Poetopie

nicht nur nach Frankfurt am Mainstream – wohin drängt uns die Masse der Medien?

Hansjürgen Bulkowski

Un-Mutterland

Mohammad Ebrahim Rahimi packt die Sehnsucht nach seinen Lieben in Gedichtzeilen. Aber nicht nur diese. Seine langjährige Auseinandersetzung mit Themen wie Gott, Religion, Satan, Mensch, Geist und nicht zuletzt Regierungen, die offene geistige Auseinandersetzung unterbinden, verbieten, Menschen dafür einsperren und sogar töten schreibt er ebenfalls poetisch nieder. Auch ihm wurde mit Tötung gedroht und die Firma in der er arbeitete in Brand gesteckt. In manchmal fast zu schön klingenden Zeilen – auf Persisch. Seit zehn Monaten lebt er in Österreich in einer Flüchtlingsunterkunft in der Donaustädter Polgarstraße – mit rund 80 Mitbewohnern. Der Deutschkurs allein zeichnet bei weitem nicht für seine Sprachkenntnisse verantwortlich. „Oft schau und such ich im Internet nach Worten, wenn ich versuche, meine Gedichte zu übersetzen. Und noch mehr lerne ich, wenn ich mit Menschen spreche und sie nach der Bedeutung einzelne Wörter frage“, erzählt der junge Mann dem Kinder-KURIER. Sein Gedicht Unvaterland reichte er beim Bewerb „Enjoy.Austria“ ein, am Montag, 5. September wird er einige Zeilen daraus in der Mittags-Zeit-im-Bild vor der Hofburg vorlesen.

„Bei uns im Persischen sagen wir übrigens manchmal Vater- und manchmal Mutterland. Ich hab das Gedicht für den Bewerb ja auf Persisch geschrieben Und da hab ich es „Sarzamine gheyre Madari“ genannt – Un-Mutterland. Wir verwenden das gleichwertig, einmal so, einmal anders mit „Pedari“ (Vater).“ / Kurier

Poetic Artifice

The death of Veronica Forrest-Thomson in 1975, aged just 27, is among the most galling and tragic losses to modern British poetry. Born in Malaya and raised in Glasgow, she published a first poetry collection at 20 and gravitated to Cambridge, where she was taught by JH Prynne. Heavily influenced by the close reading tradition of IA Richards and William Empson, her criticism also drew on French structuralist and poststructuralist theory, then much in the air.

Published posthumously in 1978 and now reprinted for the first time, her classic study Poetic Artifice marked a provocative intervention. There is a widespread and mistaken assumption, Forrest-Thomson argues, that poetry is important for what it tells us about the external world. Not so: poetry is important for its vindication of “all the rhythmic, phonetic, verbal and logical devices” that make it what it is, and the production of “alternative imaginary orders”. Anything else is flim-flam. It is not the job of poetry to deliver states of “inarticulate rapture”, but to be the articulation of that rapture.

Contemporary poetry is full of writers convinced they have access to “reality in its unmediated state”, under a process Forrest-Thomas calls “naturalisation”. Philip Larkin’s “Mr Bleaney” is “almost embarrassingly lucid”, and the thought that it represents the work of an “important poet” is “without foundation”. Ted Hughes fares no better, desiring to be mysterious “without letting it affect his technique”. We have naturalisation to thank for Larkin and Hughes being famous, and for Prynne and Andrew Crozier languishing where they do. / David Wheatley, The Guardian

Poetic Artifice is published by Shearsman (£16.95).

Aufzeichnungen aus dem Abseits

Felix Philipp Ingold zu seiner Neuübersetzung von Fjodor Dostojewskijs „Aufzeichnungen aus dem Abseits“ (Dörlemann Verlag, Zürich 2016).

