Heute vor 696 Jahren, am 14. September 1321, starb der Schöpfer der Comedia, die Boccaccio die Göttliche nannte. Zum Anlaß ein Danteporträt aus dem Jahr 1972. Karl Mickel schrieb ein reimloses Sonett im Maß Dantes und widmete es seinem Kollegen Wulf Kirsten.
Inferno XXXIV
Für Wulf Kirsten
Gips-Smog in Weimar, Kirsten melancholisch:
Denn er obliegt dort deutscher Zeichengebung.
Und als die Wandrer zu der Stelle kamen
Die Dante nennt: der Hüfte größte Wölbung
Kletterten sie, an Haare wie Gestrüpp
Sich klammernd, unter Keuchen aus dem Felsloch:
Aber Dante (ja, ich hatte Angst
Wer mich tadelt, denke, wo ich steckte!)
Eh er heraus war, setzte sich in eine
Schrunde und fragte: Wo ist das Eisfeld?
Warum hält Der den Kopf nach unten? und
Wie ging die Sonne so schnell von dem Abend
Zum Morgen über? – Noch im Arsch des Teufels
Will Dante, was er wahrnimmt, wissen.
Von Kirsten, der damals Lektor in Weimar war und Kommas korrigierte, handeln die ersten beiden Zeilen, er wird als melancholisch dargestellt. Die Zeichengebung gliedert das Sonett. Zwei Punkte: nach Vers 2 und 14. In jedem der beiden so markierten Sätze ein Doppelpunkt am Versende (hinzu kommt jeweils einer, der in der Versmitte Zitat und Rede anführt), die Doppelpunkte am Versende gliedern die ungleich langen Sätze wiederum in zwei Teile. Wir haben die klassische italienische Vierteilung des Sonetts, zwei ungleich lange Teile, die jeweils aus zwei Teilen bestehen und so gedankliche Schrittfolgen erlauben. So ist es zweifellos auch hier, nur mit extremer Verschiebung der Dimensionen und somit höchster Spannung. Ich kommentiere knapp die Abschnitte. A und B die beiden Sätze = Hauptabschnitte, 1 und 2 die Teile vor und nach dem Doppelpunkt.
A handelt in der Gegenwart in Weimar vom Dichter Kirsten, B in Dantes Zeit auf klassischem Boden vom Dichter Dante.
A1: Kirsten in Weimar ist melancholisch
A2 nennt den (oder einen) Grund, Einsatz mit „Denn“
B1 referiert eine Stelle aus dem 34. und letzen Canto des Inferno, Dante, begleitet von Vergil, der nicht genannt wird. Die beiden Dichter besichtigen den Mittelpunkt der Erde / der Welt. Nach christlicher Legende steckt dort Luzifer, der „Lichtbringer“, der wegen Ungehorsams gegen Gott in den Abgrund geworfen wurde. Man besichtigt den Teufel. Der Dichter Dante läßt sich alles genau zeigen. Nicht melancholisch ist er, sondern aktiv und wißbegierig.
B2 setzt mit „Aber“ ein. Keine nachgereichte Begründung wie in A2, sondern ein Trotz- und Widerwort. Dante, keuchend, frierend (sie stecken in schrundigem Eisloch), will es wissen.
Ein weiteres Satzzeichen, der einzige Gedankenstrich, bringt schließlich unvermittelt ein Fazit, der Fragenkaskade des mittelalterlichen Dichters folgt eine Wertung der Redeinstanz.
Die Widmung an Kirsten entpuppt sich als (poetologische) Kritik. Auch in widrigen Umständen möge der Dichter wahrnehmen. Wie Dante.
Hier noch einmal der Text.
Inferno XXXIV
Für Wulf Kirsten
Gips-Smog in Weimar, Kirsten melancholisch:
Denn er obliegt dort deutscher Zeichengebung.
Und als die Wandrer zu der Stelle kamen
Die Dante nennt: der Hüfte größte Wölbung
Kletterten sie, an Haare wie Gestrüpp
Sich klammernd, unter Keuchen aus dem Felsloch:
Aber Dante (ja, ich hatte Angst
Wer mich tadelt, denke, wo ich steckte!)
Eh er heraus war, setzte sich in eine
Schrunde und fragte: Wo ist das Eisfeld?
Warum hält Der den Kopf nach unten? und
Wie ging die Sonne so schnell von dem Abend
Zum Morgen über? – Noch im Arsch des Teufels
Will Dante, was er wahrnimmt, wissen.
1972
Der tschechische Dichter Otokar Březina wurde am 13. September 1868 in Počátky, Böhmen geboren, er starb am 25. März 1929 in Jaroměřice nad Rokytnou, Südmähren). Zum Geburtstag zwei deutsche Fassungen eines Gedichts
Otokar Březina
Wir aber grüßen den Frühling
Wir aber grüßen den Frühling! Wenn er im Jubel der Wildbäche naht
und in der mütterlichen Regung der Erde, dem Schnellerwerden der Zeit und des Blutes!
Uns haben Winde in den Traum des Ruhmes gewiegt. Schon im berauschenden Atem verronnen,
zittern Rosen und Sonnen, der Rhythmus der Brüste und Lieder!
Und deiner Arbeit Frühling sei uns gegrüßt! Mit uns sind Hunderte
von unsichtbaren Händen am Werk. Ihrer Bewegungen Schatten sind wie das Funkeln des Lichts. –
Und der Insekten Stimmen, das Ticken unsichtbarer Uhren, tönen vom Kleefeld,
als stieße Becher an Becher, strömt der Duft der Kastanienblüten aus den Gemächern.
