Todesfuge Chinesisch

Wie auf ein Stichwort rezitiert der chinesische Dissident und Flüchtling Liao Yiwu, Träger des Friedenspreises des deutschen Buchhandels, Paul Celans „Todesfuge“, eines der erschütterndsten Gedichte des 20. Jahrhunderts. Rudolf Müller liest das Original, ruhig und klagend, und was dann folgt, ist nicht weniger als ein Erdbeben. Auf Chinesisch wird daraus eine Wutrede, vom heiseren Flüstern bis zum Schrei. Lyriker Liao Yiwu zieht eine Verbindungslinie zum Massaker auf dem Pekinger Platz des Himmlischen Friedens in seiner einstigen Heimat. Auch in der fremden Sprache macht die „schwarze Milch“ von Celan atemlos. / Rheinische Post

Lyrik wäscht sich nicht

Das neue Heft der in Prenzlauer Berg herausgegebenen Zeitschrift „Abwärts!“ nimmt die lockere Scheck-Bemerkung* zum Anlass für einen Generalangriff auf diese Kultur und wählt dafür das Leitmotiv: „Lyrik wäscht sich nicht“. Freunde und Mitarbeiter der Zeitschrift waren gebeten worden, zu der Frage Stellung zu nehmen, wie hygienisch Dichter und Gedichte sein sollen.

Das beigefügte Postscriptum stammt von Bertolt Brecht: „Waschen verdirbt das Talent“. Es entspricht der umwegigen Herangehensweise der Zeitschrift, dass sie ihr Thema auch jetzt nicht mit gängigen Etiketten versieht und damit leichter schematisierbar macht. Und doch tritt die Art selbstbewusste Marginalität, mit der ein nicht westdeutsch sozialisiertes Milieu auf den gesamtdeutschen Mainstream blickt, da deutlicher akzentuiert hervor, als man es seit langem gewohnt ist.

„Krank bin ich und ungewaschen / Oft lieg ich besoffen im Eck / Nur Kupfer und Dreck in den Taschen / Mein Herz ist ein Hassversteck“: So beginnt ein Gedicht des 1950 in Stendal geborenen Autors und Regisseurs Jörg-Michael Koerbl und schlägt dabei von vornherein den anti-optimistischen, anti-coolen Ton an, der das ganze Heft prägt. (…)

Und der 1966 in Karl-Marx-Stadt geborene Lyriker Jan Kuhlbrodt schlägt vor, dem „neuen Biedermeier“, das er für die Literatur der Bundesrepublik konstatiert, ein neues Barock mit einem „unreinen Konzeptionalismus“ folgen zu lassen: „Wie wenn maneinen halbverrotteten Zweig vom Komposthaufen abhebt und des Gewimmels gewahr wird, das darunter neues Leben verheißt“.

All das ist für „Abwärts!“ höchst programmatisch. Personell und ideell behauptet die Zeitschrift mit dem kargen, auf billigem Papier gedruckten Anti-Design eine direkte Kontinuität zum Beginn der neunziger Jahre, als der Ost-Berliner Dichter Bert Papenfuß die Zeitschrift „Sklaven“ gründete (F.A.Z. vom 19. Februar 1997), die sich nach internen Streitigkeiten in die „Sklaven“ und den „Sklavenaufstand“ aufspaltete und ihr „Kommissariat“ in der gleichfalls von Papenfuß und anderen geführten Kneipe „Torpedokäfer“ hatte. Die Namen sowohl der Kneipe wie der Zeitschrift gehen auf den Dadaisten, Spartakisten und Lebenskünstler Franz Jung (1888 bis 1963) zurück, dessen „aktive Apathie“ (Fritz Mierau) sich die Redakteure zum Vorbild erkoren. Das Umfeld blieb, die Namen wechselten: Auf die „Sklaven“ folgte die Zeitschrift „Gegner“, aus dieser ging im März 2014 „Abwärts!“ hervor (…) In einem programmatischen Text heißt es: „Seit den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts glaubt sich die westliche Welt in der Offensive, aber (. . .) sie ist nur übriggeblieben und überfällig.“ In einem Wort: „Es geht abwärts“. / Mark Siemons, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 6.9.