Im Unterschied zu früheren Eindeutschungen wurde vorrangig auf die sprachliche beziehungsweise stilistische Eigenart der „Aufzeichnungen“ geachtet, um der ungewöhnlichen Rhetorik des Erzählers optimal gerecht zu werden. Dazu gehört nicht nur die Ausdifferenzierung gesprochener und geschriebener, eigener und fremder sowie direkter und indirekter Rede, sondern auch die Wiedergabe der zwischen krudem Alltagsjargon, hochtrabender Intellektualität und hysterischer Selbstanklage ständig schwankenden stilistischen Register. Syntax und Rhythmus sollten mit all ihren Irregularitäten ‒ Defekten, Flüchtigkeiten, gewollten (oder auch ungewollten) Bruchstellen und Wiederholungen – möglichst authentisch erhalten werden. Auch die relative Unschärfe beziehungsweise die uneinheitliche Verwendung zentraler Begriffe in den Bedeutungsbereichen Verstand/Vernunft und Bewusstsein/Wahrnehmung/Erkenntnis wurden beibehalten. Übernommen wurden ausserdem die Besonderheiten von Dostojewskijs Interpunktion, die für die Akzentuierung und Rhythmisierung der polyphonen Rede bestimmend ist.

Im Deutschen kennt man den Text bisher mehrheitlich als „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ oder „Aufzeichnungen aus dem Untergrund“. Die erste Übersetzung erschien 1897 unter dem willkürlich abgeänderten Titel „Aus dem Dunkel der Grossstadt“ (Aufzeichnungen eines Paradoxen) und 1923 folgte, fast ebenso willkürlich, „Die Stimme aus dem Untergrund“ (Aus den Papieren eines Untergrundmenschen). Mit den „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ lag allerdings schon früher – im Rahmen der populären Piperschen Werkausgabe (1906-1919) ‒ eine Titelfassung vor, die nachmals für weitere deutsche Übersetzungen verwendet und entsprechend häufig zitiert wurde. In der umfangreichen Sekundärliteratur zu Dostojewskij hat sich keine klare Präferenz herausgebildet – „Kellerloch“ und „Untergrund“ sind noch heute gleichermassen akzeptiert, ebenso die Bezeichnung des anonymen Ich-Erzählers als „Kellerlochmensch“ beziehungsweise „Untergrundmensch“.

Wenn hier nun mit den „Aufzeichnungen aus dem Abseits“ ein neuer, bisher nicht verwendeter Titel eingeführt wird, ist dies begriffskritisch wie folgt zu erklären und zu rechtfertigen. Wohl bezeichnet das Wort podpol’e eine Örtlichkeit, die „unter“ (pod) dem „Boden“ (pol) gelegen ist, doch ist der Begriff im Russischen durchweg politisch konnotiert, steht also generell für einen geheimen, einen versteckten Ort, der – wie im Deutschen – „Untergrund“ genannt wird und an dem sich in aller Regel nicht Einzelpersonen, sondern „untergetauchte“ Kampf- oder Diskussionsgruppen zusammenfinden; das davon abgeleitete Eigenschaftswort (podpol’nyj) bedeutet denn auch nichts anderes als „illegal“ (vorab „anarchistisch“, „revolutionär“) oder ganz einfach „verboten“.

Als „Untergrund“ lässt sich der Aufenthaltsort von Dostojewskijs Ich-Erzähler also nicht bezeichnen. Denn dieser haust – völlig legal ‒ in einer schäbigen Mietwohnung am Stadtrand Petersburgs und hat mit der dissidenten oder kriminellen Szene nichts zu schaffen. Auch liegt seine Wohnung (wie aus dem Text hervorgeht) keineswegs „unter dem Boden“, also im Soussol oder Kellergeschoss, vielmehr scheint es sich um das Hochparterre zu handeln, so dass von „Kellerloch“ keine Rede sein kann. Es ist kaum nachvollziehbar, dass und weshalb der Protagonist, der als Kanzleibeamter und Uniformträger einen eigenen Hausdiener beschäftigt, in den meisten bisherigen Übersetzungen und Analysen der „Aufzeichnungen“ in einem unterirdischen Verlies verortet wird – er richtet sich nicht in einer Unterwelt ein, um mit Gleichgesinnten eine wie immer geartete, auf gesellschaftspolitischen Wandel angelegte Opposition zu bilden, vielmehr vertritt und rechtfertigt er eine radikal egozentrische Gegenwelt, die jeglicher System- und Normbildung, jeglichem common sense, jeder Konvention und jedem Kompromiss abgeneigt ist.

