Gerecht verteilt

Sie sehen, Osten und Westen sind wie durch kommunizierende Röhren miteinander verbunden. Die menschliche Dummheit ist gerecht auf Ost und West verteilt. Die hysterische Existenzangst ist besonders obszön in einem Land, das so reich ist wie Deutschland. Wir könnten zehn Mal so viele Flüchtlinge durchfüttern. Das muss man erst einmal ganz nüchtern konstatieren. Man kann dann immer noch darüber streiten, was das kulturell und seelisch und sprachlich und sexuell bedeutet. Mir kommt diese ganze Hysterie gegen Merkels Flüchtlingspolitik würdelos vor.

Wolf Biermann im Gespräch mit der Berliner Zeitung

Im Finale des open mike

Die Finalistinnen und Finalisten des 24. open mike
Lyrik

Sandra Burkhardt (Leipzig/D)
Lisa Goldschmidt (Frankfurt am Main/D)
Marit Heuss (Leipzig/D)
Cornelia Hülmbauer (Wien/AT)
Arnold Maxwill (Dortmund/D)
Felix Schiller (Freiburg im Breisgau/D)
Saskia Warzecha (Berlin/D)

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24. open mike 2016 – alle Veranstaltungen

Freitag, 11.11. 14 -18.30 Uhr
Autorenworkshop „Schreibverfahren“
– Nur auf Einladung –
Tutoren: Lucy Fricke (Autorin, Berlin) & Matthias Teiting (Lektor, Dresden), Anselm Neft (Autor, Hamburg), Anja Utler (Autorin, Regensburg), Florian Kessler (Lektor, München)
Ort: Heimathafen Neukölln, Karl-Marx-Straße 141, 12043 Berlin & Jugendkunstschule Neukölln, Alte Post, Donaustraße 42, 12043 Berlin

Freitag 11.11. 19.30 Uhr
open mike – Auftakt: Debütlesungen
Mit:
Maren Kames (Autorin, Berlin) und Alexander Weidel (Secession Verlag)
Isabelle Lehn (Autorin, Leipzig) und Dominique Pleimling (Eichborn Verlag)
Jan Snela (Autor, Tübingen) und Michael Zöllner (Verlag Klett Cotta)
Mod.: Gesa Ufer (Radiojournalistin/Moderatorin, Berlin)
Ort: Heimathafen Neukölln (Saal), Karl-Marx-Straße 141, 12043 Berlin
Eintritt 5 EUR/erm. 3 EUR

Der 24. open mike – Wettbewerb für junge Literatur
Samstag 12.11. ab 14 Uhr und Sonntag 13.11. ab 11 Uhr
Jury: Inger-Maria Mahlke, Lutz Seiler, Saša Stanišic
Ort: Heimathafen Neukölln, Karl-Marx-Straße 141, 12043 Berlin
Eintritt frei!

Lessingpreis für Drawert

Der Dichter und Dramatiker Kurt Drawert erhält den mit 13.000 Euro dotierten Lessingpreis 2017. Mit der Auszeichnung würdigt das Land Sachsen Menschen, die sich dem Schaffen Gotthold Ephraim Lessings verpflichtet fühlen, wie das Kunstministerium am Montag in Dresden mitteilte. In seinen Texten frage Drawert in aufklärerischer Haltung nach der Zerstörbarkeit des Individuums, so die Jury. / Die Presse

Der Lessing-Preis des Freistaates Sachsen wurde 1993 von der Regierung des Freistaates Sachsen gestiftet und wird alle zwei Jahre verliehen. Er besteht aus einem Hauptpreis, der herausragende Leistungen im Geiste Lessings, vornehmlich auf dem Gebiet der Literatur, der Literaturkritik und des Theaters (Satzung) würdigen soll; er ist mit 13.000 Euro dotiert. Zusätzlich werden zwei Förderpreise zum Lessing-Preis verliehen, die vielversprechende Anfänge auf diesen Gebieten öffentlich anerkennen und fördern wollen; diese sind mit jeweils 5.500 Euro dotiert.

