Der 1961 in Budapest geborene István Kemény ist ein höchst vielseitiger und einfallsreicher Dichter. Nun ist er in einer deutschsprachigen Ausgabe als Lyriker zu entdecken.
Einige seiner Gedichte nennt István Kemény schon im Titel Lieder, daneben taucht «John Andersons Song» auf, und darin singt Kemény: «Da steht der Niemand / hier schaut das Nichts / wie kann man so einen Ort für öde halten?» Leicht melancholisch, aber unpathetisch sind Keménys Gedichte seit je gewesen, und tatsächlich haben sie immer etwas Liedhaftes. / Zsuzsanna Gahse, NZZ
István Kemény: Ein guter Traum mit Tieren. Aus dem Ungarischen von Orsolya Kalász und Monika Rinck. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2016. 130 S., Fr. 27.90.
Von Thomas Kunst
2003 sagte eine Freundin in Rom zu mir, Thomas, ich fahre eine Bekannte in Umbrien besuchen, am Trasimeno See, sie ist mit einem Dichter zusammen, mit Paul Wühr, ob ich mitkommen möchte. Ja, ich wollte mitkommen. Einer der ersten Sätze, die Paul Wühr nach unserer Ankunft sprach, war: „vor kurzem besuchte uns eine Germanistin, als sie erwähnte, noch kein Gedicht von mir gelesen zu haben, warf ich sie raus.“ Ich erwiderte als Entgegnung: „ich kenne Gedichte von Ihnen, aber die gefallen mir nicht.“
Paul Wühr sah mich scharf an, und ich dachte, daß der Untergang nahen würde. Er meinte darauf zu mir: „Stellen sie Liebes- und Hasslisten von Dichtern auf, und dann sehen wir weiter.“ (die Haßliste laß ich aus, die war außerdem zu blöde, in jeder Hinsicht verzichtbar) Meine Liebesliste begann mit Nicolas Born und Ulrich Zieger…Paul strahlte und sagte: „nur noch einen richtigen Namen, dann dürfen Sie Paul zu mir sagen und hierbleiben.“
Ich sagte: Schiller und durfte sowas von bleiben. Paul wünschte sich so sehr, daß Ulrich und ich ihn zusammen besuchen kommen. Ich versprach es ihm. Zurück in Rom, schwärmte ich dem Direktor der Villa Massimo, Joachim Blüher, solange von Zieger vor, bis er einwilligte, Ulrich für einen Monat als Ehrengast dorthin einzuladen. Ich denke, er war wohl der jüngste Ehrengast mit seinen 42 Jahren. Ulrich war ein fantastischer Koch. Seine Bohnen mit Lamm werde ich nie vergessen. Es ging ihm aber nicht nur gut in Rom. Einmal sagte er zu mir, ich hätte ihn in einen goldenen Käfig gelockt. Das tat weh. Wir tranken viel zu viel und hörten Fabrizio de André rauf und runter. Der Abend in Umbrien bei Paul und Inge bleibt unvergessen. Paul sagte: „Jungs, lest für mich, und: „wenn ich euch höre, werde ich gelb vor Neid.“ Wir tranken und lasen und sprachen, waren wütend, wir lachten und schwärmten. Mit Paul konnte man so herrlich wütend sein. Die Rückfahrt nach Rom am nächsten Tag verlief müde und friedlich.
Weitere Nachrufe: Süddeutsche Zeitung / Der Standard / Neue Zürcher Zeitung / literaturkritik.de / Oberbayrisches Volksblatt
Ein Band mit den Versen des Briten [Andrew Duncan] soll im Herbst im dritten Programm von Brüterich Press erscheinen – so heißt Stolterfohts 2015 gegründeter Verlag. Der eigenwillige Name stammt aus einem seiner ersten Gedichtbände. Zur Poetologie des Lyrikers gehört es, sich von anderen Wissensgebieten und Fachsprachen inspirieren zu lassen.
