Die Kunst des Fortschreibens

Unter dem Titel „Fortschrift“ (Ein Gedicht in fünfzehn Würfen) legt Felix Philipp Ingold beim Ritter Verlag Literatur (Klagenfurt/Wien) einen Text vor, der als Überschreibung und Fortschreibung von Stéphane Mallarmés typographischem Poem „Niemals wird ein Würfelwurf den Zufall tilgen“ konzipiert ist. In einem dem Buch beigegebenen Begleittext schreibt Magnus Wieland dazu:

Felix Philipp Ingold nennt das vorliegende Werk „Fortschrift“. Der Titel stammt zwar vom Autor selbst, er deutet aber zugleich an, dass sich das Werk auf einen bereits bestehenden Prätext bezieht, von dem aus fortgeschrieben wird. Der Untertitel „Ein Gedicht in fünfzehn Würfen“ verrät für den Kenner auch unschwer, was der Autor einleitend ohnehin offen legt: die Grundlage bildet Stéphane Mallarmés epochales, erstmals 1897 in der Zeitschrift Cosmopolis erschienenes Gedicht „Un Coup de Dés jamais n’abolira le hasard“ , das wohl als eines der einflussreichsten Werke der literarischen Moderne gelten darf.

Zahlreiche Künstler und Schriftsteller haben sich von Mallarmé inspirieren lassen und sein Gedicht mehr oder weniger offensiv angeeignet. Ein Grund für diese hohe Dichte an künstlerischen und literarischen Appropriationen liegt in der offenen Anlage von Mallarmés Gedicht selbst, das eine solche Weiterbearbeitung nachgerade herausfordert. Zumindest argumentiert Ingold in diese Richtung, wenn er einleitend darauf verweist, dass Mallarmé seinen „Würfelwurf“ bloss als Fragment verstanden habe, das er zu einer „grossen typographischen und kosmogonischen Dichtung“ ausweiten wollte, die alle Sinne umfasst. Mallarmés Gedicht ist kein statisches Gebilde, sondern ist wie der Kosmos in einer fortwährenden Expansion begriffen. […]

Die Lesbarkeit des Textes soll durch die „Fortschrift“ weder verringert noch verunmöglicht werden, stattdessen geht es Ingold darum, durch eine kompositorische Erweiterung des Originals einen permanenten Sinnzugewinn zu erzielen, indem das bereits von Mallarmé praktizierte Prinzip von „Hauptmotiv“ und „prismatischen Unterteilungen“ konsequent weitergeführt wird. Aus dem Original erwachsen durch dieses Prinzip weitere An- und Untergliederungen, die Ursprungszeilen des Gedichts erfahren sukzessive eine spektrale Auffächerung in semantischer wie typographischer Hinsicht. Denn ebenso frei wie mit dem Text geht Ingold mit dem Arrangement des Originals um. Zwar operiert er wie Mallarmé mit verschiedenen Schriftgrössen und -arten, setzt dabei aber eigene Akzente, und schafft damit neue Konstellationen, die zwar in konzeptueller Hinsicht dem Original folgen, dabei aber formal eine durchaus andere Gestalt annehmen. Darin unterscheidet sich Ingolds Aneignungspoetik von den Buchappropriationen im engeren Sinn, die besonderen Wert auf eine möglichst identische (typo-)graphisch-imitatorische Reproduktion des Originals bei gleichzeitiger materieller Manipulation oder Deformation des Textes legen. Ingolds Fortschrift ist deshalb eher eine kompositorische Nachahmung im Geiste Mallarmés zu nennen anstatt eine direkte Vereinnahmung seines Werks. […] Anstelle des Genies, das – als Naturgabe verstanden – gemäss Kants berühmter Definition der Kunst die Regel gibt, akzentuiert der chiastische Terminus vielmehr die Eigenständigkeit von derivativen und appropriativen Praktiken, die keine ,Kunst nach der Natur‘ mehr betreiben, sondern ,Kunst aus Kunst‘ produzieren.

