Walter Höllerer hatte mich von der Gruppe 47 zum Literarischen Colloquium gelotst, und zusammen mit Delius studierte ich an der Freien Universität. Doch statt Gotisch und Althochdeutsch zu pauken, schrieben wir Gedichte, zu denen jeder von uns eine Zeile beisteuerte – auch Klaus Stiller war mit von der Partie. „Wirf das Besteck aus dem Fenster“, lautete eine der Vorgaben, mit der Schlusszeile: „Nie waren Duelle beredt“. In der bei Delius gedruckten Fassung heißt das Gedicht „Mahlzeit“ und beginnt mit dem Aufruf: „Wirf das Besteck aus der Hand“, endend mit dem Vers „Niemals war Verzicht beredt“. Vielleicht erklärt das, warum der Autor mir als Widmung „Lass das Besteck in der Hand!“ in sein Erstlingswerk schrieb. In spätere Bücher baute Delius Zitate von Nicolas Born ein – poetisches Pingpong, das Born mit Schmetterbällen beantwortete. Ein Dichter zog vor dem andern den Hut, und das Ganze war keineswegs neu – man denke nur an Brechts „Laxheit in Fragen geistigen Eigentums“. / Hans Christoph Buch, FAZ (Frankfurter Anthologie)
F. C. Delius: „Kerbholz“. Gedichte. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 1983. 144 S., br., 3,50 €..
C. K. Williams, whose morally impassioned poems addressing war, poverty and climate change, as well as the imponderable mysteries of the psyche, won him a Pulitzer Prize and a National Book Award, died on Sunday at his home in Hopewell. N.J. He was 78. (…)
“For a long time I had been writing poetry that leaves everything out,” he told The New York Times in 2000. “It’s like a code. You say very little and send it out to people who know how to decode it. But I then realized that by writing longer lines and longer poems I could actually write the way I thought and the way I felt. I wanted to enter areas given over to prose writers, I wanted to talk about things the way a journalist can talk about things, but in poetry, not prose.”
Mr. Williams, in this new phase, tackled themes of social injustice, the complexities of lust and love, and the intricate workings of the mind as it perceives and processes — “how we take the world to us, and make it more, more than we are, more even than itself,” as he put it in “The World.” / Marlise Simons and Daniel E. Slotnik, New York Times
Auch die Literaturwissenschaftlerin Silke Behl, Moderatorin der ersten „Poetry Night“, bemühte sich, Literatur und Weltpolitik in Verbindung zu bringen. Die britische Lyrikerin Ruth Padel hatte eine „special selection of poems about refugees and migration“ zusammengestellt. Eine Steilvorlage, die die Moderatorin denn auch begeistert aufgriff: „Man merkt, wie die Welt in Bedrängnis ist – auch in den Texten unserer Autoren.“
Die Gedichte des auch an der Poetry Night beteiligten Haris Vlavianos bezeichnete Behl als „einen Rettungsanker für die Metaphysik und damit auch für uns alle“; später fiel ihr dann auf, dass diese Einschätzung angesichts der Ironie und der Selbstreferentialität der Gedichte des griechischen Lyrikers, vorsichtig gesagt, seltsam wirken musste.
Literarische Texte sind eben noch immer Sprachkunstwerke und keine Nachrichtensendungen in Gedicht- oder Prosaform. Erst eine solche Tagesschau-Literatur würde allerdings ermöglichen, was der Literaturbetrieb sich erträumt: Die Anteilnahme am Leid anderer Menschen und die Erschütterung über eine „in Bedrängis“ geratene Welt endlich mit ebenso gediegener wie folgenloser Unterhaltung verbinden zu können. Mit „engagierter Literatur“ hat das nichts zu tun. /
Der Krieg, er ist aufregender als Lyrik, denke ich, erschrecke kurz vor dem Gedanken und warte angespannt-gespannt auf das erste Gespräch. Die ukrainischen Dichter Jurij Izdryk, Serhij Zhadan und Juri Andruchowytsch sprechen mit der russischen Poetin Elena Fanajlowa. Zwischen einigen Klischees („Der Krieg ist mit allem verbunden“, „Kultur ist machtlos“) kommt es zu einem kleinen Fast-Streit. Mein Kugelschreiber macht aufgeregt Notizen, während die Russin ihre Lippen provokant verzieht und sagt, dass sie es interessanter fände, wenn hier an ihrer Stelle ein richtig böser Russe sitzen würde, wie Zakhar Prilepin, Nationalist, Novellist und Ziehsohn Eduard Limonows. Nein, ein Gespräch zwischen Opfer und Aggressor wäre unmoralisch, sagt Zhadan. Die Ukraine müsse aufhören, sich als ein Opfer zu betrachten, der Krieg herrsche im Osten von Europa, schmettern Zhadan die provokanten Lippen von Fanajlowa entgegen.