Wir aber grüßen den Gewitter bringenden Frühling! Und in der Glut seiner Blitze
die Kämpfe der Liebe, den schneeweißen Schein für ein Lächeln, und im Tau des Kristallbads die Stärke zum Leiden!
Denn mit dem Blick der Schönheit hält er die Hand, das Werkzeug zum Freitod, zurück,
und er erlaubt der Seele, vom Wahnsinn erhabenen Heldenmutes zu träumen.
Wir aber grüßen den Frühling als Tausender Frühlinge Stimme! Und hört ihr nicht ihre Antwort,
wie sie von allen Welten erbebt, ein All, das von seinen Hoffnungen singt?
Goldene Schlüsselblumen funkeln auf den azur-lichten Auen, Sterne wie Augen
öffnen sich, und die Ekstase der Liebe stürzte aus ihnen die Tränen der Lichter!
Wir aber grüßen den Frühling, die Knospen feurigen Dufts im Gedenken der Brüder!
In unserm Garten sind Vögel aus allen Gärten zu hören. Und unsere Worte
falln mit dem Schnee der Kirschblüten nieder zur Erde, und im Hochzeitsflug fliegen empor sie
wie eines Bienenvolks Königin, und kehren zurück, um Leben zu schenken.
Wir aber grüßen den Frühling! Katarakt des mystischen Flusses,
wie von Gletschern splittern hinab in die Tiefe Myriaden von Funken, und der Regenbogen ist deine Sonne,
und im wirbelnden Schaum der Jasmine strömt er in eins, und in der Zeitalter Schweigen
wie zwischen Felsen stürzt er zum Meer, von Licht überschwemmt.
Wir aber grüßen den Frühling! Tage wechseln mit Nächten,
Fenster, von Engeln bemalt mit symbolischen Bildern,
ins Unendliche aufgewölbt zu den Ätherbögen deiner Basilika,
wo du die Flammen all deiner Lüster zur Auferstehung entzündest.
Wir aber grüßen den Frühling! heißen die Ungeduld der Seele willkommen!
Und der gekräftigten Flügel Erbeben! Den Mut des erleuchteten Blicks!
Denn Unendlichkeiten warten auf uns, andere, ruhmvollere Frühlinge,
Befreiungen, Lieder, in der Unendlichkeit dröhnend!
(Übersetzt von Uwe Grüning, in: Die Sonnenuhr. Anthologie tschechischer Lyrik. Hg. Kundera, Ludvík. Leipzig: Reclam 1986. (2 Bd.), Teil 3: 1900-1950, S. 35f – Auch in: Ludvík Kundera, Eduard Schreiber (Hrsg.): Süß ist es zu leben. Tschechische Dichtung von den Anfängen bis 1920. München: Deutsche Verlags-Anstalt, 2006 [Tschechische Bibliothek])
WIR GRÜSZEN DEN FRÜHLING
Wir grüßen den Frühling! Nahend im Jauchzen des Wildbachs,
in Mutterregung der Erde, im schleunigern Strömen der Zeit und des Blutes!
Wind wiegte uns ein in Träume vom Ruhm. Verschmolzen im täubenden Odem
erbeben Rosen und Sonne, Rhythmen der Brüste und Lieder!
Wir grüßen den Frühling deines! Werks! Es schaffen unsichtbar
hundert Hände mit uns. Des Lichtes Funkeln ist der Schatten ihrer Gebärde. —
Geheimnisvoller Uhrenschlag, tönen Insektenstimmen vom Kleefeld herüber,
aneinanderklingend wie Becher in den Duftkammern der Kastanienblüten.
Wir grüßen den Frühling, den Gewitterbringer! Er schafft Kämpfe der Liebe
im Blitzbrand, Blendung und Glanz dem Lächeln und Kraft für den Schmerz
im Kristallbad des Taus. Durch den Anblick der Schönheit bannt er selbstmörderische Hände
und läßt die Seele träumen vom erhabnen Wahnsinn der Heroismen.
Wir grüßen den Frühling, Rufer von tausend Frühlingen! Hört ihr ihre Antwort,
durchdröhnend das Weltall, das seine Hoffnungen singt?
Azurne Wiesen, mit Himmelsschlüsseln beglitzert, Sterne wie Augen
öffnen sich weit, Ekstasen der Liebe entströmen ihnen mit den weinenden Lichtern!
Wir grüßen den Frühling, duftige Feuerknospe im Denken der Brüder!
Vogelsang aller Gärten dringt herein in unsern. Und unsere Worte
fallen mit den Flocken blühender Kirschen zurErde und steigen empor
wie Bienenköniginnen zum Hochzeitsflug und kehren wieder, um Leben zu geben!
Wir grüßen den Frühling, Wasserfall des mystischen Stroms,
der niedersprudelt von Gletschern, Funkenmillion, Regenbogen in deiner Sonne,
und im Jasmin des wirbelnden Schaumes zerschmilzt und durch die schweigenden Zeiten
wie durch Felsen zum lichtüberfluteten Meere sich wälzt.
Wir grüßen den Frühling! Siehe, es wechseln Tage und Nächte
wie Fenster, von Engeln mit symbolischen Zeichnungen bemalt,
unendlich zu deines Tempels Ätherwolken gewölbt,
wo du alle Flammen deiner Lüster zur Auferstehung entfacht.
Wir grüßen den Frühling! Ungeduld der Seelen, willkommen!
Erstarkter Schwingen GeschWanke! Mut hellem Blicks!
Unendlichkeiten harren unser, andre, festlichere Lenze,
Der Ewigkeit donnernde Lieder, die Erlösung.