*) Denis Scheck, anläßlich der Nominierung Jan Wagners für den Preis der Leipziger Buchmesse 2015: „Jan Wagner schreibt wunderbare Gedichte über so gegensätzliche Themen wie den Giersch im Garten oder Koalabären, außerdem besitzt er perfekte Umgangsformen und nutzt sein Dichtertum nicht als Ausrede für schlechtes Benehmen und mangelnde Körperhygiene. Was kann man von einem Lyriker mehr erwarten?“ (Quelle)

Von Sekretärinnen und Taxifahrern

Von Stan Lafleur

Alberto Arzús Gedichtband 10-14, diesen Mai erschienen bei Editorial X in Guatemala
Alberto Arzús Gedichtband 10-14, diesen Mai erschienen bei Editorial X in Guatemala

An einem von Starkregen bedrohten Nachmittag treffe ich im Parque Centroamérica im Herzen Quetzaltenangos, das bis zu 2400 Meter hoch auf den Sedimenten eines ehemaligen Bergsees liegt und nach seinem alten Mayanamen Xelajú meist Xela (sprich: Schela) genannt wird, auf Alberto Arzú, einen Dichter, der auf seiner Facebook-Seite (dort als Gato Azul, deutsch: Blaue Katze unterwegs) in hohem Takt von kulturellen und politischen Begebenheiten in Xela und ganz Guatemala berichtet sowie eine ausgiebige, durchnummerierte Serie mit lyrischen Aforismen betreibt. Alberto ist leicht auszumachen: mit seinen Rastalocken und der Kapitänsbinde, die er über einer mit Stickern benähten Weste trägt, fällt er in Xela optisch aus dem Rahmen. Noch bevor er mich ausgiebig durch die innerstädtischen Zonen führt, in denen er jeder Straße, beinahe jedem Haus eine Geschichte zuzuordnen weiß, drückt er mir zwei seiner Gedichtbände in die Hand.

Der erste, Taxi ¡Crush!, 2012 bei Chuleta de Cerdo Editorial erschienen, lotst die Leserschaft in ein anfahrendes Taxi, dessen namenloser Chauffeur über die Schulter von seinen Erlebnissen und Gedankengängen erzählt. Sämtliche Gedichte sind auf eine Buchseitenlänge geschnitten. In ihren Erzählweisen erinnern sie an Popsongs, die wiederum tatsächlich in vielen der Gedichte als Soundtrack aus dem ständig eingeschalteten Autoradio tönen: mal läuft nach vorne gehender Indie-Trashbeat (The Go-Go’s), dann wieder sehnsüchtige, melancholische Melodien (Feargal Sharkey, John Lennon) – vornehmlich Stücke aus den Achtzigerjahren. Im Popmusik-Kontext verweilend, ließe sich der Band als Konzeptalbum beschreiben: der Taxi fahrende Protagonist frißt Straßenkilometer wie flüchtige Begegnungen und durchlebt eine zunehmend emotionale Reise: von Anteilnahme und Verliebtheit über Frustration hin zu Todessehnsucht.

Auch wenn die Kulisse im Eingangsmotto als die „irgendeiner Stadt“ zu „irgendeiner Stunde“ vorgestellt wird, ergeben sich Hinweise auf Quetzaltenango, die Stadt Guatemalas, die der Dichter Arzú von allen am meisten schätzt. Die kulturellen Entfaltungsmöglichkeiten seien in Xela größer, der Zusammenhalt in der Szene besser als in der Hauptstadt. Seit 2003 findet regelmäßig ein großes internationales Poesiefestival statt. Hier betreibt er seinen Verlag Chuleta de Cerdo (Schweinekotelett), dessen Logo die kartografische Gestalt Guatemalas mit der eines Koteletts vereint. Der Verlag wurde aus der Cartonera-Idee geboren, seine Bände erinnern in ihrer Machart an die der Kölner Parasitenpresse.

