Skandalös?

Über die Auszeichnung des syrischen Autors Adonis mit dem Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis der Stadt Osnabrück wird seit einigen Tagen öffentlich gestritten. Ausgelöst wurde der Streit durch Einsprüche von Seiten des Regimekritikers und Journalisten Ahmad Hissou sowie des deutsch-iranischen Autors Navid Kermani. Nun verlangt auch der Menschenrechtsaktivist Rupert Neudeck im Kölner Stadt-Anzeiger eine Rücknahme der Jury-Entscheidung. Er begründet dies mit der Haltung des 85-jährigen Adonis zum Regime des syrischen Herrschers Baschar al-Assad. „Ein Wahnsinniger macht sein Land kaputt und bringt die Menschen um, während Adonis ruhig daneben steht und nur zu bedenken gibt, dass es die Assad-Gegner vielleicht noch schlimmer treiben könnten“, sagte Neudeck. Von Wut und Verzweiflung über das Elend des eigenen Volkes sei bei Adonis nichts zu spüren. „Bequem in einem Pariser Café sitzen und den Assad-Gegnern raten, es doch mal gewaltfrei zu probieren, das zeugt von einer skandalösen Haltung“, so Neudeck. „Adonis ist ein guter Literat. Aber als Träger eines politischen Preises in der Tradition des leidenschaftlichen Pazifisten Remarque ist Adonis deshalb für mich völlig unvorstellbar.“ Der Jury sei klar gewesen, hieß es in einer Erklärung der Stadt Osnabrück, dass die Verleihung eine kontroverse Diskussion entfachen würde: „Mit der Auszeichnung für Adonis ist aber auch beabsichtigt gewesen, intensiv über die Problematik in Syrien ins Gespräch zu kommen, über Lösungsmöglichkeiten zu diskutieren.“ / Süddeutsche Zeitung 4.9.

Yellowfacing. Racial Bias

Nachdem Michael Derrick Hudson unter eigenem Namen lange Zeit keinen Verlag für die Veröffentlichung eines Gedichts fand, wählte er das chinesische Pseudonym Yi-Fen Chou und hatte damit auch Erfolg: Sein Gedicht „‚The Bees, the Flowers, Jesus, Ancient Tigers, Poseidon, Adam and Eve“ ist derzeit in der Anthologie „The Best American Poetry 2015“ zu finden.

Vor der ersten Veröffentlichung bei einem Verlag sei es unter seinem eigenem Namen Michael Derrick Hudson jedoch 40 Mal abgelehnt worden, erklärte der Dichter nun auf seiner Facebookseite – „wenn es tatsächlich eines der besten amerikanischen Gedichte im Jahr 2015 ist, brauchte es ganz schön viel Aufwand, um es zu veröffentlichen“.

Wegen seines Vorgehens steht Hudson nun aber im Kreuzfeuer der Kritik. Schriftstellerkollege Jeong Min etwa monierte, dass sich hier jemand eine fremde Kultur aneigne, um persönlichen Erfolg zu haben – „für asienstämmige Amerikaner ist der Namenswechsel eine Strategie, um in einem rassistischen und nativistischen Amerika zu überleben“. Der Blog „Angry Asian Man“ bezichtigte Hudson gar des „Yellowfacings“, auch der Vorwurf des „Gedicht-Kolonialismus“ fiel. / Spiegel

In response to the controversy over his [Sherman Alexie’s] decision to include „Yi-Fen Chou’s“ poem in the Best American Poetry anthology even after discovering that Yi-Fen Chou was actually a pen name that a white poet named Michael Derrick Hudson used in order to get published, Alexie admitted that, to him, dumping the poem would have undermined his decision to use racial bias in his selection process. Excluding the poem, he said, „would have cast doubt on every poem I have chosen for BAP. It would have implied that I chose poems based only on identity.“

Of course, Alexie didn’t choose poems based only on identity. He chose them because he liked them. But he also chose to use his status as a big deal writer to champion writers of color, who have to leap over many more hurdles in the writing world than white writers do, a condition that Alexie knows about from a lifetime of being not-white in the literary world. So, in this case, for the sake of equity in publishing, he wanted to lend his power to those who have less.

Alexie’s racial bias in this instance shows a top-down approach to advocating for racial justice within the current publishing system. But there’s a bottom-up reason to use „racial nepotism“ in editorial processes as well.