(Deutsch von Otto Pick. In: Jüngste tschechische Lyrik. Eine Anthologie [Die Aktions-Lyrik, Hrsg. Franz Pfemfert]. Berlin-Wilmersdorf: Verlag der Wochenschrift DIE AKTION (Franz Pfemfert), 1916, S. 17f)
Am 12. September 1985 starb Lajzer Ajchenrand, jiddischer Dichter (Polen, Frankreich, Schweiz, Israel). „Die Schweiz verweigerte ihm aus formalen Gründen die Staatsbürgerschaft.“
KRIEG
Wolkens grine speien mit Gall.
Toitlich Geher roischt durch Welder.
Varlosener Acker demert in Varfall —
Broine Durscht gießt iber Felder
Varloschene Sonn. Ziehen Hungertritt
Einsame Gaßn kalt un star —
Tiefer Schmerz! der Scheguen hit
Mutters Schotn in schweigendn Altar.
Varlorener Wind — von bloie Fliegl
Rinnen Troppens wie schwere Klagn —;
Schotns ziehen von zebrochene Spiegl
Varkrampte Finger wie dunkele Fragn.
In Eibikeit varsunkn alle Stufn —
Groisam wartn Kranke durch Necht —
Stolze Pein! Maluchem schwarze rufn
Starbende Krieger zum letztn Gefecht!
Varkoilte Oign umgehoier un schwer
In sei der glihender Bang —
A Faierschein in jeder Trer
Zittert oif un lescht sich lang . . .
Aus: Lajser Ajchenrand, Hörst Du nicht. Jiddische Gedichte. Zürich: Posen, 1947, S. 12f
Kalenderarbeit ist Arbeit am (Gegen-)Kanon. Nicht immer einfach, zwischen all den Brecht Goethe Quevedo Schlegel Brentano Mallarmé usw., die alle schätzenswert sind, Namen von Frauen aufzufinden. Oder Namen aus den sogenannt kleinen oder exotischen Sprachen, für die es außerhalb ihres Sprachraums nicht so viele Leser und Übersetzer gibt. Oder Namen, die in Vergessenheit gerieten oder die aus anderen Gründen durchs Raster fallen. In den letzten Tagen fand ich im Kalender neben Stramm Cummings Artaud Friedrich Mörike… auch Constantijn Huygens, Oda Schaefer, Rachid Boudjedra, Edith Sitwell, Gala, Caroline Schelling, Charlotte Elisabeth Nebel, H.D. oder Helga M. Novak. Heute entscheide ich mich unter James Thomson, Joanna Baillie, Adam Asnyk, Peter Hille, Rainis, Caterina Albert, Subramania Bharati, Ernst Herbeck und Hannah Weiner für Friedrich Schröder-Sonnenstern. Um ihn als Künstler riß sich der Betrieb, bis er ihn fallenließ. Als Autor kommt er nie an kanonrelevanten Stellen vor. Allenfalls als „Randgruppenlyrik“ konsumierbar. Hier seine Biografie aus dem Wikipediartikel und dann ein paar Ausschnitte aus dem Band „Seelenerkennungsdienst. Sentenzen Gedichte Graphiken“ (BasisDruck 2006).
Friedrich Schröder Sonnenstern (* 11. September 1892 in Kaukehmen bei Tilsit als Emil Friedrich Schröder; † 10. Mai 1982 in Berlin) war ein deutscher Zeichner und Maler. Er gilt als einer der wichtigsten Vertreter der Art Brut oder der Outsider Art.
Friedrich Schröder war eines von 13 Kindern, von denen allerdings zwei unmittelbar nach der Geburt starben. Sein frühes Leben war gekennzeichnet von Aufenthalten in Erziehungs- und Irrenanstalten, letzteres wegen angeblichen Jugendirreseins (Dementia praecox), was schließlich zu seiner Entmündigung führte. Als er 1919 nach Berlin floh, beschäftigte er sich mit Okkultismus, Wahrsagerei und Heilmagnetismus. Er gründete eine Sekte und verteilte seine Einnahmen in Form von Brötchen (Schrippen) bevorzugt an Kinder, was ihm den Titel „Schrippenfürst von Schöneberg“ einbrachte. 1933 wurde Sonnenstern – den Namen hatte er sich um 1928 zugelegt (Eliot Gnas von Sonnenstern) – in die Provinzial Irren- und Heilanstalt Neustadt in Schleswig-Holstein eingewiesen, wo er den Künstler Hans Ralfs kennenlernte, der ihn zum Zeichnen erster Bilder animierte. Nach der Entlassung folgte ein dreijähriger Gefängnisaufenthalt, anschließend der kurzzeitige Dienst im Luftwaffendepot und die Abschiebung ins Arbeitslager Himmelmoor bei Quickborn. 1942 gelang ihm die Flucht nach Berlin. Unter schwierigsten Umständen überlebte er die letzten Jahre des Zweiten Weltkriegs und begann ab 1949 intensiv zu zeichnen. Die Surrealismus-Exposition in Paris 1959 feierte ihn als den beeindruckendsten Künstler des 20. Jahrhunderts, international aufsehenerregende Ausstellungen folgten. Schröder-Sonnenstern zählte ab Anfang der 1970er Jahre zur Künstlergruppe der Berliner Malerpoeten. Er kam den Aufträgen nicht mehr nach, ließ von Gehilfen seine Bilder ausmalen und führte Details, Feinarbeiten und Korrekturen eigenhändig aus – bis die Gehilfen, teilweise angeregt und beauftragt von Galeristen und Händlern, auf vorsignierten Kartons Schröder-Sonnenstern-Motive kopierten, ausmalten, verkauften und ihn schließlich zum Opfer von Fälschercliquen degradierten. Als dies bekannt wurde, ließ ihn der Kunstmarkt konsequent fallen. Seriöse Galeristen und Sammler wendeten sich von ihm ab, er zog sich komplett zurück und starb, fast vergessen und verarmt, 1982 in Berlin. Sein Grab befindet sich auf dem Alten Zwölf-Apostel-Kirchhof in Berlin-Schöneberg.
