Geworfen, verweigert, gefeuert. Die Biografie des sächsischen Dichters Rainer Kirsch in 3 niederländischen Partizipien, erzählt von dem niederländischen Dichter Jacques Schmitz, der in Berlin lebt.
Rainer Kirsch werd in 1957 al van de Jenaer universiteit gegooid vanwege al te uitgesproken muurkrant-gedichten. In 1965 werd hem zijn einddiploma van het Leipziger literatuur-instituut geweigerd. In 1973 werd hij uit de SED, de communistische partij, geflikkerd vanwege zijn zeer omstreden Faust-variant.
Rainer Kirsch starb am 4.9. im Alter von 81 Jahren. In der Zeitschrift Terras 3 Gedichte von Kirsch, übersetzt von Jacques Schmitz.
Monheim. Am Samstag ist Paul Scharrenbroich nach schwerer Krankheit im Alter von 77 Jahren verstorben. Er war einer der letzten Monheimer Mundartdichter, teilt der Heimatbund Monheim über sein langjähriges Mitglied mit. „Wir trauern um einen bescheidenen Menschen, der seine Liebe zu seiner Heimatstadt Monheim am Rhein in unzähligen Geschichten und Gedichte in unserer Muttersprache niedergeschrieben hat“, schreibt der Vorsitzende Dieter Sturm. / Rheinische Post
Mit ihrem Gedichtbuch Venice singt (2015) wurde Sonja vom Brocke einem breiteren Lyrik-Lesepublikum bekannt. Ihr Debüt war 2010 das bemerkenswerte (doch bei seiner Veröffentlichung weitgehend unbemerkt gebliebene) Bändchen Ohne Tiere, das Texte von abstrahierender Reduktion und kieselhartem Gestus enthält, wie sie einem in Venice singt wiederbegegnen („Kameen“) – hermetisch verschlossene Sprachobjekte mit realen Einschlüssen: Vögel; Mieterhöhungsschreiben; Fotos; Lichter; die Glör, die durch Hagen fließt. Von Ohne Tiere soll hier die Rede sein.
Am Titel bleibt man schon hängen, denn in welchem Kontext könnte jemand sagen: „Ohne Tiere”? Die für sich genommen harmlosen Wörter haben in der Kombination etwas Verunsicherndes, vage Bedrohliches.
Es ließe sich ein apokalyptisches Szenario denken (eine Welt ohne Tiere), Ernährungszusammenhänge, Kindheitserinnerungen (ohne Tiere aufwachsen).
Möglicherweise schlägt Sonja vom Brocke mit der Fügung „Ohne Tiere” aber auch nur einen listigen Haken, denn würde man nicht eher erwarten: Ohne Titel, wie man es v. a. von moderner Kunst kennt? Das würde ganz gut passen, wie das 2011 von ihr gemeinsam mit Christina Kramer herausgegebene Künstlerbuch thoughts fall / ins Fell und das Kapitel „Gemäldegalerie“ in Venice singt, in dem sie die schöne und lebendige Tradition des Gemäldegedichts fortsetzt, beweisen. / Meinolf Reul, weiter bei lyrikkritik.de
Sonja vom Brocke, Ohne Tiere. Gedichte. [Ohne Paginierung, 40 Seiten]. Broschur.
20,5 x 13 cm. Verlag Heckler und Koch, Berlin 2010. 7,00 Euro
Engländer geraten nicht vom Regen in die Traufe. Sie springen von der Grillpfanne ins Feuer. Unser Bild von der Welt hängt von der Sprache ab, die wir für sie finden.
Mehr dazu von Ulrike Draesner bei zeit.de/freitext
Arbeits- und Recherchestipendien 2015 für Autorinnen und Autoren sowie Kuratorinnen und Kuratoren in der Literatur vergeben
Die Kulturverwaltung des Berliner Senats vergibt an 31 in Berlin lebende Autorinnen und Autoren sowie Kuratorinnen und Kuratoren in der Literatur Arbeits- und Recherchestipendien in Höhe von insgesamt 248.000 €.
Die Stipendiatinnen und Stipendiaten erhalten jeweils ein Stipendium in Höhe von 8.000 €.
