Poetopie

die Moderne – eine alte Jungfer, die niemals alt werden wollte

Hansjürgen Bulkowski

Barto, Charms, Majakowski – Kinderbücher 1918 – 1938

Die Universität Princeton zeigt eine digitale Ausstellung von 46 sowjetischen Kinderbüchern der Jahre 1918 – 1938. Die Auswahl stammt aus der Cotsen Children’s Library und umfaßt Vers und Prosa, Malerei, Zeichnung, Fotomontage und in einzelnen Fällen typographische Experimente, wie sie typisch für die sowjetische Avantgarde der Zeit waren. 160 Bücher der riesigen Sammlung russischer Kinderbücher stehen digital zur Verfügung, darunter Bücher von Agnija Barto, Alexander Deineka, Wladimir Majakowski, Daniil Charms, Arkadi Gaidar, Samuil Marschak, Alexander Wwedenski, Alexej Krutschonych, Valentin Katajew, Jewgeni Schwarz, Viktor Schklowski und vielen anderen.

/ princeton.edu | citifox.ru

Engagiert

Unter dem Titel „Neuberger Lyrik und mehr“ ist ein Buch erschienen, dass Gedichte und Texte von den beiden bereits verstorbenen Neuberger Literaten Josef „Pepi“ Radostics und Elisabeth Sakovics und den noch vier aktiven Ida Boisits, die Tochter von Elisabeth Sakovits, Robert Novakovits, Manuela Schmidt und Karl Knor enthält.

(…) Die Gedichte sind in deutscher und kroatischer Sprache verfasst.

Der Reinerlös aus dem Buchverkauf soll gespendet werden für die Renovierung des örtlichen Kriegerdenkmals, das derzeit saniert wird. Damit wollen die Kulturschaffenden einen Beitrag zum Erhalt eines Neuberger Kulturgutes leisten. / BVZ.at

Schönstes Gedicht

Jan Böhmermann hat mit seinem umstrittenen Gedicht Schmähkritik den neuen Preis für Popkultur in der Kategorie Schönste Gedichte* gewonnen. Der ZDF-Moderator war zu der Preisverleihung nicht anwesend. „Aus terminlichen Gründen, wegen Magen-Darm-Problemen und weil ich gerade zwei juristische Verfahren am Laufen habe, kann ich mich nicht so einfach öffentlich äußern zu dem Thema, zu dem ich heute Abend ausgezeichnet wurde“, sagte er in einer Videobotschaft.

Gegen Böhmermann läuft derzeit ein strafrechtliches Ermittlungsverfahren wegen Beleidigung des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan. / Die Zeit

*) Auf der Website des Preises heißt sie aber „Schönste Geschichte“ mit der Unterzeile „Jede Form popkulturell konnotierter medialer Berichterstattung aus TV, Radio, Internet, Print etc.“

Sehr kurze Gedichte

Schließlich gibt es eine Reihe von sehr kurzen Gedichten, die sozusagen unversehens den Lippen entspringen und die man während der Arbeit sofort in das Notizbuch einträgt, damit sie nicht verloren gehn: Im Wald // ein Reh geht, es nickt / im Takt mit den Schritten / 16.11.06. Oder: Zur Liebe so begabt / wie der Ararat / ins Tal blickt und lächelt. / 24.10.10. – Aber sie alle verblassen neben diesem:

* * *
Das Aus hat (wie
der Laut sagt)
keinen Garten.

Da habe ich mich wohl selbst übertroffen und weiß nicht, wie. – Es fällt mir aber auf, dass etliche den Spruch sofort verstehen. – Meine Freundin trug ihn mit Beifall in einer Kneipenrunde vor, die sie öfter aufsucht. – Ein Freund schrieb ihn sich augenblicklich auf, nachdem ich ihn vorgelesen hatte. – Vielleicht liegt es an den Lauten, den beiden au, und dem überraschenden Garten dann. Wie kann man das erklären? Offenbar doch mit einer geheimen Resonanz. Einem folgsamen Gehör in uns? Das Gehör geht mit und entscheidet selbst. – Es geht auch mit bei ähnlichen Folgen in anderen Gedichten. Aber nicht so isoliert wie hier. – Ich habe den Spruch in einem Zug aufgeschrieben, ohne zu überlegen.

Elke Erb, aus: Wie ein Gedicht entsteht, der Freitag Blog

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

„Zeugnis ablegen und den Opfern eine Stimme geben“

Man vergisst, dass soziale Veränderungen wie die Französische Revolution auch das gesamte literarische System veränderten. Wer finanzierte von nun an Poesie? Wer verbreitete, wer las sie? Der Hofadel? Die Bourgeoisie? Und was ist mit der Russischen Revolution, die ganz neue Formen politischer Loyalität von Dichtern verlangte? Welchen Zielen nützt, was jemand schreibt? Wer zahlt die Rechnung? Die Antwort darauf ist so kompliziert geworden, dass es verlockend scheint, zu behaupten, der Dichter nütze nur sich selbst: „la poésie pour la poésie“ – Poesie sei nicht politisch.

