afrikanischer Lyrik

Der Herausgeber der neuen Afrika-Anthologie will das tiefe »Wesen« des ganzen Kontinents erfassen, ein früheres Werk aus seiner Werkstatt trägt den bezeichnenden Titel Afrika als Weltreligion.

Verträgt Lyrik eine solche Behandlung? Lässt sich in einer globalisierten Gesellschaft nach dem Kontinentalcharakter fragen wie einst nach dem von Völkern und Nationen?

Was als wesenhaft afrikanisch gelten könnte, wird in den versammelten Gedichten selten direkt angesprochen. In einigen Fällen aber doch: * Ein ausgeweitetes System des Ausgleichs. * Dass der ganze Clan, die flexible Großfamilie, bei der Tür hereinstürmt und erwartet, dass die Hausfrau wohlwollend lächelt. * Mit der Kraft von Generationen zu lieben. * Naturkatastrophen. Sich satt essen und dann weg zu schleichen. * Zaudern; denn vielleicht verliert die Ungeduld ja ihren Mut angesichts der eigenen Unschlüssigkeit. * Zuwarten, bis jemand nach einem fragt.

Über diese Selbstzuschreibungen hinaus müsste nach der Lektüre das Anklagen als ein übergreifendes Charakteristikum Afrikas angesehen werden. Die Poesie am Kontinent der Habenichtse erscheint wie eine einzige moralisierende Veranstaltung.

/ Wolfgang Koch, taz.blogs

Al Imfeld (Hg.): Afrika im Gedicht, 586 Poeme auf 815 Seiten, zweisprachig abgedruckt, Offizin Verlag, Zürich 2015, ISBN 978-3-906276-03-8, EUR 60,-

Die Mitte und kein Ende

Bertram Reinecke veröffentlichte in den signaturen eine polemische Auseinandersetzung mit Nora Bossongs Aufruf an die Lyriker in der Zeit, sich „in die Mitte zu trauen“. Daraus entstand zunächst auf facebook eine kleine Diskussion (zu finden in den Kommentaren unter der Verlinkung des Artikels am 8. Juli !!), die dann unter einem Eintrag in der lyrikzeitung eine Fortsetzung fand. Diese Fortsetzung fand dann nochmals eine Fortsetzung in den Kommentaren auf einem weiteren Eintrag der lyrikzeitung und abschließend sogar nochmals auf fixpoetry. So viel Diskussion war selten, bedenkt man auch, dass diese Diskussionen schon Vorläufer hatten, z.B. der äußerst umstrittene Spiegel-Artikel über Jan Wagner.

Nun macht die Literaturwerkstatt am 24.9. einen Abend zu diesen Vorgängen und lädt Hendrik Jackson, Nora Bossong und Sabine Scho ein, die Um-und Tatbestände dieser Debatten noch einmal zu sondieren. Deshalb hier noch einmal alle links versammelt um den Stein des Anstosses. (Übernommen von lyrikkritik.de)

„Die gebrannte Performance“ nominiert

Die gebrannte Performance. Eine Audio-Retrospektive.
Bestenliste der Schallplattenkritik

Foto: Gezett
Foto: Gezett

Wortkonzert, Sprechperformance, Konfrontation. Thomas Klings Werk und der Performancecharakter seiner Lesungen prägten die deutschsprachige Lyrik auf dem Weg ins 21. Jahrhundert. Das im Frühjahr erschienene Hörbuch „Die gebrannte Performance“ ist eine Audio-Retrospektive zum Werk des Lyrikers. Sie wurde für den Preis der deutschen Schallplattenkritik nominiert (Bestenliste 3-2015).
Am Donnerstag, 20. August 2015, wird die einzigartige Sammlung von Tondokumenten auf dem Kulturgut Haus Nottbeck in Oelde-Stromberg von Norbert Wehr, Ulrike Janssen und Norbert Hummelt multimedial vorgestellt. Beginn 19.30 Uhr.

