GABRIELE WOHMANN
(* 21. Mai 1932 in Darmstadt; † 22. Juni 2015 in Darmstadt)
Ja es ist möglich
Ja es ist möglich
Ja du bist mein Bein und mein Fleisch
Ja sechseinhalbprozentiges Amstel-Gold
Ja nur einen Anstoß geben
Ja so teuer
Ja zu den Badekarren am Strand
Ja so wird es ja sein
Ja Bessermachen mit einem traurigen Lied
Ja wir sind das Gras
Ja mir hast du Arbeit gemacht
Ja das ist der richtige Bahnsteig
Ja the minute to let her under your skin
Ja das Ja ist
Ja ich komme bald
Ja wir könnens ja nicht lassen
Ja lieber Mensch wer bist du denn
Ja freilich
Ja vielmehr
Ja komm.
Aus: Erotische Gedichte von Frauen. Hrsg. Aldona Gustas. München: dtv, 1985, S. 247

Annette von Droste-Hülshoff
(1797-1848)
Durchwachte Nacht
Wie sank die Sonne glüh und schwer,
Und aus versengter Welle dann
Wie wirbelte der Nebel Heer
Die sternenlose Nacht heran! –
Ich höre ferne Schritte gehn –
Die Uhr schlägt Zehn.
Noch ist nicht alles Leben eingenickt,
Der Schlafgemächer letzte Türen knarren;
Vorsichtig in der Rinne Bauch gedrückt,
Schlüpft noch der Iltis an des Giebels Sparren,
Die schlummertrunkne Färse murrend nickt,
Und fern im Stalle dröhnt des Rosses Scharren,
Sein müdes Schnauben, bis, vom Mohn getränkt,
Sich schlaff die regungslose Flanke senkt.
Betäubend gleitet Fliederhauch
Durch meines Fensters offnen Spalt,
Und an der Scheibe grauem Rauch
Der Zweige wimmelnd Neigen wallt.
Matt bin ich, matt wie die Natur! –
Elf schlägt die Uhr.
O wunderliches Schlummerwachen, bist
Der zartren Nerve Fluch du oder Segen? –
’s ist eine Nacht, vom Taue wach geküßt,
Das Dunkel fühl‘ ich kühl wie feinen Regen
An meine Wangen gleiten, das Gerüst
Des Vorhangs scheint sich schaukelnd zu bewegen,
Und dort das Wappen an der Decke Gips
Schwimmt sachte mit dem Schlängeln des Polyps.
Wie mir das Blut im Hirne zuckt!
Am Söller geht Geknister um,
Im Pulte raschelt es und rückt,
Als drehe sich der Schlüssel um.
Und – horch! der Seiger hat gewacht!
’s ist Mitternacht.
War das ein Geisterlaut? So schwach und leicht
Wie kaum berührten Glases schwirrend Klingen,
Und wieder wie verhaltnes Weinen steigt
Ein langer Klageton aus den Syringen,
Gedämpfter, süßer nun, wie tränenfeucht
Und selig kämpft verschämter Liebe Ringen; –
O Nachtigall, das ist kein wacher Sang,
Ist nur im Traum gelöster Seele Drang.
Da kollerts nieder vom Gestein!
Des Turmes morsche Trümmer fällt,
Das Käuzlein knackt und hustet drein;
Ein jäher Windesodem schwellt
Gezweig und Kronenschmuck des Hains; –
Die Uhr schlägt Eins.
Und drunten das Gewölke rollt und klimmt;
Gleich einer Lampe aus dem Hünenmale
Hervor des Mondes Silbergondel schwimmt,
Verzitternd auf der Gasse blauem Stahle;
An jedem Fliederblatt ein Fünkchen glimmt,
Und hell gezeichnet von dem blassen Strahle
Legt auf mein Lager sich des Fensters Bild,
Vom schwanken Laubgewimmel überhüllt.