Bei Felix Philipp Ingold kommt diese Auffassung in der sprechenden Formel „etwas anfangen damit“ zum Ausdruck, die nicht nur als poetologische Leitmaxime des Autors gelten kann, sondern auch die Logik der Appropriationskunst auf den Punkt bringt, indem sie zwei im Aneignungsprozess nicht mehr voneinander zu trennende Aspekte verschmilzt: das Moment der Übernahme (damit) sowie das Moment des Neuen (anfangen). Zwar basiert das poetische Verfahren auf bereits bestehenden Texten, mit denen aber ‚etwas‘ – und zwar: etwas Neues – angefangen wird. Jede Appropriation ist ihrerseits wieder ein (Neu-)Anfang und damit, zumindest etymologisch gesehen (lat. origo: Anfang, Ursprung) ein Original. […]

So verstanden löst Ingolds Fortschrift nur ein, was von Mallarmé programmatisch vorgedacht, ja antizipiert wurde. Es wäre deshalb so verkehrt nicht, Ingold nicht allein als Autor der vorliegenden Nachdichtung, sondern auch als Co-Autor an Mallarmés Buchprojekt zu bezeichnen, weshalb auch weniger von Appropriation als von Partizipation gesprochen werden müsste. Denn Original und Nachahmung verschmelzen unter dieser Perspektive zu einer fortlaufenden Fortschrift – to be continued.

Gestorben

Der algerische Dichter Hamid Nacer-Khodja starb in der Nacht zum Sonnabend im Alter von 63 Jahren. Als Literaturwissenschaftler lehrte er an der Universität von Djelfa. Seine ersten Gedichte erschienen in den 70er Jahren in der von Jean Sénac herausgegebenen Anthologie de la nouvelle poésie algérienne (Anthologie der neuen algerischen Dichtung). 1999 gab Nacer-Khodja das Gesamtwerk Sénacs in einer kritischen Ausgabe heraus. / Radio Algérienne

Lyriker NRW

Jury-Entscheidung postpoetry.NRW 2016 in der Kategorie „Lyriker NRW“

Am 13. September tagte die Jury „Lyriker NRW“. In ihr wirkten mit:

Dr. Karin Füllner (Literaturwissenschaftlerin, Heinrich-Heine-Institut, Düsseldorf), Axel Görlach (Lyriker, Nürnberg), Mathias Jeschke (Lyrikherausgeber und Autor, Stuttgart).

Folgende Preistexte von Lyrikerinnen und Lyrikern wurden aus insgesamt 351 eingereichten Gedichten im Wettbewerb 2016 ausgewählt:

  • Engel von Silke Andrea Schuemmer (Aachen/Berlin)
  • fliehende zimmer von Jürgen Brôcan (Göttingen/Dortmund).
  • Im Rausch gegebene von Jan Skudlarek (Hamm/Berlin)
  • ohne gewicht von Ingeborg Brenne-Markner (Menden/Sankt Augustin)
  • wie regen entsteht von Sebastian Polmans (Mönchengladbach/Niederkrüchten)

In der kommenden Woche fallen die Entscheidungen in der Kategorie „Nachwuchs NRW“. / postpoetry

60 Jahre Schmallenberger Dichterstreit

Heimatdichtungen I: Blick nach vorn und Blick zurück

1956 kamen westfälische Autoren zu einem Dichtertreffen ins Sauerland. Aus der Veranstaltung entwickelte sich unvorhergesehen ein Dichterstreit, der einzige, den die westfälische Literatur der Nachkriegszeit überhaupt erlebt hat. Aus der Rückschau bedeutete das Schmallenberger Dichtertreffen von 1956 eine Weichenstellung in der Literaturgeschichte, da es der literarischen Moderne in Westfalen zum Durchbruch verhalf. Das Brisante an dem Schmallenberger Ereignis: Während des Dichtertreffens prallten zwei Dichtergenerationen aufeinander. Jene heimatverbundenen Schriftsteller der älteren Generation um Josefa Berens-Totenohl, Maria Kahle und Heinrich Luhmann, die an ihrer im Nationalsozialismus formulierten Literaturauffassung festhielten, und auf der anderen Seite die der literarischen Moderne verpflichteten jungen Schriftsteller um Hans Dieter Schwarze, Paul Schallück, Erwin Sylvanus oder Ernst Meister.