Thomas Kling hatte stets eine genaue Vorstellung von dem Vortrag seiner Gedichte vor Publikum: „1. Kein Genuschel bitte. 2. Didaktik hat weder im Gedicht noch auf der Bühne etwas verloren. Also: bitte keine autoexegetischen Turnübungen. 3. Bittebitte keine Mätzchen mehr! Und 4. siehe 1.: Kein Genuschel bitte.“ Was zunächst formstreng klingt, steht in keinem Verhältnis zu der eigenwilligen und experimentierfreudigen Art des literarischen Auftritts, für den Kling den Begriff „Sprachinstallation“ prägte. Auf außergewöhnliche kunstvolle Weise näherte sich Kling seinem Sprachstoff, forschte nach seiner Geschichte, zerlegte ihn, setzte ihn neu zusammen und wusste ihn so zu inszenieren, dass er einen neuen, sinnlichen Zugang zum Wort und zum Gedicht ermöglichte. Nicht zuletzt mit seiner Stimme gelang es Kling, Sprach-Räume zu gestalten.

Das im April 2015 im Lilienfeld Verlag Düsseldorf erschienene Hörbuch „Die gebrannte Performance – Lesungen und Gespräche“ stellt als einzigartige Sammlung von Tondokumenten eine Art Biografie in Auftritten dar und setzt die typischen Kräfte einer Kling-Lesung wieder frei. Auf vier in der Schriftenreihe der Kunststiftung NRW erschienenen CDs sind seine prägnantesten Lesungen aus den 1980er und 1990er Jahren sowie zwei Gespräche mit dem Autor gebannt. In der multimedialen Präsentation des Hörbuchs auf dem Kulturgut stellen die Herausgeber Norbert Wehr und Ulrike Janssen sowie der Autor und Kling-Freund Norbert Hummelt den herausragenden Dichter und seine literarischen Verfahren vor, die zwar in der Literaturgeschichte wurzeln, von dort aus aber ganz eigene Wege einschlagen.

Thomas Kling (1957-2005) lebte und arbeitete auf der Raketenstation Hombroich bei Neuss. Er erhielt zahlreiche renommierte Preise, darunter 1994 den Else-Lasker-Schüler-Preis für Lyrik, 1999 den Deutschen Kritikerpreis und 2001 den Ernst-Jandl-Preis. Zum Sommersemester 2011 richtete die Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn zu Ehren des 2005 verstorbenen Lyrikers eine Thomas-Kling-Poetikdozentur ein.

Ulrike Janssen ist freie Hörfunkautorin und -regisseurin. Für das auf einem Gedichtzyklus von Thomas Kling basierende Hörspiel „vogelherdrecherche“, eine Koproduktion von Deutschlandfunk und Hessischem Rundfunk, erhielt sie 2011 den Karl-Sczuka-Förderpeis. Norbert Wehr ist Herausgeber des „Schreibheft. Zeitschrift für Literatur“ sowie Literaturkritiker, Hörfunkautor und Moderator. Zuletzt erschien von ihm (hrsg. zusammen mit Ute Langanky): Thomas Kling, „Das brennende Archiv“ (2012). Der Lyriker, Essayist und Übersetzer Norbert Hummelt lehrte u.a. am Deutschen Literaturinstitut Leipzig ist Redakteur der Zeitschrift Text + Kritik und Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland. Für seine Gedichte wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

DO 20.08.2015 | 19.30 Uhr
Lesung – Hörbuchpräsentation
Thomas Kling: Die gebrannte Performance. Ein Hörbuch.
Vorgestellt von Ulrike Janssen, Norbert Wehr und Norbert Hummelt
In Kooperation mit der Kunststiftung NRW.
Eintritt: VVK 7,00 EUR / 5,00 EUR; AK 9,00 EUR / 7,00 EUR

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Weitere Informationen unter Tel.: 0 25 29 / 94 55 90 und www.kulturgut-nottbeck.de

Museum für Westfälische Literatur – Kulturgut Haus Nottbeck
Landrat-Predeick-Allee 1
59302 Oelde-Stromberg

Öffnungszeiten: Dienstag – Freitag: 14.00 – 18.00 Uhr
Samstag, Sonntag und an Feiertagen: 11.00 – 18.00 Uhr

Marktcoup oder literarisches Phänomen?

Über die  Gedichte der 23-jährigen amerikanischen Lyrikerin Mira Gonzalez, die soeben bei Hanser auf Deutsch erschienen, wird seit Tagen in sozialen Netzwerken kontrovers diskutiert. Knallhart kalkulierter Marktcoup oder herausragender Band und eine der wichtigsten jungen Stimmen ihrer Generation?

Jetzt erscheinen erste Besprechungen. Fast ungeteilte Zustimmung im Blog von Jan Drees

Ihre Gedichte, die nun bei Hanser in einer schönen, zweisprachigen Ausgabe erscheinen, übersetzt von Verleger Jo Lendle, sind Schlüssellochblicke in das Leben einer Anfang-20-Jährigen, die schon jetzt geübt ist im künstlerischen Zugriff auf die ernüchternde Welt einer weißen, urbanen und privilegierten Bohème.