Die Verleihung durch den Ministerpräsidenten findet in der Regel am 21. Januar, dem Vorabend von Lessings Geburtstag (22. Januar 1729), im Rahmen der vom Lessing-Museum organisierte Lessing-Tage in seiner Geburtsstadt Kamenz statt.

Die Auszeichnung knüpft an die Tradition des Lessing-Preises der DDR an, der von 1955 bis 1989 vom Kulturministerium der DDR vergeben wurde. / Wikipedia

Österreichischer Buchpreis: Die Autoren auf der Shortlist

Die fünf Nominierten für den ersten Österreichischen Buchpreis stehen fest: Sabine Gruber („Daldossi oder Das Leben des Augenblicks“), Peter Henisch („Suchbild mit Katze“), Friederike Mayröcker („fleurs“), Anna Mitgutsch („Die Annäherung“) sowie Peter Waterhouse und Nanne Meyer („Die Auswandernden“) haben noch Chancen auf die Auszeichnung, die am 8. November in Wien verliehen wird. / orf

Nicht zu vereinnahmen

Natürlich war der Gott, an den Gryphius glaubte, nicht schizophren oder ein beliebiger Gott. Aber Gryphius nahm in seinen literarischen Texten das Problem ernst, dass Gottes Wille auch für Gläubige nicht eindeutig erkennbar ist. Krieg oder Terror im Namen Gottes war für Gryphius daher nicht zu rechtfertigen. Er wagte es, als Gläubiger die von Fundamentalisten jeglicher Couleur stets vermiedene Frage zu stellen: »Wie? (…) stellt des Höchsten Macht / Ein unerhörtes ändern an? / Hat sich sein Geist auff was bedacht / Das kein Gemütt ersinnen kan?«

Gryphius ist ein sperriger Autor, weil sich sein Werk einer ideologischen Vereinnahmung verweigert. Viele Texte von Gryphius leben von Ambivalenzen, um derentwillen es sich aber lohnt, noch heute die Anstrengung der Lektüre auf sich zu nehmen. Das gilt auch, wenn es nicht um Politik geht.

So propagiert »Cardenio und Celinde« (1657) nicht nur die »keusche / sitsame und doch inbrünstige« Liebe, sondern es zeigt sich hier auch ein überraschendes Verständnis für die durch Sexualität getriebene »rasende / tolle und verzweifflende« Liebe. / Arnd Beise, junge Welt

Unser ganz hiesiges deutsches Unwissen

Das Problem ist nicht die Berühmtheit von Christiaan [Huygens], sondern unser ganz hiesiges deutsches Unwissen. Wir interessieren uns nämlich nicht wirklich für die Kulturen und Literaturen unserer Nachbarn. Und da spreche ich noch gar nicht von den unbelesenen Deppen, die uns ihre „Kultur“ als Leitkultur überhelfen wollen. Bei denen fällt einem sowieso nur Georg Christoph Lichtenberg und sein vorwitziger Spruch von dem Buch und dem Kopf ein, die da zusammenstoßen – und irgendwas klingt hohl.

Wie aufgeklärte Geister auch schon im Zeitalter der frühen Aufklärung wussten, dass sie in einer Welt unterschiedlichster Kulturen leben, dass der geistige Austausch (man tauschte sich noch vorwiegend auf Latein aus) erst dann lebendig wurde, wenn unterschiedliche Haltungen, Blickwinkel, Prägungen aufeinander prallten. Dann konnten Briefwechsel in Gelehrtenstreite ausarten, manchmal auch in regelrechte Fehden mit spitzer Feder. Nicht nur die barocken Dichter beherrschten das, wie das im Bändchen „Episteln und Pistolen“ nachlesbar war. Die Grenzen waren ja sowieso fließend. Wer studiert hatte, dem standen alle Wege offen – in den Staatsdienst, in die Juristerei, in die Wissenschaft. Die Männer waren zwar nicht unbedingt Universalgenies, wie man es dem Leipziger Leibniz gern anheftet. Aber sie waren vielbelesen, vielgereist und vielseitig interessiert. So wie Christiaan Huygens, den die Holländer auch mit gutem Grund ihr ureigenstes „letztes“ Universalgenie nennen können.