Angesichts der Globalisierung wollen Dichter auch von Menschen am anderen Ende der Welt verstanden werden. Sie besingen nicht mehr die Amsel oder den Bussard, sondern den „Vogel“; nicht mehr die Pappel oder den Mangobaum, sondern den „Baum“. Alles, was ortsgebunden war und den Dichter mit seiner Community verband – Poiesis in der und für die Polis –, wird nicht selten im Namen einer geschichtlichen wie geografischen Neutralität aus den Gedichten verbannt. Die Ideologie der Zeitlosigkeit vereint mit der einer Ortlosigkeit. Man schreibt nicht für seine Zeitgenossen, sondern für eine imaginäre Zukunft. In meinen Augen ist ein Text politisch, der sich seiner Zeit und seines – lebenden – Publikums bewusst ist. Gegen die Verbrechen, die sich zu Füßen von Benjamins Engel anhäufen, hat Poesie vielleicht nur diese Funktion: Zeugnis abzulegen und den Opfern eine Stimme zu geben. Und dann ist da noch die geschichtliche Flexibilität von Poesie: Die Gedichte Catulls bringen uns die Römische Republik nahe und haben uns heute noch etwas zu sagen. Dabei schrieb Catull über seine Polis und seine Zeit.

Ricardo Domeneck, aus einem Beitrag bei der Freitag

Ricardo Domeneck, Dichter, lebt in São Paulo und Berlin
Übersetzung aus dem Portugiesischen von Odile Kennel

Freiheitsberaubung

Seit dem 19. August sitzt die türkische Journalistin und Autorin Asli Erdoğan in einem Istanbuler Gefängnis. Viele ihrer Kollegen haben sich für sie eingesetzt und ihre Freilassung gefordert. Für sie ist die Inhaftierung besonders schwer zu ertragen, weil sie krank ist und regelmäßig Medikamente nehmen muss.

Vor dem Gefängnis, in dem Erdoğan festgehalten wird, wird auch eine Mahnwache abgehalten. Daran ist auch die Schriftstellerin Gaye Boralioglu beteiligt. Sie berichtete im Deutschlandradio Kultur über die medizinischen Probleme der Inhaftieren:

„Es geht ihr natürlich noch immer nicht sehr gut. Die gesundheitlichen Probleme haben nicht nachgelassen, das heißt sie kann ihre Medikamente nur eingeschränkt nehmen und es ist nur relativ besser geworden. Aber wir sind besorgt, denn die Umstände in den türkischen Gefängnissen lassen sehr zu wünschen übrig.

Am Montag sei der Einspruch gegen die Verhaftung Erdoğans abgewiesen worden, beklagt Boralioglu. Es sehe so aus, als ob ihre Freiheitsberaubung noch länger andauern werde. / DLR

Poesiefestival von Formosa

In Tamsui / Neu-Taipei, Taiwan, findet am 20.September das 2. Internationale Poesiefestival von Formosa statt. 30 taiwanesische und ausländische Dichter werden auftreten:  aus Bangladesch, Kolumbien, Irak, Tunesien und Japan. / Taiwaninfo

Poetry Project

Wer eine Kultur verstehen will, der liest ihre Literatur. Um Deutschland zu verstehen, liest man seine Romane und Erzählungen. Der persischen Kultur hingegen nähert man sich am besten durch ihre Gedichte, ihnen kommt dort eine bedeutendere Rolle zu als bei uns. Ganze Generationen schreiben in lyrischer Sprache am Zeitgeschehen mit. Sie äußern ihre Gedanken und Gefühle zur Geschichte und Politik des Landes, aber auch zu Alltäglichem. Bei Festessen werden selbstgeschriebene Verse vorgetragen, genauso den Geliebten, und auch Familiengeschichten werden in ihnen festgehalten. Schon im Kindesalter nähern sich die Menschen auf diese Weise der Versform und Geschichte. Was erinnert werden soll, wird zum Gedicht, und was zum Gedicht wird, bleibt in Erinnerung.