Die diesjährigen Stipendiatinnen und Stipendiaten sind:
Priya Basil
Timo Berger
Marcus Braun
Yvette Coetzee-Hannemann
Katharina Deloglu
Peter Dietze
Richard Duraj
Artur Henryk Dziuk
Rabea Edel
Ulrike Edschmid
Daniel Falb
Alexander Filyuta
Annett Gröschner
Anna Jäger
Maren Kames
Mely Kiyak
Benjamin Lauterbach
Svenja Leiber
Angelika Meier
Gerhard Ortinau
Konrad Hans Roenne
Sarah Schmidt
Joel Scott
Daniela Seel
Cornelia Staudacher
Dr. Jan Skudlarek
Gün Gabriele Tank
Jochen Thermann
Senthuran Varatharajah
Eva Ruth Wemme
Norbert Zähringer
Der Jury zur Vergabe der Arbeits- und Recherchestipendien gehörten dieses Jahr an: Ulrike Baureithel, Tom Bresemann, Gregor Dotzauer, Dr. Meike Feßmann, Jörg Sundermeier und Deniz Utlu.
Die Jury hatte über insgesamt 285 Bewerbungen zu entscheiden, davon waren 125 von Männern und 160 von Frauen eingereicht worden. Von 14 Anträgen von Kuratorinnen und Kuratoren wurden sechs, von drei 3 Übersetzungsanträgen wurde einer, von 27 Lyrikanträgen wurden 5 bewilligt. Aus 179 Anträgen für Prosavorhaben wurden 19 bewilligt.
Dann gleich an meine Neuübertragung von Pound-Properzens Prayer für his Lady‘s Life. Je länger ich mir Eva Hesses Übersetzung ansah, desto ärgerlicher wurde ich. Kann aber gar nicht sagen, weshalb mir ausgerechnet dieser Text so ans Herz ging, unmittelbar, ich las ihn bestimmt zehnmal und sprach ihn flüsternd vor mich hin, als ich von Fiumicino zurück nach Berlin flog. Und immer weher tat mir Hesses hier ausgesprochen stakendes Deutsch. / Alban Nicolai Herbst, Die Dschungel. Anderswelt
Von Marcus Roloff
Man kann ja immer sagen, ich schweige zu diesem Land, zu diesem Mittelschichtsrechtsruck, ich schweige mich aus und bin für morgen da, demnächst, wenn wir tot sind, in hundert Jahren rede ich weiter, jetzt bringt mich niemand dazu, mich einzubringen mit Beiträgen, die klarmachen, wie ich das finde, dass die Deutschen solche Arschlöcher sind, so ein Tätervolk, Wirtschaftswunder und zack, alles vergessen, vierzig Jahre betrogen und zack, Eigenheim, Alkoholismus, keine Perspektive, aber Super-Illu und zweihundert TV-Sender, und endlich Pornos for free und anonym, endlich nicht mehr rumstehn in Sexshops, endlich Autofokus Autoerotik, endlich abgehängt vom Leben und dauerbefriedigt, und Berge und Nächte, und Sachsen und Hellersdorf und Schweinesystem und so weiter, dieser Atzenalarm, verblödete traurige Wutbürger mit den Kaffeekränzchenfressen, diesem Gartenzaun, der hegt und einhegt und es sich schön zurechtmacht im Leben, und keinen Schimmer davon, warum geschieht was geschieht, sich nur nach der ersten besten vorbeilaufenden Antwort umdrehen und erstbeste Dinge nachkrähen, Aufgeschnapptes ans Hirn tackern und loslaufen und so eine Ahnung von Grundgesetz, so eine irre anmaßende Ahnung, dass man ja als Bürger den Mund aufzutun hat, gefälligst, klar, Bürger, du dumme Sau, machst dir auch so deine Gedanken, hast auch so deine Meinung, willst auch eine, die zählt, jahrzehntelang vom Abendsessel eingeweichtes Gehirn, das von Besserem träumt als von der Wirklichkeit um die Ecke, die du sowieso nicht verstehst, und diese scheiß Impulse, irgendein runtergeschluckter Hass schon seit langem auf dies und das, vor allem auf dich, weil irgendwas in dir ahnt, dass du niemandem die Schuld für deinen Dreck geben kannst, das fällt letztlich alles auf dich zurück, deine Blödheit, deine Schrankwand, diffuse Erinnerungen an den ersten Fick, der irgendwie auch nicht so doll war, hatteste dir anders vorgestellt, hast nichts und niemand verzaubert, lief alles weiter wie vorher, alles Banane, hattest ja erst noch Absichten, Ambitionen, aber da waren immer Leute, die besser waren als du, unmerklich schlich sich dieses Gefühl ein, dass mehr als mitzulaufen nicht drin sein würde in diesem Leben, dieses eh schon in den Shoppingmalls zerschredderte Etwas, das deinen Körper durch die Gegend schickte, du ranntest und es ergab keinen Sinn.