Taxi ¡Crush! bewegt sich durch einen Alltag unterhalb des öffentlichen Interesses, voll kleiner, einfacher, kaum jemals hoffnungsfroher Geschichten mit verheulten Mädchen, gehetzten Männern, traurigen Büroangestellten, katastrofalen Heimniederlagen des lokalen Fußballteams, geheimnisvollen Rückbankschönheiten und dankbaren Unfällen am Wegesrand, die unerträgliche Monologe von Fahrgästen beenden helfen. Der Regen (der in Xela apokalyptische Ausmaße anzunehmen vermag) begleitet die Touren, die in ihrer täglichen Wiederholung die schönen Erinnerungen des Chauffeurs überkommen. Zunehmend empfindet er sich als Gefangener seiner Position, Desillusionierung und Daseinsekel brechen sich Bahn. Umschwirrt von gelben Taximolekülen endet der letzte Arbeitstag in einer Blutlache aus Traum und Wirklichkeit.

Die Zahlenfolge im Titel des zweiten Bandes, 10-14, weist auf eine typische Block-Hausnummer in Guatemala-Stadt – und bezeichnet hier ein fiktives Bürogebäude in deren gehobener Zona 14. Von Angestellten, Angehörigen der Mittelklasse, deren Arbeit auf die Anschaffung des neuen Volkswagens abzielt, auf gesellschaftlichen Aufstieg innerhalb eines materiell, am Wert bestimmter Markenprodukte bemessenen Codesystems, handeln die Gedichte des ersten Teils, die optisch aus Büroeinheiten bestehenden Hochhäusern gleichen. Selbst die Schmerzkiller nach Büroschluß („ein schönes kühles Budweiser“) tragen Markennamen.

Anders als der Taxifahrer aus Taxi ¡Crush!, der die Musik hinnimmt, die das Radio ihm anbietet, unterscheiden die Büroangestellten bei der Arbeitsplatzbeschallung zwischen gutem und schlechtem Geschmack, „Reggaeton-Scheiße“ und „Bands mit Klasse“. Arzú zeichnet den Büromenschen als Spielball seines Statusdenkens, seiner von ungenannten Vordenkern übernommenen Klassifikationen, die ihm erlauben, den eigenen Mittelklasse-Status als gehoben, zumindest als über minderwertigere Geschmäcker, Einstellungen, Berufe erhaben betrachten zu dürfen.

Gedichttitel wie „Sie haben einen Blocker für die sozialen Netzwerke in den Bürocomputern installiert“ halten, was sie versprechen: die Texte analysieren zeitgenössische Arbeitsbedingungen in Versen, es geht um Angestelltenrabatte, Arbeitsgeräusche und den Blick aus der siebten Etage über die Stadt. Wird Facebook abgeschaltet, taucht der Firmenpsychologe auf und hilft zweifelnden Mitarbeitern zu Liebenswürdigkeit und Effizienz zurückzufinden. Denn die meisten Angestellten lieben ihre Arbeit nicht gerade: ihnen ist bewußt, daß sie Geldmengen generieren, die maßgeblich von wenigen anderen abgeschöpft werden. Ein anderer Titel: „Die Wanduhren in diesen Büros sind riesig, damit sie uns an den Lauf der Zeit erinnern“ scheint direkt an Charlie Chaplins Modern Times bzw. Jacques Tatis Playtime anzuschließen.

Die von Hierarchiebewußtsein und Austauschbarkeit geprägten Verhältnisse der Angestellten dienen Arzú als Ausgangskonstellationen für kurze Erzählgedichte, in denen selten Wesentlicheres passiert, als daß eine geradezu unerträgliche Grundstimmung sich immer weiter aufbläht, eine Blase aus zigtausendfacher Realität in westlichen Modefarben, über der als ständige Bedrohung eine Insolvenz dräut, die immer nur die sogenannten Mitarbeiter um ihre aus unbezahlten Rechnungen bestehenden Lebensentwürfe fürchten läßt, während die Bosse in gänzlich anderen Sfären zu leben scheinen.

