Gabriele Stötzer
ich bin nicht rosa luxemburg
du bist nicht clara zetkin
uns ham se nicht die köpfe geschorn
uns ham se nicht die köpfe geschorn
ich bin kein dünner darmverschluß
du bist kein schienbeinmuskel
uns ham se nicht vor die köpfe geschlagen
uns ham se nicht vor die köpfe geschlagen
ich bin nicht romantische briefleserin
du bist nicht von munch geküßte
uns ham se nicht die köpf abgehaun
uns ham se nicht die köpf abgehaun
ich bin diesseitsbestückte
du bist jenseitsentrückte
uns müssen wir die köpf ausm sumpf rausziehn
uns müssen wir die köpf ausm sumpf rausziehn
die amerikaner nahmen den indianern das land weg
die müssen doch wohl eine macke habn
die müssen doch wohl macht gehabt habn
die müssen doch wohl… gehabt haben
die priester haben den hexen die körper zerschlagen
die müssen doch wohl eine macke habn
die müssen doch wohl macht gehabt habn
die müssen doch wohl… gehabt haben
die männer haben den frauen die sprache gestohlen
die müssen doch wohl eine macke habn
die müssen doch wohl macht gehabt habn
die müssen doch wohl die müssen doch wohl
meine mutter lebt allein
und mein bruder wird immer größer
einmal wird sie ganz laut schrein:
ich bin allein ich bin allein
mein vater lebt allein
und seine krankheit wird immer größer
einmal wird er ganz laut schrein:
ich bin allein ich bin allein
wenn wir immer allein schrein
wird das alleinsein immer größer
versuchen wird doch mal zu zwein
zu zwein zu zwein…
Aus: Gabriele Kachold: zügel los. Prosatexte. Berlin und Weimar: Aufbau, 1989, S. 158f
Auch 100 Jahre nach Benn keine leichte Kost. In dessen „Mann und Frau gehen durch die Krebsbaracke“ zeigt ein Mann seiner Frau, wo er arbeitet. Ein Gedicht wie das von Gabriele Stötzer wäre vor 100 Jahren kaum möglich gewesen. Bei ihr ist es eine Tagebuchschreiberin, die einer Frau beim Sezieren zusieht und beschreibt, was sie sieht, hört und riecht. Die Frau imponiert ihr, und obwohl sie, die Schreiberin, Tricks anwenden muß, um mit dem Geruch fertig zu werden, findet sie Schönheit. ich mag muskeln und die dieser frau die da liegt sind sehr zart (…) dann wird das gehirn zerschnitten in scheiben es sieht sehr ästhetisch aus dieses gehirn ist schön. (Durs Grünbein Gedichte fielen den Juroren der Republik auf, die Gabriele Stötzers offenbar nicht.)
Gabriele Stötzer wurde am 14. April 1953 in Emleben geboren.
Das Buch erschien 1992 bei Janus press.
Urszula Wińska
Lagergebet (Pacierz obozowy)
Vater unser, der Du bist im Himmel
Und siehst unser heimatloses Leben,
Nimm uns in Obhut, Deine treuen Kinder,
Stille die Tränen, die unsere Seele trüben.
Geheiligt sei Dein Name hier auf fremder Erde,
Wo wir dem Vaterhaus gewaltsam entrissen,
Unter den Feinden und heimlich beten müssen.
Dein Wille geschehe! rufen wir demutsvoll,
Glaubend, daß Leid und Freude von Dir kommen müssen,
Daß Du uns alles gibst, Großer, Allmächtiger Gott,
Und der tiefe Glaube wird unser Schicksal versüßen.
Herr, unser tägliches Brot karge uns nicht!
Gib Kraft zum Überleben, und für die Seele den Glauben,
Daß unsere Verbannung nicht ohne Ziel ist,
Daß wir vielleicht durch unsere alten Sünden leiden.
Vergib unsere Schulden, durch die Schwäche entstanden,
Wenn Zwiespalt, Schmerz, Verzweiflung unsere Seelen füllen.
Und wenn manche, oh Herr, unter dem Kreuz fallen.
Führe uns nicht in Versuchung, die die Seele verdürbe,
vor allen Bösen rette uns vielmehr
Und gib uns eine glückliche Heimkehr.