Das mag sich Bert Papenfuß gar nicht erst vorstellen, dass die neuen Nachbarn, also die Besitzer der teuren neuen Eigentumswohnungen von gegenüber an seinem Tresen sitzen, oder auch jene aus dem riesigen neuen Wohnkomplex um die Ecke – das ist nicht seine Kundschaft. Und soll es auch nicht werden.
Also zieht sich der Betreiber der Kulturspelunke Rumbalotte an der Metzer Straße in Prenzlauer Berg zurück und schließt sein Raucherlokal nach fünf Jahren. „Wir haben die Schnauze voll“, sagt Papenfuß, einer der bekanntesten Dichter in Prenzlauer Berg, ein Untergrundautor, Punk und Anarchist, Jahrgang 1956. „Ab jetzt macht hier jeder, was er will und kann, sagt, was auf seiner seesalzigen Zunge brennt, liest aus der Schnapsflaschenpost, spinnt das Seemannsgarn weiter, singt und trinkt gegen das laue Lüftchen, das hier zur unerträglichen Wettererscheinung geworden ist.“ /
Mit ohne Blut und ohne Stimme besingt die Jägerin im Off das ausgebremste Wild.
Jeden Donnerstag punkt 11 Uhr veröffentlicht L&Poe ein ungedrucktes Monostichon des Schweizer Dichters Felix Philipp Ingold. Mehr
In a piece in this Sunday’s New York Times, Gerald Marzorati examined the “mob-loud and unruly” support Roger Federer enjoyed at the recent U.S. Open. To try to explain why the tennis star has such a passionate, devoted following among New Yorkers, Marzorati made a surprising comparison — Federer actually embodies the spirit of Frank O’Hara’s poetry:
Federer has been loved by New Yorkers for years, of course. Just ask Andy Roddick, who heard the cheers for Roger when, as America’s best tennis player, he faced him (and lost to him) in the Open final of 2006. Federer was urbane, and has grown only more so. During his stay in New York for the two weeks of this year’s Open, he ventured from his suite at the Carlyle to attend a performance of “Hamilton,” view “China: Through the Looking Glass” at the Met and eat sushi at Kappo Masa. His tennis self, too, has always been debonair and, just as crucial (and sophisticated), open to reinvention. With a racket in his right hand, Fed is the on-court embodiment of that free-verse epigram from Frank O’Hara, the ur-New York School poet of contemporary cultivation, etched for eternity on his East Hampton gravestone: “Grace/to be born and live as variously as possible.”
Der isländische Tómas-Guðmundsson-Literaturpreis geht an Hjörtur Marteinsson für die Gedichtsammlung „Alzheimer-tilbrigðin“ (‚Alzheimer-Variationen‘).
Die drei Jurymitglieder Ragnhildur Pála Ófeigsdóttir, Bjarni Bjarnason und Davíð Stefánsson wählten den Text aus 48 Manuskripten.
Sie lobten seinen ironischen Ton und hoben hervor, daß der Dichter es verstehe, das unfaßbare Gefühl, das man hat, wenn das Gedächtnis einer geliebten Person unwiederbringlich dahinschwindet, in Worte zu fassen.
Im Jahr 2000 hatte Marteinsson denselben Preis für seinen Roman „AM oo“ erhalten, 2007 einen Lyrikpreis. Er veröffentlichte zwei Gedichtbände, Ljóshvolfin (1996) und Myrkurbil (1999). „Alzheimer-Variationen“ wird in Kürze im Buchhandel erhältlich sein. / Iceland Review
Das 21. Heft der Lyrikreihe „VERSENSPORN – Heft für lyrische Reize“ des Jenaer Vereines POESIE SCHMECKT GUT e. V. ist erschienen. Es präsentiert Gedichte des jungen griechischen Dichters Jazra Khaleed, der vor dem Hintergrund der Flüchtlingsproblematik das Ausbreiten von Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit und Faschismus in Griechenland thematisiert. Khaleed wurde 1979 in Grosny/Tschetschenien geboren und gehört einer Generation junger Dichter an, die neue Einflüsse und Sichtweisen in die griechische Literatur getragen haben. Zu erwerben sind die VERSENSPORN-Hefte direkt über den Verein und in der Bücherstube Philler am Johannisplatz. Weitere Informationen gibt es unter www.poesieschmecktgut.de. / jenatv
Auszug aus einem Interview mit Bertram Reinecke zum Programm seines Verlags Reinecke & Voß beim hausblog nottbeck
Was macht Ihren Verlag einzigartig? Was ist Ihnen bei Ihrem Programm wichtig?