Friedrich Schröder-Sonnenstern
Seelenerkennungsdienst
Sentenzen Gedichte Graphiken
Herausgegeben von Jes Petersen
Mit einer Auswahlbibliographie von Ingrid Hägele
Sonnenstern. 3facher Weitmeister ailer freien angewandten nützlichen, schönen 7dimensionalen einzigen Künste und der größte Dichter, denn er sieht nur Holzköppe Arschlöcher und Gelichter.
Die rätselhafte Kraft
Ganz wider Willen zwingt mich eine unheimliche Kraft zum Dichten und Malen. Sie packt mich mit aller Gewalt, in den reißenden Strom zerrt sie mich pausenlos weiter und duldet keinen Stillstand zu Atempausen, Verschnaufen. Ich will aber singen, tanzen, dirigieren, denn nur das scheint meine Stärke zu sein.
Die moralische Dichtkunst
Für Studenten
Essays müßen kurz sein aber packend mitreissend beschwingend erfrischend erwärmend belebend fragend wirkend und was die Hauptsache ist zum freien Nachdenken anregen für Leser Lehrmittel sein und Freude vermehren Qual und Leid verringern und abwehren.
Aus: Gedächtnisschwachsimplizissimus
Satire
Die moralische Hirnstärkung
Hymne auf die Gehirndrüsenschaltwerkatome
Text, Musik und Bild:
Lachmeister Salutor Kommalvor Gnas von Eliot Sonnenstern
(Obergelstrat, Obersozialrat. Obermoralrat und geheimer Oberkulturmondnarr)
Prolog:
Seht euch doch diesen Mann mal an.
da war bestimmt doch alles dran.
was mancher so gebrauchen kann.
Nur sein Gehirn war krank und schwach,
das brachte ihm manch Ungemach:
So Kummer. Sorgen, sonstges Leid.
weil er mit Kälte, Wärme, Wetter.
so aller Dummheit einzige Retter.
nicht im Geringsten wußt‘ Bescheid (…)
Der moralische Wahrheitsmaler
Ein’n Wahrheitsmaler gibt es auch,
der hat jenen besonderen Brauch,
er malt die Wahrheit, wie sie ist,
so wie sie liebt, frisst, kackt und pißt.
Der moralische Zweck
Für Bellmer
Der moralische Zweck des Lebens ist, aus scheinbar unschönen Dingen durch richtige Mischungen, schöne zu schaffen, z.B. graue Erde = (Schmutz) = mit unschönem stinkend = Mist und kleinen Samenkörnern gibt blühende, duftende Sträucher, Blumen und Bäume.
Der melancholische Eulenspiegel!
Ich kam in die Welt und suchte nach Brot,
fand aber nur Elend, Trauer und Not.
Ich suchte nach himmlischer Liebe,
fand aber nur Nichtachtung und schmerzende Hiebe.
Ich suchte die Hoffnung,
fand aber nur die Seele folternde Tropfung.
Ich suchte leider auch den Glauben,
fand nur Gespenster, die Alles nur rauben.
Ich suchte sehr eifrig auch das Glück,
fand aber leider nur stets einen Strick.
So frage ich, vielleicht ist das das Glück? —
Man risz mir die Seele aus dem Leib.
beschmierte sie mit Dreck
und warf sie dann hohnlachend jauchzend weg.
Heute was mit Blumen. Vielleicht nicht Rosen – Seerosen. Sea Rose heißt das erste Gedicht aus dem ersten Gedichtband der amerikanischen Autorin H. D. (eigentlich Hilda Doolittle). Das Buch erschien 1916 und trägt den Titel Sea Garden, Meeresgarten. 95 bzw. 100 Jahre danach erschien es auf Deutsch. 2011 übersetzt von Annette Kühn bei Luxbooks und 2016 als roughbook in der Übersetzung von Günter Plessow.
Zu ihrem 131. Geburstag das Gedicht Sea Rose im Original und die ersten zwei Strophen in den Übersetzungen von Kühn und Plessow. Von der ersten Zeile an macht das Gedicht deutlich, daß keine Blümchenpoesie zu erwarten ist. H.D. gehörte mit Ezra Pound und Richard Aldington zur Avantgarde der englischsprachigen Lyrik, die drei nannten sich die „drei Original-Imagisten“, original imagists.
Sea Rose
By H. D.
Rose, harsh rose,
marred and with stint of petals,
meagre flower, thin,
sparse of leaf,
more precious
than a wet rose
single on a stem—
you are caught in the drift.
Stunted, with small leaf,
you are flung on the sand,
you are lifted
in the crisp sand
that drives in the wind.
Can the spice-rose
drip such acrid fragrance
hardened in a leaf?
Annette Kühn
MeeresRose
Rose, rauhe Rose
gebrochen und geizig an Blüten,
spärliche Blume, dünn,
karg an Blättern,
kostbarer
als eine nasse Rose
einzeln auf einem Stengel —
bist du gefangen in der Strömung.
(…)
Günter Plessow
See Rose
Rose, harsche Rose,
entstellt und karg in der Blüte,
magre Blume, dürr,
blattlos fast,
kostbarer
als eine betaute Rose
einzeln am Stengel—
du bist erfaßt von der Drift.