Readers are clearly hungry for work by non-white voices. Editors can see this hunger on their social media feeds, in articles, in classrooms, etc. (If they’re good editors, then they’re also just plain ol‘ curious about how lots of different people engage with the traditions of poetry. I think of Frank O’Hara buying an issue of New World Writing just „to see what the poets in Ghana are doing these days.“) Readers like to buy books and magazines, and so publishers are making an effort to give readers what they want. / Rich Smith, the Stranger

Ja Gott, die Welt ist so

Rainer Kirsch erzählt, wie er sich sein Grab ausgesucht hat. Burga Kalinowski erzählt von ihrer letzten Begegnung mit Rainer Kirsch und veröffentlicht ein Interview mit ihm. Darin sein letztes Gedicht und sein Grabgedicht mit einem Gutachten für die Friedhofsverwaltung oder den Kirchenvorstand, das Volker Braun schrieb, weil es vielleicht Zweifel gab:

Vier Verse nur: und welcher Trost, welche versöhnende Heiterkeit! Auf einen Grabstein gesetzt, wären sie Verweis auf die Kunst des Toten, und er hinterließe hier, der Nachwelt zur Freude, ein gültiges Signum. Die letzte Zeile allein eine schönste Metapher für Schlaf und Tod; das Ganze aber mag dem Vorübergehenden eine Ermutigung sein; ja mir selbst, wenn ich ausgestreckt drunten läge, wäre wohler.

Kirsch im Interview über die 90er und Schere im Kopf:

Schlechte Zeiten für Dichtung.

Ja Gott, die Welt ist so. Ich kann es nicht ändern. Ich fange mal anders an: Nach der Wende wurden wir außer Gefecht gesetzt durch ganz einfache primitive Floskeln. Zum Beispiel hieß ein Vorwurf »Kirsch klagt«. Der Präsident der Industriellenvereinigung durfte ununterbrochen klagen, dass sie zu viel Lohn bezahlen müssen. Aber ein Schriftsteller aus der DDR durfte seine Rechte nicht einfordern. Oder: »Sie hatten ja die Schere im Kopf«. Das heißt, es wurde behauptet, man hätte sich fortgesetzt selbst zensiert. Man hat sich eben nicht zensiert und hat es mit Gelassenheit ertragen, wenn etwas nicht gedruckt wurde. Nicht mal die Verlage, bei mir auch nicht die Zeitungen, trauten sich, in den Texten rumzuklieren. Und dann kam die Wende und der freie Westen und eine Schweizer Herausgeberin dichtete in meinen Übertragungen herum. Und als ich sie anrief, da sagte sie: Ja, das ist doch völlig normal. Ich untersagte den Abdruck. Punkt. So hatte ich es in der DDR gemacht. Dann wurde man eben nicht gedruckt. Es gab Weicheier – würde man heute sagen – die haben umgeschrieben. Na gut, es ist ihnen letztlich nicht bekommen.

Sie haben das nicht zugelassen?

Nein!

Gestorben

Die Lyrikerin Annemarie Bostroem ist am 9. September im Alter von 93 Jahren verstorben. Das teilte der Verlag Razamba der in Berlin erscheinenden Tageszeitung „neues deutschland“ mit.

Bostroem, 1922 in Leipzig geboren, wurde nach dem Krieg literarische Mitarbeiterin im Aufbau-Bühnenvertrieb und Fachassistentin in der Sektion Lyrik der Akademie der Künste der DDR, ehe sie ab 1956 in Berlin freiberufliche Schriftstellerin wurde. Neben dem Gedichtband »Terzinen des Herzens« und einem Schauspiel sind ihr zahlreiche Nachdichtungen russischer, armenischer, ungarischer, türkischer Lyrik in rund 95 Anthologien und Einzelausgaben zu verdanken.  / Presseportal

Ingolds Einzeiler

Was für’n Fest! wo das Vergangene nicht mehr betrifft und wo wir verlieren ohne Verlust.

Jeden Donnerstag punkt 11 Uhr veröffentlicht L&Poe ein ungedrucktes Monostichon des Schweizer Dichters Felix Philipp Ingold. Mehr

Nationaldichter

Der 1997 verstorbene guyanische Nationaldichter Martin Carter sollte nach Meinung von Rev. Gideon Cecil in den Schulen des Landes gelehrt werden. Für die junge Generation sei er vielleicht nichts als ein weiterer Name aus der Liste der nationalen Helden. Die Literatur sei wegen des schlechten Schulsystems vor langer Zeit gestorben.