Um den Impuls des legendären historischen Ereignisses aufzugreifen, setzt die Stadt Schmallenberg im September 2016 einen besonderen Literaturschwerpunkt, der auf die Qualität und Stärke des literarischen Lebens in Westfalen verweist und sowohl einen Beitrag zur Erinnerungskultur als auch zum aktuellen Literaturdiskurs leistet.

Heimatdichtungen I: Blick nach vorn und Blick zurück

Lesungen mit Lütfiye Güzel, Ivette Vivian Kunkel, Hendrik Otremba, Christoph Wenzel. Dazu Kurzvorträge und essayistische Beiträge zum Thema Schmallenberger Dichterstreit von Moritz Baßler, Walter Gödden, Jochen Grywatsch, Arnold Maxwill, Peter Bürger.

Beachten Sie bitte auch die Veranstaltung Heimatdichtungen II: „Westfalian Aliens“ am 17.09.

16.09.2016 / 19:00 Uhr
Lenneatelier am kunsthaus alte mühle
Unter der Stadtmauer 4, 57392 Schmallenberg

„Die Angstverwalter lesen keine Bücher“

Der Ausgezeichnete ging dann ausführlich auf die jüngsten Entwicklungen und den Umgang Europas mit dem Flüchtlingsstrom ein. Europa habe selbst die Menschen in Bewegung gesetzt: „Wir verbreiten in der Welt Nachrichten darüber, dass wir unanständig reich, saturiert und friedlich leben. An die Armen dieser Welt haben wir Fernseher verteilt, in denen wir unseren pornografischen Wohlstand, unsere lüsterne Selbstzufriedenheit und unsere schamlose Sicherheit ausgestrahlt haben“, sagte Stasiuk. „Und jetzt wollen wir in den Keller gehen und das Licht abdrehen. Aber das wird uns nicht gelingen.“

Die Literatur sei in dieser Situation ratlos. „Sie kann die Welt nicht verändern. Die Angstverwalter lesen keine Bücher. Sie lesen Zeitungen sowie Biografien von Tyrannen und sehen fern. Das bedeutet aber nicht, dass wir, einfache Menschen, dasselbe tun sollten. Erzählungen bringen uns Mut bei. Allein schon deswegen, weil sie uns eine Welt zeigen, in der nicht nur Verbündete und Feinde leben. Unser Leben ist komplizierter als jenes von Tieren, deren einzige Wahl im Angriff oder der Flucht besteht. Dank der Literatur wird unser Leben viel komplexer. Dank ihr sind wir nicht mehr zur Gänze darin gefangen“, betonte Stasiuk.

Andrzej Stasiuk, aus der Dankrede zur Verleihung des Österreichischen Staatspreises für europäische Literatur, Die Presse 29.7.

Preisgeschehen

Da wir grad beim Standard waren, die österreichische Zeitung bietet eine lange Liste jüngst verliehener Literaturpreise, interessant sind auch die Preissummen:

Christine-Lavant-Preis an Kathrin Schmidt, Höltry-Lyrikpreis an Christoph Meckel
Überreichung der mit 15.000 Euro dotierten Auszeichnung am 13. November in Wien – Mit 20.000 Euro dotierter Hölty-Lyrikpreis an 81-jährigen Dichter

Man Booker Prize: Romane der Shortlist „erkunden die Kultur“
Nominiert sind je zwei britische, kanadische und US-amerikanische Autoren, vergeben wird der mit 50.000 Pfund dotierte Preis am 25. Oktober

Erster Österreichischer Buchpreis (20.000 Euro): Keine Überraschung auf Longlist
Insgesamt zehn Autoren in der Vorauswahl, darunter Michael Köhlmeier, Friederike Mayröcker und Sabine Gruber

