Vonne Endlichkait

Rücksicht nehmen muss ein Mensch in diesem Alter nicht mehr; erst recht nicht ein Künstler. Von den Alterswerken der Maler ist bekannt, dass sie sich oft durch einen freieren, kühneren Strich auszeichnen. Auch Grass’ letzte Gedichte atmen den Geist der poetischen Freiheit: Haiku-artige Vierzeiler wechseln sich mit mehrseitigen Elegien ab, prosaische Texte mit mehrstrophigen Gedichten. Dazu die Zeichnungen: formatfüllend über eine Doppelseite oder als Vignetten zu den Texten, feingestrichelt und flächig schraffiert, ausgeführt und grob skizziert – Vanitasmotive vor allem: Tierskelette, Stillleben, fliegende Federn, welke Blätter, krumme Nägel – und, tatsächlich, das Gebiss des lyrischen Ich neben einem Elchschädel.

(…) Abschied vom verehrten Vorbild Rabelais („mir fehlts an Kraft, mit grobem Keil / den groben Klotz zu spalten“), Abschied – im vielleicht grandiosesten Gedicht des Bandes – „vom Fleisch“: Da bricht sie noch einmal mit aller Macht auf, die Sinnlichkeit des Grass’schen Schreibens: „atmendes Fleisch, das ich besinge, seit Adam besinge“. Eine solche künstlerische Kraft hätte man Günter Grass nicht mehr zugetraut. Was für ein Vermächtnis! / Bettina Schulte, Badische Zeitung

Günter Grass: Vonne Endlichkait. Steidl Verlag, Göttingen 2015. 184 Seiten, 28 Euro.

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