1963 habe Carter gesagt: „In diesem Land Gedichte zu veröffentlichen ist, als würde man Bücher an Leichen verkaufen. Nur wenige lesen sie, und diesen fehlt es an Neugier oder Sensibilität, um sie zu verstehen.“

Martin Wylde Carter war der größte Dichter, den Guyana hervorgebracht hat, einer der größten Intellektuellen der Karibik. Zu vergleichen mit Derek Walcott, V S Naipaul, Wilson Harris, Ian McDonald, A J Seymour und Kamau Braithwaite. Seine Gedichte können mit Tagore, T S Eliot, Ezra Pound, W H Auden und W B Yeats verglichen werden. Seine politischen Gedichte formten den Protest gegen den britischen Kolonialismus und sprachen gegen Armut, Ungerechtigkeit und Entmenschlichung der Massen. / Stabroek News

Mandelstamjahr

Am 15.1.1916 feiert Rußland den 125. Geburtstag des Dichters Ossip Mandelstam. Die Feiern werden das ganze Jahr andauern, ja das Mandelstamjahr beginnt in diesem November mit dem traditionellen Festival in Woronesch, wo er mit seiner Frau Nadeshda lebte. Im Dezember eröffnet eine große Ausstellung im Staatlichen Literaturmuseum (25.12.-3.4.). Im Anschluß wird sie in seiner Geburtsstadt St. Petersburg gezeigt.

Das Festival trägt den Titel „Mandelstamstraße“*.

Bereits am 24.10. findet im Kinosaal des Kaufhauses GUM die Premiere eines Films von Roman Liberow statt, der Episoden aus dem tragischen Leben des Dichters zeigt. Der Film wird auch in Frankreich, Deutschland, Italien, Griechenland und Armenien gezeigt und natürlich in Rußland zwischen Petersburg und Wladiwostok. Auch erscheint eine Briefmarke mit dem Bild des 2008 in Woronesch eröffneten Mandelstamdenkmals. Zahlreiche Veranstaltungen wie Konferenzen, Wettbewerbe, Ausstellungen von Schüler- und Studentenarbeiten, Podiumsdiskussionen, ein Festival der Poesie, Führungen, Workshops, insgesamt mehr als 100 Veranstaltungen sind in Vorbereitung. / litcult.ru

*) Wie, mein Herr, heißt die Straße dort?
Ossip-Mandelstam-Straße.
Gottseibeiuns, was für ein Wort!
Es verdreht sich im Mund sofort:
Krumm klingt das, statt gerade.

Nie war an ihm eine Linie klar.
Wie er, Herr, nie eine Lilie war.
Darum heißt dort die Straße auch −
Besser: diese Kuhle im Schlamm −
Immer noch (Namen sind selten Rauch)
Nach ebendem Mandelstam.

Übersetzt von Rainer Kirsch

Todesfuge Chinesisch

Wie auf ein Stichwort rezitiert der chinesische Dissident und Flüchtling Liao Yiwu, Träger des Friedenspreises des deutschen Buchhandels, Paul Celans „Todesfuge“, eines der erschütterndsten Gedichte des 20. Jahrhunderts. Rudolf Müller liest das Original, ruhig und klagend, und was dann folgt, ist nicht weniger als ein Erdbeben. Auf Chinesisch wird daraus eine Wutrede, vom heiseren Flüstern bis zum Schrei. Lyriker Liao Yiwu zieht eine Verbindungslinie zum Massaker auf dem Pekinger Platz des Himmlischen Friedens in seiner einstigen Heimat. Auch in der fremden Sprache macht die „schwarze Milch“ von Celan atemlos. / Rheinische Post

Lyrik wäscht sich nicht

Das neue Heft der in Prenzlauer Berg herausgegebenen Zeitschrift „Abwärts!“ nimmt die lockere Scheck-Bemerkung* zum Anlass für einen Generalangriff auf diese Kultur und wählt dafür das Leitmotiv: „Lyrik wäscht sich nicht“. Freunde und Mitarbeiter der Zeitschrift waren gebeten worden, zu der Frage Stellung zu nehmen, wie hygienisch Dichter und Gedichte sein sollen.