Kritik am Verhalten des Verlags und ausführlicher Hinweis auf die problematische Seite einer vielleicht schon gescheiterten Bewegung bei Kristoffer Cornils (auf Fixpoetry) – ich beschränke mich auf kurze Zitate, die keineswegs repräsentativ für Cornils‘ Informationen und Thesen ausfallen:

Alt Lit, ein weitestgehend US-amerikanisches Phänomen, setzte der schönen neuen Welt eine radikale Aufrichtigkeit entgegen.

Plötzlich ging es wieder weniger um ästhetische Diskurse denn um das eigene Leben. Eine Generation, die sich per sozialen Netzwerken wie Twitter oder Facebook unablässlich selbst zum Ausdruck brachte, nahm den nächsten logischen Schritt. Alt Lit ist eine Art Naturalismus des 21. Jahrhunderts: Ungeschönt, direkt und mit dem Ziel versehen, die eigenen Erfahrungswerte möglichst transparent zu machen. (…)

Gonzalez ist eine (Zu-)Spätkommerin der Alt Lit-Szene, ihr erster Gedichtband i will never be beautiful enough to make us beautiful together erschien 2013 und damit ein Jahr, bevor die bis dahin weitestgehend heile Welt der literarischen Bewegung einen vernichtenden Rückschlag erhielt. Hanser legt ihn jetzt auf Deutsch auf, um die Übersetzung hat sich Verlagschef Jo Lendle selbst gekümmert. (…)

Gonzalez skizziert mit knappen, gestisch abgeklärten Worten – Gedichte sind für sie so etwas wie in Breite ausgeführte Tweets – Szenarios von gegenseitiger Ausbeutung. Sie entspringen der internalisierten Entfremdung, ihr Ausgangspunkt ist »an inability to experience phenomena first-hand«. (…)

Obwohl es sich verbietet, das Dargestellte mit der Darstellung und erst recht nicht mit Affirmation zu verwechseln: Dessen Vermarktung muss unbedingt hinterfragt werden. Denn die stützt sich, ob sie will oder nicht, auf die Verharmlosung des Einzelfalls und damit auch des Gesamtkontextes.

Mira Gonzalez
Ich werde niemals schön genug sein, um mit dir schön sein zu können
Übersetzung: 
Jo Lendle
Hanser
2015  ·  112 Seiten  ·  16,90 Euro
ISBN:  978-3-446-24940-0

Gestorben

Am 5. August starb die portugiesische Schriftstellerin, Künstlerin und Philologin Ana Hatherly im Alter von 86 Jahren in Lissabon. Zu ihrem vielseitigen Schaffen gehörten Filme, malerische und plastische Kunstwerke, Gedicht-, Prosa- und Essaybände, visuelle Poesie (Google-Bildersuche nach Ana Hatherly zeigt besonders viele Beispiele dafür), kritische Editionen und Anthologien. Auf Deutsch erschien eine Auswahl ihrer „Tisanas“ genannten Prosagedichte. Sie definierte sie so: „Sie sind Prosagedichte und Anti-Fabeln; sie sind aphoristisch und epigrammatisch; sind Schöpfung oder Wiedererschaffung von Mythen; sie sind Metasprache und Metaliteratur; sind parodistische Überschreitung; sie sind ein offenes Werk; sie sind eine Reflexion über die Kunst als Illusion der Wahrheit (…)“. (Tisanas, 1998, S. 8).

  • 463 Tisanas. Prefácio da Autora, Lisboa: Quimera (2006)
  • Tisanas. [Zweisprachig] Aus dem Portugiesischen  und mit einem Nachwort von Elfriede Engelmayer. Berlin: Edition Tranvia / Walter Frey, 1998.