„Untergrund“ und „Kellerloch“ sollen in dieser Neuausgabe der „Aufzeichnungen“ durch den allgemeiner geltenden Begriff des Abseits ersetzt werden. Es handelt sich dabei um einen selbstgewählten abgelegenen Aufenthaltsort, einen Ort des Rückzugs wie auch der Selbstbesinnung, der bei seinem Bewohner gleichermassen soziale Distanzierung (oder Inkompetenz) und individuelle Überheblichkeit vermuten lässt. Der Erzähler wird damit von falschen politischen Konnotationen befreit, er ist kein regimefeindlicher Verschwörer oder Untergrundkämpfer, sondern ein ebenso konsequenter wie exzentrischer Einzelgänger, ein Querdenker und Provokateur, man könnte auch sagen – ein typischer, nirgendwo behauster Intellektueller, der (wie er selbst eingesteht) unentwegt „spricht und spricht und spricht“, sich aber zu keinerlei produktiver Tätigkeit von gesellschaftlichem oder wirtschaftlichem Nutzen aufraffen kann. Die „Aufzeichnungen aus dem Abseits“ sind das beredte, noch heute gültige Zeugnis dafür.

Leseecke 18

FullSizeRenderLeseecke ist eine Rubrik, die sich der Veröffentlichung aller 154 Sonette Shakespeares in Günter Plessows Übersetzung und dem Originaltext (bei Signaturen) anschließt und hier Leseecke und Forum zur Diskussion über die Sonette und / oder Übersetzungen sein kann. Jedenfalls ich werde an 154 Tagen (mit Zwischenraum, um durchzuschaun) mir jeweils eins der Sonette vornehmen und hier den Originaltext und zusätzliches Material anbieten. Einladung zum Pendeln von Shakespeare zu Plessow und zurück (wenns sein muß auf Umwegen über Schlegel/Tieck, Bodenstedt, George, Kraus & Co). (Die Zahl neben dem Wort Leseecke ist die Nummer des Shakespearesonetts). Zur Originalschreibweise: u / v und i / j sind fast regellos austauschbar, liue lies live, ioy lies joy.
Sonette 15-21 bei Signaturen hier
Bisherige Folgen der Leseecke hier.

18

SHall I compare thee to a Summers day?
Thou art more louely and more temperate:
Rough windes do shake the darling buds of Maie,
And Sommers lease hath all too short a date:
Sometime too hot the eye of heauen shines,
And often is his gold complexion dimm’d,
And euery faire from faire some-time declines,
By chance, or natures changing course vntrim’d:
But thy eternall Sommer shall not fade,
Nor loose possession of that faire thou ow’st,
Nor shall death brag thou wandr'st in his shade,
When in eternall lines to time thou grow’st,
   So long as men can breath or eyes can see,
   So long liues this, and this giues life to thee,

Einige Anmerkungen zum Text:

temperate a) mild, ausgeglichen b) lauwarm, nicht zu heiß und nicht zu kalt

3 Rough rauh

4 lease Pachtzeit, Ablaufdatum date Dauer

eye of heauen Himmelsauge, Sonne

6 complexion a) Gesicht, Antlitz b) Farbe, Aussehen

7 faire from … declines jedes Schöne verliert einmal seine Schönheit

vntrim’d der Schönheit (trimness) beraubt

10 ow’st ownest (besitzt) die Zeile bedeutet also „noch wirst du die Kontrolle über die Schönheit die dir eigen ist, verlieren“

11 brag prahlen wandr’st in his shade Anspielung auf Psalm 23, 4: „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.“ (King James Bible: Yea, though I walk through the valley of the shadow of death, I will fear no evil: for thou art with me; thy rod and thy staff they comfort me.)

12 eternall lines a) haltbare Verse b) Abstammungslinien. Die Lobverse und die Nachkommenschaft zusammengewachsen. to time thou grow’st du wächst zu einem lebendigen Teil der Zeit heran.

14 this dieses Sonett

Deutsche Fassung von Stefan George:

Soll ich vergleichen einem sommertage
Dich der du lieblicher und milder bist?
Des maien teure knospen drehn im schlage
Des sturms und allzukurz ist sommers frist.

Des himmels aug scheint manchmal bis zum brennen ˙
Trägt goldne farbe die sich oft verliert ˙
Jed schön will sich vom schönen manchmal trennen
Durch zufall oder wechsels lauf entziert.

Doch soll dein ewiger sommer nie ermatten:
Dein schönes sei vor dem verlust gefeit.
Nie prahle Tod – du gingst in seinem schatten..
In ewigen reimen ragst du in die zeit.