Auf die Erzählgedichte folgen im zweiten Teil kurze zwei- bis sechszeilige, aforistische Skizzen, die an abstrakte Kunstwerke auf den Fluren von Firmengebäuden erinnern und die im ersten Teil aufgebaute Stimmung eines seiner Lebendigkeit beraubten Lebens nochmals verdichten: „Im blauen Büro / der grauen Angestellten“, „Denn im Büro finden sich Angestellte / Und in den Angestellten findet sich nichts / Arbeit, Arbeit, Arbeitsroutine / Etwas findet sich“.

Alberto Arzús Gedichte werden getragen von verallgemeinerten soziologischen Betrachtungen und Sprechweisen des Pop. Sie transportieren die Hoffnungen der Jugend, des Verliebtseins, denen die Melancholie des Vergehens und Scheiterns bereits innewohnt. Die jungen Dichter Guatemalas räumen auf ihre Weise mit der Literatur des Landes  auf. Aus der Zeit des Bürgerkriegs (1960-1996), der das Volk bis in die Gegenwart traumatisiert hat, erklingen in Arzús Gedichten lediglich die Lieder von The Smiths, The Cure oder U2. Die auftretenden Gestalten scheinen ihrer Wurzeln beraubte, unter globalen Prämissen lebende Weltbürger, die in kurzen lyrischen Strichen mithilfe von New Wave-Songs und europäischen Traumautos vor einer unbestimmten Situation flüchten, in der sie zugleich alptraumhaft auf der Stelle treten. In Alberto Arzús Gedichten finden sich Schnittmengen zu meinen Beobachtungen des urbanen Guatemalas, wie es sich in der Hauptstadt und teilweise in Quetzaltenango abspielt. Trotz einigermaßen stabiler Wirtschaftslage ist allenthalben Desillusionierung spürbar; dafür sprechen die Gesichter der Menschen, die insbesondere in den Straßen der Hauptstadt von Plakaten und Graffiti mit den Konterfeis Verschwundener und Ermordeter gespiegelt wirken.

Alberto Arzús Blog

Open Letter to Poetry International

Dear Poetry International Rotterdam,

In your own words, the Poetry International Rotterdam festival brings together „the most noteworthy poetry of the groundbreaking great masters, alongside that of new and original poetic talents from around the world.“ It is clear, however, that your mission statement applies mostly to men.

In the ten festivals between 2006 and 2015, only 26% of the featured poets have been women, dropping as low as 16% at both the 2013 and 2014 editions.

Looking at the festival’s poets from the United States specifically, the exclusion is even more stark. In the last 10 years, only 1 woman has been featured from the US, and only 1 gender queer poet — the remaining 11 are all men. Only 2 of those 13 poets have been people of color. Considering the vibrant and expansive diversity of US poetry today, this exclusion exposes a bias towards a network of the „old boys“ — a network which has controlled the infrastructures of the literary community, worldwide, for far too long.

In her introduction to the 2012 anthology I’ll Drown My Book: Conceptual Writing By Women, Laynie Browne writes:

„This book began for me with the problem of the under-representation of women, particularly in key moments when movements begin to take shape and crystallize and are documented by gatherings, public events and anthologies. And while perhaps few would argue that women are not writing and publishing in [conceptual poetry], it is often at the stage of anthologizing that numbers start to shift so that women are not adequately represented.“

Like the anthology, the literary festival is a canonizing act. It is also a celebration of writers and one of the few instances when we receive direct payment for our work. The problem of underrepresentation is a problem that your programming leaves unquestioned. At the Poetry International festival each June, the representations of our world’s literatures are best manifested in white, mostly straight, men — that is where your programming choices lie, and that is where your festival money goes.