Er sammelt deshalb Wörter, die ihm im Alltag begegnen, zur späteren Verwendung in Gedichten – Wörter wie Sprödian, Wagenblas, Brüterich, Stoffregen. „Hinten auf den Nummernschildern stehen doch die Autohäuser – und wenn da was Schönes dabei ist, schreibe ich es in mein Notizbuch“, sagt er. Wagenblast – so heißt zum Beispiel ein Autohaus in der Nähe von Schwäbisch Gmünd. Zum einprägsamen Verlagsnamen passt der eigenwillige Slogan, mit dem Ulf Stolterfoht augenzwinkernd für sein Programm wirbt: „Schwierige Lyrik zu einem sehr hohen Preis“. Als Dichter weiß er natürlich nur allzu gut, dass Lyrik gemeinhin als kompliziert und schwer zugänglich gilt. Für ihn selbst, sagt er, gebe es allerdings keine schwierige Lyrik. Andererseits wundert er sich, wenn es immer wieder heißt, Goethe-Gedichte seien einfach. „Ich glaube nicht, dass das stimmt.“ Die schön gestalteten Bände der Brüterich Press, die ganz auf werbende Texte verzichten, kosten 20 Euro pro Band. / Holger Heimann, Stuttgarter Nachrichten 13.5.
„Die Poesie“, so schrieb Friedrich Schlegel 1797 in seinen „Kritischen Fragmenten“, „ist eine republikanische Rede, eine Rede, die ihr eignes Gesetz und ihr eigner Zweck ist, wo alle Teile freie Bürger sind und mitstimmen dürfen.“ Genau 200 Jahre später hat Paul Wühr, der große Münchner Dichter vom Trasimenischen See in Umbrien, seinen 660 Gedichte umfassenden Band „Salve res publica poetica“ publiziert. Er hat uns den schamhaft vergessenen Begriff der Poesie zurückerobert und Gedichte als freie Bürger ästhetischer „Konfigurationen“ und politischer Koalitionen in einen großen Kontext republikanischer Rede gestellt.
Gemeinsam oder einander widersprechend, in Sonanz und Dissonanz, bilden die Poeme ihre poetische Republik. Das war, erschienen zum 70. Geburtstag, der erste von drei monumentalen poetischen Zyklen. Ihm folgten im Jahr 2000 „Venus im Pudel“ und dann zum 80. Geburtstag des Dichters der Band „Dame Gott“ als ein häretischer Glücksgesang, in dem alle polymorphen Gendervalenzen des Wühr’schen Werks zu ihrer auf schönste Weise falschen hierarchischen Ordnung finden, – und zur Lust, die gelesen werden kann.
Die auf Schlegel fußende Gleichsetzung von Dichtung und Rede verweist, wenn wir ihr folgen wollen, nicht nur auf den Band „Rede. Ein Gedicht“ von 1979, sie gilt selbstverständlich auch für die energischen „Ansprachen“ oder Anreden des ersten Gedichtbandes „Grüß Gott ihr Mütter ihr Väter ihr Töchter ihr Söhne“ aus dem Jahr 1976.
(…) Jetzt ist der große Poet auf dem umbrischen Berg zwei Tage nach seinem 89. Geburtstag, also am 12. Juli, in Passingnano sul Trasimeno gestorben.
(…)
Jetzt, da der Freund die letzte Absperrung überschritten hat, werde ich auch sein riesiges Lebenswerktagebuch „Der faule Strick“ von 1987 wieder lesen. In ihm steht der schöne Satz „Wir müssen die ursprüngliche Unordnung wiederherstellen.“ / Herbert Wiesner, Die Welt
Aus einem Interview zur Verleihung des Clemens-Brentano-Preises an Thilo Krause, durchgeführt von Katharina Grünke
Das Gedichteschreiben ist nun nicht Ihre Hauptbeschäftigung, sondern eigentlich sind Sie ausgebildeter Wirtschaftsingenieur und augenscheinlich ebenfalls mit Leidenschaft in diesem Bereich aktiv, da Sie ja in der aktuellen Forschung arbeiten. Wie passt dies zusammen: Heißt das, Sie haben mal mehr Zeit für Lyrik und mal gar keine? Können/müssen Sie in Ihrem anderen Beruf pausieren bisweilen, bzw. wie wurde Ihr Schreiben professioneller, haben Sie von Anfang an auch veröffentlicht?