Und die Kraft, und die Herrlichkeit
Amen
Ravensbrück, Dezember 1941
„Ich schrieb niemals Gedichte. Im Lager hatte jedoch das innere Bedürfnis, das Gebet des Herrn an die aktuelle Situation anzupassen, bewirkt, daß ich beim Appell betend die einzelnen Bitten und Anrufungen der Hilfe Gottes umwandelte (die Reime schmiedeten sich wie von selbst). Ich wiederholte sie tagtäglich und kannte sie auswendig. An einem Sonntag […] wagte ich, mein tägliches Gebet laut zu sagen. Die Ergriffenheit, die sich in Tränen offenbarte, zeugte davon , daß das Gebet tief erlebt wurde. Man begann es zu lernen , abzuschreiben, und in diesem Häftlingskreis hatte das »Lagergebet«, wie wir es nannten , uns und Gott nähergebracht.“
Aus: Constanze Jaiser, POETISCHE ZEUGNISSE. Gedichte aus dem Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück 1939-1945. Stuttgart, Weimar: J. B. Metzler, 2000 (Ergebnisse der Frauenforschung Band 55) S. 151f
Johannes Bobrowski
(* 9. April 1917 in Tilsit; † 2. September 1965 in Berlin)
WENN VERLASSEN SIND
Wenn verlassen sind
die Räume, in denen Antworten erfolgen, wenn
die Wände stürzen und Hohlwege, aus den Bäumen
fliegen die Schatten, wenn aufgegeben ist
unter den Füßen das Gras,
weiße Sohlen betreten den Wind —
der Dornbusch flammt,
ich hör seine Stimme,
wo keine Frage war, ein Gewässer
geht, doch mich dürstet nicht.
Aus dem Band „Wetterzeichen“. Zitiert nach Johannes Bobrowski: Gesammelte Werke in sechs Bänden. Erster Band. Die Gedichte. Berlin: Union, 1987, S. 179
Das Gedicht entstand am 15. April 1963
Anna Krommer
WIEGENLIED
Du wirst die alte Sprache nicht mehr kennen,
Die alten Namen wirst du nicht mehr nennen,
Du wirst nichts andres kennen mehr auf Erden,
Die Bäume werden mit dir höher werden,
Und Gärten werden sich um neue Häuser legen,
Und neue Felder wachsen zwischen Wegen.
Der Wind, der mir noch rauhe scheint,
Dir wird er sein ein guter Freund,
Doch soll dir unverständlich sein
Der Schweiß der Arbeit aus und ein.
Mit harten Händen bau ich dir dein Leben,
Du sollst es weich aus meinen Händen heben,
Mein Kind.
Aus: Anna Krommer: Galiläa (Lieder einer Siedlung). Wien: Europäischer Verlag, 1955, S. 20
„Anna Krommer (geboren 31. März 1924 in Dolný Kubín, Tschechoslowakei) ist eine deutschsprachige Schriftstellerin mit US-amerikanischer Staatsangehörigkeit. (…)
Sie wuchs in Berlin auf, wo der Vater bei der SPD-Zeitung Vorwärts tätig war.
Nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933 floh die Familie in die ČSR, wo sie das Deutsche Mädchenlyzeum Prag bis März 1939 besuchte, als die Tschechoslowakei besetzt wurde und ihr Vater nach Jugoslawien fliehen musste. Im Juni 1939 flohen auch ihre Mutter, ihre Schwester und sie nach Großbritannien, alle Verwandten der Mutter wurden als Juden von den Deutschen in Konzentrationslagern ermordet. Krommer besuchte von 1941 bis 1944 die Kunstgewerbeschule des Guildford Technical College, Surrey, wo auch der geflohene Lyriker Theodor Kramer als Bibliothekar untergekommen war, der ihre dichterische Entwicklung beeinflusste und ihren Weg verfolgte. Sie schloss 1945 das Studium des Zeichnens und der Kunstgeschichte an der Chelsea School of Art ab.
1946/47 arbeitete sie als Briefzensorin für die US-amerikanische Militärbehörde in Offenbach am Main und hielt sich 1948 während des Palästinakriegs in Israel auf. Als Deutschsprechende konnte sie nicht mehr in die ČSR zurückkehren, auch ihre Mutter, die nach dem Krieg als Sozialarbeiterin nach Theresienstadt ging, wurde von dort wieder vertrieben. Von Großbritannien wanderte sie mit dem Vater 1951 in die USA aus, ging aber von Boston für ein Jahr wieder nach Israel in einen Kibbuz, wo sie ihren ersten Gedichtband schrieb. Ab 1953 lebte sie in New York, ab 1962 in Washington, 1957 wurde sie US-Bürgerin.“ (Wikipedia)
Else Lasker-Schüler
An mich
Meine Dichtungen, deklamiert, verstimmen die Klaviatür meines Herzens. Wenn es noch Kinder wären, die auf meinen Reimen tastend meinetwegen klimperten. (Bitte nicht weitersagen!) Ich sitze noch heute sitzengeblieben auf der untersten Bank der Schulklasse, wie einst … Doch mit spätem versunkenem Herzen: 1000 und 2-jährig, dem Märchen über den Kopf gewachsen.
Ich schweife umher! Mein Kopf fliegt fort wie ein Vogel, liebe Mutter. Meine Freiheit soll mir niemand rauben, – sterb ich am Wegrand wo, liebe Mutter, kommst du und trägst mich hinauf zum blauen Himmel. Ich weiß, dich rührte mein einsames Schweben und das spielende Ticktack meines und meines teuren Kindes Herzen.