Jetzt möcht‘ ich schlafen, schlafen gleich,
Entschlafen unterm Mondeshauch,
Umspielt vom flüsternden Gezweig,
Im Blute Funken, Funk‘ im Strauch
Und mir im Ohre Melodei; –
Die Uhr schlägt Zwei.
Und immer heller wird der süße Klang,
Das liebe Lachen; es beginnt zu ziehen
Gleich Bildern von Daguerre die Deck‘ entlang,
Die aufwärts steigen mit des Pfeiles Fliehen;
Mir ist, als seh ich lichter Locken Hang,
Gleich Feuerwürmern seh‘ ich Augen glühen,
Dann werden feucht sie, werden blau und lind,
Und mir zu Füßen sitzt ein schönes Kind.
Es sieht empor, so fromm gespannt,
Die Seele strömend aus dem Blick;
Nun hebt es gaukelnd seine Hand,
Nun zieht es lachend sie zurück;
Und – horch! des Hahnes erster Schrei! –
Die Uhr schlägt Drei.
Wie bin ich aufgeschreckt, – o süßes Bild,
Du bist dahin, zerflossen mit dem Dunkel!
Die unerfreulich graue Dämmrung quillt,
Verloschen ist des Flieders Taugefunkel,
Verrostet steht des Mondes Silberschild,
Im Walde gleitet ängstliches Gemunkel,
Und meine Schwalbe an des Frieses Saum
Zirpt leise, leise auf im schweren Traum.
Der Tauben Schwärme kreisen scheu,
Wie trunken in des Hofes Rund,
Und wieder gellt des Hahnes Schrei,
Auf seiner Streue rückt der Hund,
Und langsam knarrt des Stalles Tür –
Die Uhr schlägt Vier.
Da flammt’s im Osten auf, – o Morgenglut!
Sie steigt, sie steigt, und mit dem ersten Strahle
Strömt Wald und Heide vor Gesangesflut,
Das Leben quillt aus schäumendem Pokale,
Es klirrt die Sense, flattert Falkenbrut,
Im nahen Forste schmettern Jagdsignale,
Und wie ein Gletscher sinkt der Träume Land
Zerrinnend in des Horizontes Brand.
Ich las gestern im Jahrgang 1972 der Akzente – so Jugenderinnerungen. Konkrete Poesie aus Spanien. Heute sah ich das Inhaltsverzeichnis durch und stellte erwartungsgemäß fest, daß kaum weibliche Autoren vertreten sind. Es gab Gedichte von Astel, Bisinger, Born, Eisendle usw. usf. bis Ungaretti, aber nur zwei Frauen, Taschau und Wohmann. Und dann noch zwei versteckte aus Finnland. Die eine gut versteckt im Buch ihres Papas. Väinö Kirstinä schrieb über Kinderreim und Lettrismus und gab Gedichte (Akzente setzt es in Anführungsstriche) seiner dreijährigen Tochter, wie dieses:
Es war einmal ein Mann,
der immerfort ein bißchen passierte
und lebte
und lebte
Dann weiter:
„Die Kinderbuchautorin Kirsi Kunnas arbeitete ganz ähnlich, als sie 1956 in ihrem Tiitiäisen satupuu (Tiitiäinens Märchenbuch) zum Beispiel vom Herrn Pii Poo erzählte, wie er aus dem Boden »Rosinen, Erdbeeren, Äpfel, Kartoffeln, Mohrrüben, Prinzessinen, Würste« stampfte, oder vom Kessel und den Kartoffeln (Kattila ja perunnat):
o diese hetze hetze hetze
schrien die kartoffeln diese hetze
nimmt kein ende ende ende
tanzen müssen wir polka polka polka
zeit drängt feuer ist im schuh
laufen müssen wir galopp galopp galopp
ohne rast und ruh ohne rast und ruh
klappern müssen wir um die ecke ecke ecke
blieben wir nur am leben leben leben
O diese hetze hetze hetze
nimmt kein ende“
Aus: Ehnert/Saukko-Niinimäki/Tauriainen: Konkrete Dichtung in Finnland. Akzente 1972, S. 573
Voilá: Konkrete Poesie von weiblichen Autoren / aus Finnland / mit Humor.