Von der Literatur können nur wenige leben, von der Lyrik niemand. Gottfried Benn war Arzt. William Carlos Williams ebenfalls. Tomas Tranströmer war Psychologe. Wallace Stevens bei einer Versicherungsgesellschaft und Johannes Bobrowski Lektor. (Das sind die ersten, die mir in den Sinn kommen.) Die Literatur begleitet mich schon sehr lange. Ich habe geschrieben, als ich in der Schule war und als ich Zivildienst geleistet habe. Auch während Studium und Doktorat hat mich das Schreiben nie losgelassen. Dafür bin ich sehr dankbar. Dass ich auch noch einen anderen Beruf habe, ist für einen Lyriker nicht erstaunlich. So bin ich vielleicht zweimal Forscher, in der Wissenschaft und mit den Wörtern. In beiden Disziplinen schafft man in gewissem Sinne Ordnung, man verdichtet die Welt, macht sich einen Reim auf die Dinge. Es gibt eine großartige Rede von Peter von Matt, in der er die Ähnlichkeit von Formel und Metapher, von Erzählung und Modell darstellt und damit die Ähnlichkeit von Geistes- und Naturwissenschaften aufzeigt.
Ganz praktisch versuche ich jeden Tag zu schreiben oder mindestens zu lesen. Manchmal steige ich eine Haltestelle eher aus, um im Gehen noch nachzudenken oder ich habe auf dem Weg von einem Termin zum nächsten das Notizbuch in der Hand. An diese Parallelität bin ich seit meiner Schul- und Studienzeit gewöhnt.
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Dada ist und war schon immer das Produkt seiner eigenen Tradierung. Das gilt auch für Balls «Eröffnungs-Manifest», das diese Bezeichnung erst seit 1966 trägt – es erhielt sie also knapp vierzig Jahre nach dem Tod des Autors und fünfzig Jahre nach der Genese von Dada, als im Jubiläumseifer ein Bedarf an Gründungsdokumenten wach wurde.
(…)
Die Probleme beginnen bei offensichtlichen Versehen, die aber nicht nachkorrigiert wurden. So heisst es im Originaltext über die Dada-Vokabel: «Ein internationales Wort. Sehr leicht zu verstehen. Es ist ganz furchtbar einfach.» In der Abschrift geht aus dem letzten Satz durch eine simple Wortvertauschung jedoch eine Sinnentstellung hervor: «Es ist einfach furchtbar.» Durch eine Unachtsamkeit beim Abtippen entsteht eine völlig konträre Bedeutung, die vielleicht Balls Unbehagen an Dada besser zum Ausdruck bringen mag, jedoch alles andere als Texttreue beweist. / Magnus Wieland, Neue Zürcher Zeitung

Oder um mit einem Vers zu fragen: «Und in der Tat, warum sollte jemand das lesen?» Allein der Sprache wegen! Weil hier jemand, im Wortsinn, Verse schmiedet. Weil hier im Reim zusammengezwungen wird, was nie und nimmer sonst zusammenkommt. Und weil hier auseinanderbricht, was man sich getrennt sonst nicht denken würde.