Tübinger Hölderlinpreis für Herta Müller

„Der Friedrich-Hölderlin-Preis ist ein Nachwuchs-Förderpreis, für den keine Bewerbungen möglich sind. “ So stehts bei tuebingen.de. Gefördert wurden bisher u.a. das Theater Lindenhof Melchingen, der Herausgeber D. E. Sattler, der Komponist György Kurtág sowie die Lyriker Jan Wagner, Andrea Zanzotto, Marcel Beyer, Thomas Rosenlöcher, Philippe Jaccottet und Uwe Kolbe. In diesem Jahr nun Nobelpreisträgerin Herta Müller. (Schöner Nachwuchs)

„Die Auszeichnung werde der Schriftstellerin am 11. Dezember verliehen, teilte die Uni am Montag mit. Herta Müller repräsentiere virtuose Sprachgenauigkeit, eine klare Haltung und Unbestechlichkeit so überzeugend wie kaum jemand sonst, lobte die Jury.“ (Die Welt)

London-Stipendium an Ulf Stolterfoht

Der Lyriker Ulf Stolterfoht wird mit dem London-Stipendium des Deutschen Literaturfonds geehrt.
Es wird seit 2005 nach dem Modell des New-York-Stipendiums vergeben. Kooperationspartner ist das Queen Mary College der University of London, das für die Unterbringung sorgt, während der Literaturfonds die Reisekosten und 7.500 Euro für den Lebensunterhalt zur Verfügung stellt.
Symbolisch überreicht wird die Ehrung am Abend des 6. November im Literaturhaus in Darmstadt, gemeinsam mit dem New-York-Stipendium und dem Kranichsteiner Literaturpreis.
Die diesjährige Jury bestand aus Maike Albath, Maria Gazzetti und Wilfried F. Schoeller.

„In England, muß ich sagen“

Bei Manuzio bespricht Bertram Reinecke die dritte, erneut erweiterte Ausgabe des von Ulrich Erckenbrecht herausgegebenen Bandes „Shakespeare Sechsundsechzig“. Auszug:

Besonders interessant ist für mich, dass die Behauptung des Herausgebers, dass Shakespeares Sonett 66 in Zeiten politischer Misere den deutschen Dichtern besonders wichtig wird, in diesem Nachtrag überraschend deutliche Beglaubigung findet. 3 zu DDR-Zeiten entstandene Fassungen ergänzen die bisherigen, 2 davon sind aus Stasiakten überliefert (Wilhelm Bartsch und Rayk Wieland).

An Rayk Wielands Fassung fanden sich in der Stasiakte folgende Bemerkungen: „Defätistische Tendenzen“, „Plumpe Demagogie“ „Verhöhnung der Errungenschaften des Sozialismus“ „Parolen des Klassenfeinds“ „Staatsfeindliche Hetze“ „Verächtlichmachung führender Persönlichkeiten“ „Diffamierung des sozialistischen Rechtssystems“ „Konkret geäußerte Absicht einer Republikflucht“ So allgemein, wie sein Text gehalten ist (siehe Auszug unten) muss ich an einen alten DDR Witz denken: Ein Mann geht an den Auslagen eines Geschäfts vorbei und murmelt „Scheiß Staat!“ Dies hört ein Polizist und sagt: „Ich muss sie festnehmen, sie haben den Staat beleidigt“ Nach einer Weile meint der Mann „Aber sie wissen doch gar nicht, welchen Staat ich meine.“ Der Polizist lässt ihn laufen. Einen Augenblick später steht er wieder vor ihm: „Ich muss sie doch mitnehmen.“ „Ja warum das denn?“ fragt der Mann. „Es gibt nur einen Scheiß Staat.“.

Lässt sich Rayk Wielands Dichtung auch auf die Übelstände verschiedener Zeiten oder Staaten beziehen, mag eine winzige Verschiebung die Stasi hellhörig gemacht haben. „Ich hab es satt, ich möchte weg sein bloß/ Noch liebe ich. Und das lässt mich nicht los“ übersetzt Wieland die letzten beiden Zeilen und unterdrückt hier den Todesgedanken des Originals. Man könnte das für die bloße Tilgung einer Redundanz halten, denn dieser Todessehnsucht kommt ja bereits in Zeile eins einmal vor, aber so lassen sich die letzten Zeilen dann eben auch als konkrete Fluchtgedanken lesen. Und man kann durchaus unterstellen, dass auch Leser, die nicht so paranoid lasen wie die Stasi, dies so wahrgenommen haben. Man sieht hier. Zensur ist ein Ritt auf einem Tiger, man kann nicht absteigen. Wenn etwas zu äußern verboten wird, finden sich Anspielungen, die dies auszusprechen dennoch ermöglichen. Diese müssen dann ihrerseits verboten werden und werden dann durch wiederum andere ersetzt. „Mich jammert’s! In England, muß ich sagen, und nicht jäh.“ beginnt Jendryschiks Fassung. Je treuherziger er versichert, dass er nicht hiesige Zustände meint, desto aufmerksamer wird der Leser, ob sich das Ganze denn nicht doch auf die DDR beziehen ließe. Und er wird diese Zeile etwa folgendermaßen deuten: „Ich muss behaupten, ich redete von England, weil mir über die hiesigen Zustände zu sprechen verwehrt wird“