Zwei der drei Autoren des Aufsatzes sind Frauen.
CHRISTINE BUSTA
(* 23. April 1915 in Wien; † 3. Dezember 1987 ebenda)
Kleine Morgengabe
Früh in der Morgendämmerung
wird über meiner Stadt der Himmel
manchmal so apfelgrün,
daß ich ihn riechen kann.
Ich werde heut nacht nicht schlafen,
um ihn zur rechten Stunde zu pflücken
und in dein fernes Fenster zu legen,
daß er dir duftet.
Adrienne Rich
(* 16. Mai 1929 in Baltimore, Maryland; † 27. März 2012 in Santa Cruz, Kalifornien)
Deutsch von Jürgen Brôcan aus: Sehen heißt ändern. Dreißig amerikanische Dichterinnen des 20. Jahrhunderts. München: Lyrik Kabinett, 2006, S. 235
Und den Schluß würde ich so übersetzen: „Weil ihr noch zuhört, weil es in Zeiten wie diesen, / damit ihr überhaupt zuhört, notwendig ist, / ein Gespräch über Bäume zu führen.“ Und in der zweiten Strophe: „das ist kein russisches Gedicht, es ist nicht irgendwo sondern hier“.
Original bei Poetry Foundation
Und natürlich Brecht
Emily Dickinson
(* 10. Dezember 1830 in Amherst, Massachusetts; † 15. Mai 1886 ebenda)
731 (1863)
Ein Einfall stieg heut auf in mir —
Den hatt ich schon zuvor —
Doch — damals — nicht zu End gedacht —
Ich wüsst auch nicht das Jahr —
Wohin er ging — warum er kam
Das zweite Mal zu mir —
Mir fehlt auch das Geschick, präzis
Zu sagen, was es war —
Doch in der Seele — irgendwo —
Weiß ich — das Ding war hier —
Erinnert hat es mich — das war’s —
Und kam nie mehr zu mir —
A Thought went up my mind today —
That I have had before —
But did not finish — some way back —
I could not fix the Year —
Nor Where it went — nor why it came
The second time to me —
Nor definitely, what it was —
Have I the Art to say —
But somewhere — in my soul — I know —
I’ve met the Thing before —
It just reminded me — ’twas all —
And came my way no more —
Deutsch von Gunhild Kübler, aus: Emily Dickinson: Sämtliche Gedichte. Zweisprachig. München: Hanser, 2015, S. 652-655
Hadayatullah Hübsch
Was keinen rührt
Die Bücher, die sie
Einst verbrannten,
Stehen heute sauber
Aufgereiht in der
Bibliothek und keiner
Will sie lesen. Die
Bücherverbrennung heute
Findet in den Köpfen
Statt, ungesehen, im
Verborgenen, dadurch,
Daß das Buch keine Stadt
Findet, in der es
Wirklich überleben könnte,
Wozu sich aufregen
Über Verse,
Sie rühren ja keinen
Mehr, weil keiner
Sie anrührt
Aus: Hadayatullah Hübsch: Das Vergessen ist die Mutter der Verwahrlosung. Mit Linolschnitten von Frank Wildenhahn. Berlin: Corvinus Presse, 2011
Rose Ausländer
Rose Ausländer (* 11. Mai 1901 in Czernowitz, Österreich-Ungarn; † 3. Januar 1988 in Düsseldorf; geborene Rosalie Beatrice Scherzer) war eine aus der Bukowina stammende deutsch- und englischsprachige Lyrikerin. Sie lebte in Österreich-Ungarn, Rumänien, den USA, Österreich und Deutschland. (Wiki) – Die Aufzählung der Länder ist unvollständig. 1940 fiel ihre Heimatstadt in Folge des Hitler-Stalin-Pakts an die Sowjetunion (Das NKWD verhaftete sie als „US-Spionin“). Das mit Hitler verbündete Rumänien „befreite“ die Stadt – und steckte die Juden ins Ghetto, wo sie Paul Celan kennenlernte. Heute gehört die Stadt zur Ukraine.