Für die Mühsal, die diese Lektüre, es sei nicht verschwiegen, kostet, entschädigt am Ende allein der ingeniöse Sprachwitz Ann Cottens. Wenn sie etwa «Klang» auf «Bumerang» reimt, dann ist das nicht nur lustig: Es fasst ins genaue Wort, was die hochkomplexe Reimstruktur der Spenser-Strophe macht: Alles kehrt immer wieder zurück. Jeder Klang schlägt den Leser zwei, drei, vier Verse später wieder als Bumerang vor den Kopf. Das bereitet ein köstliches Vergnügen, wie es nur die boshaften Parodien können. / Roman Bucheli, Neue Zürcher Zeitung
Ann Cotten: Verbannt! Versepos. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2016. 168 S., Fr. 23.90.
«Ich bin nach Warschau gekommen», sagte der Schielende, «und will, dass du für mich einen Empfang organisierst. Du bist doch Melech Ravitch.» Das war im Januar des Jahres 1929. In Warschau lebten dreihunderttausend Juden, die elf jiddische Tageszeitungen lasen. Jüdische Schriftsteller gab es hier wie Sand am Meer. Unter ihnen waren auch Israel J. Singer und sein Bruder Isaac Bashevis. Trotzdem stand Ravitch auf und begrüsste den jungen Mann: «Du bist Manger», sagte er. «Ich werde den Empfang organisieren unter der Bedingung, dass du hier nicht die Moskauer Stückchen von Jessenin und Majakowski aufführst.»
Im Januar 1929 hatte Itzik Manger zwar noch keinen seiner Gedichtbände veröffentlicht, aber sein Ruf als genialer, volksnaher Lyriker und hinreissender Exeget der modernen jüdischen Literatur war ihm von Rumänien nach Polen vorausgeeilt. Bekannt war ausserdem, dass Manger persönlich schwierig war. Wenn er trank, wurde er ausfällig.
Es spricht für Ravitch, dass er seine Warnung in einen literarischen Vergleich packte, der Manger schmeicheln musste: Jessenin und Majakowski galten als die bedeutendsten russischen Dichter der Gegenwart. Doch Jessenin, so masslos dem Alkohol zugetan wie den Frauen, war schon seit vier Jahren tot. Im Rausch hatte er sich in einem St. Petersburger Hotel die Pulsadern aufgeschnitten, mit dem Blut ein Gedicht geschrieben und sich anschliessend erhängt. Er war dreissig Jahre alt. Manger war jetzt achtundzwanzig. Der Futurist Majakowski, der die Volksnähe seines Freundes Jessenin als konservativ gerügt hatte, schoss sich 1930 ins Herz. Aus Liebe, hiess es, aber wohl doch eher, weil ihm in Stalins Reich die Flügel gestutzt werden sollten. In Warschau begann die Lage der Juden 1929 heikel zu werden, und was man jetzt überhaupt nicht brauchen konnte, meinte Ravitch, waren Krawallmacher. / Susanne Klingenstein, Neue Zürcher Zeitung
Efrat Gal-Ed: Niemandssprache. Itzik Manger – ein europäischer Dichter. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2016. 784 S., Fr. 58.90.
Das Lyrik-Theater der Georg-Kerschensteiner-Schule ist keine ganz gewöhnliche Theater-AG: Die Schüler verschiedener beruflicher Ausbildungsgänge, des Sozialwissenschaftlichen und des Technischen Gymnasiums schreiben das Stück, das sie später auf die Bühne bringen, komplett selbst. Fast jeder aus der Gruppe habe eine Szene beigesteuert, berichten die Schüler, Stück für Stück sei so die Handlung gewachsen. Eine weitere Eigenheit sind die Gedichte, die im Laufe des Stücks rezitiert werden: von Eichendorff über Brecht bis hin zu einem afghanischen Liebesgedicht, eher gesungen als gesprochen.
Georg Stenger, einem der beiden Betreuer der AG, ist es wichtig, bei den Schülern die Liebe zur Lyrik zu wecken. / Beatrice Ehrlich, Badische Zeitung 12.7.