Und was hat das mit Constantijn Huygens zu tun? Der war der Vater von Christiaan. Multitalent nennt ihn Ard Posthuma, der hier eines seiner Gedichte übersetzt und herausgegeben hat. Der Mann war Geheimschreiber zweier Oranierprinzen, Jurist und Schriftsteller. Er hat ein dickes schriftstellerisches Werk hinterlassen. Er schrieb in sieben Sprachen, nahm im Gefolge der Statthalter an etlichen Schlachten teil, war überzeugter Calvinist und feierte einen gewissen Rembrandt, als der Bursche gerade mal 23 Jahre alt war. / Ralf Julke, Leipziger Internet-Zeitung

Constantijn Huygens
Euphrasia. Augentrost
Übersetzt und herausgegeben von Ard Posthuma.
Leipzig: Reinecke & Voß, 2016

Constantijn Huygens

Constantijn Huygens (1596 – 1687) war nicht nur ein erfolgreicher Diplomat, Musiker und Vater des berühmten Physikers Christiaan Huygens sondern ist vor allem ein Klassiker der holländischen Literatur, der sich in mehreren alten und neuen Sprachen dichterisch auszudrücken wusste. Die literarischen Konventionen des Barocks ließ der auch als Stegreifdichter zur Legende gewordene Huygens hinter sich, wenn er z.B. die Natur nicht in idealischen Bildern aufnahm, sondern konkrete Orte samt ihren zivilisatorischen Einrichtungen schilderte.

Sein Augentrost, einer erblindenden Jugendgefährtin gewidmet, nutzt den Schreibanlass ähnlich wie Erasmus von Rotterdams „Lob der Torheit“ dazu, ein versöhnlich ironisches Tableau der Gebrechen seiner Mitmenschen zu entwerfen. Beiläufig erweist sich dabei der Freund von Descartes als intimer Kenner der intellektuellen Debatten seiner Zeit. Das Werk liegt hiermit erstmals vollständig auf Deutsch vor.

Dem Leser

‚Ich muss lachen über die Schwierigkeit, die man in meinen Gedichten findet. Ich habe absolut keine Vorliebe fürs Dunkle, wohl aber für ungebräuchliche Wörter, die zugleich kräftig sind, so dass mein Leser, falls er Lust hat, in meine Gedanken vorzudringen, sich für seine Aufmerksamkeit nicht enttäuscht finden wird. Ohne Anstrengung ist die Poesie nur eine fade Sache, die auch den Dümmsten gefällt.‘

(Huygens an seine Eltern, den 8. Juni 1622)

Augentrost ist ein langes Gedicht, für die Lektüre seiner 1002 Alexandriner rechnet Huygens zwei bis drei Stunden (Vers 138). Die Übersetzung katapultiert es in unsere kurzatmige Zeit, in der Kontaktlinsen und Laseroperationen den Trost in Gedichtform in vielen Fällen erübrigen. Die Frage jedoch, ob was wir sehen Wahrheit ist oder Trug, ist nach wie vor aktuell. Das fanden auch die Bürger im Archipel-Viertel Den Haag, als sie sie sich 2015 für ein Mauergedicht von Constantijn Huygens entschieden. Ein kurzes diesmal:

Dromen

Ick denck ’s daeghs of ick droomd‘, ick droom ’s nachts of ick saegh:
Waer ‚t ’s nachts soo doncker niet, en niet soo licht by daegh‘,
‚Ksagh qualick uyt den droom van desen droom te komen,
Of mijn droom dencken is, of mijn‘ gedachten droomen.

(Huygens, Korenbloemen)

Träumen

Wenn Tag ist, denke ich, ich hätt‘ geträumt.
Wenn Nacht ist, träum‘ ich, es wär heller Tag.
Wär Nacht so dunkel nicht und nicht so licht der Tag,
Wer hülfe mir da aus dem Traume dieses Traums?