At best, the vast discrepancies in your program denote a sexist curation of the Poetry International festival; at worst, the sum total of a patriarchal, white supremacist, heteronormative culture. That Kenneth Goldsmith is featured at this year’s festival, then, sadly comes as no surprise. Goldsmith’s appearance at the Interrupt 3 conference at Brown University on March 14, 2015, wherein he „remixed“ the autopsy report of Michael Brown, cannot be ignored. Michael Brown was an 18-year-old black man shot and killed by police on August 9, 2014 in Ferguson, Missouri. Though Goldsmith claims that he did not intend to enact white-on-black violence, that is exactly what he did. Goldsmith is an exemplar of white male privilege and colonization, and is therefore perfectly aligned with the Poetry International festival’s oeuvre.

Poetry International is funded in large part, directly and indirectly, by the Dutch Ministry of Culture. Many of us at Versal are Dutch taxpayers, and Versal itself is a taxpaying entity in the Netherlands. We believe Poetry International’s funds should be directed towards a much wider, inclusive array of poets if you are to fulfill your aim „to present quality poetry from the Netherlands and worldwide to an international readership, encouraging poetry translation, stimulating the international exchange of knowledge about poetry, and facilitating an international community of poetry readers.“ While we recognize that there are limited financial resources in the arena of poetry, the Poetry International festival’s continued support of those who are already and historically well-funded only serves to perpetuate our community’s significant inequalities — and it brings the exclusions and biases of the festival’s programming in sharp light.

We call on Poetry International Rotterdam to redistribute your public funds to the full array of poets engaged in our art, in line with the Dutch Cultural Policy Act’s stated intention for cultural diversity. In addition, we call on you to rectify your festival programming which excludes women, people of color, and the LGBT community in large and unconscionable measure.

To personify our concerns, we will not be attending this year’s festival, and we invite others to join us in this protest.

We hope that this open letter serves as the beginning of a much-needed public conversation. We will count again ahead of next year’s festival, and we sincerely hope to see considerable — not just token — improvement.

Regards,
Versal

Click here for the Dutch version.

More

Therapie im Donbass

Der ukrainische Autor Serhij Zhadan im Interview mit „Der Standard„:

Es scheint, dass die Kultur in Zeiten des Krieges auf „Sparflamme“ gehen muss, da allen nicht sonderlich nach Kultur ist. Aber tatsächlich ist es den Menschen in jedweder Situation und unter jedweden schwierigen Bedingungen und Problemen wichtig zusammenzuhalten – nicht des Hasses, der Bosheit oder der Panik wegen, sondern wegen der Dinge, die ihre früheren friedlichen Leben untereinander verbinden, wegen der Dinge, die sie geformt haben; wegen der Literatur, der Musik oder wegen der Filme, die wichtig für sie waren. Deswegen ist es heute wichtig, sich daran zu erinnern, dass das Leben durch die Ereignisse im Kriegsgebiet und durch irgendwelche Verlautbarungen von Politikern nicht begrenzt wird und dass es im Leben weiter Gedichte und Theater geben wird. Das klingt vielleicht banal, aber es ist wahr. Deswegen ist es wichtig, dass ich meine Lesungen mache und Konzerte spiele. Für viele ist das Therapie. Wir fahren auch in die kleinen Städte im Donbass. Dort fährt normalerweise niemand hin – keine Dichter, keine Musiker. Für uns ist das wichtig, denn diese Reisen sind auch für uns eine Therapie. Das Land sucht sich und versucht, wieder mit sich klarzukommen.

Gestorben

Der aus Feldbach gebürtige, in Graz ansässige Autor Helmut Schranz ist am vergangenen Wochenende 52-jährig an den Folgen einer Krebserkrankung gestorben. Der anarchische Feuerkopf gehörte dem Herausgebergremium der Zeitschrift perspektive an. In diesem Organ werden Formen poetischer Widersetzlichkeit erprobt und vergnüglich in Szene gesetzt. Schranzens letzte Einzelveröffentlichung war BIRNALL. suada. lyrik vulgo prosa, die heuer im April im Ritter-Verlag (Klagenfurt/Graz) erschienen ist. / poh,  Der Standard 7.9.

