Anständiges Sonett

Ulla Hahn

(* 30. April 1945 in Brachthausen, heute Kirchhundem im Sauerland)

Anständiges Sonett

Schreib doch mal
ein anständiges Sonett
St. H.

Komm beiss dich fest ich halte nichts
vom Nippen. Dreimal am Anfang küss
mich wo’s gut tut. Miss
mich von Mund zu Mund. Mal angesichts

der Augen mir Ringe um
und lass mich springen unter
der Hand in deine. Zeig mir wie’s drunter
geht und drüber. Ich schreie ich bin stumm.

Bleib bei mir. Warte. Ich komm wieder
zu mir zu dir dann auch
‚ganz wie ein Kehrreim schöner alter Lieder‘.

Verreib die Sonnenkringel auf dem Bauch
mir ein und allemal. Die Lider
halt mir offen. Die Lippen auch.

Liebende

Alejandra Pizarnik

(eigentlich Flora Pizarnik; * 29. April 1936 in Buenos Aires; † 25. September 1972 ebenda)

Liebende

Eine Blume
       nicht weit von der Nacht
       mein stummer Körper
       öffnet sich
 dem zarten Drängen des Taus

Aus: Lyrik aus Lateinamerika. Hrsg. u. ins Deutsche übertr. v. Curt Meyer-Clason. München: DTV, 1988, S. 244

Ein modernes Weib

Maria Janitschek

(geborene Tölk, * 22. Juli 1859 in Mödling bei Wien; † 28. April 1927 in München)

Ein modernes Weib

Ein Mann beleidigte ein Weib. Es war
Von jenen schnöden Thaten eine, die
Kein Weib vergessen und vergeben kann.

Geraume Zeit verstrich. Da eines Abends
Ward an die Thür des Frevlers laut gepocht.
Er rief: „Herein“, und sah voll tiefen Staunens,
In Trauerkleidern eine Frau vor sich.

Sie schlug den Schleier bald zurück. Er blickte
In ihre großen stolzerstarrten Augen,
In diese großen schmerzversengten Augen …
Er lächelte verlegen, denn ein Schauer
Erfaßte ihn … Er bot ihr höflich Platz,
Sie aber dankte, und mit ruhiger Stimme
Sprach sie zu ihm: „Du hast mich schwer beleidigt,
Es war nur Gott dabei … vor diesem Gott,
Vor dir, und mir allein, will ich den Flecken
Den Makel meiner Ehre, zugefügt
Von deiner Hand, verlöschen.
Höre nun!
Um dies zu thun, bleibt mir ein Mittel nur:
Ich kann nicht gehn, um einem fremden Menschen
Das was ich selbst mir kaum zu sagen wage,
Zu offenbaren. Für mich herrscht kein Richter,
Er wär′ denn blind und taub und stumm, deshalb
(Ein Schildern des Vergangenen glich′ aufs Haar
Der neuen That, hieß′ selber mich entehren),
Deshalb gibt′s eins nur: hier sind Waffen, wähle!“
Sie stellte auf den Tisch ein Kästchen hin
Und öffnete den Deckel. – –
Lange standen
Die beiden Menschen stumm. Er sah sie an,
Sie hielt das glänzend große Aug′ gerichtet
Fest auf die Waffen.
Plötzlich brach er aus
In lautes Lachen. Da durchglühte feurig
Ein tiefes Rot die farbenlosen Wangen
Der jungen Frau. Wie, wenn die ganze Antwort
Dies Lachen wär′? Sie hätte schreien mögen

Vor Wut und Elend. Aber sie bezwang sich,
Und sagte mild: „Wenn dir ein Unvorsichtiger
Zufällig auf den Fuß getreten wäre,
Du würdest ohne lange Ueberlegung
Ihm deine Karte in das Antlitz schleudern,
Nichts Lächerliches fändest du dabei.
Nun denk′: nicht auf den Fuß trat mir ein Mensch,
Mein Herz trat er in Stücke, meine Ehre!
Verlang′ ich mehr, als du verlangen würdest
Für einen unvorsichtigen Schritt, sag′ selbst,
Ist das nicht billig?“

Lächelnd sah er ihr
Ins zornerglühte Antlitz. „Liebes Kind,
Du scheinst es zu vergessen, daß ein Weib
Sich nimmer schlagen kann mit einem Manne.
Entweder geh zum Richter, liebes Kind,
Gesteh ihm alles, gerne unterwerfe
Ich seinem Urteil mich. Nicht? Nun dann bleibt
Dir nur das eine noch: vergesse, was du
Beleidigung und Schmach nennst. Siehst du, Liebe,
Das Weib ist da zum Dulden und Vergeben …“
Jetzt lachte sie.
„Entweder Selbstentehrung
Wenn nicht, ein ruhiges Tragen seiner Schmach,
Und das, das ist die Antwort, die ein Mann
In unserer hellen Zeit zu geben wagt
Der Frau, die er beleidigt.“
„Eine andere
Wär′ gegen den Brauch.“
„So wisse, daß das Weib
Gewachsen ist im neunzehnten Jahrhundert,“
Sprach sie mit großem Aug′, und schoß ihn nieder.