(Übersetzung Ard Posthuma)

Auszug aus dem Gedicht

Die Maler (jetzt wird’s Ernst!), die Maler, Parthenine,
obgleich aus einer Zunft, der ich mit Achtung diene,
die Maler nenn‘ ich blind, wie scharf ihr Blick auch sei,
sie sind nur schöpferisch durch ihre Pinselei.
Sie spiegeln die Natur und deren schönes Wesen
auf angenehme Art, doch geben sie zu lesen
was echt das Wesen ist, nach ihrem Augenmaß,
der Mutter aller Welt!? Gasse ist auch ’ne Straß‘,
und Hütte auch ein Haus, und Sträucher sind auch Bäume,
doch Gasse, Hütte, Strauch sind Schatten nur und Träume
von Straße, Haus und Baum; wer setzt schon im Vergleich
das Werk von Gottes Hand dem Menschenwerke gleich,
nur weil sie ähnlich sind? Was will man uns da lehren?
Sind sich zwei Tropfen gleich? zwei Äpfel und zwei Beeren?
Und zwei Gesichter erst! Nein, durch Verschiedenheit
in dem was ist und wird und sein wird nach der Zeit,
zeigt sich der Erste Schöpfer über uns erhaben.
Sollte der Mensch für Gott so wenig Achtung haben,
dass sie gar glauben, sie vermöchten, wozu Er
als Künstler, Schöpfer leider nicht imstande wär?
Wie diese braven Leut‘ das Ganze missverstehen!
Solltest mit denen mal im Wald spazierengehen:
bald schwärmen sie dir vor, wie malerisch der sei.
Das ist doch – tut mir Leid – die reinste Blödelei,
als wäre Gott, so klingt’s, ein Meister im Kopieren,
und wir die Schöpfer, die ihm dazu gratulieren,
dass er so schön gemalt, was stammt aus unsrer Hand
und gar noch schöner wär als Wolke, Meer und Land.
Lass‘ von der Schöpferzunft dich einmal porträtieren,
gönn‘ ihnen Ruh und Zeit, dein Antlitz zu studieren,
wie’s Gott geschaffen hat, wie sich ein solcher quält!
Und bist du endlich eingerahmt, dann ist’s total verfehlt!
Ein Etwas schaffen sie, den Bruder, könnt’man meinen,
Du? Deine Frau? Sie wird als Tochter dir erscheinen,
der Vater wie der Sohn, niemals erblickst du: Dich!
Versuch’s ein zweites Mal – genau so ärgerlich!
Wieder ’ne neue Nichte wird man dir bescheren,
und du verzweifelst bald, wer da die bessre wäre.
Der Maler schafft – sieh nur! – mit einem blinden Auge,
sag mir, was neben Gott ein solcher Künstler tauge!

Aus dem Nachwort

Wurde in der ersten handschriftlichen Fassung die Freundin damit vertröstet, dass es auch unter den Sehenden zahlreiche Blinde gebe, wurde im zweiten Zug der ‚Katalog‘, der dem Dichter im Vers 131 bereits vorschwebte, im Nachhinein um zwanzig Figuren erweitert: zu den Geizigen gesellten sich die Prasser, die ganze Reihe von den Fröhlichen bis Eifersüchtigen wurde eingeschoben und zuletzt noch um eine Viererreihe (Gesunde, Kranke, Müßige und Hastige) bereichert. Das Trostgedicht hatte sich zu einem regelrechten Narrenspiegel ausgedehnt.

Ob eine solche Blindenschelte tatsächlich handfesten Trost verspricht, sei dahingestellt. Aber das wirklich Tröstliche dieser Blindenparade verdankt sich wohl weniger der Überzeugungskraft der Argumente als der Tatsache, dass Huygens als Freund sich die Mühe genommen hat, seiner Freundin für zwei bis drei Stunden geistvolle Ablenkung zu bieten. Zu dem Zweck werden nebenher Streitfragen im Bereich der Mathematik, Astronomie, Chemie aufs Tapet gebracht, Unsitten aus dem Bereich der Politik, Mode, Kunst und Zeitgeschichte, bis zu den kleineren Lastern des täglichen Lebens, vom Duellieren bis zur Gewohnheit, beim Lesen die schwierigen Stellen zu überspringen oder beim Dichten sich durch den Reim zu Abschweifungen verführen zu lassen. Das ganze gespickt mit zahlreichen plastischen Vergleichen aus allen Bereichen: Ballspiel, Schifffahrt, Orgelbau und und und. Sie beleben die Darstellung ungemein. Und immer wieder stößt man auf Alltagserfahrungen, die offenbar zeitlos sind.