Einverstanden
Ich bin
mit allem einverstanden
sagt eine Minute
die nächste sagt
NEIN
die nächste
JA
Ach diese zanksüchtige
Zeit
Aus: Rose Ausländer, Im Atemhaus wohnen. Gedichte. Mit einem Porträt von Jürgen Serke. Frankfurt/Man: S. Fischer, 1981, S. 79
Solon
(* um 640 v. Chr. in Athen; † vermutlich um 560 v. Chr.) (dt. Wiki)
(c. 638 – c. 558 BC) (engl. Wiki) – (vers 640 av. J.-C. et mort sur l’île de Chypre vers 558) (frz.) – (между 640 и 635 до н. э., Афины — около 559 до н. э., Афины) (russ.) – (c. 638 a. C.–558 a. C.) (span.) – (περ. 639 – 559 π.Χ.) (griech.) – (ok. 635 – ok. 560 p.n.e.) (poln.)
1
Trag ich auch silbernes Haar, lern ich doch immer noch gern.
2
... Gar vieles lügen die Dichter
Aus: Solon: Dichtungen. Sämtliche Fragmente. Im Versmaß des Urtextes übertragen von Eberhard Preime. München: Heimeran, 1945, S. 47
(2., verbess. Aufl.; 1. 1939. Die Neuauflage 1945 wurde nach dem Heldentode des Herausgebers unter Berücksichtigung seiner eigenen Notizen bearbeitet)
Meine Anthologie ist keine Jungmädchen-, keine Jungherrenbibliothek von Lieblingsgedichten. Heute ein Blick auf die österreichische Autorin Gertrud Fussenegger, die am 8. Mai 1912 im damals österreichischen Pilsen geboren wurde. Gleich zweimal, 1933 und erneut 1938 beim „Anschluß“ ihrer Heimat trat sie in die NSDAP ein. Sie jubelte dem Führer zu und notiert auch widerliche antisemitische Betrachtungen. Ihrer Karriere nach 1945 tat das keinen Abbruch. Sie sammelt Auszeichnungen und zweimal, 1977 bis 1979 und 1984 bis 1985 war sie Jury-Mitglied beim Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt. Ihre „Auseinandersetzung“ mit dem Nazireich war von Verstocktheit, Selbstmitleid und Verdrängung geprägt. Auch dieses 1986 in Österreich erschienene Gedicht ist davon gezeichnet. Ich rücke es zusammen mit einer kritischen Analyse Günter Kunerts ein. Ach Heine, ruft Kunert aus und ich ergänze: ach Österreich!
Aus: Günter Kunert: Lesarten. Gedichte der „Zeit“. München: Piper, 1987
Zum Geburtstag von Volker Braun ein Gedicht aus dem Band Langsamer knirschender Morgen, der 1987 im Mitteldeutschen Verlag Halle-Leipzig erschien. Wie jedes Buch Brauns hatte es lang, jahrelang bei der Zensur gelegen. So erschien die Lizenzausgabe im Westen bei Suhrkamp früher als das Original. Im August schlägt der „Bücherminister“ Höpcke vor, zehn Exemplare des Buchs zu drucken, „damit er hier zuerst erschienen ist“. „Erschienen“ im Neusprech! Es erschien dann doch später, im November 87. Das Gedicht „Tagtraum“ fehlt in der Westausgabe. Die regelrechte Ode enthält zahlreiche Anspielungen u.a. auf Brecht und Hölderlin.
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