Jetzt wohin?

Heinrich Heine

Jetzt wohin?

Jetzt wohin? Der dumme Fuß
Will mich gern nach Deutschland tragen;
Doch es schüttelt klug das Haupt
Mein Verstand und scheint zu sagen:

Zwar beendigt ist der Krieg,
Doch die Kriegsgerichte blieben,
Und es heißt, du habest einst
Viel Erschießliches geschrieben.

Das ist wahr, unangenehm
Wär mir das Erschossenwerden.
Bin kein Held, es fehlen mir
Die pathetischen Gebärden.

Gern würd ich nach England gehn,
Wären dort nicht Kohlendämpfe
Und Engländer – schon ihr Duft
Gibt Erbrechen mir und Krämpfe.

Manchmal kommt mir in den Sinn
Nach Amerika zu segeln,
Nach dem großen Freiheitstall,
Der bewohnt von Gleichheitsflegeln –

Doch es ängstet mich ein Land,
Wo die Menschen Tabak käuen,
Wo sie ohne König kegeln,
Wo sie ohne Spucknapf speien.

Rußland, dieses schöne Reich,
Würde mir vielleicht behagen,
Doch im Winter könnte ich
Dort die Knute nicht ertragen.

Traurig schau ich in die Höh,
Wo viel tausend Sterne nicken –
Aber meinen eignen Stern
Kann ich nirgends dort erblicken.

Hat im güldnen Labyrinth
Sich vielleicht verirrt am Himmel,
Wie ich selber mich verirrt
In dem irdischen Getümmel. –

Schöne Rose im Dickicht

Mechthild von Magdeburg

[Got gelichet die selen fúnf dingen]

O du schoene rose in dem dorne,
o du vliegendes bini in dem honge,
o du reinú tube an dinem wesende,
o du schoenú sunne an dinem schine,
o du voller mane an dinem stande!
Ich mag mich nit von dir gekeren.

In der Übersetzung von Thomas Kling:

[Gott ähnelt der seele in fünf dingen]

O du schöne rose im dickicht!
O du fliegende biene am honig!
O du reine taube in deinem fortbestehen!
O du schöne sonne mit deinem glanz!
O du vollmond wie du stehst!
Ich vermag mich nicht von dir abzuwenden.

Aus: Sprachspeicher. 200 Gedichte auf deutsch vom achten bis zum zwanzigsten Jahrhundert eingelagert und moderiert von Thomas Kling. Köln: DuMont, 2001, S. 59

Vgl. hier

Braut-Lied

Johann Balthasar Schupp

(auch Schuppius, Pseudonyme: Antenor, Ambrosius Mellilambius, * 1. März 1610 in Gießen; † 26. Oktober 1661 in Hamburg)

Braut-Lied : Gerichtet auff der Frantzosen Sprich-Wort: Contentement passe richesse, Dem … Herrn Heinrich Mäven Handels-Mann in Hamburg … Als er … sich zum andern mahl in den Ehe-Stand begab Mit … Anna Sann / Johann Balthasar Schupp. – [Online-Ausg.]. – [S.l.], 1657

Braut-Lied
 Welches kan gesungen werden
 Nach H. Simon Dachens: Wol
 dem / der sich nur lest genügen / etc.
 Oder
 Nach H. Mart. Opitzen: Wol dem /
 der weit von hohen Dingen / sein Fuß
 setzt auff der Einfalt Bahn / etc.
                 1.
 WOl dem / dem GOTT ein Weib bescheret /
  Das züchtig fromm und Tugendreich /
Das jhn als jhren Herren ehret /
  Und seinem Sinn gerecht und gleich!
  Ein ander liebe was er wil ;
  Ich halte von Vergnügung viel.
                  2.
 Was hilft es / viel von Gütern sagen.
  Die uns ein reiches Weib gebracht /
 Und sich dabey mit Sorgen plagen /
  Weil sie nicht sind in unsrer Macht?
  Ein ander liebe was er wil ;
  Ich halte von Vergnügung viel.
                 3.
 Von reichen Freunden und Verwanten
  Viel pralen / ist ein blosser Schein.
 Viel besser ist es bey Bekandten /
  Die uns am Stande gleiche seyn.
  Ein ander liebe was er wil ;
  Ich halte von Vergnügung viel.
                  4.
 Ein Weib von treflichem Geschlechte /
  Da man auff grosse Freundschaft sieht /
 Macht dich zum Sclaven und zum Knechte /
  Und sie ist Mann im Hauß-Gebiet.
  Ein ander liebe was er wil ;
  Ich halte von Vergnügung viel.
                  5.
 Wiltu auff äußre Schönheit sehen /
  Daran die Welt den Narren frist?
 Wie le[i]cht / wie bald kan es geschehen /
  Daß sie dahin gefallen ist?
  Ein ander liebe was er wil ;
  Ich halte von Vergnügung viel.
                  6.
 Ist sie geneigt* zu neuen Trachten?
  So mustu stets zum Kramer gehn /
 Das Volck mag sieden / braten / schlachten /
  Fürs Putzen läst sie alles stehn.
  Ein ander liebe was er wil ;
  Ich halte von Vergnügung viel.
                  7.
 Ist sie beredt? so mustu wissen /
  Daß nichts / als Schnacken / ihr gefällt.
 Wird jhr ein Quer-Wort vorgeschmissen?
  So siehstu / wie sie beist und bellt!
  Ein ander liebe was er wil ;
  Ich halte von Vergnügung viel.
                  8.
 Dem aber so das Glücke füget /
  Das er im Ehstand findet Ruh /
 Der kan im Hertzen seyn vergnüget;
  Schickt ihm gleich GOTT ein Cretze zu.
  Ein ander liebe was er wil ;
  Ich halte von Vergnügung viel.
                 9.
 Sein Trost / Erquickung und Vertrawen /
  Nechst GOTT / ist nur auff das gericht /
 Daß er sein liebes Weib kan schawen /
  Wie sie bereit jhr Ampt und Pflicht /
  Ein ander liebe was er wil ;
  Ich halte von Vergnügung viel.
                  10.
 Drumb / welchen GOTT ein Weib bescheret /
  Das züchtig fromm und tugendreich /
 Das ihn / als ihren Herren ehret /
  Und seinem Sinn gerecht und gleich:
  Der hat / man sage was man wil /
  Trost / Friede / Lust / Vergnügung viel.
  • im Druck: geneiget