In L&Poe

Minimalgedichte

Tanikawa Shuntarō hat Zeit seines Dichterlebens mit Formen experimentiert. Es gibt lyrische Gedichte, analytische Prosagedichte, Episches und auch Laut-Poesie. Die Gedichte in diesem Band sind „Minimal“: Jedes Gedicht hat sei es vier, sei es fünf „Strophen“, die aus je drei Kurz-Zeilen bestehen. Die Stimmung ähnelt der des Haiku. Doch Haikus hat Tanikawa Shuntarō nie geschrieben; mit dieser höchstminimalen Form sei er nicht klar gekommen, erzählt er im Nachwort des Bandes. Wie beim Haiku besteht die Kunst der „Minimal“-Verdichtung darin, dass die aus dem Weiß des Blattes  auftauchenden, dem Schweigen abgerungenen Schriftzeichen und Worte in ihrer Reduktion eine umso kraftvollere Präsenz besitzen.

Der Band entstand in einer Zeit poetischer Verunsicherung. „Ich empfand ein tiefes Unbehagen, weil mir das Dichten allzu leicht von der Hand ging und ich die Wirklichkeit allmählich nur noch aus dem Blickwinkel der Dichtung zu betrachten vermochte.“ / Marie Luise Knott, Perlentaucher

  • Tanikawa Shuntarô, „Minimal“, Verlag Secession, Berlin, 2015, 42 Euro.
  • Zuletzt erschien von Tanikawa Shuntarô und Jürg Halter das Kettengedicht „Sprechendes Wasser“, Verlag Secession, Berlin, 2012 , 29 Euro
  • Tanikawa Shuntaro, „Fels der Engel“, Gedichte zu Zeichnungen von Paul Klee, Waldgut Verlag, Frauenfeld CH, 2008,  22 Sfr.

Syria Jihadi Poetry in Russian

When North Caucasus militants began to arrive in Syria in 2012, they brought with them a surprising cultural tradition: jihadi poetry.

Via websites and social media, Russian-speaking militants share new poems about Syria, as well as older „classics“ about the insurgency in the North Caucasus.

Poetry may sound like an odd pastime for Islamist militants.

But in many cases the poems are a unique vehicle for their authors to express emotions and opinions — like grief, sadness, and frustration — that are otherwise taboo within the rigid ideology of Islamic State (IS) and other militant groups in Syria.

The poems also help shape world views. While the older works focus on the domestic insurgency against Russian forces in the North Caucasus, the newer Syria poems situate their readers within the wider world of perceived global jihad.

Poems written by women — mostly the wives or widows of militants — usually share personal experiences and emotions about having one’s husband join a militant group, and about how to cope when he is killed.

(…)

[Akhmad] Daghestansky, the nom de guerre (and nom de plume) of a Caucasus Emirate militant in prison in Russia,  (…) also wrote a two-part poem praising Al-Qaeda leader Osama bin Laden (who was himself a poet) but says he is content to have „lived in the epoch of the Warrior Osama“ even if he is physically in Russia. / Joanna Paraszczuk, Radio Free Europe

Gegenwartsliteratur feldtheoretisch

Michael Braun über Heribert Tommeks Studien zum literarischen Feld Gegenwartsliteratur:

2. (…) Der Avantgarde-Autor will mit seinem Werk nicht mehr Epoche machen, sondern sein Material erforschen oder Geschichte schreiben. An der lyrischen Entwicklung von Kling und Grünbein und deren unterschiedlichem Sprach- und Medienverständnis lässt sich das gut veranschaulichen.

5. Wer sich mit Neuem in der Öffentlichkeit, in Kritik und Wissenschaft bewährt hat, der wird zum Autor und dessen Texte werden zum Werk, im besten Fall mit höheren Weihen („Priester“). Wer den „Avantgardekanal“ ohne diesen Erfolg durchläuft, der bleibt in einer Kulturnische („Prophet“) oder tritt mit populärkultureller Autorität als „Bohèmien“ oder „ethnokultureller Zauberer“ in die Mitte des Marktes.