Das beigefügte Postscriptum stammt von Bertolt Brecht: „Waschen verdirbt das Talent“. Es entspricht der umwegigen Herangehensweise der Zeitschrift, dass sie ihr Thema auch jetzt nicht mit gängigen Etiketten versieht und damit leichter schematisierbar macht. Und doch tritt die Art selbstbewusste Marginalität, mit der ein nicht westdeutsch sozialisiertes Milieu auf den gesamtdeutschen Mainstream blickt, da deutlicher akzentuiert hervor, als man es seit langem gewohnt ist.

„Krank bin ich und ungewaschen / Oft lieg ich besoffen im Eck / Nur Kupfer und Dreck in den Taschen / Mein Herz ist ein Hassversteck“: So beginnt ein Gedicht des 1950 in Stendal geborenen Autors und Regisseurs Jörg-Michael Koerbl und schlägt dabei von vornherein den anti-optimistischen, anti-coolen Ton an, der das ganze Heft prägt. (…)

Und der 1966 in Karl-Marx-Stadt geborene Lyriker Jan Kuhlbrodt schlägt vor, dem „neuen Biedermeier“, das er für die Literatur der Bundesrepublik konstatiert, ein neues Barock mit einem „unreinen Konzeptionalismus“ folgen zu lassen: „Wie wenn maneinen halbverrotteten Zweig vom Komposthaufen abhebt und des Gewimmels gewahr wird, das darunter neues Leben verheißt“.

All das ist für „Abwärts!“ höchst programmatisch. Personell und ideell behauptet die Zeitschrift mit dem kargen, auf billigem Papier gedruckten Anti-Design eine direkte Kontinuität zum Beginn der neunziger Jahre, als der Ost-Berliner Dichter Bert Papenfuß die Zeitschrift „Sklaven“ gründete (F.A.Z. vom 19. Februar 1997), die sich nach internen Streitigkeiten in die „Sklaven“ und den „Sklavenaufstand“ aufspaltete und ihr „Kommissariat“ in der gleichfalls von Papenfuß und anderen geführten Kneipe „Torpedokäfer“ hatte. Die Namen sowohl der Kneipe wie der Zeitschrift gehen auf den Dadaisten, Spartakisten und Lebenskünstler Franz Jung (1888 bis 1963) zurück, dessen „aktive Apathie“ (Fritz Mierau) sich die Redakteure zum Vorbild erkoren. Das Umfeld blieb, die Namen wechselten: Auf die „Sklaven“ folgte die Zeitschrift „Gegner“, aus dieser ging im März 2014 „Abwärts!“ hervor (…) In einem programmatischen Text heißt es: „Seit den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts glaubt sich die westliche Welt in der Offensive, aber (. . .) sie ist nur übriggeblieben und überfällig.“ In einem Wort: „Es geht abwärts“. / Mark Siemons, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 6.9.

*) Denis Scheck, anläßlich der Nominierung Jan Wagners für den Preis der Leipziger Buchmesse 2015: „Jan Wagner schreibt wunderbare Gedichte über so gegensätzliche Themen wie den Giersch im Garten oder Koalabären, außerdem besitzt er perfekte Umgangsformen und nutzt sein Dichtertum nicht als Ausrede für schlechtes Benehmen und mangelnde Körperhygiene. Was kann man von einem Lyriker mehr erwarten?“ (Quelle)

Von Sekretärinnen und Taxifahrern

Von Stan Lafleur

Alberto Arzús Gedichtband 10-14, diesen Mai erschienen bei Editorial X in Guatemala
Alberto Arzús Gedichtband 10-14, diesen Mai erschienen bei Editorial X in Guatemala

An einem von Starkregen bedrohten Nachmittag treffe ich im Parque Centroamérica im Herzen Quetzaltenangos, das bis zu 2400 Meter hoch auf den Sedimenten eines ehemaligen Bergsees liegt und nach seinem alten Mayanamen Xelajú meist Xela (sprich: Schela) genannt wird, auf Alberto Arzú, einen Dichter, der auf seiner Facebook-Seite (dort als Gato Azul, deutsch: Blaue Katze unterwegs) in hohem Takt von kulturellen und politischen Begebenheiten in Xela und ganz Guatemala berichtet sowie eine ausgiebige, durchnummerierte Serie mit lyrischen Aforismen betreibt. Alberto ist leicht auszumachen: mit seinen Rastalocken und der Kapitänsbinde, die er über einer mit Stickern benähten Weste trägt, fällt er in Xela optisch aus dem Rahmen. Noch bevor er mich ausgiebig durch die innerstädtischen Zonen führt, in denen er jeder Straße, beinahe jedem Haus eine Geschichte zuzuordnen weiß, drückt er mir zwei seiner Gedichtbände in die Hand.