Argentinischer Autor Cesar Aira erhält Literaturpreis Manuel Rojas
60.000 Dollar für „wunderbare Vielfalt seines Werkes“

Rumänischer Autor Norman Manea erhält FIL-Preis
Lateinamerikanischer Literaturpreis ist mit 150.000 Dollar dotiert

Deutscher Buchpreis (25.000 Euro): Vier Österreicher auf der Longlist
Reinhard Kaiser-Mühlecker, Hans Platzgumer, Eva Schmidt und Anna Weidenholzer mit Chancen auf die Auszeichnung – Gewinner wird am 17. Oktober bekanntgegeben

Pietro De Marchi bekommt Gottfried-Keller-Preis
Literaturpreis ist mit 25.000 Schweizer Franken dotiert

Andrzej Stasiuk: Hohelied auf die Annullierung der Materie
Der polnische Autor erhält am Freitag den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur (25.000 Euro). Porträt eines Ruhelosen, der im endlosen Osten nach Sinn fahndet

Margit Schreiner bekommt Anton-Wildgans-Preis (15.000 Euro)
Die Autorin sei eine kluge Chronistin unserer Alltagskultur, die sie nuanciert und auch befreiend komisch literarisch verarbeitet

Nicolas-Born-Literaturpreis (20.000 Euro) für Draesner und Meyerhoff
Ulrike Draesner wird für ihr vielfältiges schriftstellerisches Werk ausgezeichnet, Joachim Meyerhoff erhält Debüt-Preis (10.000 Euro)

Autorin Shida Bazyar bekommt Ulla-Hahn-Preis (10.000 Euro)
Debütroman „Nachts ist es leise in Teheran“ sei ein wichtiger Beitrag zur aktuellen Flüchtlingsdiskussion und ein Stück großartiger Literatur

Edgar Hilsenrath bekommt Hilde-Domin-Preis (15.000 Euro)
Der Autor habe der Erfahrung von Exil in literarisch einzigartiger, kühner Weise Ausdruck verliehen

Der Niederschlag der Welt: Sharon Dodua Otoo gewinnt Bachmannpreis (25.000 Euro)
Die einzige teilnehmende Österreicherin Stefanie Sargnagel sicherte sich den Publikumspreis (7.000 Euro)

Merck-Preis für Autorin Kathrin Passig
Auszeichnung für literarische Kritik und Essay (20.000 Euro)

Georg-Büchner-Preis geht an Marcel Beyer (50.000 Euro)
Der deutsche Autor habe „den Sound der Straße im Ohr“, befindet die Jury

Reinhard-Priessnitz-Preis (4.000 Euro) für Sandra Gugic
Die Jury lobt „konsequente und sprachlich avancierte Darstellung der großstädtischen Lebenswirklichkeit“ der Wiener Autorin

US-Autor Richard Ford erhält Prinzessin-von-Asturien-Preis (50.000 Euro)
Der 72-Jährige sei ein herausragender Chronist der nordamerikanischen Gesellschaft

Literaturpreise an Shumona Sinha, Karen Duve und Elisa Shua Dusapin
Internationaler Literaturpreis des Berliner Haus der Kulturen der Welt (20.000 Euro) – Robert-Walser-Preis für Erstlingswerk (20.000 Franken) – Literaturpreis für grotesken Humor (10.000 Euro)

Wolfram Höll bekommt zum zweiten Mal Mülheimer Dramatikerpreis (15.000 Euro)
„Drei sind wir“ sei ein tiefes und existenzielles Thema, das gesellschaftliche Brisanz hat

Robert Seethaler bekommt Buchpreis der Wiener Wirtschaft
Die Auszeichnung ist mit 8.000 Euro dotiert

Kein Man Booker International Prize für Robert Seethaler
Gewinnerin ist die Südkoreanerin Han Kang mit „The Vegetarian“

Schriftsteller Adam Zagajewski bekommt Leopold-Lucas-Preis
Mit 50.000 Euro einer der höchstdotierten Preise für Geisteswissenschafter in Deutschland

