„In England, muß ich sagen“

Bei Manuzio bespricht Bertram Reinecke die dritte, erneut erweiterte Ausgabe des von Ulrich Erckenbrecht herausgegebenen Bandes „Shakespeare Sechsundsechzig“. Auszug:

Besonders interessant ist für mich, dass die Behauptung des Herausgebers, dass Shakespeares Sonett 66 in Zeiten politischer Misere den deutschen Dichtern besonders wichtig wird, in diesem Nachtrag überraschend deutliche Beglaubigung findet. 3 zu DDR-Zeiten entstandene Fassungen ergänzen die bisherigen, 2 davon sind aus Stasiakten überliefert (Wilhelm Bartsch und Rayk Wieland).

An Rayk Wielands Fassung fanden sich in der Stasiakte folgende Bemerkungen: „Defätistische Tendenzen“, „Plumpe Demagogie“ „Verhöhnung der Errungenschaften des Sozialismus“ „Parolen des Klassenfeinds“ „Staatsfeindliche Hetze“ „Verächtlichmachung führender Persönlichkeiten“ „Diffamierung des sozialistischen Rechtssystems“ „Konkret geäußerte Absicht einer Republikflucht“ So allgemein, wie sein Text gehalten ist (siehe Auszug unten) muss ich an einen alten DDR Witz denken: Ein Mann geht an den Auslagen eines Geschäfts vorbei und murmelt „Scheiß Staat!“ Dies hört ein Polizist und sagt: „Ich muss sie festnehmen, sie haben den Staat beleidigt“ Nach einer Weile meint der Mann „Aber sie wissen doch gar nicht, welchen Staat ich meine.“ Der Polizist lässt ihn laufen. Einen Augenblick später steht er wieder vor ihm: „Ich muss sie doch mitnehmen.“ „Ja warum das denn?“ fragt der Mann. „Es gibt nur einen Scheiß Staat.“.

Lässt sich Rayk Wielands Dichtung auch auf die Übelstände verschiedener Zeiten oder Staaten beziehen, mag eine winzige Verschiebung die Stasi hellhörig gemacht haben. „Ich hab es satt, ich möchte weg sein bloß/ Noch liebe ich. Und das lässt mich nicht los“ übersetzt Wieland die letzten beiden Zeilen und unterdrückt hier den Todesgedanken des Originals. Man könnte das für die bloße Tilgung einer Redundanz halten, denn dieser Todessehnsucht kommt ja bereits in Zeile eins einmal vor, aber so lassen sich die letzten Zeilen dann eben auch als konkrete Fluchtgedanken lesen. Und man kann durchaus unterstellen, dass auch Leser, die nicht so paranoid lasen wie die Stasi, dies so wahrgenommen haben. Man sieht hier. Zensur ist ein Ritt auf einem Tiger, man kann nicht absteigen. Wenn etwas zu äußern verboten wird, finden sich Anspielungen, die dies auszusprechen dennoch ermöglichen. Diese müssen dann ihrerseits verboten werden und werden dann durch wiederum andere ersetzt. „Mich jammert’s! In England, muß ich sagen, und nicht jäh.“ beginnt Jendryschiks Fassung. Je treuherziger er versichert, dass er nicht hiesige Zustände meint, desto aufmerksamer wird der Leser, ob sich das Ganze denn nicht doch auf die DDR beziehen ließe. Und er wird diese Zeile etwa folgendermaßen deuten: „Ich muss behaupten, ich redete von England, weil mir über die hiesigen Zustände zu sprechen verwehrt wird“

(…)

Ich hab es satt. Wär ich ein toter Mann.
Wenn Würde schon zur Bettelei geborn
Und Nichtigkeit sich ausstaffieren kann
Und jegliches Vertrauen ist verlorn
Und Rang und Namen Fähigkeit entbehrt
Und Fraun vergebens sich der Männer wehrn
Und wenn der Könner Gnadenbrod verzehrt
Und duldende nicht aufbegehrn […]

Rayk Wieland

Ulrich Erckenbrecht (Hrsg.): ‚Shakespeare Sechsundsechzig‘
Verlag: Muriverlag
Erscheinungsjahr: 3. erweiterte Auflage 2009, neue Beilage 2015
Seitenzahl: 380 Seiten
Preis²: 10 €
ISBN-13²: 978-3922494263
ISBN-10²: 3922494269 

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