Der erste, Taxi ¡Crush!, 2012 bei Chuleta de Cerdo Editorial erschienen, lotst die Leserschaft in ein anfahrendes Taxi, dessen namenloser Chauffeur über die Schulter von seinen Erlebnissen und Gedankengängen erzählt. Sämtliche Gedichte sind auf eine Buchseitenlänge geschnitten. In ihren Erzählweisen erinnern sie an Popsongs, die wiederum tatsächlich in vielen der Gedichte als Soundtrack aus dem ständig eingeschalteten Autoradio tönen: mal läuft nach vorne gehender Indie-Trashbeat (The Go-Go’s), dann wieder sehnsüchtige, melancholische Melodien (Feargal Sharkey, John Lennon) – vornehmlich Stücke aus den Achtzigerjahren. Im Popmusik-Kontext verweilend, ließe sich der Band als Konzeptalbum beschreiben: der Taxi fahrende Protagonist frißt Straßenkilometer wie flüchtige Begegnungen und durchlebt eine zunehmend emotionale Reise: von Anteilnahme und Verliebtheit über Frustration hin zu Todessehnsucht.

Auch wenn die Kulisse im Eingangsmotto als die „irgendeiner Stadt“ zu „irgendeiner Stunde“ vorgestellt wird, ergeben sich Hinweise auf Quetzaltenango, die Stadt Guatemalas, die der Dichter Arzú von allen am meisten schätzt. Die kulturellen Entfaltungsmöglichkeiten seien in Xela größer, der Zusammenhalt in der Szene besser als in der Hauptstadt. Seit 2003 findet regelmäßig ein großes internationales Poesiefestival statt. Hier betreibt er seinen Verlag Chuleta de Cerdo (Schweinekotelett), dessen Logo die kartografische Gestalt Guatemalas mit der eines Koteletts vereint. Der Verlag wurde aus der Cartonera-Idee geboren, seine Bände erinnern in ihrer Machart an die der Kölner Parasitenpresse.

Taxi ¡Crush! bewegt sich durch einen Alltag unterhalb des öffentlichen Interesses, voll kleiner, einfacher, kaum jemals hoffnungsfroher Geschichten mit verheulten Mädchen, gehetzten Männern, traurigen Büroangestellten, katastrofalen Heimniederlagen des lokalen Fußballteams, geheimnisvollen Rückbankschönheiten und dankbaren Unfällen am Wegesrand, die unerträgliche Monologe von Fahrgästen beenden helfen. Der Regen (der in Xela apokalyptische Ausmaße anzunehmen vermag) begleitet die Touren, die in ihrer täglichen Wiederholung die schönen Erinnerungen des Chauffeurs überkommen. Zunehmend empfindet er sich als Gefangener seiner Position, Desillusionierung und Daseinsekel brechen sich Bahn. Umschwirrt von gelben Taximolekülen endet der letzte Arbeitstag in einer Blutlache aus Traum und Wirklichkeit.

Die Zahlenfolge im Titel des zweiten Bandes, 10-14, weist auf eine typische Block-Hausnummer in Guatemala-Stadt – und bezeichnet hier ein fiktives Bürogebäude in deren gehobener Zona 14. Von Angestellten, Angehörigen der Mittelklasse, deren Arbeit auf die Anschaffung des neuen Volkswagens abzielt, auf gesellschaftlichen Aufstieg innerhalb eines materiell, am Wert bestimmter Markenprodukte bemessenen Codesystems, handeln die Gedichte des ersten Teils, die optisch aus Büroeinheiten bestehenden Hochhäusern gleichen. Selbst die Schmerzkiller nach Büroschluß („ein schönes kühles Budweiser“) tragen Markennamen.