Thomas-Mann-Preis für Jenny Erpenbeck
Auszeichnung mit 25.000 Euro dotiert

Cervantes-Preis (125.000 Euro): Del Paso kritisiert Gewalt in Mexiko
„Die Lage in Mexiko wird immer schlechter“, so der 81-Jährige

Andrzej Stasiuk erhält Staatspreis für europäische Literatur (25.000 Euro)
Österreichischer Kunstpreis für Literatur an Sabine Gruber (15.000 Euro), Angelika Reitzer erhält Outstanding Artist Award (10.000 Euro) – Staatspreis für Kulturpublizistik an Alfred J. Noll

Die Preissummen einiger weiterer Preise

Oskar-Pastior-Preis (40.000 Euro)

Joachim-Ringelnatz-Preis (15.000 Euro)

Ernst-Jandl-Preis (14.600 Euro)

Peter-Huchel-Preis (10.000 Euro)

Wolfgang-Koeppen-Preis (5.000 Euro)

Christine-Lavant-Preis für Kathrin Schmidt

Die deutsche Autorin Kathrin Schmidt wird mit dem ersten Christine-Lavant-Preis* geehrt. Die mit 15.000 Euro dotierte Auszeichnung wird von der Internationalen Christine Lavant Gesellschaft vergeben, die im Vorjahr anlässlich des 100. Geburtstages der österreichischen Dichterin gegründet wurde. Die Überreichung findet im Rahmen einer Matinee am 13. November im ORF-Radiokulturhaus in Wien statt. Mit der Auszeichnung sollen laut einer Aussendung vom Donnerstag Schriftsteller prämiert werden, die „in ihrem literarischen Schaffen – so wie auch Christine Lavant – einen hohen ästhetischen Anspruch mit humaner Haltung und gesellschaftskritischem Blick vereinen“. Die Vergabe erfolgt auf Vorschlag eines Beirats, dem die Schriftstellerinnen Friederike Mayröcker und Terezia Mora, Literaturwissenschafterin Daniela Strigl, der Schweizer Universitätsprofessor Thomas Strässle sowie Karl Wagner und Klaus Amann angehören. Die 1958 in Gotha geborene Schmidt sei „eine herausragende Vertreterin der deutschsprachigen Literatur, eine Schriftstellerin, die sich als psychologisch versierte, politisch hellwache und sprachlich virtuose Autorin einen Namen gemacht hat“, heißt es in der Begründung. / Der Standard

*) zumindest mit dem ersten Christine-Lavant-Preis der Christine Lavant Gesellschaft. Frühere nach der Dichterin benannte Preise siehe unter Christine-Lavant-Lyrikpreis

Auszeichnung

Der Schriftsteller und Grafiker Christoph Meckel erhält heute den mit 20.000 Euro dotierten Hölty-Preis für Lyrik der Stadt Hannover. Die Auszeichnung ist eine der höchstdotierten Lyrik-Preise im deutschsprachigen Raum. Meckels Lyrik sei „jenseits von allen Trends und Moden des Zeitgeistes inspiriert, eine ästhetische Subversion gegen jede Hierarchie und Routine“, begründete die Jury ihre Entscheidung und würdigt damit Meckels lyrisches Lebenswerk.

(…)

Eine Gesamtausgabe seiner 29 Gedichtbände erschien im vergangenen Jahr anlässlich seines 80. Geburtstags unter dem Titel „Tarnkappe“. „Darin erweist er sich noch einmal als einer der großen, zugleich eigenwilligsten und vielseitigsten Lyriker der deutschsprachigen Gegenwartliteratur“, heißt es in der Jurybegründung.

(…) Die Preisverleihung findet am Abend in der Orangerie Herrenhausen statt.