Constantijn Huygens
Euphrasia. Augentrost
Übersetzt und herausgegeben von Ard Posthuma.
Leipzig: Reinecke & Voß, 2016

Andreas-Gryphius-Preis 2016 für Jenny Schon 

Den diesjährigen Andreas-Gryphius-Preis erhält Jenny Schon. Die feierliche Übergabe erfolgt im Gerhart Hauptmann-Haus in Düsseldorf am 18.11.2016.

Über den Andreas Gryphius-Preis

Der große Literaturpreis der KünstlerGilde e.V. Esslingen wird seit 1957 vergeben. Er zeichnet Autorinnen und Autoren aus, deren Veröffentlichungen in Prosa, Lyrik, Drama, Essay, Hörspiel, Drehbuch deutsche Kultur in Mittel- und Südosteuropa reflektieren oder zur Verständigung zwischen Deutschen und ihren östlichen Nachbarn beitragen.

Die Verleihung erfolgt in Würdigung eines Gesamtwerks. Die Vergabe erfolgt jährlich durch eine Fachjury; die Verkündung geschieht im Gerhart Hauptmann-Haus Düsseldorf.

Eigenbewerbung ist möglich, Bewerbungsschluss ist jeweils der 1. April des Jahres.

Zu den bisherigen Preisträgern gehören u.a.:

Horst Bienek, Jiři Gruša, Peter Härtling, Peter Huchel, Wolfgang Koeppen, Reiner Kunze, Siegfried Lenz, Heinz Piontek, Otfried Preußler, Sigismund von Radecki, Edzard Schaper, August Scholtis, Andrzej Szczypiorski, Ilse Tielsch, Johannes Urzidil, zuletzt

2009 Arno Surminski
2010 Renata Schumann
2011 Michael Zeller
2012 Monika Taubitz
2013 Hans Bergel
2014 Therese Chromik und Leonie Ossowski.

Poetopie

gib öfter mal den Ball ab – du bekommst ihn häufig genug wieder zugespielt

Hansjürgen Bulkowski

Gerlinger Lyrikpreis für Rainer René Mueller

Es ist mucksmäuschenstill, als die ehemalige Lehrerin ohne Mikrofon erzählt, warum sie den Preis mit ihrer Stiftung ins Leben gerufen hat. Schmidt-Hieber, die früher Französisch und Deutsch unterrichtet hat, erzählt von ihrer Liebe zu Gedichten und deren Auswendiglernen. Sie erzählt auch von der schwierigen Situation, in der sich viele Dichter ihr zufolge befinden: „Die meisten können von der Lyrik nicht leben.“ Es sei auch schwierig, einen Verlag zu finden. „Ich möchte einem Stiefkind der Literatur zu etwas mehr Gehör verschaffen“, sagt sie.

Unter 137 Einsendungen – die Bewerber mussten in Baden-Württemberg wohnen und bereits Texte veröffentlicht haben – hat die fünfköpfige Jury Rainer René Mueller ausgewählt. Hans Thill, Jurymitglied und Autor und Übersetzer, würdigte Muellers Werk als „ebenso verträumt wie sperrig“ und als „kühne Konstrukte, die Sprache strapazierende Textgebilde“. Rainer René Muellers Texte, so Thill, seien „auf befremdliche Weise schön“, auch habe der Lyriker Mut „zur Aufschürfung des Worts“. Rainer René Muellers Gedichte, so Thill, hätten „ihre eigene Zeit“. (…)

