Ramon Llull starb vor 700 Jahren

Die Vertretung der Regierung von Katalonien in Deutschland teilt über ihre Facebookseite mit:

Ramon Llull, der Meister der katalanischen Sprache, starb 1316, also vor 700 Jahren. Dieses Jubiläum wird derzeit von der Katalanisch sprechenden Welt, die neben Katalonien auch Valencia und die Balearen umfasst, ausgiebig gefeiert.

und verlinkt einen Artikel der Süddeutschen Zeitung vom 29.8. von Reinhard J. Brembeck. Auszug:

Die Legende, die ja immer der Wirklichkeit überlegen ist, berichtet, dass der 84-Jährige bei seinem dritten Aufenthalt in Tunis die Muslime mit seinen christlichen Predigten derart aufgebracht habe, dass sie ihn zuerst gesteinigt und den Halbtoten dann ins Gefängnis geworfen haben. Auf der Rückfahrt nach Mallorca sei Ramón Llull dann beim Anblick seiner geliebten Heimatinsel gestorben.

Das war 1316, also vor 700 Jahren. Dieses Jubiläum wird derzeit von der Katalanisch sprechenden Welt, die neben Katalonien auch Valencia und die Balearen umfasst, ausgiebig gefeiert. Die Universität von Barcelona hat unter http://quisestlullus.narpan.net/de/index_de.html ein ergiebiges Llull-Dossier auf Deutsch ins Netz gestellt. Schließlich ist Llull der erste bedeutende und noch immer gelesene Autor der katalanischen Literatur.

Allerdings sind die meisten seiner über 260 Titel nur auf Latein überliefert, einer Sprache, die Llull im Gegensatz zum Katalanischen und Arabischen nicht besonders gut beherrschte. Die katalanisch überlieferten Romane „Blanquerna“ und „Felix“, das „Buch vom Heiden und den drei Weisen“ und das autobiografische Großgedicht „Desconhort“ (Trostlosigkeit) zeigen, dass er vor allem auch ein Volksschriftsteller war, der seine gelehrten Thesen sehr anschaulich für Laien formulieren konnte. Das gelang Llull auch deshalb so brillant, weil er in seiner Jugend als ganz dem Vergnügen ergebener Höfling eine Reihe von Liebesgedichten in der Trobador-Tradition verfasste und eben nicht nur nüchtern logisch dachte, sondern gern auch mystisch schwärmte.

Der Prachtband liest sich wie ein Comic und spart Steinigung und Gefängnis nicht aus. So in dem aus 366 kurzen Gedichten bestehenden „Buch vom Liebenden und Geliebten“, dem Schlussteil des „Blanquerna“. Dieses hinreißende Lyrik-Anthologie, die für jeden Tag des Jahres ein Gedicht bietet, kann sich mühelos behaupten neben den großen Klassikern der mystischen Literatur, dem fast zeitgleich entstanden „Übersetzer der Sehnsüchte“ von Ibn Arabî, den Ghaselen des Hafis oder dem „Cántico espiritual“ von San Juan de la Cruz.

Aus einem Artikel der Mallorcazeitung vom Beginn des Ramon-Llull-Jahres im Herbst 2015:

Neben den theologischen Debatten beschäftigte sich Llull in seinen knapp 280 Büchern auch mit anderen Aspekten des Lebens, wie der Astronomie, der Physik, der Mathematik oder der Pädagogik. Und er schrieb auch Romane. „Blanquerna“ hebt der Historiker Blanco nicht zufällig hervor. „Auf literarischer Ebene ist es kaum mit anderen Werken seiner Zeit zu vergleichen. Neben den narrativen enthält es etwa auch viele mystische Element. Es ist ein erzählerisches Meisterwerk.“

Dass Ramon Llull das Buch auf Katalanisch schrieb, verrate viel darüber, wen er damit erreichen wollte. Neben seiner Muttersprache schrieb der Gelehrte auch auf Latein und Arabisch. „Latein benutze er immer dann, wenn sich das Buch an kirchliche oder staatliche Autoritäten wandte. Katalanisch und Arabisch verwendete er bei seinen populäreren Schriften.“ Der arabische Teil seines Werkes sei noch recht wenig erforscht. „Aber die Kenntnis der arabischen Sprache war ein wichtiges Element, um seine Debatten mit den Muslimen in Nordafrika führen zu können.“

One Comment on “Ramon Llull starb vor 700 Jahren

  1. Einen guten Einstieg in Ramon Llulls Leben und Werk gibt die Website »Wer war Ramon Llull?« der Universität Barcelona (in sechs Sprachen, deutsch gelegentlich etwas wacklig).