L&Poe Nekrolog – Februar 2018

Im Februar 2018 starben

(wird ergänzt)

  • Am 1. Menno Wigman, niederländischer Dichter (51) Mehr (niederländisch)
  • Am 1. Niranjan Bhagat, indischer Lyriker (91)
  • Am 3. Jean-Luc Sarré, französischer Lyriker (73)
  • Am 5. Arnold Maury, deutscher Komponist und Schriftsteller (90). Er komponierte u.a. Vokalmusik nach Arno Holz, Heine, Rilke und Rabindranath Thakur (Tagore) Wikipedia
  • Am 5. Gianfranco Lazzaro, italienischer Journalist und Schriftsteller (87)
  • Am 6. Liliana Bodoc, argentinische Schriftstellerin (59)
  • Am 7. John Perry Barlow, US-amerikanischer Schriftsteller (70)
  • Am 7. Brahim Akhiat, marokkanischer Schriftsteller, Berber-Aktivist (77)
  • Am 10. Michiko Ishimure, japanische Schriftstellerin  (90)
  • Am 11. Anna Sajed-Schach (Саед-Шах Анна Юдковна), sowjetische und russische Lyrikerin und Journalistin (68)
  • Am 12. Heinz Rudolf Unger, österreichischer Schriftsteller (79) Mehr
  • Am 12. Françoise Xenakis, französische Schriftstellerin (87)
  • Am 20. Kaneko Tōta, japanischer Lyriker (98)
  • Am 20. Roy McDonald, kanadischer Lyriker und Musiker in London (81) Mehr
  • Am 22. Euler Granda, ekuadorianischer Schriftsteller und Psychiater (82)
  • Am 26. Juan Hidalgo, spanischer Musiker, Dichter, Aktions- und bildender Künstler (90)

Schwester des Dichters

Sophie Tieck, auch Sophie Bernhardi oder Sophie von Knorring (* 28. Februar 1775 in Berlin; † 1. Oktober 1833 in Reval)

“Sie hat gewiß herrliche Geistesanlagen; aber Leidenschaftlichkeit und Ehrgeiz haben, wie es mir scheint, ihre Seele sehr zerrüttet.” (Darüber sind die Dichter erhaben.) So schrieb der Dichter Friedrich Schlegel am 12. Mai 1813 an den Dichter Ludwig Tieck über dessen Schwester Sophie Tieck, zwei Dichtermänner unter sich

„Es ist tröstlich, daß ich mir einbilde, als schrieb’ ich an einen theuren Freund, der mich durchaus versteht, an dessen Herz ich diese Blätter niederlege, da ich doch nur für mich schreibe, weil es mir wohl thut, manche Gefühle und Gedanken meiner Seele auszusprechen! Und ist es nicht seltsam, daß der Mensch eine so eigene Oekonomie und einen so lächerlichen Stolz besitzt, daß es ihm unmöglich ist zu denken, er könne etwas ohne Zweck und Absicht thun? der edlere Mensch kann nichts für sich thun, es wird ihm alles nur etwas in Beziehung auf andere, und selbst bei jedem kleinen Aufsatz liegt im Hintergrunde der Seele der Gedanken an einen etwanigen Leser, und wenn wir es selbst so weit bis nach unserm Tode hinaus schieben sollten. Es ist eine so kindliche liebenswürdige Eitelkeit, zu glauben, daß, wenn selbst die Hand, die diese Worte schrieb, schon in Staub zerfallen ist, daß sie dann noch belehren und nützen. (…)

Wollte der Mensch nicht der Zeit voran eilen, wäre er mit dem Worte Liebe nicht bekannt, so würde einen jeden die Empfindung rühren und keine einzige Stelle keines einzigen Dichters würde auf seine Empfindung anwendbar seyn; denn es würde für jeden eine eigene Liebe entstehen, und es würde vielleicht jeder als ein eigener Dichter auftreten. Das Beispiel der bisherigen Dichter rechtfertigt mich. Ist nicht jedes Liebe so verschieden, daß auch nicht eine Strophe von dem Liede des einen in das des andern hineingetragen werden könnte. Von den Dichtern, die Liebe, Wein und Braten besingen, ist nicht die Rede; ihnen schmekt keins auf die wahre, das heißt auf die ihnen natürliche Art, und darum sprechen sie so schlecht von allen.