(…)

Ich hab es satt. Wär ich ein toter Mann.
Wenn Würde schon zur Bettelei geborn
Und Nichtigkeit sich ausstaffieren kann
Und jegliches Vertrauen ist verlorn
Und Rang und Namen Fähigkeit entbehrt
Und Fraun vergebens sich der Männer wehrn
Und wenn der Könner Gnadenbrod verzehrt
Und duldende nicht aufbegehrn […]

Rayk Wieland

Ulrich Erckenbrecht (Hrsg.): ‚Shakespeare Sechsundsechzig‘
Verlag: Muriverlag
Erscheinungsjahr: 3. erweiterte Auflage 2009, neue Beilage 2015
Seitenzahl: 380 Seiten
Preis²: 10 €
ISBN-13²: 978-3922494263
ISBN-10²: 3922494269 

Im Auftrag

Richard Blanco, who was President Obama’s inaugural poet in 2013, has written a poem to honor the reopening of the U.S. embassy in Havana, Cuba on Friday, Aug. 14.

The son of Cuban exiles, Blanco was commissioned to write “Matters of the Sea/Cosas del Mar,” by the U.S. State Department. He will travel to Havana to read the poem in person at the historic flag-raising ceremony.

“Matters of the Sea is one of the most emotionally complex and personal poems I’ve ever written, invested with all my love for the people of two countries that are part of my very being,” said Blanco, in a statement released by the University of Pittsburgh Press. “As with the presidential inauguration in 2013, I am once again humbled and honored to participate as a poet in another significant historic moment.”

University of Pittsburgh Press will publish “Matters of the Sea/Cosas del Mar” as a bilingual paperback chapbook… / , blog.chron.com

Heaney’s Grave

Seamus Heaney’s famous line to „walk on air against your better judgement“ has been inscribed as an epitaph on his gravestone.

The quote from his 1995 Nobel Prize for Literature acceptance speech was placed over the Irish poet’s grave in Northern Ireland earlier this week. It was included in a poem called The Gravel Walks.

Heaney, who died almost two years ago aged 74, was the country’s best known contemporary writer. He also created a bestseller from a translation of Beowulf and sold more books in Britain than any other living poet during his lifetime.

He is buried in Bellaghy, Co Derry, his birthplace and the inspiration for much of his early work.

(…)
The line is taken from the final stanza of The Gravel Walks, the full verse of which reads:

So walk on air against your better judgement
Establishing yourself somewhere in between
Those solid batches mixed with grey cement
And a tune called The Gravel Walks that conjures green.

/ Michael McHugh, independent.ie

Pictures here

Cool, wütend, staunenswert

„Form follows function“, behauptete das Bauhaus einst erfolgreich. Und heute? Welche Stile folgen aus inneren Einstellungen? Insa Wilke sieht sich in der Lyrik-Szene um, die so cool, so wütend und manch anderes ist, dass man nur staunen kann.

Manuskript zur Sendung als PDF-Dokument oder im barrierefreien Textformat.

DLR-Lyriksommer

Vor drei Jahren ließ Deutschlandradio Kultur erstmals einen ganzen Monat lang über den Tag verstreut Gedichte ausstrahlen und über sie sprechen. Heute ist Lyrik en vogue und aus der Mitleidsecke heraus. Das ist die Gelegenheit, sich endlich ohne Nebengedanken, ohne Artenschutzsentiment den Gedichten selbst zuwenden und sie so wahrzunehmen wie seit Jahrhunderten die Prosa: kritisch und enthusiastisch. Daher sendet Deutschlandradio Kultur im August jeden Tag ein Gedicht, widmet sich die Lesart der Lyrik in Gesprächen, erkunden die Zeitfragen am Freitag um 19.30 Uhr und die Literatur am Sonntagmorgen um 0:05 Uhr lyrische Gefilde. Kooperationspartner ist lyrikline.org.

Poetopie

im Lärm der Flugschneise verharrt in stoischem Gleichmut am Teichufer reglos ein Graureiher

Hansjürgen Bulkowski