Anders als der Taxifahrer aus Taxi ¡Crush!, der die Musik hinnimmt, die das Radio ihm anbietet, unterscheiden die Büroangestellten bei der Arbeitsplatzbeschallung zwischen gutem und schlechtem Geschmack, „Reggaeton-Scheiße“ und „Bands mit Klasse“. Arzú zeichnet den Büromenschen als Spielball seines Statusdenkens, seiner von ungenannten Vordenkern übernommenen Klassifikationen, die ihm erlauben, den eigenen Mittelklasse-Status als gehoben, zumindest als über minderwertigere Geschmäcker, Einstellungen, Berufe erhaben betrachten zu dürfen.

Gedichttitel wie „Sie haben einen Blocker für die sozialen Netzwerke in den Bürocomputern installiert“ halten, was sie versprechen: die Texte analysieren zeitgenössische Arbeitsbedingungen in Versen, es geht um Angestelltenrabatte, Arbeitsgeräusche und den Blick aus der siebten Etage über die Stadt. Wird Facebook abgeschaltet, taucht der Firmenpsychologe auf und hilft zweifelnden Mitarbeitern zu Liebenswürdigkeit und Effizienz zurückzufinden. Denn die meisten Angestellten lieben ihre Arbeit nicht gerade: ihnen ist bewußt, daß sie Geldmengen generieren, die maßgeblich von wenigen anderen abgeschöpft werden. Ein anderer Titel: „Die Wanduhren in diesen Büros sind riesig, damit sie uns an den Lauf der Zeit erinnern“ scheint direkt an Charlie Chaplins Modern Times bzw. Jacques Tatis Playtime anzuschließen.

Die von Hierarchiebewußtsein und Austauschbarkeit geprägten Verhältnisse der Angestellten dienen Arzú als Ausgangskonstellationen für kurze Erzählgedichte, in denen selten Wesentlicheres passiert, als daß eine geradezu unerträgliche Grundstimmung sich immer weiter aufbläht, eine Blase aus zigtausendfacher Realität in westlichen Modefarben, über der als ständige Bedrohung eine Insolvenz dräut, die immer nur die sogenannten Mitarbeiter um ihre aus unbezahlten Rechnungen bestehenden Lebensentwürfe fürchten läßt, während die Bosse in gänzlich anderen Sfären zu leben scheinen.

Auf die Erzählgedichte folgen im zweiten Teil kurze zwei- bis sechszeilige, aforistische Skizzen, die an abstrakte Kunstwerke auf den Fluren von Firmengebäuden erinnern und die im ersten Teil aufgebaute Stimmung eines seiner Lebendigkeit beraubten Lebens nochmals verdichten: „Im blauen Büro / der grauen Angestellten“, „Denn im Büro finden sich Angestellte / Und in den Angestellten findet sich nichts / Arbeit, Arbeit, Arbeitsroutine / Etwas findet sich“.

Alberto Arzús Gedichte werden getragen von verallgemeinerten soziologischen Betrachtungen und Sprechweisen des Pop. Sie transportieren die Hoffnungen der Jugend, des Verliebtseins, denen die Melancholie des Vergehens und Scheiterns bereits innewohnt. Die jungen Dichter Guatemalas räumen auf ihre Weise mit der Literatur des Landes  auf. Aus der Zeit des Bürgerkriegs (1960-1996), der das Volk bis in die Gegenwart traumatisiert hat, erklingen in Arzús Gedichten lediglich die Lieder von The Smiths, The Cure oder U2. Die auftretenden Gestalten scheinen ihrer Wurzeln beraubte, unter globalen Prämissen lebende Weltbürger, die in kurzen lyrischen Strichen mithilfe von New Wave-Songs und europäischen Traumautos vor einer unbestimmten Situation flüchten, in der sie zugleich alptraumhaft auf der Stelle treten. In Alberto Arzús Gedichten finden sich Schnittmengen zu meinen Beobachtungen des urbanen Guatemalas, wie es sich in der Hauptstadt und teilweise in Quetzaltenango abspielt. Trotz einigermaßen stabiler Wirtschaftslage ist allenthalben Desillusionierung spürbar; dafür sprechen die Gesichter der Menschen, die insbesondere in den Straßen der Hauptstadt von Plakaten und Graffiti mit den Konterfeis Verschwundener und Ermordeter gespiegelt wirken.

Alberto Arzús Blog

Open Letter to Poetry International

Dear Poetry International Rotterdam,

In your own words, the Poetry International Rotterdam festival brings together „the most noteworthy poetry of the groundbreaking great masters, alongside that of new and original poetic talents from around the world.“ It is clear, however, that your mission statement applies mostly to men.