Dritte Klasse

Glykeria Basdeki

Dritte Klasse

Ich bin neun,
gehe in die dritte,
Mama ist nicht tot,
alle im Haus leben (noch),
ich habe Hefte, ich habe Buntpapier, ich mag
Dimitris aus der
fünften,
ich werde nicht so schnell alt, das
kann noch
Jahre dauern,
ich werde das Gymnasium hinter mich bringen, die Uni,
Weihnachten,
ich kann die Zunge rausstrecken, mich ausziehen für jemanden,
Jahrestage haben, aber noch bin ich erst neun
Brüche haben wir nicht (noch nicht)

Aus: Wo man spazierengehen kann und es Orangenbäume gibt. Neue Lyrik aus Griechenland.
Gedichte von Glykeria Basdeki, Niki Chalkiadaki, Katerina Chandrinou, Eleni Galani, Phoebe Giannisi, Anna Griva, Xenia Papadopoulou, Alexandra Sotirakoglou
Übersetzt von Jorgos Kartakis und Dirk Uwe Hansen. Leipzig: Reinecke & Voß, 2018, S. 6

Abends

Hertha Kräftner

(* 26. April 1928 in Wien; † 13. November 1951 ebenda)

Abends

Er schlug nach ihr. Da wurde ihr Gesicht
sehr schmal und farblos wie erstarrter Brei.
Er hätte gern ihr Hirn gesehn. – Das Licht
blieb grell. Ein Hund lief draußen laut vorbei.

Sie dachte nicht an Schuld und Schmerz und nicht
an die Verzeihung. Sie dachte keine Klage.
Sie fühlte nur den Schlag vom nächsten Tage
voraus. Und sie begriff auch diesen nicht.

Aus: Herta Kräftner, Kühle Sterne. Gedichte, Prosa, Briefe. Klagenfurt: Wieser Verlag, 1997

Das Messer

Jo Mihaly

(eigentlich: Elfriede Steckel, Geburtsname: Elfriede Alice Kuhr; * 25. April 1902 in Schneidemühl, damals Deutschland, heute Piła, Polen; † 29. März 1989 in Seeshaupt, Bayern)

DAS MESSER

O einsamer Schritt, meide jene Wälder!
Wie traurig bestickst du die Wege mit Pein!
So webt in das schneeige Bahrtuch der Felder
mit schleppenden Stichen der Abschied sich ein.

Am eisigen Bach, zwischen Bajonetten
des Frostes will ich zur Ruhe mich strecken.
Soldat meines Schmerzes, will mit den Betten
kristallenen Reifs ich mich endlich bedecken.

O grausamer Tag der sterbenden Fische!
Zwei silberne Schuppen sind Augen voll Schmerz,
Es neigt sich das Schweigen zum Fisch auf dem Tische
und stößt ihm das Messer des Mondes ins Herz.

Aus: Unter dem sapphischen Mond. Deutsche Frauenlyrik seit 1900. Ausgewählt von Oda Schaefer. München: Piper, 1957, S. 42

Das Konzert

Alfred Lichtenstein

Das Konzert

Die nackten Stühle horchen sonderbar
beängstigend und still, als gäbe es Gefahr.
Nur manche sind mit einem Mensch bedeckt.

Ein grünes Fräulein sieht oft in ein Buch.
Und einer findet bald ein Taschentuch.
Und Stiefel sind ganz gräßlich angedreckt.

Aus offnem Munde tönt ein alter Mann.
Ein Jüngling blickt ein junges Mädchen an.
Ein Knabe spielt an seinem Hosenknopf.

Auf einem Podium schaukelt sich behend
ein Leib bei einem ernsten Instrument.
Auf einem Kragen liegt ein blanker Kopf.

Kreischt. Und zerreißt.

Der Lockruf

Silja Walter

(* Cécile Walter am 23. April 1919 in Rickenbach bei Olten; † 31. Januar 2011 im Kloster Fahr)

DER LOCKRUF

Bunte Wasservögel spielen
Zwischen Rohr und Binsenstielen.
Kommt die Königin gegangen,
Will sich Wasserlilien fangen.
Schüttelt Falter und Libellen
Aus Papyrusblütenschellen,
Löst zum Bad die feinen Ketten
Ihrer seidnen Sandaletten
Und fängt leise an zu singen,—
Denn in Schilf und Stengelschlingen
Liegt ein süßes, kleines Kind.