Die Etablierung des Gerlinger Lyrikpreises freut auch die Stadtverwaltung. Das sei, sagte die Erste Beigeordnete Martina Koch-Haßdenteufel, „etwas ganz Besonderes für die Stadt“. Mit Lyrik habe sich die Stadt bisher nicht schmücken können. Lyrik sei in „unserer kurzlebigen Gesellschaft von Dauer“ – Gedichte, so Koch-Haßdenteufel, würden Menschen verbinden, im Kopf bleiben und Freude machen. / Franziska Meißner, Stuttgarter Zeitung

Das eigentliche Afrika

(Afrika 3: Wie unsere Klassiker dachten. Oder: wie man ohne die geringsten Studien und Kenntnisse die Philosophie ganzer Erdteile schreibt)

Eine nicht mindere geographische Unreife zeigt Neuholland; denn wenn man hier von den Besitzungen der Engländer aus tiefer ins Land geht, so entdeckt man ungeheure Ströme, die noch nicht dazu gekommen sind, sich ein Bett zu graben, sondern in Schilfebenen ausgehen. Von Amerika und seiner Kultur, namentlich in Mexiko und Peru, haben wir zwar Nachrichten, aber bloß die, daß dieselbe eine ganz natürliche war, die untergehen mußte, sowie der Geist sich ihr näherte. Physisch und geistig ohnmächtig hat sich Amerika immer gezeigt und zeigt sich noch so. Denn die Eingeborenen sind, nachdem die Europäer in Amerika landeten, allmählich an dem Hauche der europäischen Tätigkeit untergegangen. In den nordamerikanischen Freistaaten sind alle Bürger europäische Abkömmlinge, mit denen sich die alten Einwohner nicht vermischen konnten, sondern zurückgedrängt wurden. Einige Künste haben die Eingeborenen allerdings von den Europäern angenommen, unter anderen die des Branntweintrinkens, die eine zerstörende Wirkung auf sie hervorbrachte. (…)

Afrika ist in drei Teile zu unterscheiden: der eine ist der südlich von der Wüste Sahara gelegene, das eigentliche Afrika, das uns fast ganz unbekannte Hochland mit schmalen Küstenstrecken am Meere; der andere ist der nördliche von der Wüste, sozusagen das europäische Afrika, ein Küstenland; der dritte ist das Stromgebiet des Nil, das einzige Talland von Afrika, das sich an Asien anschließt.

Jenes eigentliche Afrika ist, soweit die Geschichte zurückgeht, für den Zusammenhang mit der übrigen Welt verschlossen geblieben; es ist das in sich gedrungene Goldland, das Kinderland, das jenseits des Tages der selbstbewußten Geschichte in die schwarze Farbe der Nacht gehüllt ist. Seine Verschlossenheit liegt nicht nur in seiner tropischen Natur, sondern wesentlich in seiner geographischen Beschaffenheit. Das Dreieck desselben (wenn wir die Westküste, die in dem Meerbusen von Guinea einen sehr stark einwärtsgehenden Winkel macht, für eine Seite nehmen wollen und ebenso die Ostküste bis zum Kap Gardafui für eine andre) ist von zwei Seiten überall so beschaffen, daß es einen sehr schmalen, an wenigen einzelnen Stellen bewohnbaren Küstenstrich hat. Hierauf folgt nach innen fast ebenso allgemein ein sumpfiger Gürtel von der allerüppigsten Vegetation, die vorzügliche Heimat von reißenden Tieren, Schlangen aller Art – ein Saum, dessen Atmosphäre für die Europäer giftig ist. Dieser Saum macht den Fuß eines Gürtels von hohen Gebirgen aus, die nur selten von Strömen durchschnitten werden und so, daß auch durch sie kein Zusammenhang mit dem Innern gebildet wird; denn der Durchbruch geschieht nur wenig unter der Oberfläche der Gebirge und nur an einzelnen schmalen Stellen, wo sich häufig unbefahrbare Wasserfälle und wild sich durchkreuzende Strömungen formieren. Über diese Gebirge sind die Europäer seit den drei bis dreieinhalb Jahrhunderten, daß sie diesen Saum kennen und Stellen desselben in Besitz genommen haben, kaum hier und da und nur auf kurze Zeit gestiegen und haben sich dort nirgends festgesetzt. Das von diesen Gebirgen umschlossene Land ist ein unbekanntes Hochland, von dem ebenso die Neger selten herabgedrungen sind. Im sechzehnten Jahrhundert sind aus dem Innern an mehreren, sehr entfernten Stellen Ausbrüche von greulichen Scharen erfolgt, die sich auf die ruhigeren Bewohner der Abhänge gestürzt haben. Ob eine und welche innere Bewegung vorgefallen, welche diesen Sturm veranlaßt, ist unbekannt. Was von diesen Scharen bekannt geworden, ist der Kontrast, daß ihr Benehmen, in diesen Kriegen und Zügen selbst, die gedankenloseste Unmenschlichkeit und ekelhafteste Roheit bewies und daß sie nachher, als sie sich ausgetobt hatten, in ruhiger Friedenszeit sich sanftmütig, gutmütig gegen die Europäer, da sie mit ihnen bekannt wurden, zeigten. (…)