Urs Allemann
Gedicht vom Schweizer
Vom Schweizer unterscheidet der Schweizer sich dadurch
daß er ein Schweizer ist nicht fünf Schweizer nicht vier
nicht drei Schweizer nicht zwei Schweizer nicht keiner
sondern ein Schweizer einer nichts als eins ein Schweizer
Aus: Was sind das für Zeiten. Deutschsprachige Gedichte der achtziger Jahre. Hsg. Hans Bender. Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuchverlag, 1990, S. 190
Edith Södergran
Tantalus, füll deinen Becher Sind das Gedichte? Nein, es sind Fetzen, Flicken, Schnipsel des Alltags. Tantalus, füll deinen Becher. Unmöglichkeit, Unmöglichkeit. Sterbend einst werf ich den Kranz von meinen Locken in deine ewige Leere.
Aus dem Schwedischen von Brigitte Struzyk
Aus: Edith Södergran: Klauenspur. Gedichte und Briefe. Leipzig: Reclam, 1990, S. 64
Edith Södergran
Edith Irene Södergran (* 4. April 1892 in Sankt Petersburg; † 24. Juni 1923 in Raivola/Karelien, damals Finnland, heute Rußland), finnlandschwedische Dichterin
Beschluß Ich bin ein sehr reifer Mensch, doch kennt mich niemand. Meine Freunde machen sich von mir ein falsches Bild. Ich bin nicht zahm. Ich habe die Zahmheit in meinen Adlerklauen geprüft und kenne sie wohl. O Adler, welche Süße in deiner Schwingen Flug! Wirst du schweigen wie alles? Willst du vielleicht dichten? Du wirst nie mehr dichten. Jedes Gedicht wird die Zerreißung eines Gedichtes sein, nicht Gedicht. Klauenspur.
Aus dem Schwedischen von Karl Kern
Aus: Edith Södergran: Klauenspur. Gedichte und Briefe. Leipzig: Reclam, 1990, S. 68

Friederike Mayröcker
IM WALDE VON KATYN
im Walde von Katyn
dort wo die Vöglein sangen
im Wald von Katyn
im Wald von Katyn
da sangen die Vöglein alle
(and the chariot swung the chariot
over the mediterranean sea swung over the sea)
im Walde von Katyn
im Walde von Katyn
dort wo die Vöglein sangen
im Wald von Katyn
da sangen die Vöglein alle
and the chariot swung the chariot
over the sea
Mascha Kaléko
Wiedersehen mit Berlin
Berlin, im März. Die erste Deutschlandreise,
Seit man vor tausend Jahren mich verbannt.
Ich seh die Stadt auf eine neue Weise,
So mit dem Fremdenführer in der Hand.
Der Himmel bläut. Die Föhren lauschen leise.
In Steglitz sprach mich gestern eine Meise
Im Schloßpark an. Die hatte mich erkannt.
Und wieder wecken mich Berliner Spatzen!
Ich liebe diesen märkisch-kessen Ton.
Hör ich sie morgens an mein Fenster kratzen,
Am Ku-Damm in der Gartenhauspension,
Komm ich beglückt, nach alter Tradition,
Ganz so wie damals mit besagten Spatzen
Mein Tagespensum durchzuschwatzen.
Es ostert schon. Grün treibt die Zimmerlinde.
Wies heut im Grunewald nach Frühjahr roch!
Ein erster Specht beklopft die Birkenrinde.
Nun pfeift der Ostwind aus dem letzten Loch.
Und alles fragt, wie ich Berlin denn finde?
– Wie ich es finde? Ach, ich such es noch!
Ich such es heftig unter den Ruinen
Der Menschheit und der Stuckarchitektur.
Berlinert einer: ‚Ick bejrüße Ihnen!‘,
Glaub ich mich fast dem Damals auf der Spur.
Doch diese neue Härte in den Mienen –
Berlin, wo bliebst du? Ja, wo bliebst du nur?
Auf meinem Herzen geh‘ ich durch die Straßen,
Wo oft nichts steht als nur ein Straßenschild.
In mir, dem Fremdling, lebt das alte Bild
Der Stadt, die so viel Tausende vergaßen.
Ich wandle wie durch einen Traum
Durch dieser Landschaft Zeit und Raum.
Und mir wird so ich-weiß-nicht-wie
Vor Heimweh nach den Temps perdus
Berlin im Frühling. Und Berlin im Schnee.
Mein erster Versband in den Bücherläden.
Die Freunde vom Romanischen Café.
Wie vieles seh ich, das ich nicht mehr seh!
Wie laut ‚Pompejis‘ Steine zu mir reden!
Wir schluckten beide unsre Medizin,
Pompeji ohne Pomp. Bonjour, Berlin
Friederike Mayröcker
MEIN FEDERÄUGIGER LIEBLING!
mein schellenfüsziges Erkerschlöszchen!
meine wunderschöne Osterblume
wie sehr du mich verlassen hast
und jetzt musz ich um dich weinen
weisze Osterblume
kleiner Ostermond
fernes Springwasser meines Herzens
fünfzehntes Schlüsselchen meiner Not
lebwohl ins Frühlingsgrün!
Aus: Friederike Mayröcker: Gesammelte Gedichte. Frankfurt/Main: 2004, S. 32
Entstanden vermutlich zwischen 1950 und 1955
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