Solang als menschen atmen ˙ augen sehn
Wird dies und du der darin lebt bestehn.

Rumäniendeutsche und Nationalsozialismus

Neu: Spiegelungen. Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas
Heft 1/2016, Jg. 11 (65), Verlag Friedrich Pustet, Regensburg
17,00 EUR

Der wissenschaftliche Schwerpunktteil dieser Ausgabe verhandelt und perspektiviert das Thema „Rumäniendeutsche und Nationalsozialismus“. In den zugehörigen Beiträgen wird das bislang häufig umgangene Forschungsgebiet theoriebasiert kartiert und anhand von Fallbeispielen beleuchtet. Im Ressort Literatur sind mit Franz Hodjak, István Kemény oder Tom Schulz namhafte Lyriker mit bislang unveröffentlichten Texten vertreten. Zweisprachig abgedruckt sind Lyrik- und Prosa-Übertragungen von Orsolya Kalász und Monika Rinck aus dem Ungarischen. Die Faszinosa der Raum- und Sprachvernetzung setzen sich im Kulturteil der Spiegelungen fort: Betrachtungen richten sich auf bildende Kunst, Musikleben, Theaterlandschaft und Aspekte der Kulturpolitik im Donau-Karpaten-Raum – etwa in einem ausführlichen Interview mit dem Bildhauer Ingo Glass oder einem Widmungsgedicht von Eugen Gomringer.

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Aus dem Inhalt

Wissenschaftlicher Themenschwerpunkt: Timo Hagen: Die Führung der Evangelischen Landeskirche A. B. in Rumänien im Umgang mit Opposition und völkischem Gedankengut zwischen 1919 und der Etablierung des Nationalsozialismus 1933 / Ulrich A. Wien: Kirche und Politik im Verständnis der Bischöfe Viktor Glondys und Wilhelm Staedel / Dirk Schuster: Siebenbürgen im überregionalen Kontext. Thesen für einen Paradigmenwechsel – am Beispiel der Evangelischen Landeskirche A. B. in Rumänien für die Zeit des Nationalsozialismus / Hannelore Baier: Dubiose Konkurrenz: Arisierung versus Rumänisierung in der Zeit des Antonescu-Regimes / Corneliu Pintilescu: NS-Propaganda in der siebenbürgisch-sächsischen landwirtschaftlichen Presse. Fallstudie: Landwirtschaftliche Blätter

Quellen / Projektwerkstatt / Rezensionen / Berichte

Literarische Texte: Lyrik von Franz Hodjak, Kristiane Kondrat, Horst Samson, Tom Schulz, Orsolya Kalász, István Kemény, Katalin Ladik und Mário Z. Nemes / Prosa von Janos Háy und Tom Schulz / Illustrationen von Annemarie Otten

Kultur: Eugen Gomringer: ingo glass (Gedicht) / Borbála Cseh: Der Bildhauer Ingo Glass / Georg Aescht: Peter Motzan zum Siebzigsten / David Denk: Wilhelm Droste hat mich bekehrt / Franz Csiky: Bretter, die die Zeit bedeuten / Horst Samson: Das Ende vom Lied / Claudia Maria Riehl: Schaufenster „Enkelgeneration“ / Besprechungen / Rundschau / Aus dem IKGS

Herausgegeben von Florian Kührer-Wielach unter Mitwirkung von Juliane Brandt, Enikő Dácz und Angela Ilić im Auftrag des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Redaktion: Georg Aescht (Ressortleitung Literatur), Juliane Brandt, Enikő Dácz (Ressortleitung Wissenschaft), Sarah Hummler, Angela Ilić, Florian Kührer-Wielach (verantwortlicher Redakteur und Ressortleitung Kultur), Doris Roth (Besprechungen), Joachim Schneider, Anton Sterbling.