(…)
Auf einmal macht mein Stift kritikermäßige Notizen, Notizen über Lyrik. Zum Beispiel über die Gedichte der jungen Ukrainerin Alina Dowschenko, sie schreibt nicht affektiert, nicht mädchenmäßig über einen Mann, der sie, ein Mädchen, liest und liebt. / Anna Prizkau über das Lyrikfestival „Meridian Czernowitz“, FAS 13.9.
Gayatri Chakravorty Spivak ist eine freundliche und ehrliche Frau. Als sie am Donnerstagabend ihren Vortrag über bengalische Lyrik begann, gratulierte sie den Deutschen für die offenen Arme, mit denen sie gerade Flüchtlinge empfangen würden. Und fügte hinzu, dass man die Geschichte des Konflikts nicht vergessen dürfe. Schließlich sei Europa nicht unbeteiligt an den in der Kolonialzeit angelegten Krisen im Nahen Osten.
Es gab also kein gerührtes Schulterklopfen über unsere tolle neue Willkommenskultur, sondern vielmehr eine klare Aufforderung zur Reflektion. Alles andere hätte auch überrascht bei einer, die nicht zufällig zu einer der Gründungsfiguren der Postkolonialen Theorie wurde. Als sie 1942 geboren wurde, herrschten die Briten noch in ihrem Heimatland Indien.
„Ich kann mich an die Zeit erinnern“, erzählte die inzwischen 73-Jährige, die sich zwischen Dekonstruktion, Marxismus und Feminismus bewegt. Nicht nur ihre Fans halten sie für eine der wichtigsten Denkerinnen unserer Zeit. / Sabine Rohlf, BLZ
wie spät sind wir? die Weltzeituhr ist stehen geblieben – wer zieht sie wieder auf?
Hansjürgen Bulkowski
Der Düsseldorfer Rapper Blumio beschäftigt sich seit gut zwei Jahren auch professionell mit den weltweiten politischen Entwicklungen in einem Wochenrückblick auf yahoo.de. Dort kommentiert er die wichtigsten Ereignisse der vergangenen Woche in Reimen und Versen, in Rap-Form.
„Guten Tag Deutschland, guten Tag Yahoo.
Mein Name ist Blumio, und das ist mein gerappter Wochenrückblick:
Wer die Wahrheit nicht verträgt, der muss mit der Lüge leben
Wer die Wahrheit nicht versteht, der muss einfach drüber reden
Ich werd Euch ab jetzt berichten, was in der Woche so abgeht
Fakten über Fakten, lasst Euch überraschen …“
(…)
Bis heute kennen viele Menschen in Guatemala seine Gedichte auswendig: Otto René Castillo, geboren 1934 und gestorben 1967 in Guatemala.
„Eines Tages
Werden die apolitischen
Intellektuellen
Meines Landes
Von den Einfachsten
Unseres Volkes
Verhört werden.
Man wird sie fragen
Was sie taten
Als ihr Land
Langsam dahinsiechte
Wie ein kleines, nettes,
Verlassenes Lagerfeuer“
Nach dem Sturz der demokratisch gewählten Regierung Arbenz ging Castillo 1954 ins Exil nach El Salvador. 1966 kehrte er illegal nach Guatemala zurück und schloss sich der Guerilla an. 1967 wurde er festgenommen, gefoltert und bei lebendigem Leibe verbrannt.
Was vermag Poesie, was sich im nüchternen Stil der journalistischen Berichterstattung nicht beschreiben lässt? Und wo liegen die Grenzen des Sagbaren in der Lyrik? Eine Sendung über das vielfältige Verhältnis von Poesie und Journalismus. / Almut Schnerring und Sascha Verlan, DLR
Vollständiges Manuskript zur Sendung als PDF-Dokument oder im barrierefreien Textformat
Auf den ersten Blick, aber nicht auf den zweiten, kommen die Verswerke von Katharina Schultens sachlich, kühl und rational daher, wie im zuletzt erschienenen Band „gorgos portfolio“. Ein programmatischer und daher bedenkenswerter Titel, da er eine Figur aus der griechischen Mythologie, den Gorgo (Plural: Die Gorgonen) mit einem neuzeitlich oft benutzten Begriff zusammenbringt. Nimmt man den zentralen Satz aus der Begründung der Jury heraus, die diesen Preis* zuspricht, bekommt hat man eine Idee davon, worum es bei diesem Werk geht. „Katharina Schultens gelingt es mit federleichter Selbstverständlichkeit, das naturwissenschaftlich-technische Hintergrundrauschen unserer Gesellschaft ebenso wie die mythologisierenden Begrifflichkeiten der globalen Finanzwelt zum Material ihrer oft hymnischen Gedichte zu machen.“ Starker individueller Klang, feiner Umgang mit Sprache, oberflächenhandlich und substantiell in der Tiefe. Lesenswert.