(…)
Eduard Mörike (8. September 1804 Ludwigsburg – 4. Juni 1875 Stuttgart)
Septembermorgen
Im Nebel ruhet noch die Welt,
Noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt,
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
In warmem Golde fließen.
Text von Lazarus Spengler (1524), vertont u.a. durch Johann Sebastian Bach und Dietrich Buxtehude. Lazarus Spengler (* 13. März 1479 in Nürnberg; † 7. September 1534 ebenda) war ein früher Förderer der Reformation in Nürnberg und wurde 1520 zusammen mit Luther mit päpstlichem Bann belegt.
Durch Adams Fall ist ganz verderbt
Menschlich Natur und Wesen,
Dasselb Gift ist auf uns ererbt,
Daß wir nicht mocht’n genesen
Ohn‘ Gottes Trost, der uns erlost
Hat von dem großen Schaden,
Darein die Schlang Eva bezwang,
Gotts Zorn auf sich zu laden.
Weil denn die Schlang Eva hat bracht,
Daß sie ist abgefallen
Von Gottes Wort, welchs sie veracht,
Dadurch sie in uns allen
Bracht hat den Tod, so war je Not,
Daß uns auch Gott sollt geben
Sein lieben Sohn, der Gnaden Thron,
In dem wir möchten leben.
Wie uns nun hat ein fremde Schuld
In Adam all verhöhnet,
Also hat uns ein fremde Huld
In Christo all versöhnet;
Und wie mir all durch Adams Fall
Sind ewigs Tods gestorben,
Also hat Gott durch Christi Tod
Verneut, was war verdorben.
So er uns denn sein Sohn geschenkt,
Da wir sein Feind noch waren,
Der für uns ist ans Kreuz gehenkt,
Getöt, gen Himmel g’fahren,
Dadurch wir sein von Tod und Pein
Erlöst, so wir vertrauen
In diesen Hort, des Vaters Wort,
Wem wollt vor Sterben grauen?
Er ist der Weg, das Licht, die Pfort,
Die Wahrheit und das Leben,
Des Vaters Rat und ewigs Wort,
Den er uns hat gegeben
Zu einem Schutz, daß wir mit Trutz
An ihn fest sollen glauben,
Darum uns bald kein Macht noch G’walt
Aus seiner Hand wird rauben.
Der Mensch ist gottlos und verflucht,
Sein Heil ist auch noch ferne,
Der Trost bei einem Menschen sucht
Und nicht bei Gott dem Herren;
Denn wer ihm will ein ander Ziel
Ohn‘ diesen Tröster stecken,
Den mag gar bald des Teufels G’walt
Mit seiner List erschrecken.
Wer hofft in Gott und dem vertraut,
Wird nimmermehr zu Schanden;
Denn wer auf diesen Felsen baut,
Ob ihm gleich geht zuhanden
Wie Unfalls hie, hab ich doch nie
Den Menschen sehen fallen,
Der sich verloßt auf Gottes Trost,
Er hilft sein Gläub’gen allen.
Ich bitt o Herr, aus Herzensgrund,
Du wollst nicht von mir nehmen
Dein heilges Wort aus meinem Mund,
So wird mich nicht beschämen
Mein Sünd und Schuld, denn in dein Huld,
Setz ich all mein Vertrauen;
Wer sich nur fest darauf verläßt,
Der wird den Tod nicht schauen.
Mein Füßen ist dein heilges Wort
Ein brennende Laterne,
Ein Licht, das mir den Weg weist fort;
So dieser Morgensterne
In uns aufgeht, so bald versteht
Der Mensch die hohen Gaben,
Die Gottes Geist den g’wiß verheißt,
Die Hoffnung darein haben.
Ende der Geschichte. Im 21. Jahrhundert diskutiert man über Gedichte, als könnte oder dürfte man nicht zwischen objektiver und subjektiver, manieristischer oder Kasuallyrik, galanter und empfindsamer, klassischer Erlebnis- oder Gedankenlyrik, artistischer, symbolistischer, engagierter oder Nonsenselyrik, rhetorischer oder Ausdruckslyrik unterscheiden und Dinggedicht, Aleatorik, Konstellation, konkrete, visuelle oder Gebrauchslyrik wären alles eins und mit einem Maß zu messen. Das Maß scheint Gesinnung zu sein: ist es für uns oder gegen uns? Wort ist Wort und muß Rechenschaft ablegen. Es gab schon eine Zeit in meinem Leben, wo es sich ähnlich verhielt, unter marxistischer Ägide. Unterscheiden galt da als bürgerlicher „Objektivismus“ („Krampf im Klassenkampf“). –
Bitte nicht mißverstehen, ich meine NICHT den AStA von Hellersdorf. Ich weiß nicht, welcher Fachrichtung die engagierten Studenten dieser Hochschule angehören. Wer nicht vom Fach ist, muß überhaupt nichts und darf alles. Meine Überlegungen kommen von der wilden und öfter hitzigen Debatte, die sich in den letzten Tagen unter meinen Facebookfreunden entspann, pro und contra Gomringer. Es sind alles Leute vom Fach, Dichter, Vermittler, die nach meinen altmodischen Vorstellungen aus dem vorigen Jahrtausend a) unterschiedliche Meinungen haben dürfen und müssen und b) gelernt haben, Kriterien anzuwenden und auszutauschen. Aus, vorbei, von vorgestern. Unterscheiden ist nur Krampf im Geisterkampf. Was nicht paßt, wird entfernt. Ich bitte mich zu entfernen.