Queneaus Stilübungen neu übersetzt

Der Schriftsteller und Surrealist Raymond Queneau ließ in seinen „Stilübungen“ hundert Mal dieselbe Szene in der Metro stattfinden – als Haiku, Ode, Schauerroman. Das Werk ist jetzt neu übersetzt worden. (…)

Queneau, der späte Surrealist und erklärte „Pataphysiker“ (im Geist des Frühabsurden Alfred Jarry), der hauptberuflich im Pariser Gallimard Verlag für die große lexikalische Encyclopédie de la Pléiade die Bände zur Weltgeschichte der Literatur verantwortet hat, er ist nun durch eine ambitionierte Neuübersetzung wiederzuentdecken. Was in Helmlés erster Version der „Stilübungen“ mit dem Titelzusatz „Autobus S“ im Jahr 1961 noch eine gerade 165-seitige Broschur im Taschenbuchformat war, ist nun zu einem schmalen, doch ausgewachsenen Hardcover-Bändchen geworden … / Peter von Becker, Tagesspiegel

Raymond Queneau „Stilübungen“. (Erweitert und neu übersetzt von Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel, Suhrkamp Verlag, Berlin, 215 Seiten, 22 €).

DDR-Ausgabe der Übersetzung von Ludwig Harig / Eugen Helmlé in der legendären Spektrum-Reihe (1983)
DDR-Ausgabe der Übersetzung von Ludwig Harig / Eugen Helmlé in der legendären Spektrum-Reihe (1983)

Poet in Residence – das Lyrik-Stipendium in Dresden

Die Jury hat getagt:

Andra Schwarz, Sylvia Geist und Thomas Kunst
sind die Favoriten für den „poet in residence 2017“
und stellen sich am

05.11.2016 um 19 Uhr
im KulturHaus Loschwitz

dem Publikum zur Wahl!

Ägypten: Superdichter verknastet

Im Jahr 2011 wurden auf dem Tahrir-Platz in Kairo Gedichte gesungen. Poesie war der Soundtrack der Revolution. (…)

Gibt es in der westlichen Hemisphäre Superstarwettbewerbe für singende Sternschnüppchen, so sucht Ägypten den Superdichter. Der 1978 geborene Omar Hazek war Bibliothekar in Alexandria, gewann den Fernsehwettbewerb Prince of Poets, nahm 2013 friedlich an einer Demonstration teil, wurde verhaftet, saß zwei Jahre in Haft. / Alexander Kluy, Der Standard

Thilo Guschas / Helgard Haug, „Munition Gedicht“. € 12,50 / 53 min. Hörspielpark, Berlin 2016. Ein Feature mit Omar Hazek über Gedichte als Waffe und Munition 

Omar Hazek in L&Poe

Ramon Llull starb vor 700 Jahren

Die Vertretung der Regierung von Katalonien in Deutschland teilt über ihre Facebookseite mit:

Ramon Llull, der Meister der katalanischen Sprache, starb 1316, also vor 700 Jahren. Dieses Jubiläum wird derzeit von der Katalanisch sprechenden Welt, die neben Katalonien auch Valencia und die Balearen umfasst, ausgiebig gefeiert.

und verlinkt einen Artikel der Süddeutschen Zeitung vom 29.8. von Reinhard J. Brembeck. Auszug:

Die Legende, die ja immer der Wirklichkeit überlegen ist, berichtet, dass der 84-Jährige bei seinem dritten Aufenthalt in Tunis die Muslime mit seinen christlichen Predigten derart aufgebracht habe, dass sie ihn zuerst gesteinigt und den Halbtoten dann ins Gefängnis geworfen haben. Auf der Rückfahrt nach Mallorca sei Ramón Llull dann beim Anblick seiner geliebten Heimatinsel gestorben.

Das war 1316, also vor 700 Jahren. Dieses Jubiläum wird derzeit von der Katalanisch sprechenden Welt, die neben Katalonien auch Valencia und die Balearen umfasst, ausgiebig gefeiert. Die Universität von Barcelona hat unter http://quisestlullus.narpan.net/de/index_de.html ein ergiebiges Llull-Dossier auf Deutsch ins Netz gestellt. Schließlich ist Llull der erste bedeutende und noch immer gelesene Autor der katalanischen Literatur.

Allerdings sind die meisten seiner über 260 Titel nur auf Latein überliefert, einer Sprache, die Llull im Gegensatz zum Katalanischen und Arabischen nicht besonders gut beherrschte. Die katalanisch überlieferten Romane „Blanquerna“ und „Felix“, das „Buch vom Heiden und den drei Weisen“ und das autobiografische Großgedicht „Desconhort“ (Trostlosigkeit) zeigen, dass er vor allem auch ein Volksschriftsteller war, der seine gelehrten Thesen sehr anschaulich für Laien formulieren konnte. Das gelang Llull auch deshalb so brillant, weil er in seiner Jugend als ganz dem Vergnügen ergebener Höfling eine Reihe von Liebesgedichten in der Trobador-Tradition verfasste und eben nicht nur nüchtern logisch dachte, sondern gern auch mystisch schwärmte.