Der eigentümlich afrikanische Charakter ist darum schwer zu fassen, weil wir dabei ganz auf das Verzicht leisten müssen, was bei uns in jeder Vorstellung mit unterläuft, die Kategorie der Allgemeinheit. Bei den Negern ist nämlich das Charakteristische gerade, daß ihr Bewußtsein noch nicht zur Anschauung irgendeiner festen Objektivität gekommen ist, wie zum Beispiel Gott, Gesetz, bei welcher der Mensch mit seinem Willen wäre und darin die Anschauung seines Wesens hätte. Zu dieser Unterscheidung seiner als des Einzelnen und seiner wesentlichen Allgemeinheit ist der Afrikaner in seiner unterschiedslosen, gedrungenen Einheit noch nicht gekommen, wodurch das Wissen von einem absoluten Wesen, das ein anderes, höheres gegen das Selbst wäre, ganz fehlt. Der Neger stellt, wie schon gesagt worden ist, den natürlichen Menschen in seiner ganzen Wildheit und Unbändigkeit dar; von aller Ehrfurcht und Sittlichkeit, von dem, was Gefühl heißt, muß man abstrahieren, wenn man ihn richtig auffassen will: es ist nichts an das Menschliche Anklingende in diesem Charakter zu finden. Die weitläufigen Berichte der Missionare bestätigen dieses vollkommen, und nur der Mohammedanismus scheint das einzige zu sein, was die Neger noch einigermaßen der Bildung annähert.

Hegel: Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte Mehr

Afrika (1..n) ist kein Reisebericht, sondern eine lose Folge von Lese- und Augeneindrücken.

Preis für Adonis

Der Literaturpreis der Stiftung Prinz Pierre von Monaco geht an den frankosyrischen Dichter Adonis. Der Preis wird zum 50. Mal vergeben, er ist mit €15.000 dotiert. Bisherige Preisträger waren unter anderem Julien Green, Patrick Modiano, Hector Bianciotti, Jean Starobinski, Andreï Makine und Dominique Bona.

Adonis veröffentlicht seine Gedichte seit Anfang der 50er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Er ging ins Exil zuerst nach Beirut, dann nach Paris. In beiden Städten lehrte er seit Beginn der 70er Jahre an Universitäten.

Sein umfangreiches Werk (Gedichte und Essays) konzentriert sich auf die Befragung der arabischen Sprachen und Kulturen und ihrer Beziehung zur Sinnlichkeit, durch die Feier der Liebe und des weiblichen Körpers. Das belegt besonders seine Sammlung „Histoire qui se déchire sur le corps d’une femme“ (Geschichte die auf dem Körper einer Frau reißt, frz. 2008). Darin lautet eine Zeile: «Le corps n’est que l’éclat de l’invisible éternité.» (Der Körper ist nur der Glanz der unsichtbaren Ewigkeit.). / Le Figaro 5.10.