Zum Nachlesen über den Anlaß:
Offener Brief: Stellungnahme zum Gedicht Eugen Gomringers vom 12.4. 2016
Gedicht: Umgestaltung Südfassade Aufruf vom 15.7. 2017
PEN-Zentrum Deutschland für Erhalt des Gedichts „Avenidas“ des Lyrikers Eugen Gomringer an Südfassade der Alice-Salomon-Hochschule, Berlin vom 5.9. 2017
Ein Sonett des französischen Dichters Pierre de Ronsard (* 6. September 1524 im Château de la Possonnière bei Couture-sur-Loire; † 27. Dezember 1585 im Priorat Saint-Cosme bei La Riche, Touraine) in der Nachdichtung von Martin Opitz und im Original.
Sonnet. (...)
Welches zum theil von dem Ronsardt entlehnet ist:
Ihr / Himmel / lufft vnnd wind, jhr hügel voll von schatten /
Ihr hainen / jhr gepüsch' / vnd du / du edler Wein /
Ihr frischen brunnen / jhr / so reich am wasser sein /
Ihr wüsten die jhr stets mußt an der Sonnen braten /
Ihr durch den weissen taw bereifften schönen saaten /
Ihr hölen voller moß / jhr auffgeritzten stein' /
Ihr felder welche ziehrt der zarten blumen schein /
Ihr felsen wo die reim' am besten mir gerhaten /
Weil ich ja Flavien / das ich noch nie thun können /
Muß geben guete nacht / und gleichwol mundt vnnd sinnen
Sich fürchten allezeit / und weichen hinter sich /
So bitt' ich Himmel / Lufft / Wind / Hügel / hainen / Wälder /
Wein / brunnen / wüsteney / saat' / hölen / steine / felder /
Vnd felsen sagt es jhr / sagt / sagt es jhr vor mich.
Ciel, air et vents, plains et monts découverts, Tertres vineux et forêts verdoyantes, Rivages torts et sources ondoyantes, Taillis rasés et vous bocages verts, Antres moussus à demi-front ouverts, Prés, boutons, fleurs et herbes roussoyantes, Vallons bossus et plages blondoyantes, Et vous rochers, les hôtes de mes vers, Puis qu'au partir, rongé de soin et d'ire, A ce bel oeil Adieu je n'ai su dire, Qui près et loin me détient en émoi, Je vous supplie, Ciel, air, vents, monts et plaines, Taillis, forêts, rivages et fontaines, Antres, prés, fleurs, dites-le-lui pour moi.
Caspar David Friedrich (5. September 1774 Greifswald – 7. Mai 1840 Dresden)
Aus Caspar David Friedrichs Nachlaß. Mitgeteilt von Friedrich Aubert.
(…)
Einfachheit, Einheitlichkeit — so ist Friedrichs Kunst, so ist Friedrichs Persönlichkeit, so ist auch sein Leben.
Es ist mit ihm so wie mit Millet und mit Constable: hat man seine Kunst erst liebgewonnen, will man gern ihn selbst persönlich kennen lernen. Daher wird vielleicht ein Stück Lebensbild, das ich hier aus seinen hinterlassenen Papieren mitteilen kann — ein Tag aus seinem schlichten Leben — schon vielen willkommen sein. Es ist ein Brief in Versen, etwa in der Art von Runges Briefe aus seiner Seelandsreise, nur unbeholfener, von einem viel naiveren und einfach gebildeten Menschen. Aber hat man Friedrich lieb, hat es gerade so seinen eigentümlichen Reiz. Jedenfalls hat es, wo es einem so bedeutenden, bahnbrechenden Künstler gilt, seinen kulturgeschichtlichen Wert als document humain. Es findet sich in zwei Redaktionen, doch in keiner als fertige Reinschrift. Dem Papier nach zu urteilen, noch besser nach den naiv unbeholfenen Randzeichnungen, die sich da finden, muss es einer sehr frühen Zeit angehören, kurz nach seiner Ansiedelung in Dresden 1798. Wohl schon vor 1805, da wir ihn den Sommer über in Loschwitz ansässig finden. Wir treffen vielleicht das Richtige, wenn wir das Gedicht um das Jahr 1800 datieren.
Ein Brief in Versen.
Es war die fünfte Stunde früh,
So meldete des Kirchturms Klocke,
Und matt erhellte der junge Tag
Durchs kleine Fenster meine Kammer.
Da lüftete ich das deckende Bett,
Vom weichen Lager mich hebend,
Lobpreisend den Herrn, der Ruh mir verlieh,
Beschirmt vor allen Gefahren.
Kühl war der Morgen, doch deckte ich rasch
Den Leib mit reinem wollenen Zeug.
Dann wurde gewaschen der Mund,
Gewaschen das Antlitz, die Hände.
Denn die Reinlichkeit behagt gar wohl,
Erhält gesund und warm den Körper.
Da fiel mirs ein, nach Tarant zu gehen,
Den kleinen, niedlichen Städtchen.
Drei Stunden nur liegt’s von Dresden entfernt
Im schönen anmuthigen Thale
Von Bergen umschlossen, mit Buchen bekränzt
Die strebende Höhe derselben.
Gleich säuberte ich die Stiefel mir,
Zog anders mich an vom Haupt bis zu Füssen,
Versehen mit Bleistift und Papier,
Des Gummi-Elastikums nicht vergessend.
Doch wartete ich noch aufs dienende Mädchen,
Die bringen würde die warme Milch, die Semmel.
Sie kam diesmal wie gewünscht sehr früh,
Und brachte das Begehrte.
Ich schlürfte behaglich aus Meissner Tasse
Die warme Milch hinunter,
Ass dann das braun geback’ne Brot,
Sechs Pfennige war es im Werte.