Aus: Silja Walter, Gedichte. Zürich: Verlag der Arche, 1950, S. 52

Lustgarten Kampffeld Leseabenteuer

Ich wollte eins von den nur vier Gedichten von Louise Glück (die heute Geburtstag hat) aussuchen, die Jürgen Brôcan in seine großartige Anthologie „Sehen heißt ändern. Dreißig amerikanische Dichterinnen des 20. Jahrhunderts“ aufgenommen hat. Die Wahl fiel schwer, keines ließ kalt und jedes forderte Beachtung. Dann fing ich an, rund herum zu lesen, es begann ein ein paar Stunden dauerndes Leseabenteuer, eine Lyriknacht. Zwischendurch mußte ich denken, wie schön (glänzend hart spannend wunderbar schwer erträglich unauslotbar wirr verwirrend bezaubernd gefährlich) wäre Literatur, wenn Betrieb und interessierte Leserschaft (es gibt sie doch, oder?) die Energie, die seit einem dreiviertel Jahr einer Hauswand in Hellersdorf gewidmet wurde, einem einzigen von den unauslotbar vielen spannenden Gedichtbänden gewidmet hätten, die (Brôcans Buch erschien 2006) im letzten Jahrzwölft erschienen sind. Wieviel sinnvoll verwendete Lese- und Lebenszeit! Wie lebten, wie läsen wir, wenn es das gäbe?

Am Ende beschloß ich, um unser reges literarisches Leben nicht zu überfordern (ha!), statt einer Blume einen ganzen Strauß zu überbringen. Voilà! Nicht zu anstrengend für den Anfang. Stay tuned!

Kay Ryan

Zu dicht betrachtete Dinge

Eine zu dicht betrachtete Blume
erblüht in der falschen Farbe.
Übermaß an Beachtung macht
die Narzisse zum Enzian. Blumen
brauchen Ruhe, um ihre richtige
Färbung zu bekommen. Manche
öffnen sich nur um Mitternacht.

Closely Watched Things

A too closely watched flower
blossoms the wrong color.
Excess attention to the jonquil
turns it gentian. Flowers
need it tranquil to get
their hues right. Some
only open at midnight.

Jürgen Brôcan: Sehen heißt ändern. Dreißig amerikanische Dichterinnen des 20. Jahrhunderts. München: Stiftung Lyrik Kabinett, 2006. S. 254f

Life

Gibt es Gedichte von Charlotte Brontë auf Deutsch? In meiner Bibliothek leider nicht. Zu ihrem Geburtstag heute eins im Originaltext.

„Life.“ by Charlotte Brontë (1816-1855)
First Publication: Poems by Currer, Ellis, and Acton Bell. London: Aylott and Jones, 8, Paternoster Row, 1846. pp. 81-82.

Editor: Mary Mark Ockerbloom

LIFE.

LIFE, believe, is not a dream   
 So dark as sages say;
Oft a little morning rain   
 Foretells a pleasant day. 
Sometimes there are clouds of gloom,    
 But these are transient all;
If the shower will make the roses bloom, 
 O why lament its fall ? 
  Rapidly, merrily,   
 Life's sunny hours flit by, 
  Gratefully, cheerily, 
 Enjoy them as they fly !

What though Death at times steps in 
 And calls our Best away ?
What though sorrow seems to win, 
 O'er hope, a heavy sway ?
Yet hope again elastic springs, 
 Unconquered, though she fell;
Still buoyant are her golden wings, 
 Still strong to bear us well. 
  Manfully, fearlessly, 
 The day of trial bear, 
  For gloriously, victoriously, 
 Can courage quell despair !

CURRER.

 

Der Galgen

Aloysius Bertrand

(eigentlich Louis-Jacques-Napoléon Bertrand, * 20. April 1807 in Ceva, Piemont, Italien; † 29. April 1841 in Dijon)

Aus: Aloysius Bertrand, Gaspard de la Nuit [1842]. Aus dem Französischen von Jürgen Buchmann. Mit einem Essay des Übersetzers. Leipzig: Reinecke & Voß, 2010

Gedichte mit Motto

No le bastó después a este elemento
conducir orcas, alistar ballenas,
murarse de montañas espumosas,
infamar blanqueando sus arenas
con tantas del primer atrevimiento
señas — aun a los buitres lastimosas —,
para con estas lastimosas señas
temeridades enfrenar segundas.
Góngora, soledades I, 435—442.