In the ten festivals between 2006 and 2015, only 26% of the featured poets have been women, dropping as low as 16% at both the 2013 and 2014 editions.

Looking at the festival’s poets from the United States specifically, the exclusion is even more stark. In the last 10 years, only 1 woman has been featured from the US, and only 1 gender queer poet — the remaining 11 are all men. Only 2 of those 13 poets have been people of color. Considering the vibrant and expansive diversity of US poetry today, this exclusion exposes a bias towards a network of the „old boys“ — a network which has controlled the infrastructures of the literary community, worldwide, for far too long.

In her introduction to the 2012 anthology I’ll Drown My Book: Conceptual Writing By Women, Laynie Browne writes:

„This book began for me with the problem of the under-representation of women, particularly in key moments when movements begin to take shape and crystallize and are documented by gatherings, public events and anthologies. And while perhaps few would argue that women are not writing and publishing in [conceptual poetry], it is often at the stage of anthologizing that numbers start to shift so that women are not adequately represented.“

Like the anthology, the literary festival is a canonizing act. It is also a celebration of writers and one of the few instances when we receive direct payment for our work. The problem of underrepresentation is a problem that your programming leaves unquestioned. At the Poetry International festival each June, the representations of our world’s literatures are best manifested in white, mostly straight, men — that is where your programming choices lie, and that is where your festival money goes.

At best, the vast discrepancies in your program denote a sexist curation of the Poetry International festival; at worst, the sum total of a patriarchal, white supremacist, heteronormative culture. That Kenneth Goldsmith is featured at this year’s festival, then, sadly comes as no surprise. Goldsmith’s appearance at the Interrupt 3 conference at Brown University on March 14, 2015, wherein he „remixed“ the autopsy report of Michael Brown, cannot be ignored. Michael Brown was an 18-year-old black man shot and killed by police on August 9, 2014 in Ferguson, Missouri. Though Goldsmith claims that he did not intend to enact white-on-black violence, that is exactly what he did. Goldsmith is an exemplar of white male privilege and colonization, and is therefore perfectly aligned with the Poetry International festival’s oeuvre.

Poetry International is funded in large part, directly and indirectly, by the Dutch Ministry of Culture. Many of us at Versal are Dutch taxpayers, and Versal itself is a taxpaying entity in the Netherlands. We believe Poetry International’s funds should be directed towards a much wider, inclusive array of poets if you are to fulfill your aim „to present quality poetry from the Netherlands and worldwide to an international readership, encouraging poetry translation, stimulating the international exchange of knowledge about poetry, and facilitating an international community of poetry readers.“ While we recognize that there are limited financial resources in the arena of poetry, the Poetry International festival’s continued support of those who are already and historically well-funded only serves to perpetuate our community’s significant inequalities — and it brings the exclusions and biases of the festival’s programming in sharp light.

We call on Poetry International Rotterdam to redistribute your public funds to the full array of poets engaged in our art, in line with the Dutch Cultural Policy Act’s stated intention for cultural diversity. In addition, we call on you to rectify your festival programming which excludes women, people of color, and the LGBT community in large and unconscionable measure.

To personify our concerns, we will not be attending this year’s festival, and we invite others to join us in this protest.

We hope that this open letter serves as the beginning of a much-needed public conversation. We will count again ahead of next year’s festival, and we sincerely hope to see considerable — not just token — improvement.

Regards,
Versal

Click here for the Dutch version.

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Therapie im Donbass

Der ukrainische Autor Serhij Zhadan im Interview mit „Der Standard„:

Es scheint, dass die Kultur in Zeiten des Krieges auf „Sparflamme“ gehen muss, da allen nicht sonderlich nach Kultur ist. Aber tatsächlich ist es den Menschen in jedweder Situation und unter jedweden schwierigen Bedingungen und Problemen wichtig zusammenzuhalten – nicht des Hasses, der Bosheit oder der Panik wegen, sondern wegen der Dinge, die ihre früheren friedlichen Leben untereinander verbinden, wegen der Dinge, die sie geformt haben; wegen der Literatur, der Musik oder wegen der Filme, die wichtig für sie waren. Deswegen ist es heute wichtig, sich daran zu erinnern, dass das Leben durch die Ereignisse im Kriegsgebiet und durch irgendwelche Verlautbarungen von Politikern nicht begrenzt wird und dass es im Leben weiter Gedichte und Theater geben wird. Das klingt vielleicht banal, aber es ist wahr. Deswegen ist es wichtig, dass ich meine Lesungen mache und Konzerte spiele. Für viele ist das Therapie. Wir fahren auch in die kleinen Städte im Donbass. Dort fährt normalerweise niemand hin – keine Dichter, keine Musiker. Für uns ist das wichtig, denn diese Reisen sind auch für uns eine Therapie. Das Land sucht sich und versucht, wieder mit sich klarzukommen.