Der Prachtband liest sich wie ein Comic und spart Steinigung und Gefängnis nicht aus. So in dem aus 366 kurzen Gedichten bestehenden „Buch vom Liebenden und Geliebten“, dem Schlussteil des „Blanquerna“. Dieses hinreißende Lyrik-Anthologie, die für jeden Tag des Jahres ein Gedicht bietet, kann sich mühelos behaupten neben den großen Klassikern der mystischen Literatur, dem fast zeitgleich entstanden „Übersetzer der Sehnsüchte“ von Ibn Arabî, den Ghaselen des Hafis oder dem „Cántico espiritual“ von San Juan de la Cruz.

Aus einem Artikel der Mallorcazeitung vom Beginn des Ramon-Llull-Jahres im Herbst 2015:

Neben den theologischen Debatten beschäftigte sich Llull in seinen knapp 280 Büchern auch mit anderen Aspekten des Lebens, wie der Astronomie, der Physik, der Mathematik oder der Pädagogik. Und er schrieb auch Romane. „Blanquerna“ hebt der Historiker Blanco nicht zufällig hervor. „Auf literarischer Ebene ist es kaum mit anderen Werken seiner Zeit zu vergleichen. Neben den narrativen enthält es etwa auch viele mystische Element. Es ist ein erzählerisches Meisterwerk.“

Dass Ramon Llull das Buch auf Katalanisch schrieb, verrate viel darüber, wen er damit erreichen wollte. Neben seiner Muttersprache schrieb der Gelehrte auch auf Latein und Arabisch. „Latein benutze er immer dann, wenn sich das Buch an kirchliche oder staatliche Autoritäten wandte. Katalanisch und Arabisch verwendete er bei seinen populäreren Schriften.“ Der arabische Teil seines Werkes sei noch recht wenig erforscht. „Aber die Kenntnis der arabischen Sprache war ein wichtiges Element, um seine Debatten mit den Muslimen in Nordafrika führen zu können.“

Migration der Kulturen

Weimar. Der nigerianische Fotograf Akinbode Akinbiyi, der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch und der georgische Museumsdirektor David Lordkipanidze sind die diesjährigen Preisträger der Goethe-Medaillen.

Die Auszeichnung wurde am Sonntag in Weimar verliehen – am 267. Geburtstag von Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832). In diesem Jahr stand die Vergabe der offiziellen Ehrenzeichen der Bundesrepublik unter dem Thema „Migration der Kulturen”. / Frankfurter Neue Presse

Die Deutsche Welle sprach mit Juri Andruchowytsch:

DW: Herr Andruchowytsch, Sie waren vor zwei Jahren unter den Demonstranten, die damals auf dem Maidan für eine Annäherung an die Europäische Union demonstriert haben. Wenn Sie heute an diese Zeit zurückdenken und daran, wie es heute in der Ukraine aussieht, was denken Sie? Ist das ein Gefühl von Stolz oder eher Enttäuschung?

Juri Andruchowytsch: Für mich persönlich ist es eher das Erste. Ich bedaure meine Teilnahme nicht, weder für diesen ganzen politischen Prozess, noch für diese Zeit. Das war eine Revolution der Würde. Und das war vor allem ein Zeichen, dass die Werte, die als Basis der Europäischen Gemeinschaft bereit gestellt wurden, immer noch lebendig sind. Diese Werte können sogar so stark wirken, dass sie Millionen von Leuten für eine gemeinsame, bürgerliche Bewegung mobilisieren.

Gleichzeitig lief das in der Ukraine mit viel Humor und Ironie ab. Das alles ist unvergesslich. Und sollte ich noch einmal in meinem Leben einen Roman schreiben, dann sollte dieser Roman vor allem darüber erzählen. Ich träume ständig davon, kann aber nicht damit anfangen.