Hans Magnus Enzensberger benutzte diese Strophe aus den Soledades des Luis de Góngora y Argote als Motto in seinem Gedichtband Landessprache (1960). Im Anhang erklärt er:

Góngoras verse müßten auf deutsch, gesetzt, sie wären übertragbar, ungefähr so lauten:

das element (das meer) schirrt schwert- und haifisch an,
wirbt wale, mauert sich in berge ein von schaum,
schändet den sand, die walstatt, mit so viel gebein,
Spur erster raserei, daß sie erbleicht, daß selbst
die geier schreien vor bedauern: nicht genug
ist alles dies, die fürchterlichen spuren reichen
nicht hin, dem wahnsinn, der dem wahnsinn folgt, zu wehren.

Und erklärt in einer „gebrauchsanweisung“:

  1. die motti sollen darauf hinweisen, daß der verfasser nichts neues zu sagen hat, und avantgardistische leser abschrecken. gründliche liebhaber der alten schriftsteller finden sie auf diesem blatt so gut übersetzt, wie sie der verfasser verstanden hat. im übrigen können die gedichte auch ohne motti benutzt werden.

Erich Arendt übersetzte die Strophe so:

Nicht Genüge war es danach diesem Element,
Robben anzuführen, Wale anzuheuern,
mit Bergen Schaums sich zu ummauern,
seine Strände, bleichend, zu entweihn
mit so viel, jener ersten Tollheit
Unglücksmalen — selbst den Geiern jammerswert —,
um mit diesen mitleidswerten Malen
aufzuhalten zweite Scheußlichkeiten.

Luis de Góngora: Soledades. spanisch und deutsch. Leipzig: Reclam, 1982, S. 41

Kosmopolitisch

G. Emil Barthel

Kosmopolitisch

In fremde Länder mußt ich frühe gehen
Und fühlte mich in ihnen wie verbannt;
Als ich Verbannte dann bei uns gesehen,
Von Liebe zu der Heimat übermannt, –
Da streifte mich des Weltengeistes Wehen,
Und meine Seele hat es tief erkannt:
Jedwedes Vaterland ist eine Fremde,
Und jede Fremde ist ein Vaterland. –

Aus: Neuer Poetischer Hausschatz. Von G. Emil Barthel. Hochdeutsche Gedichte aus der Zeit vom Beginne der Romantik bis auf unsere Tage in systematisch geordneter Auswahl aus den Quellen. Halle/ Saale: Otto Hendel, o.J. (1895?), S.920

Mond und ich

Die Dichterin Shunzei no musume (1171? – 1254) war eine Zeitgenossin Walter von der Vogelweides. Anders als der Deutsche konnte sie auf eine jahrhundertalte Tradition zurückgreifen. Kaiser Gotoba erkannte ihren literarischen Rang und nahm sie in seinen Dichterkreis auf. Mit diesem Gedicht gewann sie einen Dichterwettstreit im Jahr 1202:

Gedicht über die Liebe im Frühling, abgefaßt für den Wettstreit der fünfzehn Gedichte über die Liebe, der in Minase stattfand

Der Mond, der mir einst
leis dein Gesicht gezeigt, ruht
nun in den Tränen
auf meinem Ärmel, Tränen
eines vergangenen Frühlings.

Für ihre Leser / Zuhörer war buchstäblich jedes Wort als Zitat erkennbar. Wichtigste Anspielung ist wohl der Mond – bei dieser Stelle dachte man an ein berühmtes Gedicht von Ariwara no Narihira (825-880):

Das ist nicht der Mond,
und dieser Frühling auch der
alte Frühling nicht,
ich, ganz allein nur ich, bin
der noch, der ich früher war.

Aus: Sechsunddreißig Dichterinnen des Alten Japan. Höfische Dichtkunst der Heian- und Kamakura-Perode. 9. bis 13. Jahrhundert. Köln: DuMont Buchverlag. In Zusammenarbeit mit der New York Public Library, 1992 (4R)

Die Nacht streckt ihre Finger aus

SARAH KIRSCH

(* 16. April 1935 in Limlingerode, Kreis Nordhausen; † 5. Mai 2013 in Heide, Holstein)

Die Nacht streckt ihre Finger aus

Die Nacht streckt ihre Finger aus
Sie findet mich in meinem Haus
Sie setzt sich unter meinen Tisch
Sie kriecht wird groß sie windet sich

Und der Rauch schwimmt durch den Raum
Wächst zu einem schönen Baum
Den ich leicht zerstören kann –
Ich rauche einen neuen, dann

Zähl ich alle meine lieben
Freunde an den Fingern ab
Es sind zu viele Finger, die ich hab
Zu wenig Freunde sind geblieben

Streckt die Nacht die Finger aus
Findet sie mich in meinem Haus
Rauch schwimmt durch den leeren Raum
Wächst zu einem Baum

Der war vollbelaubt mit Worten
Worten, die alsbald verdorrten
Schiffchen schwimmen durch die Zweige
Die ich heut nicht mehr besteige