Schon von Zeitgenossen wurden die Vier Quartette als Rückschritt gegenüber der anarchischen Wucht des Waste Land betrachtet. Auch die Eliot-Übersetzerin Eva Hesse sprach von einem „Zurückfallen hinter die Errungenschaften der Moderne“; sie erkannte in den Quartetten eine Tendenz, alles Störende unter die „Gewalt“ eines „männlichen Logos“ zu zwingen. Als Beweis gilt ihr der Vers „The poetry does not matter“, der in ihrer Version lautet: „Auf die Poesie kommt’s nicht an.“
„Dass die Eva Hesse das als Offenbarungseid gelesen hat, daraus spricht doch eine gewisse Humorlosigkeit und ein erstaunlich undialektisches Lesen an dieser Stelle, denn wenn Eliot sagt: ‚The poetry does not matter’, macht es doch einen großen Unterschied, ob er das in einem Essay sagt oder in einem Gedicht. In einem Gedicht kann das ja gar nicht stimmen. Es ist sicherlich eine Verabschiedung von l’art pour l’art – das kann man schon so sehen. Aber das, worauf Eliot seit langem schon hinsteuerte, also auch in The Waste Land, das war ja schon ein Schritt in einer Art spiritueller Bewegung, einer Art Erkundung dessen, was ist da an religiöser Überlieferung: Woran kann ich mich halten? Es geht ihm schon um etwas, was im Gedicht aufscheinen kann. Und dass er nun, um sich an dieses Etwas heranzuarbeiten, eben das Gedicht wählt. Das zeigt natürlich schon, dass es auf die Poesie, auf die Dichtung sehr stark ankommt. [Nur,] ich habe dann übersetzt: ‚Was poetisch ist, tut nichts zur Sache.’ Das ist vielleicht ein bisschen frei, andererseits ein bisschen genauer an meinem Verständnis dessen, was Eliot bewegt, so einen natürlich als provokant zu verstehenden Satz zu sagen, eben: Leute, hört doch mal – was ist da gesagt, worauf weist die Dichtung? Dichtung eben nicht als eine rein selbstbezügliche Angelegenheit.“ / Dorothea Dieckmann, DLF
T.S. Eliot: „Vier Quartette / Four Quartets“, aus dem Englischen von Norbert Hummelt, Suhrkamp Verlag, 93 Seiten, 19.95 Euro
Der Berner Autor und Spoken-Word-Performer Guy Krneta hat Kurt Marti in seiner Schulzeit kennen gelernt und besucht den Dichter, der im Januar 95 Jahre alt wurde, seit Jahren regelmässig. Im Hörbuch «Rosa Loui» – eine Liveaufnahme eines im September 2014 in Bern aufgeführten Programms – rezitiert Krneta zwanzig Texte von Kurt Marti und «variiert» sie, schreibt sie fort, formt sie um zu etwasNeuem.
Er tue das «auf hinreissende Weise, mit Liebe und Empathie, Furor und Understatement», urteilte die «NZZ am Sonntag». Was die gesamte Spoken-Word-Szene, zu der teilweise auch Halters frühere Auftritte und Alben als Kutti MC gezählt werden können, Kurt Marti verdankt, hat Guy Krneta aus Anlass von Martis 95. Geburtstag in der «Berner Zeitung» in Erinnerung gerufen. Mundart könne alles ausdrücken, hielt Marti schon 1964 fest, auch Fremdwörter sollten nicht tabu sein, und es sei an der Zeit, auch in der Mundartdichtung literarische Techniken wie Expressionismus, Dadaismus, Surrealismus und konkrete Poesie anzuwenden. Damit habe Kurt Marti, so Krneta, der Literatur «viele Türen aufgemacht». / Helmut Dworschak, Landbote
Die Lyrikerin Ivette Vivien Kunkel (Jahrgang 1979) und der Lyriker Arnold Maxwill (Jahrgang 1984) erhalten 2016 den Förderpreis der Stadt Dortmund für junge Künstlerinnen und Künstler in der Sparte Literatur.