Gestorben

Der aus Feldbach gebürtige, in Graz ansässige Autor Helmut Schranz ist am vergangenen Wochenende 52-jährig an den Folgen einer Krebserkrankung gestorben. Der anarchische Feuerkopf gehörte dem Herausgebergremium der Zeitschrift perspektive an. In diesem Organ werden Formen poetischer Widersetzlichkeit erprobt und vergnüglich in Szene gesetzt. Schranzens letzte Einzelveröffentlichung war BIRNALL. suada. lyrik vulgo prosa, die heuer im April im Ritter-Verlag (Klagenfurt/Graz) erschienen ist. / poh,  Der Standard 7.9.

In L&Poe

Minimalgedichte

Tanikawa Shuntarō hat Zeit seines Dichterlebens mit Formen experimentiert. Es gibt lyrische Gedichte, analytische Prosagedichte, Episches und auch Laut-Poesie. Die Gedichte in diesem Band sind „Minimal“: Jedes Gedicht hat sei es vier, sei es fünf „Strophen“, die aus je drei Kurz-Zeilen bestehen. Die Stimmung ähnelt der des Haiku. Doch Haikus hat Tanikawa Shuntarō nie geschrieben; mit dieser höchstminimalen Form sei er nicht klar gekommen, erzählt er im Nachwort des Bandes. Wie beim Haiku besteht die Kunst der „Minimal“-Verdichtung darin, dass die aus dem Weiß des Blattes  auftauchenden, dem Schweigen abgerungenen Schriftzeichen und Worte in ihrer Reduktion eine umso kraftvollere Präsenz besitzen.

Der Band entstand in einer Zeit poetischer Verunsicherung. „Ich empfand ein tiefes Unbehagen, weil mir das Dichten allzu leicht von der Hand ging und ich die Wirklichkeit allmählich nur noch aus dem Blickwinkel der Dichtung zu betrachten vermochte.“ / Marie Luise Knott, Perlentaucher

  • Tanikawa Shuntarô, „Minimal“, Verlag Secession, Berlin, 2015, 42 Euro.
  • Zuletzt erschien von Tanikawa Shuntarô und Jürg Halter das Kettengedicht „Sprechendes Wasser“, Verlag Secession, Berlin, 2012 , 29 Euro
  • Tanikawa Shuntaro, „Fels der Engel“, Gedichte zu Zeichnungen von Paul Klee, Waldgut Verlag, Frauenfeld CH, 2008,  22 Sfr.

Syria Jihadi Poetry in Russian

When North Caucasus militants began to arrive in Syria in 2012, they brought with them a surprising cultural tradition: jihadi poetry.

Via websites and social media, Russian-speaking militants share new poems about Syria, as well as older „classics“ about the insurgency in the North Caucasus.

Poetry may sound like an odd pastime for Islamist militants.

But in many cases the poems are a unique vehicle for their authors to express emotions and opinions — like grief, sadness, and frustration — that are otherwise taboo within the rigid ideology of Islamic State (IS) and other militant groups in Syria.

The poems also help shape world views. While the older works focus on the domestic insurgency against Russian forces in the North Caucasus, the newer Syria poems situate their readers within the wider world of perceived global jihad.

Poems written by women — mostly the wives or widows of militants — usually share personal experiences and emotions about having one’s husband join a militant group, and about how to cope when he is killed.

(…)

[Akhmad] Daghestansky, the nom de guerre (and nom de plume) of a Caucasus Emirate militant in prison in Russia,  (…) also wrote a two-part poem praising Al-Qaeda leader Osama bin Laden (who was himself a poet) but says he is content to have „lived in the epoch of the Warrior Osama“ even if he is physically in Russia. / Joanna Paraszczuk, Radio Free Europe