Man muss sich auf dieses Begriffsraster, unterstützt mit Abbildungen, einlassen, um dem nicht einfachen Argumentationsgang der Studie zu folgen. Auch an die 2.000 Fußnoten tragen nicht gerade zur flüssigen Lesbarkeit bei. Doch die Feldtheorie zeigt sich so auf der Höhe ihres literarischen Gegenstands. Mag auch manches auf dem langen Weg in diese Gegenwartsliteraturtheorie abhanden gekommen sein (wo ist Walter Kempowskis Erinnerungs- oder Patrick Roths Bibelarchäologie geblieben?) – dieses Buch enthält eine Fülle von Anregungen und ist sattelfester als viele eingängige Gegenwarts-Kapitel in Literaturgeschichten.

Heribert Tommek: Der lange Weg in die Gegenwartsliteratur. Studien zur Geschichte des literarischen Feldes in Deutschland von 1960 bis 2000.
De Gruyter, Berlin ; München ; Boston, Mass. 2015.
620 Seiten, 129,95 EUR.
ISBN-13: 9783110352702

Literator

Michael Lentz gebührt das Verdienst, so Günter Blamberger in der Laudatio auf den „Literator“, die Experimentalliteratur im deutschen Kulturbetrieb hoffähig gemacht zu haben, mit Engagement, Kennerschaft und Theoriestärke. Lentz hat eine 1200-seitige Dissertation über Verfahren internationaler Lautpoesie und Lautmusik geschrieben, er hat in dem Band „Textleben“ (2011) die europäische Avantgarde und in seinen Frankfurter Poetik-Vorlesungen (2013) die alte Dame Rhetorik ebenso wissenschaftlich wie findelustig analysiert. / Michael Braun, literaturkritik.de

Ines Barner / Günter Blamberger (Hg.): Literator 2013: Michael Lentz. Dozentur für Weltliteratur.
Reihe: Morphomata Lectures Cologne 12.
Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2014.
62 Seiten, 12,90 EUR.
ISBN-13: 9783770558223

Flarf Disco

Ist eine Papierhülle schon Lyrik? Mit Flarf Disco tastet Hartmut Abendschein die Synergien zwischen moderner Lyrik und Popsong neu aus. Alle zwei Monate erscheint das Popkultur-Magazin Spex mit einer CD als Zugabe. Ausgehend von den Musiktiteln auf der Papierhülle arrangiert der Lyrikband 60 Popgedichte in sechs Zyklen. (…) „ich wär gerne das system eines lands / das sich immer verändert“, heißt es in leicht agrammatischer Weise. Man muss daraus nicht schließen, dass das Ich hier ein dynamisch-travestierendes System werden will. Man kann die Verse auch als simple Referenzen zu den Songs System von Tarek Lynns und This land will change von Viktor Marek verstehen. Vielleicht fängt die Papierhülle hier an, Lyrik zu werden. / Julian Gärtner, literaturkritik.de

Hartmut Abendschein: Flarf Disco. Popgedichte. 
edition taberna kritika, Bern 2015. 
92 Seiten, 14,00 EUR.
ISBN-13: 9783905846348

Poetopie

– treffen uns wieder im Aufwachraum

Hansjürgen Bulkowski

Der rote Bacchus

Er hätte, bekannte Hermlin in einem späten Interview, vor 1933 genausogut den „nationalbolschewistischen“ Konservativen um Ernst Niekisch und Ernst Jünger beitreten können. So eng verwandt und doch grundverschieden können deutsche Lebensläufe sein. Hermlin erwies dem von der DDR-Kulturdoktrin verfemten Jünger seinen lebenslangen Respekt. Im Gedicht ist es aber vor allem Friedrich Nietzsche, dessen „dionysisches“, wild-anarchisches Potential Hermlin dem vereinnahmenden Zugriff der Nazis entzieht und zugleich, als nähme er dessen ideologische Verfolgung in der DDR vorweg, klammheimlich in jenen anderen deutschen Staat hinüberrettet, der sechs Jahre später Realität wird – Zarathustras Tanzlied („Mistral wirbt um ihn“) rauscht unverkennbar über Hermlins Albigenser Terrassen. 1976 ist Hermlin der erste, der es wagt, Nietzsche einen Ort in einer DDR-Publikation zu geben, mit „An den Mistral“ in seinem „Deutschen Lesebuch“. / Jan Volker Röhnert schreibt in der Frankfurter Anthologie der FAZ über Stephan Hermlins Gedicht „Die Terrassen von Albi“