Indes das Mädchen das Bett gemacht,
Zur kommenden Nacht bereitet,
Die Kammer gekehrt, wie gewohnt,
Sie weiss, ich hab’s gern reinlich,
Schnell eilte ich die Strassen durch,
Auf grüne Fluhr zu kommen,
Wo freier die Luft uns reiner umgiebt,
Und fröhlich der Mensch sich fühlet.
Es perlte der Tauh in duftender Saat,
Vom Sonnenglanz erleuchtet,
Es trillerte die Lerche ihr Morgenlied,
In hoher Luft sich erhebend.
Es rauschte die wilde Weisseritz,
Kühl flüsterten durch Erlen die Winde.
Aus nahem Dorfe, Plauen genannt,
War hörbar schon des Wasserfalls Getöse.
Gleich hinter dem Dorfe erheben sich
Die Felsen zur Rechten und Linken,
Mit Bäumen und Büschen mancherlei Art
Und schwellendem Moose bewachsen.
Schön ist’s vor quaderner Brücke zu stehen,
Umgeben ringsum von Felsen,
Wo durch der Brücke Bogen man sieht
Die weisse Buschmühle liegen.
Das tosende Wasser stürzt schäumend sich
An rauer Granitwand hinunter.
Man höret sein eigenes Wort kaum noch,
Auch nicht der Mühle Geklapper.
Und weiter ging ich im Grunde fort,
Bewundernd die schöne Umgebung
Von Felsen und Bäumen, von Gärten und Wiesen,
Mich freute die Klarheit des Spiegels im Wasser,
Das Läuten der Kühe, die weidenden Schafe,
Die hüpfende Ziege im Grase,
Das Krachen der schwerbeladenen Wagen,
Das Wiehern der muthigen Hengste.
Gott Grüss euch, nickten freundlich mir zu
die Männer, Weiber und Mädchen.
Schön Dank, erwidert ich, rOckte den Hut
Und lachte hin zu den Mädchen.
Die grosse Hälfte des Weges
War bereits zurück schon gelegt,
Da setzt ich mich hin, zu zeichnen
Den Windberg, den höchsten der Gegend.
Es rollte ein Wagen vorbei
Voll geputzter Herren und Damen,
Recht fröhlich schienen sie alle,
Laut schäckernd rief einer mir zu:
Nehmen Sie uns doch mit ab!
Nehmen Sie mich lieber mit auf!
Erwidert ich schnell und geschwinde
Rasch rollte der Wagen vorbei.
Drauf gieng es weiter im Grunde fort,
Die Felsen wurden höher und schöner,
Es krachten die Tannen auf luftiger Höhe,
Im Thale lispelten die Birken.
Hoch über der Berge Gipfel schwebte
Die Weihe in stolzen Zügen,
Auf blumiger Wiese an kühlender Quelle
Erthönten der Nachtigall Lieder.
Ich hörte halb — es war auf elf —
Die Klocke im Thurme schon schlagen,
Drauf sah ich auch bald die alte Burg
Am felsigen Abhange liegen,
Die Kirche nachher, den spitzigen Thurm
Mit blinkendem Kreuze und Fahne,
Sehr fest gebauet, auf felsigem Grund,
Wohl deutend auf die Religion so sie lehrt.
Ich kam ins Städtchen, doch weilte ich nicht,
Gieng gleich hinauf zur Ruine,
Der schmale Fusspfad den Felsen hinan
Führt mich an der Kirche vorüber.
Ich trat ins offene Gotteshaus
Voll Rührung und Andacht im Herzen,
Blieb vor des Altars Stufen stehn
Zum Gebet die Hände gefaltet
Nun ging ich weiter der Burg zu,
Die stolz in Trümmern noch pranget
Mit Pfeiler und Bogen und hohem Gemäuer
In grauer Zeit noch erbauet — —
Schön ist von dieser Höh zu schauen
Des Schöpfers Werke umher.
Das Thal in drei Arme teilet sich
Nach Norden, Osten und Westen.
Die waldigen Höhen, die schroffen Felsen,
Die fruchtbaren Äcker und Wiesen,
Und unten das Städtchen, sehr reinlich und nett,
Wer kann die Schönheit beschreiben?
Im Innern der Ruine war einfach und edel
Ein kleiner Altar errichtet,
Der Dankbarkeit war er geweiht,
Wie seine Inschrift lehret.
Wenn Wanderer du die Pracht der Auen
Von hier mit Freuden schauest,
So zoll auch hier dein Dankgefühl
Dem Schöpfer der Natur.
Spend‘ was dir ward, wenn wenig nur
Den Armen, deinen Brüdern,
Und preise Gott, der diese Freude
Dir heute hat verliehen.
Ich zollte, auch wenn wenig nur,
Mit frohem Herzen ihm,
Sah dann umher noch einmal hin
In Gottes schöne Werke.
Und dacht an Dich, Du guter Heinrich,*
An Dich, Du lieber Preef, **
Und wünschte still im Herzen noch einmal
Diese Freud mit Euch, ihr guten, zu geniessen.
Nun ging ich links das Feld hinab,
Die Klocke hat zwölf geschlagen,
Zum Gasthof, der braune Hirsch genannt,
Der Mahlzeit mich erfreuend.
Wollt Ihr auch wissen, was ich ass
So will ich ’s auch erzählen:
Erst Supp, dann Rindfleisch mit Kohl,
Kottlet und Brot und Bier.
Ich trat nunmehr den Rückweg an,
Damit ich ’s kurz erzähle,
Und nahe an der Königsmühle,
Die vorher nicht erwähnet,
Hört ich der Hörner muntern Ton,
Das Echo von den Felsen,
Drei Männer waren ’s, die sich zur Freud
Und vielen andern bliesen.