Gestorben

Max Ritvo, ein Dichter, der seinen langen Kampf mit dem Krebs in zugleich humoristischen und brennenden Texten festhielt, starb am vergangenen Dienstag im Alter von 25. Als er 16 war, wurde bei ihm Ewings Sarkom diagnostiziert, eine seltene Krebserkrankung, die Kinder und junge Erwachsene befällt. Eine Behandlung schlug zunächst an und gestattete ihm, an der Yale-Universität zu studieren, u.a. bei der Dichterin Louise Glück. Sein erster Gedichtband soll in diesem Herbst erscheinen. / NPR

Shahid Qadri, einer der bedeutendsten Dichter der Bangladeschischen Literatur, starb in einem New Yorker Krankenhaus im Alter von 74 Jahren. Er gehörte der Post-1947-Strömung der Poesie im damaligen Ostpakistan, die Urbanismus und Moderne einführte. 2011 erhielt er den Ekushey Padak, den höchsten nationalen Preis des Landes. Nach Erscheinen seines dritten Buchs Kothao Kono Krondon Nei (Keine Tränen nirgends) hörte er auf zu schreiben und ging nach London, dann nach Deutschland und schließlich in die USA. / Dhaka Tribune

 

Poetopie

federleicht fliegen die Finger über die Tastatur – fester umgreifen sie die Hand der Freundin

Hansjürgen Bulkowski

Die älteste Bibliothek der Welt

(…) die Überreste der legendären Bibliothek von Ninive: 32000 Tontafeln, die älteste erhaltene Textsammlung der Welt und die weitaus größte ihrer Zeit. Zusammentragen ließ sie der assyrische König Assurbanipal, der von 669 bis 631/627 vor Christus das erste Imperium der Menschheitsgeschichte führte.

Jahrelang ist die Bibliothek mit großem Aufwand digitalisiert worden. Jetzt haben Experten um Jon Taylor, dem Kurator dieser Keilschriftsammlung am British Museum, die letzten Tontafeln hochauflösend gescannt und damit ihr Mammutprojekt abgeschlossen. Die 2700 Jahre alten Dokumente geben nicht nur einen Einblick in den Alltag des ersten Weltreichs der Menschheitsgeschichte. Sie zeugen auch von einer großen Idee: Erstmals erkannte ein Herrscher, dass Wissen die Macht sichern und vergrößern kann.

Seine große Bibliothek ließ König Assurbanipal im Nordwestteil seines Palasts anlegen, sie war gefüllt mit staatlichen Dokumenten, Literatur, juristischen und wissenschaftlichen Texten. Medizinische Schriften finden sich genauso darin wie Beschreibungen seltsamer Orakel, uralte Gesetzestexte oder das Gilgamesch-Epos, eines der frühesten Werke der Weltliteratur. Dabei gab es viele Texte in mehrfacher Ausführung zum Ausleihen.

(…) „Der König wollte alles verfügbare Wissen haben. Und er hat alles gelesen. Wirklich alles. Denn er wusste: Wissen ist Macht.“ (…) Der König selbst konnte schreiben. An seinem Hof lernten sogar die Mädchen, Keilschrifttexte zu verfassen, was damals ungewöhnlich war.

(…) Assurbanipal selbst zog gegen Ende seiner Regentschaft ein persönliches Resümee: „Die Zeichen des Himmels und der Erde sind mir vertraut“, schrieb er. „Ich kann die Leber, die ein Spiegel des Himmels ist, zusammen mit anderen fähigen Experten erörtern. Ich bin in der Lage, komplizierte mathematische Probleme zu lösen, die zuvor nicht verstanden wurden.“ / Hubert Filser, Süddeutsche Zeitung 27.8.

Seite des British Museum

Da ward mir so eigen zumuthe, ich mußte dichten … eine Hymne

Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798–1874) schrieb auch Texte für Kinder: „Kuckuck, Kuckuck, rufts aus dem Wald“, „Morgen kommt der Weihnachtsmann“ und „Summ, summ, summ“. Als seine Freunde die Insel [Helgoland] im August 1841 verlassen hatten, fühlte er sich „sehr verwaist“. In den Erinnerungen heißt es: „Wenn ich dann so einsam wandelte auf der Klippe, nichts als Meer und Himmel um mich sah, da ward mir so eigen zumuthe, ich musste dichten und wenn ich es auch nicht gewollt hätte. So entstand am 26. August das Lied: ,Deutschland, Deutschland über alles‘.“ / Edgar S. Hasse, Hamburger Abendblatt

Das Thema bei L&Poe