Dort, im Sprachnass

Gelegentlich legt er das Smartphone quer und tippt die Verse, die ihm gerade eingefallen sind, mit beiden Daumen ein. Wenn er dann so dasitzt, kommt Marcus Roloff sich gelegentlich vor wie sein Sohn, wenn er Nintendo spielt. Aber auf diese Weise geht das Schreiben schneller, und darauf kommt es dem Frankfurter Dichter an, wenn es darum geht, alles festzuhalten, was ihm, schon halb oder ganz zum Wort geworden, durch das Bewusstsein zieht. „Eins von beiden ist immer zu langsam, das Schreiben oder das Denken.“

In diesem Sommer hat Roloff das Telefon als Schreibgerät so richtig entdeckt. (…) Und die segensreiche Wirkung von Flughäfen und Busbahnhöfen ohne W-Lan-Empfang. Denn das Internet mit seiner perfiden Aufforderung zu dem, was er „Ganzzeitrecherche“ nennt, ist auch für Dichter eine Ablenkung, gerade für einen Lyriker wie Roloff. Seine Texte entwickeln sich in hohem Maß über die Beziehungen, die zwischen einzelnen Wörtern, Silben und Klängen herrschen. Trotzdem rechnet Roloff sich nicht zu den experimentellsten unter seinen Zeitgenossen. Er nehme Gegenstände und mache aus ihnen etwas Sprachliches, sagt er. Dabei komme es ihm darauf an, dass seine „Sprachdinge“ der Wirklichkeit genügten: „Im Grunde werfe ich die Wirklichkeit, die ich wahrnehme, ins Wasser.“ Dort, im Sprachnass, so lässt sich das Bild fortführen, löst sie sich auf, aber das fertige Gedicht enthält Sprache und Welt. / Florian Balke, FAZ

Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki

Was weiß man im Westen schon über polnische Lyrikerinnen und Lyriker? Eigentlich nur so viel: dass sie unaussprechliche Namen haben und zum Beispiel Wisława Szymborska oder Czesław Miłosz heißen. Vielleicht kennt man sogar noch ein Gedicht oder weiß, dass die beiden Erwähnten Literatur-Nobelpreise für Polen eingeheimst haben. Aber das dürfte dann auch schon alles sein. Dabei liegt den Polen Lyrik genauso im Blut wie den Italienern die Oper oder den Franzosen das Kochen. Die polnische Sprache ist so biegsam und flexibel, dass man einfach darin dichten muss, ob man will oder nicht.

Nun hat die polnische Sprache einen neuen Kandidaten für den Nobelpreis hervorgebracht. (…)

Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki heißt der neue polnische Zungenbrecher (…)

Und irgendwann – gegen Ende des Buches – wird klar, dass nur eine einzige Sorte von Dichtern über den Tod und die letzten Dinge schreiben darf. Jene, die überaus lebendig sind. Dann die können, wie Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki, die Dinge so auf den Punkt bringen: „ich sage der tod ist wie ein märzregen / der über zwei studenten in den bergen zu viel / weiß und sie trotzdem zu sich nahm / mal mädchen und mal jungen mimend.“ / Radek Knapp,  Die Presse 

Eugenisz Tkaczyszyn-Dycki
Tumor linguae. Gedichte. Aus dem Polnischen von Michael Zgodzay und Uljana Wolf. Zweisprachige Ausgabe. 224S., geb., €22 (Edition Korrespondenzen, Wien)