/ NDR

Christoph Meckel in L&Poe

Basstubik

„Meine Gedichte sind nicht mit der Zielsetzung geschrieben, zur Lyra gesungen zu werden, sondern zur Basstuba. Folglich handelt es sich nicht um Lyrik, sondern um Basstubik“, fasst der in Ebersberg lebende Lyriker Wolfgang Oppler sein Werk zusammen. / unternehmen-heute.de

With Refugees

Cate Blanchett performs the rhythmic poem ‘What They Took With Them’ alongside fellow actors Keira Knightley, Juliet Stevenson, Peter Capaldi, Stanley Tucci, Chiwetel Ejiofor, Kit Harington, Douglas Booth, Jesse Eisenberg and Neil Gaiman.

The poem was written by Jenifer Toksvig and was inspired by stories and first-hand testimonies from refugees forced to flee their homes and items they took with them.

One of the sources for the poem was Brian Sokol’s photography project, ‘The Most Important Thing,’ made in collaboration with UNHCR. Many of Brian’s photos, along with firsthand accounts from the refugees he photographed, are featured in the film.

Released exclusively on Facebook, the film urges people to sign the #WithRefugees petition to help ensure refugees have the basics to build back their lives – an education, somewhere safe to live and the opportunity to work.

To see the full version of the film and to sign the petition go to www.withrefugees.org. / UNHCR, the UN Refugee Agency

Haus für Poesie

Jetzt ist die Literaturwerkstatt, die nach einem Zwischenspiel in der Brunnenstraße 2004 in die Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg gezogen ist, unter der Leitung von Thomas Wohlfahrt so groß geworden, dass sie nicht mehr Literaturwerkstatt heißen will. Und weil sie dadurch groß geworden ist, dass sie sich mehr und mehr auf die Lyrik konzentriert hat, steht auf der Tafel, nachdem Wohlfahrt sie im Verein mit dem Regierenden Bürgermeister von ihrer violetten Hülle befreit hat: „Haus für Poesie“.

In dem Namen stecken zwei Botschaften. Die eine ist: Wir sind in Berlin die erste Adresse für Lyrik, wir widmen uns der Stärkung der Dichtkunst als eigenständiger, starker Ausdrucksform, wir haben die 1999 gegründete Website lyrikline.org zu einem großen Archiv der Dichterstimmen gemacht, wir organisieren das internationale Übersetzungsprojekt VERSschmuggel, wir richten alljährlich das ZEBRA Poetry Film Festival aus und das Internationale Poesiefestival und nicht zuletzt alljährlich den Open Mike. Der ist allerdings kein spezieller Lyrik-Wettbewerb, sondern ein allgemeiner Nachwuchswettbewerb.

Die zweite Botschaft steckt darin, dass dem „Haus für Poesie“ mit der Werkstatt und der Literatur auch der Ortsname abhanden gekommen ist. „Haus für Poesie Berlin“ mag es nicht heißen, das klingt ihm zu regional, war es doch als „Deutsches Zentrum für Poesie“ konzipiert. Unter diesem Titel lief die Kampagne, durch die im Jahr 2013 die Literaturwerkstatt zu einer nationalen Institution werden und an die Seite des Deutschen Literaturarchivs Marbach, der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt und der Klassik Stiftung Weimar treten wollte. Das Ziel war: „Die Literaturwerkstatt Berlin legt den Grundstein und geht im Deutschen Zentrum für Poesie auf.“ Aus diesem Upgrading ist nichts geworden; es gibt in Deutschland, in Berlin viele Orte, die auch eine Menge für die Lyrik tun, aber im Verzicht auf eine Ortsbindung lebt im „Haus der Poesie“ der nationale Anspruch fort. Nichts schlimmer, als wenn bei der Weihe eines neuen Hauses pathetische Weihestimmung herrscht. Die Gefahr wurde im Roten Rathaus durch den Dichter Oswald Egger erfolgreich gebannt. Ihm fiel die Ehre zu, die neue Institution mit der alljährlich gehaltenen „Berliner Rede zur Poesie“ zu eröffnen. Und er bedankte sich, indem er in seinen Satzgirlanden, Wortkaskaden, und Anagrammen keinen Stein auf dem andern ließ, schon gar nicht die Steine eines Hauses für Poesie. „Ist die Poesie ein Schul- und Hausmeisterlein – aus Deutschland?“ „Wer ist diese Poesie, die jetzt kein Haus hat, und – wird sie lange bleiben? Sitzt sie in einem Haus mit Telefonen? Wer ist sie? Sind wir sie? Alle? Sie? Ein Haus mit tausendzwei Stockwerken, und sie denkt in meinem Kopf, da kämpft sie, wo ich wohne, sie ist heimisch, nicht vertraut“ (nachzulesen in Oswald Egger:Was nicht gesagt ist. 1. Berliner Rede zur Poesie. Wallstein Verlag, Göttingen 2016. 48 S., 12,90 Euro.) / Lothar Müller, Süddeutsche Zeitung