Dass man dafür kein gestandener und prominenter Dichter sein muss, zeigen acht Jugendliche aus dem Iran und Afghanistan. Sie alle sind zwischen vierzehn und achtzehn Jahre alt und allein nach Berlin geflohen. In einem wöchentlichen Poesie-Workshop des Anwalts Aarash D. Spanta, der Journalistin Susanne Koelbl und des Künstlers Rottkay reflektierten sie ihre eigene Geschichte in Gedichtform. / Jan Russezki, FAZ

Acht Monate lang haben sich die 14- bis 18-jährigen Jugendlichen aus Afghanistan und Iran regelmäßig für einen Workshop mit ihren Poesie-Mentoren in Berlin getroffen. Sie alle hatten eine Erfahrung gemeinsam: Sie sind allein geflüchtet, einige von ihnen zunächst aus Afghanistan in den Iran, wo es ihnen schlecht erging, später nach Europa. „Sei neben mir und sieh, / was mir geschehen ist“, so beginnt ein Gedicht von Yasser Niksada, des Jüngsten aus der kleinen Gruppe. Und in der Tat, mit den Worten und Versen, in die sie das Erlebte fassen, gelingt es den Geflüchteten, nicht nur den Kopf, sondern auch die Gefühle ihrer Zuhörer zu erreichen. Sie setzen sich aus, und das Publikum begreift.

Susanne Koelbl, Auslandskorrespondentin des Spiegel mit Afghanistanerfahrung, sieht in dem Projekt eine Zwiesprache „zwischen denen, die hier geboren sind und jenen, die aus einem Land kommen, in dem allein an diesem Tag fünf Autobomben explodiert sind, die Dutzende Menschen in den Tod gerissen haben.“ Sie hat das Projekt ins Leben gerufen, gemeinsam mit dem Rechtsanwalt und Übersetzer Aarash D. Spanta regelmäßig mit den Jungs gearbeitet. Mädchen fanden sie nicht für ihr Vorhaben, denn die werden von ihren Familien nicht auf die gefährliche Reise geschickt. / Deutsche Welle

Die Gedichte von Ali Ahmade, Ghani Ataei, Kahel Kaschmiri, Mehdi Hashemi, Mohamad Mashghdost, Samiullah Rassouli, Shazamir Hataki und Yasser Niksada wurden 2016 in der Reihe „Berliner Anthologie“ unter dem Titel „The Poetry Project“ veröffentlicht.

Wir Orientversteher

Ich möchte – wie schon immer – durchaus nicht jedem Satz von Tilman Krause zustimmen, z.B. was er so Paternalistisches über die Pflicht „der Deutschen“ daherredet, „den Syrern“ ihre eigene Kultur nahezubringen; aber dies zitiere ich mal:

Die Deutschen sind seit den Tagen des großen Sprachwissenschaftlers Hammer-Purgstall, seit Goethe, der mit dem „West-östlichen Diwan“ die erste deutsche Anverwandlung arabischer Lyrik leistete, seit dem Dichter und Übersetzer Friedrich Rückert, der sich 44 orientalische Sprachen erschloss, die Orientversteher schlechthin unter den Europäern.

Ja, es gehört geradezu zu unserem Selbstverständnis als Kulturvolk, dass wir uns den Sitten, Gebräuchen, Kunstleistungen des Islam, seinen großartigen Garten- und Parkarchitekturen, seiner Mystik, seiner fantasievollen Ornamentästhetik, seiner raffinierten Kulinarik mit Aufgeschlossenheit und Neugier nähern. / Die Welt

Lyrik Kabinett

Etwa zur gleichen Zeit wurde in München eine Buchhandlung namens »Lyrik Kabinett« gegründet, die sich ganz auf Gedichte konzentrierte. Das fand ich eine sinnvolle Sache, und ich beteiligte mich, indem ich dafür sorgte, dass auch hebräische und arabische Lyrik, alte wie moderne, vertreten war. Das »Lyrik Kabinett« gibt es bis heute.

Karl Neuwirth, Jüdische Allgemeine

Rooney Prize für Irische Literatur

Die zweisprachige (Irisch/Englisch) Dichterin Doireann Ní Ghríofa erhält den mit €10,000 dotierten Rooney Prize for Irish Literature. Der seit 40 Jahren vergebene, von Dan und Patricia Rooney gestiftete Preis für aufstrebende junge Dichter ging an viele der heute führenden irischen Autoren. Dan Rooney war ein früherer US-Botschafter in Irland. In ihrer Dankrede forderte Ní Ghríofa eine Volksabstimmung über das Eighth Amendment, das 1983 in Irland Abtreibungen verbot, und widmete eins ihrer Gedichte den irischen Frauen, die für eine Abtreibung nach Großbritannien reisen müssen.