Der Preis wird seit dem Jahr 1978 im biennalen Rhythmus in wechselnden Kunstsparten verliehen und ist mit 7500 Euro dotiert. Die Jury unter dem Vorsitz von Bürgermeisterin Birgit Jörder entschied in ihrer Sitzung am Mittwoch, 6. Juli 2016, den Preis zwischen beiden Schriftstellern aufzuteilen. Verliehen wird er am Sonntag, 11. Dezember 2016, 11 Uhr im Rathaus.
Zur Jury gehörten die Schriftsteller Jörg Albrecht und Bettina Gundermann – beide ebenfalls ehemalige Förderpreisträger der Stadt – sowie Prof. Dr. Walter Grünzweig (Professor für amerikanische Literatur und Kultur an der TU Dortmund) und Schriftsteller Ralf Thenior, außerdem als Ratsvertreter Brigitte Thiel, Barbara Brunsing und Dr. Jürgen Eigenbrod. Der Jury lagen 15 Bewerbungen für den Förderpreis vor.
„Mit ,beizeiten’ hat Ivette Vivien Kunkel einen Gedichtband vorgelegt, der schmal an Seiten ist und umso reicher an Poesie. Die Mittel, die sie nutzt, kommen leicht daher, verschieben das Alltägliche manchmal nur um ein Mü – und schon ist es anschaulich und komplex zugleich. Für diese Lyrik, die präzise, mit feinem Ohr für den Fluss der Sprache arbeitet, erhält Ivette Vivien Kunkel den Förderpreis.“
Ivette Vivien Kunkels Lyrikband „beizeiten“ wurde 2015 im vorsatzverlag veröffentlicht. Sie gewann bereits mehrere Literaturpreise, darunter 2004 den Dortmunder LesArt-Preis für junge Autoren. Sie war Stipendiatin des 13. Klagenfurter Literaturkurses bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur und Stadtschreiberin der Stadt Otterndorf. Seit 2014 ist sie freie Mitarbeiterin im literaturhaus.dortmund.
„In seinen Gedichtzyklen zeigt sich Arnold Maxwill als ein Wanderer durch das Ruhrgebiet, der mit genauem Blick und großer Liebe zum Detail Landschaften zum Leben erweckt. Es sind dies nicht die ,schönen Gegenden’, denen seine Aufmerksamkeit gilt, sondern die trostlosen, vergessenen Orte, die Randbezirke, Ruderalflächen und terrains vagues. Mit der Genauigkeit seiner Schilderungen wird der Autor zum Schöpfer einer poetischen Heimatkunde.“
Arnold Maxwill studierte Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte in Wien und Münster. Er arbeitet als Lektor, Lyriker und Literaturwissenschaftler in Dortmund. Er veröffentlichte seine Gedichte in mehreren Gedichtbänden und war mehrfach Finalist beim internationalen Lyrik-Wettbewerb „Open Mike“ der Literaturwerkstatt Berlin. / Stadt Dortmund
Er hatte das Publikum auf mitunter beängstigende Weise in der Hand. In der Royal Albert Hall in London hat Ernst Jandl am 11. Juni 1965 mit ein paar Beatpoeten den Saal gerockt und dabei selbst Allen Ginsberg die Show gestohlen. Jandl donnerte seine „ode an N“ durch den Saal, ein Gedicht, das den Namen Napoleon auseinandernimmt und wieder zusammensetzt, eine Art Kriegsgetrommel, auf das das Auditorium begeistert eingestiegen ist, ein Höhepunkt der Londoner „Wholly Communion“, bevor Jandl wieder dorthin zurückkehrte, wo er sein Geld verdiente. Als Lehrer für Englisch an ein Wiener Gymnasium. / Paul Jandl, Die Welt
Ernst Jandl, „Werke in sechs Bänden“ (herausgegeben von Klaus Siblewski. Luchterhand, 3712 S., 99 €)
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