Zeitgenössische Sprachkultur zwischen Kalauer und Dichtung

Aus einem Beitrag von Felix Philipp Ingold, Neue Zürcher Zeitung 8.7.

Begriffe wie „Grexit“ oder „Brexit“, neuerdings auch schon „Frexit“, „Dexit“ und „Nexit“ sind als aktuelle Trendwörter in aller Mund – man hört sie als Kampfparolen bei Demonstrationen, man sieht sie dick ausgemalt auf Transparenten, sie gehören in der Alltagssprache wie auch in der Publizistik zu den meistgebrauchten Neologismen der jüngsten Zeit, und dies keineswegs bloss im Deutschen.

Die hybriden Neubildungen zeichnen sich nicht zuletzt dadurch aus, dass sie gleichzeitig in mehrere Nationalsprachen eingegangen sind: Ob deutsch, dänisch oder russisch – sie werden überall in fast identischer Aussprache und stets in gleicher Bedeutung verwendet. (…)

Dass das hintersinnige Wortspiel in der zeitgenössischen Werbetechnik weithin auf höchstem Niveau praktiziert wird, ist vielfach belegt und kann von jedermann in vielen Bereichen der Alltagswelt mitvollzogen werden: Produktwerbung, Eventprogramme, Medientitel, Rubrikbezeichnungen, Werknamen, Textüberschriften, Schlagzeilen bieten dafür eine Fülle von Beispielmaterial. Ausser mit Gleichklang und Kontamination wird mit Wortzerstückelung operiert, mit der Umstellung von Buchstaben oder Silben, mit Alliterationen und Reimen, zunehmend auch mit der Vermengung von nationalsprachlichen und fremdsprachigen Elementen vorwiegend englischer, lateinischer, altgriechischer Herkunft. Exemplarisch sind Einzelbegriffe, Sachbezeichnungen, Slogans oder Werktitel wie „Inwastement“ (für Investment), „Quizzenswert“ (für wissenswert), „Sexpertin“ (für Sexexpertin), „Shakespeak“ (App für Shakespeare-Zitate), „Crowd und Rügen“ (für Kraut und Rüben), „Gnomeo und Julia“ (Computerspiel), „Baron Trumphausen“ (für Lügenbaron Münchhausen, über Donald Trump), „Wir sind eins“ (d. i. ARD 1), „Ei love Ostern“ (TV-Sendung, Ei ist lautidentisch mit engl. „I“, ich), „Joints are a Gift for Young People“ (deutscher Buchtitel, Gleichklang und Bedeutungsgegensatz von engl. „gift“, Gabe, und deutsch „Gift“). Usw.

Dass selbst die seriöse Publizistik das amüsante Sprachspiel pflegt, wo es eigentlich bloss um objektive Informationsvermittlung ginge, ist heute ebenfalls eine alltägliche Lektüreerfahrung. Für Leser dieses Blatts sei darauf hingewiesen, dass die NZZ regelmässig mit mehr oder minder ausgeklügelten Sprachspielen auf Inhalte unterschiedlichster Art abhebt. Davon zeugen jüngste Texttitel wie „Die Schlachten der Schlichten“, „Mann für alle Felle“, „Wer Kayne, der kann“, „Von Krankfurt nach Mainhattan“, „Die Nackten und die Quoten“, „Namen nenne man“ (Palindrom) u.a. – Nennenswert sind im übrigen einige wiederkehrende Kolumnentitel, darunter „In jeder Beziehung“ (über Beziehungsprobleme, die in jeder Beziehung, d.h. in jeder Hinsicht von Belang sind); „Alles, was Recht ist“ (aktuelle Rechtsfragen, über die zu reden recht und billig ist); „Laut und Luise“ (für laut und leise, mit Anspielung auf Ernst Jandls gleichlautenden Werktitel); und besonders ingeniös: „In medias ras“ – Titel einer Medienkolumne, mit Anspielung auf die lateinische Redewendung „in medias res“, wobei der vermeintliche Druckfehler („ras“ für res) das Kürzel des Verfassers (Rainer Stadler) und damit eine verkappte Signatur ergibt.

Die hier nur unzureichend dokumentierten Verfahren wortspielerischer Techniken, die für weite Bereiche der heutigen internationalen Sprachkultur charakteristisch, wenn nicht prägend geworden sind, gehörten ursprünglich dem Bereich der Poesie an. Für die Gebrauchssprache und auch für die konventionelle Erzählliteratur hatten sie keine merkliche Relevanz. Fast ist man versucht, von „gesunkenem Kulturgut“ zu reden, wenn man feststellt, mit welcher Selbstverständlichkeit heutzutage auch in durchaus kunstfernen Zusammenhängen höchst anspruchsvolle dichterische Verfahren brillant gehandhabt werden, während gleichzeitig – selbst bei der professionellen Literaturkritik – die Bereitschaft abnimmt, sich des angeblich „schwierigen“ Genres der Lyrik anzunehmen.

Die Tatsache, dass komplexe Werbetexte und Wortwitze problemlos verstanden werden, Gedichte jedoch mehrheitlich als hermetisch, selbstbezüglich und uncool gelten, hat einen ganz einfachen Grund: Die Kalauereien der Werbung wie der politischen Rhetorik und generell der Spassgesellschaft unterstehen einer vorbestimmten Intention und sind immer nur auf eine, ebenfalls vorbestimmte Bedeutung angelegt, derweil die Dichtung (und vorab die starke, die „schwierige“ Dichtung) stets mehrere Lesarten zulässt, dabei aber den Leser in die Pflicht nimmt, ihn zu produktivem Verstehen und damit zu eigener Sinnbildung herausfordert. Das zielgerichtete Wortspiel, das seine Bedeutung, wenn nicht gar seinen Zweck unverkennbar herausstellt, erfüllt eine Funktion, macht aber keinen Sinn.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: