mit herzhunt hant

Thomas Kling

(* 5. Juni 1957 Bingen am Rhein; † 1. April 2005 Dormagen)

(exitus 1941)
innixt verbundn/mit
herzhund hant,/ den
liebn-der-heimat dem
bauernstant/ zog er als
einziger/ schwer in den krieg,
bis er als lezzter-des-stammes
gefallen!/ betrauert von vielen
geehrt von uns allen

Aus: TIROLTYROL: 23-teilige landschafts-photographie. In: Thomas Kling: brennstabm. Gedichte. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1991, S. 95

Ideal

Thekla Lingen

Ideal

Ja, sie ist reizend, die Kleine
mit dem Kindergesicht,
wenn sie lächelt und wenn sie spricht.
Und das Figürchen
so fein
und Händchen und Füßchen
so klein.
Und schlägt sie die Unschuldsaugen auf,
so ist es, als ginge der Himmel auf.
Und plaudern kann sie,
es ist eine Lust,
von tausend Dingen —
ganz unbewußt.
Geht über die Straße nie allein,
ist ganz fromm und rein, —
doch zählen kann sie nicht bis sieben —
aber die Männer werden sie lieben.

Die Bewußte

Thekla Lingen

(* 6. März alten, 18. März neuen Stils 1866 in Goldingen (Kurland), † 7. November1931 in Eitenau (??) )

Thekla Lingen gehört zu den AutorInnen, die von den Damen und Herren der geschätzten Wikipedia als nicht relevant verworfen wurden. Arbeit am Kanon, so oder so.

Die Bewußte

Sie rennen jeder Schürze nach
zu ihrer Sinne Zeitvertreib,
und werden ihre Lenden schwach,
so jammern sie: er starb am Weib.

*

Ist bitter euer Los,
am Weib zu sterben,
viel bittrer ist’s,
am Manne zu verderben.

Reue nach dem Shoppen

Elaine Equi

(* 1953  in Oak Park, Illinois)

Reue nach dem Shoppen

Warum hab ich das gekauft?
Was dachte ich mir dabei?
Das alles ist falsch.
Kitsch, aber von der unguten Sorte.
Sieht nach Vorstadt aus.
Sagt jedem: Hausfrau.
Allzu mütterlich-nährend.
Ich habe nicht mal Kinder.
Niemand wird mich ernst nehmen.
Es muß die Beleuchtung gewesen sein.
Ich war in Eile.
Ich möchte‘s nicht zurückbringen.
Einfach bloß loswerden.
Es wegschmeißen.

Jürgen Brôcan: Sehen heißt ändern. Dreißig amerikanische Dichterinnen des 20. Jahrhunderts. München: Stiftung Lyrik Kabinett, 2006. S. 67

PENELOPE SPRICHT

Katerina Angelaki-Rooke

PENELOPE SPRICHT

Ich habe nicht gewebt, ich habe nicht gestrickt,
ich habe etwas zu schreiben begonnen und verlosch
unter dem Gewicht der Worte,
denn der vollkommene Ausdruck wird verhindert,
wenn das Innere bedrückt ist von Schmerzen.
Und auch wenn Abwesenheit das Thema meines Lebens ist
— Abwesenheit vom Leben —‚
gelangt Weinen auf das Papier
und der natürliche Schmerz des Körpers,
der Entbehrungen leidet.

Ich verlösche, zerreiße, ersticke
die lebendigen Rufe:
„He, wo steckst du? Ich warte auf dich.
Dieser Frühling ist nicht wie die anderen.”
Und ich beginne den Morgen
mit neuen Vögeln und weißen Laken,
die in der Sonne trocknen.
Niemals wirst du hier sein
mit dem Schlauch, um die Blumen zu gießen,
während die Decken tropfen,
vollgesogen vom Regen,
und mein Ich still und herbstlich
aufgelöst ist in deinem …
Dein erlesenes Herz
— erlesen weil ich es auserwählt habe —
wird immer anderswo sein,
und ich werde immer mit Worten
die Fäden zerschneiden,
die mich an diesen einen Mann binden,
nach dem ich mich sehne,
bis er zum Inbegriff wird der Sehnsucht: Odysseus‚
und bis er, in jedermanns Denken,
auf den Meeren segelt.
Leidenschaftlich vergesse ich dich
jeden Tag,
damit du von der Sünde
der Süße und des Duftes erlöst wirst
und vollkommen gereinigt
eintrittst in die Unsterblichkeit.
Das ist harte und schwere Arbeit.
Mein einziger Lohn ist,
dass ich am Ende begreife,
was menschliche Anwesenheit ist
und was Abwesenheit,
wie das Ich funktioniert in solcher Einsamkeit, so lange,
warum niemals das „Morgen“ aufhört,
dass der Körper sich selbst wiederherstellt;
er erhebt sich und fällt auf das Bett,
wie behauen,
manchmal krank, manchmal verliebt
in der Hoffnung,
was er bei der Berührung verliert
wiederzugewinnen in der Erkenntnis.

(1977)

Aus: Katerina Angelaki-Rooke: Die Engel sind die Huren des Himmelreichs. Gedichte. Übersetzt von Jorgos Kartakis und Dirk Uwe Hansen. Leipzig: Reinecke & Voß, 2017, S. 11f

POETISCHES POSTSCRIPTUM

Katerina Angelaki-Rooke

POETISCHES POSTSCRIPTUM

Die Gedichte können nicht mehr schön sein,
seit die Wahrheit hässlich geworden ist.
Die Erfahrung ist jetzt der einzige Körper der Gedichte,
und je reicher die Erfahrung wird,
desto mehr nährt und stärkt sich das Gedicht.
Meine Knie schmerzen
und ich kann mich der Dichtung nicht mehr
                                        zu Füßen werfen,
nur meine erfahrenen Wunden kann ich ihr schenken.
Die Adjektive sind verblüht:
Ich kann jetzt nur noch mit meinen Phantasien
die Dichtung ausschmücken.
Und doch werde ich ihr dienen,
immer und solange sie mich will,
denn nur sie kann mich ein wenig
den verschlossenen Horizont meiner Zukunft
vergessen machen.

(2011)

Aus: Katerina Angelaki-Rooke: Die Engel sind die Huren des Himmelreichs. Gedichte. Übersetzt von Jorgos Kartakis und Dirk Uwe Hansen. Leipzig: Reinecke & Voß, 2017, S. 72

Zeit. Alter

Dagmar Nick

(* 30. Mai 1926 in Breslau)

Zeit. Alter

Die veränderte Gangart der Uhren.
Wer bemerkte das nicht.
Längst ist die Scheinbarkeit
alternder Ruhe entlarvt,
unüberhörbar das Presto
unter dem bruchsicheren Glas.
Nein, so langsam geht man nicht
in die Knie. Das Finale
verdoppelt das Tempo.

Aus: Dagmar Nick: Wegmarken. Ausgewählte Gedichte. Aachen: Rimbaud, 2000, S. 52

Frau des XX. Jahrhunderts

Vielleicht hat es noch nicht jeder gemerkt – nach 5 Monaten kann ich verraten, daß das Thema meiner Anthologie seit Januar … starke Frauen ist. Heute die Argentinierin Alfonsina Storni zum 126. Geburtstag.

(* 29. Mai 1892 in Sala Capriasca, Bezirk Lugano, Schweiz; † 25. Oktober 1938 in Mar del Plata, Argentinien)

20. Jahrhundert

Ich schmachte nach Leben,
verschwenden, ohne etwas zu tun,
zwischen den vier symmetrischen
Wänden meines Hauses.

He, Arbeiter! Bringt Hacken herbei!
Wände und Dächer sollen fallen,
der Wind soll mein Blut antreiben,
die Sonne soll meinen Rücken verbrennen ..

Ich bin eine Frau des XX. Jahrhunderts;
ausgeruht verbringe ich den Tag,
von meinem Zimmer aus sehe ich zu,
wie ein Ast sich bewegt.

Europa brennt,
und ich betrachte seine Flammen
mit derselben Gleichgültigkeit,
mit der ich jenen Ast anschaue.

Du, der vorbeigeht — guck mich nicht an
von oben bis unten; meine Seele
brüllt ihre Schandtat gerade heraus, deine
verbirgt sie hinter Worten.

Aus: Alfonsina Storni: Blaue Fledermaus der Trauer. Gedichte. Zweisprachig. Übersetzt von Reinhard Streit. Zürich: teamart, 2009, S. 83

Ich will dich

Ricarda Huch

(* 18. Juli 1864 in Braunschweig; † 17. November 1947 in Schönberg im Taunus)

Ich werde nicht an deinem Herzen satt,
nicht satt an deiner Küsse Glutergießen.
Ich will dich, wie der Christ den Heiland hat:
Er darf als Mahl den Leib des Herrn genießen.
So will ich dich, o meine Gottheit, haben,
in meinem Blut dein Fleisch und Blut begraben.
So will ich deinen süßen Leib empfangen,
bis du in mir und ich in dir vergangen.

Die grausamen Morgen

HERTHA KRÄFTNER

Die grausamen Morgen

Die Morgen sind wie Schwertstreiche
durch die schwarzen und grünen
Pflanzen der Nacht.
Wenn ihre vollen Schäfte
rauschend niederbrechen,
verrinnen die süßen Düfte
und die bitteren Säfte,
und ihre Blüten sind Träume
und fallen von uns,
wenn wir uns über die Waschschüssel beugen,
und ertrinken im kalten Wasser.

Dezemberklage

Helga M. Novak

Aus: Helga M. Novak: chaque pierre orpheline. hochroth Paris 2013, S. 34

Entdeckung

Edith Södergran

(* 4. April 1892 in Sankt Petersburg; † 24. Juni 1923 in Raivola/Karelien)

Upptäckt

Din kärlek förmörkar min stjärna —
månen går upp i mitt liv.
Min hand är ej hemma i din.
Din hand är lusta —
min hand är längtan.

Entdeckung

Deine Liebe verdunkelt meinen Stern —
Der Mond geht auf in meinem Leben.
Meine Hand ist nicht zu Hause in der deinen.
Deine Hand ist Begier, —
meine Hand ist Sehnsucht.

Deutsch von Nelly Sachs

Aus: Museum der modernen Poesie. Hrsg. Hans Magnus Enzensberger. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1980, S. 394f

Besuch des Einhorns

Sándor Weöres

( * 22. Juni 1913 in Szombathely; † 22. Januar 1989 in Budapest)

Besuch des Einhorns

Zierlichen Schritts betritt ein Tier den Raum,
durchschwimmt die dichte Masse meiner Möbel,
durchsichtig ist sein Leib wie zarter Nebel,
sein blauer Huf berührt den Boden kaum.

Sein Atem streift mein Kissen, mein Gesicht,
sein Auge scheint in meinem Blick zu lesen,
fremd sind die Angst, das Mitleid seinem Wesen,
denn Leben oder Sterben kennt es nicht.

Der Mondstrahl, den sein spitzer Tritt zerfranst,
ist neben ihm wie grober Staub. Du kannst
des Raums lebend’ge Sehnsucht an ihm messen.

Und unfruchtbar wie körperlose Lust,
gleichmütig, seiner Schönheit nicht bewußt,
huscht es dahin ins Mondlicht, ins Vergessen.

Übertr. von Annemarie Bostroem

Annemarie Bostroem (* 24. Mai 1922 in Leipzig; † 9. September 2015 in Berlin)

Aus: Sándor Weöres: Poesiealbum 135 / Ausw. dieses H.: Paul Kárpáti. Übertr. von Annemarie Bostroem, Heinz Kahlau, Bert Papenfuß, Richard Pietraß, Brigitte Struzyk. Berlin : Verlag Neues Leben, 1978

Liebe

Elisabeth Alexander

(* 21. August 1922 in Linz am Rhein; † 17. Januar 2009 in Heidelberg)

Liebe

Dieses schwarzumrandete
Wort
dieses Unding
an Kommunismus
diese Lüstermaschine
später Mädchen
sentimentaler Jünglinge
die einzige Angelegenheit
Gottes
die ich täglich essen
möchte.

Aus: Erotische Gedichte von Frauen. Hrsg. Aldona Gustas. München: dtv, 1985, S. 10

Um Mitternacht

CHRISTINE LAVANT

Um Mitternacht habe ich Sterne zerkaut,
es war bei der Rast an dem Milchstraßenrand,
die Mondtulpe blühte aus meinem Verstand,
doch eine Nonne hat höher geschaut
mit beiden Hälften der Sonne.
Ich grub nach dem Herzen der Nonne,
ich wollte es essen und fand einen Pfeil,
ließ ab von der Rast, doch der Aufstieg ward steil
und belastet von Tulpe und Waffe.
Ich sagte zum Pfeil: »Nun beschaffe
aus meinem Blut dir den Bogen und flieg,
ich überlasse dort oben den Sieg
dir gänzlich allein, in der Mitte des Herrn,
nur diesen einen gar heilsamen Stern,
den abgesparten vom hungrigen Mund,
den nimm mit hinauf, doch erhalt ihn gesund,
du darfst ihn mir ja nicht durchbohren …«
Dann hab ich die Tulpe verloren
und die Milchstraße war wieder oben und fern.
Das Türkenstroh rauschte, ich schlief nimmer ein,
doch sah ich noch immer den dankbaren Schein
von dem heimgekommenen Stern.