Vier Mahler traf ich auch noch an
Und grüsste sie und brachte dem einen
Viele Grüsse von seinem Freund aus Rom
Er hat an mich geschrieben.
Die Stadt hatt‘ ich bereits erreicht,
Durcheilte schnell die Gassen
Nach Crämers hin, mich hungerte,
Das Abendbrod zu essen.
Es schlug halb zehn, wie ich wieder
Zu Hause mich verfügte
Ins Bett mich legt und ruhig schlief.
Ob ich geschnarcht? Das weiss ich nicht.
Ihr wollt’s wohl auch nicht wissen ?
Aus: Kunst und Künstler; illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe Jg. IV, Heft VII, April 1906, S. 298-303
Ernst Meister, Zwei Gedichte aus „Wandloser Raum“
Über dem ersten der zwei aufeinanderfolgenden, überschriftslosen Gedichte steht:
(In den beiden folgenden Gedichten wird aus Bobrowskis »Epilog auf
Hamann« zitiert.)
Zum Leben
verhält sich
Leben, nichts
außerdem. Das
Andere
ist »dort, wo man
nichts
nichts
nichts gedenkt«,
auf ewig.
(S. 65)
Der Erde Eigenes
sind die Früchte,
und die Luft ist es
in den Höhlen.
Honig aß ich,
»taumelnd vom Geruch
meiner eigenen
Verwesung«.
(S. 66)
Aus: Ernst Meister, Wandloser Raum. Gedichte. Darmstadt u. Neuwied: Luchterhand, 1979, S. 65f
Johannes Bobrowski
EPILOG AUF HAMANN
Taumeln hat mich gemacht der Geruch meiner eignen Verwesung,
ohnmächtig für eine Zeit, dem Esrahiten hab ich
nachgegirrt von der Schwachheit der Elenden, ich hab gelebt im
Land, das ich nenne nicht: dort, wo man nichts nichts nichts gedenkt.
Aus: Literarisches Klima. Ganz neue Xenien, doppelte Ausführung. In: Johannes Bobrowski: Gesammelte Werke in sechs Bänden. 1. Bd.: Die Gedichte. Berlin: Union, 1987, S. 232
Bobrowskis Epigramm wurde am 10.9.1965 in der „Zeit“ erstmals gedruckt. Meister las es dort und zitiert es in den zwei Gedichten.
Bobrowski seinerseits zitiert aus Hamanns Schriften und aus der Bibel (aus der Hamann natürlich auch zitiert). Er besaß den Band Hamann’s Schriften. 8 Bände in 9 Teilen. Hrsg. von Friedrich Roth. Berlin Reimer, 1821–1843.
Bd. 2: Sokratische Denkwürdigkeiten, Wolken, Aesthetica in nuce, Kreuzzüge des Philologen, Essais à la Mosaique, Schriftsteller und Kunstrichter, Hirtenbriefe (1821)
Darin heißt es S. 416: »Das Gleichniß wäre richtiger, wenn Sie [J.G. Lindner]
gesagt hätten: >Lazarus, unser Freund, schläft<. Der Geruch meiner eigenen Verwesung hat mich eine Zeitlang ohnmächtig gemacht. Ich habe mit Heman, dem Esrahiten, >von der Schwachheit der Elenden< girren müssen; ich habe gelebt, wie im Lande, >da man nichts gedenkt<«
Heman der Esrahit kommt in Psalm 88 vor. Die weiteren biografischen Anspielungen und Bibelstellen lasse ich hier aus. Für einen ersten Lesegang mag es genügen, den versammelten Textbeziehungen zu folgen.
Ernst Jandl
urteil
die gedichte dieses mannes sind unbrauchbar.
zunächst
rieb ich eines in meine glatze.
vergeblich. es förderte nicht meinen haarwuchs.
daraufhin
betupfte ich mit einem meine pickel. diese
erreichten binnen zwei tagen die größe mittlerer kartoffeln.
die ärzte staunten.
daraufhin
schlug ich zwei in die pfanne.
etwas mißtrauisch, aß ich nicht selber.
daran starb mein hund.
daraufhin
benützte ich eines als schutzmittel.
dafür zahlte ich die abtreibung.
daraufhin
klemmte ich eines ins auge
und betrat einen besseren klub.
der portier
stellte mir ein bein, daß ich hinschlug.
daraufhin
fällte ich obiges urteil.
Aus: Dingfest (1973)
Eigentlich wollte ich heute Bobrowski posten, Todestag 1965. Aber mir ist grad nach Inge Müller. Ein kurzes Stück, den kurzen Titel laß ich mal weg. Ach was, heute nur die erste Strophe.
Inge Müller (13. März 1925 Berlin – 1. Juni 1966 Berlin)
Gelernt hab ich
Was hab ich gelernt
Was nicht paßt wird entfernt
Was entfernt wird paßt.
Ich bitte mich zu entfernen.
August Stramm (29. Juli 1874 Münster – 1. September 1915 gefallen bei Horodec östlich Kobryn, heute Weißrussland)
Der Ritt
Die Äste greifen nach meinen Augen
Im Einglas wirbelt weiß und lila schwarz und gelb
Blutroter Dunst betastet zach die Sehnen
Kriecht schleimend hoch und krampft in die Gelenke!
Vom Wege vor mir reißt der Himmel Stücke!
Ein Kindschrei gellt!
Die Erde tobt, zerstampft in Flüche sich
Mich und mein Tier
Mein Tier und mich
Tier mich!
Neueste Kommentare