/ Matthias Ehlers, WDR5
*) Katharina Schultens erhält am 27.9. den Spycher: Literaturpreis Leuk 2015. Mehr
Dennoch treibt das Unwahrscheinliche als klitzekleine Uferwelle flussaufwärts der Quelle zu.
Jeden Donnerstag punkt 11 Uhr veröffentlicht L&Poe ein ungedrucktes Monostichon des Schweizer Dichters Felix Philipp Ingold. Mehr
«Du muesch es Gedicht drüber schriibe!», het er gseit. «Es Gedicht? Wie chunnsch uf das?» – «Mou, du bisch doch e Dichter. Was e Dichter seit, wird zur Kenntnis gnoh. Muesch es Gedicht drüber schriibe, dass d Öffetlechkeit erfahrt, was do passiert.» / Pedro Lenz, Schweizer Illustrierte
Some of the best poets in the nation will gather in Victoria from Oct. 13 to 18 for Canadian Festival of Spoken Word.
The festival will feature performances from Canada’s top spoken word poets and a poetry slam tournament, with 22 teams from across the country competing to be national poetry slam champions. / Victorianews
Wir möchten uns ganz herzlich für die Vielzahl hochwertiger Einreichungen und das Vertrauen bedanken.
Das Finale findet am 24. Oktober 2015 um 19 Uhr
im Vortragssaal der Bibliothek im Gasteig statt.
Die Juroren sind dann:
Andreas Heidtmann (Verleger Poetenladen, Leipzig),
Andrea Heuser (Lyrikerin, Dozentin, München),
Wolfram Malte Fues (Germanist, Lyriker, Zürich),
Hendrik Jackson (Lyriker, Hg. lyrikkritik, Berlin)
Àxel Sanjosé (Lyriker, Dozent an der LMU, München)
Daniela Seel (Lyrikerin, Verlegerin kookbooks, Berlin)
Dieser Schrank wird jetzt einen Spalt geöffnet. Endlers immer wieder neu aufflammendes Gelächter, das als Ohrwurm nachklingt, ertönt wieder. Der titelprägende Aufmarsch heißt „Wachkompanie“: „Kiwitt kiwitt / Paradeschritt / Wie spritzt der Split / Kiwitt kiwitt / Parade ei / Paradeschritt / Kuckuck / Kuckuck / Rufts aus dem Wald // kiwittkiwitt / paradeschritt / kuckuckkuckuck / rufts ausm wald / ruckediguh / blut ist im schuh“. Das klingt wie Jazz.
Brigitte Schreier-Endler hat aus dem Nachlass Gedichte und „Capriccios“ zusammengestellt, die ihr Mann in einem Konvolut, betitelt „Aus der Mappe ,Quatsch‘“, abgelegt hatte. Vollendetes, Halbfertiges, Fragmente.
(…) Er verströmte Blitzeinfälle und hatte wahnsinnigen Spaß an seinen Erfindungen und Bezüglichkeiten, an seinen Moment-Gewittern widersprüchlicher Anmutungen und Empfindungen. Klingelstreiche und Knallfrösche darunter. Ein „Mord in Crimmitschau“, Wolf Biermann gewidmet, voller Halbtöne: „Im Schülerinnentornister / der kleidsam zerstückelte Ohm. / Ei, was für ’ne Existenz z’guterletzt! / – Dafür sind wir im Herbst 89 / auf die Straße gegangen, Marie?“ (…) Gespottet wird auch jeder Zuordnung. „Meine Generation bestand im Januar 63 aus circa sieben bis dreizehn relativ ungewöhnlichen Gestalten / tollen Personen. (Ich erinnere an die ,Sächsische Dichterschule‘ and so on. / und all diesen Summs / Quatsch.) Im Herbst 99 stehe ich absolut einzig da / also allein / Falten Plums, Bumms.“
(…) Schonungslose, auflodernde Verse, sie suchen, versteckt oder offen, immer einen letzten Sinn: „Einmal noch im Leben einen ungebrochenen Punkt setzen zu dürfen…“ / Jürgen Verdofsky, Frankfurter Rundschau
Adolf Endler: Kiwitt, kiwitt. Gedichte und Capriccios. Wallstein Verlag, Göttingen 2015. 72 Seiten, 18,90 Euro.
In einem Leserbrief an die Financial Times schreibt Nell Wilson, der Artikel von Gregg H Mosson über große Dichter habe sie enttäuscht, weil keine Frau dabei war. Zumindest Sylvia Plath hätte doch dabeisein müssen. „Ihre Lyrik ist genau so technisch kompetent und emotional stark wie WB Yeats, TS Eliot oder Wallace Stevens.“ Vokabular und Geisteskraft könnten mit jedem männlichen Genius mithalten, ihre Beschreibungen des Landlebens seien so schön wie die von Robert Frost oder Seamus Heaney.
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