Unsere Autoren verwenden Verfahrenszüge und Stilmittel die entweder überhaupt selten oder selten in dieser Kombination verwendet werden. Es können literarische Klassiker sein, die in Deutschland wenig bekannt sind, wie der spanische Barockdichter Quevedo, der Inspirator der französischen Symbolisten und Surrealisten Aloysius Bertrand, der russische Futurist Krutschonych oder zeitgenössische Schriftsteller wie Ulf Stolterfoht, der Palindromist und Anagrammatiker Titus Meyer oder Mara Genschel, die Verfahren aus der neuen Musik und der bildenden Kunst für ihre Literatur erschließt. Ein Kritiker nannte uns deshalb einmal: „Fachverlag für Horizonterweiterung“.
Nennen Sie drei Schlagwörter, die Ihren Verlag beschreiben.
Der Verlag ist genre- und gattungentgrenzend und steht quer zu Schlagwörtern und scheinbaren Antagonismen, wie etwa zwischen Neomoderne oder Postmoderne. Der Verlag richtet sich an versierte Leser, die dem verbreiteten Expertenirrtum „Wenn es interessant für mich wäre, müsste ich bereits davon gehört haben“ nicht aufsitzen. Ein besonderer Fokus liegt auf Autoren, die alte und neue Sachtextgattungen z.B. den Traktat, das Feature oder die Rezension als Strukturvorlage für belletristische Werke verwenden.
Das Angenehme an Max Czolleks Lyrik ist die Tonalität ihres Erzählers, der uns durch die sprachliche Welt des Bandes führt. Klingt „angenehm“ wie ein Weichspüler? Als wäre „Jubeljahre“ ein Band voller gefälliger Texte? Das ist er bei weitem nicht: gleich zu Beginn wird klar, dass die Stimme des Textes zu ihren Worten kommt, um etwas mitzuteilen, das außerhalb des sprachlichen Systems liegt. Eine Sehnsucht nach Welt scheint durch, eine Sehnsucht nach Veränderung auch. Nicht Simulation, sondern Dissimulation, das Entlarven der Schwachstelle Realität, ist auf die Fahnen dieses Buches geschrieben. (…)
Das Bewusstsein für die politische Realität bricht sich Bahn in einer Lyrik, die nicht anders kann, als abzubilden, ohne dabei anzuklagen. Die reine Darstellung genügt, um die Adressaten zu aktivieren. Das Appellieren verweigert sich dem Manierismus deutscher Gegenwartslyrik zumeist. Elegant kann man nur nennen, wie der Antisemitismus-Forscher der deutschen Sprache abverlangt sich mit ihrer eigenen Vergangenheit zu beschäftigen. Als wäre das kollektive Verdrängen, das kollektive Erinnern, in die Geister der Sprecher dieser Sprache eingeschrieben, fühlt es sich neu und fremd an, zu lesen, wie Czollek jüdische Kultur zugleich als Inspiration – aber auch als Vehikel nutzt. Dabei gibt es keine Kneifzangen oder Exotismus, keine Mühe entsteht, im Gegenteil: die innere Logik dieser in Lyrik versponnenen Geschichten ist von einer Schönheit, die trotz kryptischer Momente gefangen nimmt: „nicht mehr als ein Rohbau war dein himmel / unzureichend befestigtes Zelt / unter wölkchenhaut“. / Kevin Junk, Fixpoetry
Max Czollek
Jubeljahre
Illustrationen: Varvara Polyakova
© Verlagshaus Berlin
2015 · 80 Seiten · 13,90 Euro
ISBN: 978-3-945832-00-4
Es gibt ein wunderbares, kleines Gedicht des grossen italienischen Lyrikers Giuseppe Ungaretti, das den Titel trägt «Allegria di naufragi» («Freude der Schiffbrüche»). In der deutschen Übersetzung lautet es so: «Und plötzlich nimmst du / die Fahrt wieder auf / nicht anders als nach dem Schiffbruch / ein überlebender / Seebär.»
(…)
Allegria di naufragi: E subito riprende / il viaggio / come / dopo il naufragio / un superstite / lupo di mare.
Dazwischen eine christliche Auslegung von Georg Kohler, NZZ
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