Nach zwei irischen Gedichtbänden veröffentlichte sie vor kurzem einen englischsprachigen, Clasp. Ní Ghríofa hat in diesem Jahr bereits den Michael Hartnett Poetry Award erhalten und ist auf der Shortlist des Irish Times Poetry Now-Award. / Martin Doyle, The Irish Times

Gestorben

Die russische Dichterin Novella Matwejewa (russ. Нове́лла Никола́евна Матве́ева, engl. Novella Matveyeva; auch Matveeva) starb am Sonntag im Alter von 82 Jahren. Sie wurde 1934 im Leningrader Gebiet geboren. 1968 erschien auf Deutsch eine Auswahl in einem der ersten Hefte des legendären Poesiealbum, ausgewählt von Fritz Mierau, übersetzt von Sarah Kirsch und Eckhard Ulrich. Es ist das einzige ihrer Bücher im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek. Auch Wolf Biermann, Nathalie Sinner, Rainer Kirsch und Annemarie Bostroem haben etwas von ihr übersetzt, mehr konnte ich nicht finden.

Wikipedia (russisch, englisch, ukrainisch, polnisch, tschechisch, ungarisch, vietnamesisch)

Lenta.ru / rosbalt.ru

Novella Matwejewa auf Deutsch
  • Novella Matwejewa. Poesiealbum 6. Hrsg. Fritz Mierau. Übers. Sarah Kirsch, Eckhard Ulrich. Berlin: Volk und Welt, 1968

In Anthologien:

  • mitternachtstrollexbus. neue sowjetische lyrik. Hrsg. Fritz Mierau. Berlin: Neues Leben, 1965. (2. 1967) Ü: S. Kirsch, Bostroem
  • Russische Songs. Texte und Noten. Hrsg. Rimma Kasakowa. Berlin: Volk und Welt, 1972 (Spektrum) Ü: S. Kirsch, R. Kirsch
  • Russische Lyrik. Gedichte aus drei Jahrhunderten. Hrsg. Efim Etkind. München: Piper, 1981. (3. 1987)
  • Wolf Biermann: Fliegen mit fremden Federn. Nachdichtungen und Adaptionen. Hamburg: Hoffmann und Campe, 2011

In L&Poe

Und was war – ist längst vergessen
Und was kommt – kann keiner wissen

Всё, что было, — позабыла,
Всё, что будет, — позабудет.

Aus: Das Moldaumädchen (Ü Wolf Biermann)

Verse um zu überleben

Das Gemetzel in der Türkei und Syrien, schreibt der Guardian, habe zum Aufblühen der Lyrik geführt, an dem Frauen führend beteiligt sind. Er stellt zwei Frauen vor, die zu dieser aufstrebenden Schule neuer Dichtung gehören:  die Kurdin Bejan Matur, die aus dem Südosten der Türkei stammt, und die Syrerin Maram al-Masri.

Beim Studium in Ankara geriet Matur in die Mühlen der Justiz, sie wurde für 12 Monate ins Gefängnis gesteckt. Dort begann sie Gedichte zu schreiben. Während 28 Tagen Einzelhaft in völliger Dunkelheit, wo man nicht einmal die Tage zählen kann (sie meinte, es waren 18, ihr Vater korrigierte sie), begann sie im Kopf Gedichte zu komponieren. Es ging darum, eine Existenz ins Leben zurückzurufen, die „sie“ auslöschen wollten. Ihre Gedichte, sagt sie, „handeln vom Wiederaufbau eines zertrümmerten Daseins“. Sie sprach die Worte im Kopf zu sich selbst. Ihrer mündlichen Tradition entsprechend hatten die Worte Rhythmus, Musik. „Man kann im Gefängnis nicht laut singen, aber die Worte gaben mir in der Dunkelheit das Gleichgewicht zurück. Ich gehörte nicht mehr ihnen.“

Maram al-Masri sagt: „Ich glaube nicht, daß Lyrik eine Waffe ist. Warum sollten Gedichte Waffen sein? Wenn das stimmt, bringen sie uns nur in den Krieg zurück. Lyrik sollte eine Antiwaffe sein, ein Mittel, um Waffen abzuschaffen.“ Der Zusammenbruch ihres Landes zerrt an ihr Tag und Nacht. „Ich bin dort“ (sie lebt in Paris, ihre Familie in Syrien) „und nicht dort. Ich träume vom Krieg.“ / Ed Vulliamy, The Guardian

Shockingly new

Sagawa Chika, born Kawasaki Ai in 1911, died of stomach cancer in 1936, before her twenty-fifth birthday. Even with such a brief career, she was one of the most innovative and prominent avant-garde poets in early-twentieth-century Japan. At the time, few women in Japan wrote poetry, and those who did typically used traditional forms to address domestic concerns. Sagawa sounded different: she wrote in free verse, not tanka or haiku, and her images were shockingly new. “A chef clutches a blue sky,” begins one of her many short, lyric poems, “Illusory Home.” “Four fingerprints are left; gradually / the chicken bleeds. Even here the sun is crushed.” / Adrienne Raphel, The New Yorker, AUGUST 18, 2015