Adonis in L&Poe https://lyrikzeitung.com/tag/adonis/

GWK-Förderpreis Literatur für Arnold Maxwill und Charlotte Warsen

Der diesjährige Literaturpreis der GWK-Gesellschaft zur Förderung der Westfälischen Kulturarbeit, Münster, wird geteilt. Er geht zu gleichen Teilen an die zweiunddreißigjährige Charlotte Warsen, die 1984 in Recklinghausen geboren wurde, und an den gleichaltrigen Arnold Maxwill aus Dortmund. Die Ausgezeichneten erhalten jeweils 2.500 EURO und werden in ein Förderprogramm der GWK aufgenommen.

Charlotte Warsen studierte an der Kunstakademie Düsseldorf Malerei, in Köln Philosophie und Amerikanistik, heute lebt sie in Berlin. Sie überzeugte die Fachjury mit „Seufzergruppen. Auszüge aus einem Klagegesang“: erfrischende, nur partiell Realität abbildende, assoziativ-abstrakte und anarchisch-extrovertierte Texte, offene Sprachspiele, die nur oberflächlich als „Lyrik“ zu bezeichnen sind.

Arnold Maxwill studierte Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte in Wien und Münster, er lebt in Dortmund. In seinem Gedichtzyklus „verschränktes Gelände“, mit dem er die GWK-Jury gewann, nimmt er Teile des Dortmunder Stadtgebiets in den Blick. Die Gedichte in fest gefügter äußerer Form und strengem, analytischem, musikalisch durchsetztem Ton sind, so die GWK-Jury, spannende, hochartifizielle Konstruktionen.

Die Jury des GWK-Förderpreises Literatur 2016 bestand aus Dr. Florian Höllerer, LCB-Literarisches Colloquium Berlin, dem Autor und GWK-Preisträger 2011 Adrian Kasnitz aus Köln und dem Verleger und Lektor Reto Ziegler von der Edition Korrespondenzen in Wien. / GWK Münster

Literatur unplugged auf der Polstergruppe in Rostock

Die Literarische Polstergruppe (LPG) lädt zur ersten Wohnzimmerlesung am 4. Oktober 2016 um 19 Uhr in Rostock: Literatur unplugged auf der Polstergruppe. Mit diesem unabhängigen Format präsentiert die LPG  authentische Texte im privaten Raum, als einem Ort der Begegnung. In entspannter Atmosphäre schwindet die Distanz zwischen Schreibenden und Lesenden, Literatur lässt sich hautnah erleben und ein Austausch zwischen allen Beteiligten wird möglich.

Vier Autorinnen und Autoren werden am 4. Oktober im Wohnzimmer von Beat Mundwiler ihre Texte lesen: Der Gastgeber Beat Mundwiler (Rostock), Wiebke Salzmann (Mönchhagen) sowie Jurek P (Wusterhusen) und Odile Endres (Greifswald). Nach der Lesung gibt es Gelegenheit für lockere Gespräche über das Gehörte – oder über die Literatur und das Schreiben allgemein.

Getränke und Verpflegung bringen die Gäste mit, Gläser und Gabeln sind vorhanden.

Zeit: 4. Oktober, 19 Uhr
Ort: Hermannstraße 25, 18055 Rostock.
Unkostenbeitrag: 5 Euro
Anmeldung: info@beatmundwiler.ie

Lyrik Kabinett: Relaunch der Website

Die neue Homepage des Lyrik Kabinetts ist online! In neuer Gestaltung, mit vielen poetischen Zitaten, bietet sie zahlreiche Verbesserungen und neue Funktionen, die zu einer Entdeckungsreise durch das Lyrik Kabinett einladen: das aktuelle Programm in einem neuen Veranstaltungskalender, Volltextsuchen über alle Seiten, im Bibliotheks-Katalog und in den Veranstaltungen seit 1997, ausführliche Darstellungen unserer Arbeit (die wichtigen davon auch in englischer Sprache), Einblicke in die Workshops mit Jugendlichen, die Möglichkeit, Publikationen zu bestellen und online zu spenden. In technischer Hinsicht standen Usability-Aspekte und das responsive Webdesign im Vordergrund. Gestaltet wurde der Auftritt von der Agentur NEW.EGO (www.newego.de). Wir danken herzlich für die wunderbare und inspirierende Zusammenarbeit!
/ Lyrik Kabinett