    Von Llull ist einiges ins Deutsche übersetzt worden und auch in Buchform erschienen, ich stelle ein paar Titel zusammen (darunter nicht die Übersetzungen der lateinisch verfassten Werke. Die auf arabisch geschriebenen sind nicht erhalten):
    Die treulose Füchsin: eine Tierfabel aus dem 13. Jahrhundert mit
    zeitgenössischen Miniaturen.
    Übers. v. Joseph Solzbacher. Freiburg im Breisgau: Herder, 1953 (2. Aufl. 1992) [Teil von Félix o el llibre de les meravelles]
    Erhard-W. Platzeck: Das Leben des seligen Raimund Lull [sic]. Düsseldorf: Patmos 1964 [Enthält zahlreiche Ausschnitte quer durch das Werk, von Platzeck übersetzt]
    Die Kunst, sich in Gott zu verlieben. Hrsg. u. übersetzt v. Erika Lorenz. Freiburg im Breisgau: Herder, 1985 [ebenfalls eine Anthologie]
    Das Buch vom Freunde und vom Geliebten. Hrsg. u. übersetzt v. Erika Lorenz. Zürich u. München: Artemis, 1988 (2. Aufl. 1992) [Teil des Romans Llibre d’Evast e d’Aloma e de Blanquerna]
    Vom Freund und dem Geliebten. Die Kunst der Kontemplation. Hrsg. v. Manfred Baumotte. Übers. v. Gret Schib Torra. Zürich, Düsseldorf: Benziger, 1998 [Teil des Romans Llibre d’Evast e d’Aloma e de Blanquerna]
    Das Buch vom Heiden und den drei Weisen. Übers. v. Theodor Pindl. Stuttgart: Reclam, 1998
    Lo Desconhort / Der Desconhort. Hrsg. u. übers. v. Johannes Hösle u. Vittorio Hösle: München: Fink, 1998
    Felix oder das Buch der Wunder. Übers. v. Gret Schib Torra. Basel: Schwabe, 2006 [Félix o el llibre de les meravelles]

    Hier eine Online-Plattform mit Llull-Gedichten im Original. Daraus entnommen der Beginn des Langgedichts Lo desconhort in zwölfzeiligen Strophen aus Alexandrinern mit einem einzigen Reim pro Strophe:

    I
    Déus, ab vostra vertut començ est desconhort,
    lo qual faç en xantant, per ço que me’n conhort,
    e que ab ell reconte lo falliment e el tort
    que hom fa envers vós qui ens jutjats en a mort.
    E on mais mi conhort, e menys hai lo cors fort,
    car d’ira e dolor fa mon coratge port,
    per què el conhort retorna en molt greu desconhort
    e per aiçò estaig en treball e en deport,
    e no hai null amic qui negú gauig m’aport,
    mas tan solament vós, per què eu lo faix en port
    en caent e en llevant e són çai en tal sort
    que res no veig ni auig d’on me venga confort.

    II
    Can fui gran e sentí del món sa vanitat
    comencé a far mal e entré en pecat,
    oblidant Déus gloriós, siguent carnalitat;
    mas plac a Jesucrist per sa gran pietat
    que es presentà a mi cinc vets crucifigat
    per ço que el remembràs e en fos enamorat
    tan fort que eu tractàs com ell fos preïcat
    per tot lo món, e que fos dita veritat
    de la sua Trinitat, e com fo encarnat:
    que res als no amé mas que ell fos honrat,
    e adoncs comencé com lo servís de grat.

    Hier die Übersetzung von Johannes u. Vittorio Hösle (Angaben s.o.).

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