Was kann Lyrik

Bumillo fragt die Lyrikerinnen und Lyriker, die Dichterin und Verlegerin Daniela Seel sowie den Leiter des Münchner Lyrik-Kabinetts Holger Pils: „Was kann Lyrik, was Romane, Zeitung, Fernsehen und Hörfunk nicht können?“ Die Antworten sind so vielfältig wie die Poesie der Gegenwart, und die ist reichhaltig. / Südlicht

Wie verkauft man Lyrik?

Tatsächlich kann man, was den deutschsprachigen Raum betrifft, kaum von einem Markt für Lyrik sprechen, solange bei gut 100 Millionen Muttersprachlern eine verkaufte Auflage von 500 Exemplaren als Erfolg gewertet wird.  (…) Bei einer 500er-Auflage gibt es im Mittel in Mainz, Linz oder Genf jeweils einen Käufer / eine Käuferin (da sie knapp über 200.000 Einwohnern liegen), während es in Kassel, Salzburg und Basel (knapp darunter) statistisch keine/n geben dürfte, von Bozen ganz zu schweigen.
Diesem wirklich überschaubaren Kreis von Käufern steht eine Dichtung gegenüber, die sich in den letzten dreißig Jahren auf die wunderbarste Weise entwickelt hat, mit einer solchen Vielzahl von unterschiedlichen Ansätzen und Strategien, dass das Missverhältnis von sehr guter Lyrik zu immer dünner werdenden Publikationsmöglichkeiten dazu führte, dass das Geschäft des Lyrik-Verlegens heute im Wesentlichen von kleinen, sehr kleinen oder sehr, sehr kleinen Verlagen geleistet wird. Genannt seien stellvertretend kookbooks, Edition Korrespondenzen, roughbooks, Peter Engstler Verlag, Verlagshaus Berlin, Reinecke & Voß, Edition Rugerup, Parasitenpresse, Quiqueg, hochroth und die edition AZUR, die jeweils ganz unterschiedliche Modelle entwickelt haben, um mit relativ wenig Geld relativ großartige Bücher machen zu können.

Mein Verlag, die Brueterich Press, setzt nun, ähnlich wie die roughbooks, auf ein Abo-Modell. / Ulf Stolterfoht, mehr im Freitag Blog

Überholt?

Zuschauer sind meist enttäuscht von ihnen, und die Schriftsteller finden sie lästig. Warum gibt es dann eigentlich immer noch Autorenlesungen? Von der Langlebigkeit einer literarischen Urszene. / Michael Wolf, Die Welt (Lesedauer: 7 Minuten)

Thema Lesung in L&Poe

Poetisch

setzt die Rezension von Rainer Kasselt zu Volker Brauns neuem Gedichtband ein, gar mit einem „heroischen“ trochäischen Achtheber (oder im Maß der Nationalhymne?):

Ihn beherrscht ein eignes Wesen, heiter macht es ihn und trüber. Es schenkt ihm seine Freiheit, seine Engnis. Der gebürtige Dresdner Volker Braun, 77, nennt dieses Wesen „Dämon“ und meint damit sein doppelt qualbeladenes Dichterherz.

Lesen Sie, wie es weitergeht: Sächsische Zeitung

Volker Braun: Handbibliothek der Unbehausten, Suhrkamp Verlag, 110 Seiten, 20 Euro