So wie keine Blume ohne Farbe gedacht werden kann, so ist kein Mensch ohne Poesie und sie mangelt nur denen, die sie durch die Poesie verbreiten, oder vielmehr sie mangelt ihnen doch nicht, sondern es ist nur, als wenn man den Blumen die Farbe durch Scheidewasser auszieht. Sehr viele Blumen stehn nun geruchlos und in unscheinbaren Farben da, und dies ist die grössere Anzahl unter den Menschen, möchte ich sie diejenigen nennen, die ihre innere Poesie nicht mittheilen können; allen ist es nicht gegeben, durch einen süssen Duft die vorübergehenden zu erfreuen.“

(Aus Lebensansicht von Sophie B. In: Athenäum. Dritten Bandes Zweites Stück, 1800)

„Liebster Bruder

Warum schreibst du mir den nicht? Bist du etwa böse über manche Schwierigkeit die ich dir geschrieben habe? Vergib mir das ich bitte dich recht sehr darum und strafe mich nicht so hart. Es ist nun schon die dritte Woche und ich habe noch keinen Brief von dir ich bitte dich laß mich nicht länger warten. Oder bist du etwa krank oder hast du mich so ganz vergessen? Siehst du wie mich so viele Besorgnisse quälen. …..Wen nun auch meine Briefe in einem Anfal von Empfindelei geschrieben sind so ist das ja wohl verzeihlich. Du weist ja nicht welche Veranlassung ich dazu gehabt habe. Wie kanst du das 40 Meilen von mir beurtheilen…..“

(Zitat aus einer Handschrift vom 24.12.1792)

eia wasser regnet schlaf

Elisabeth Borchers

(* 27. Februar 1926 in Homberg, Niederrhein; † 25. September 2013 in Frankfurt am Main)

1961 löste dieses schön surrealistische Gedicht bei den Lesern der FAZ Proteste aus:

eia wasser regnet schlaf
eia abend schwimmt ins gras
wer zum wasser geht wird schlaf
wer zum abend kommt wird gras
weißes wasser grüner schlaf
großer abend kleines gras
es kommt es kommt
ein fremder

Wer vergleicht wen womit?

Mechthild von Magdeburg / Monika Rinck

XVIII. Gott gleicht die Seele fünfer Dinge

O du schöne Rose im Dornicht,
o du fliegende Biene im Honig,
o du reine Taube in deinem Sein,
o du schöne Sonne in deinem Schein,
o du voller Mond in deinem Stehn!
Ich kann mich nicht ab von dir kehrn.

in dornen rosenschön,
im honig bienenflug,
im wesen taubenlauter,
im scheinen sonnenschön,
im erstehen voller mond!
niemals kann ich von dir gehn.

so e schöni ros im dorngebisch,
so e liebsbiensche wo im honisch fliecht,
so wie e reinstäubsche in seim wesen iss,
schön wie die sonn ihr scheine iss,
so e voller mond wo obbe steht —
ABKEHR? ich wisst jo garned wie das geht.

O s’isse schöns rösche im dornestrauch,
o s’isse fliengiensche im honisch rumennumm,
o s’iss e täubsche, dass iss in seim wesen rein,
o s’iss e sonn, so schön iss, wannse scheint,
o s’iss de mond, so voll als dasser steht.
schbleib bei dir, weils annerscht garned geht.

In: Franz Josef Czernin, Oswald Egger, Werner Fritsch, Barbara Köhler, Monika Rinck: Je tiefer ich sinke, je süßer ich trinke. Poetische Annäherungen an Mechthild von Magdeburg. Hrsg. Mechthild Rausch. Berlin, Duisburg, Neuss, Rettenegg u. Holderbank: roughbooks, 2010 (roughbook 012), S. 23f

Poetische Kombinatorik

Da steckt mehr drin! Hier einige durch Reduktion und Kombination aus Quirinus Kuhlmanns 41. Liebeskuß gewonnene Gedichte.

Unten noch einmal das Ganze (zur besseren Übersicht mit Leerzeilen zwischen den Langversen (die im Original auf einer Doppelseite gedruckt wurden, siehe Faksimile im vorigen Beitrag)

Eine interessante Übung ist es auch, die Langverse, die eine Art Extremform des Alexandriners sind: ein achthebiger Jambus mit Zäsur nach der achten Silbe, laut zu sprechen. Zusätzlich erschwert dadurch, daß es bis auf das letzte Wort bei zweisilbigem („weiblichem“) Versschluß nur aus einsilbigen Wörtern besteht, die fast alle betont weden müssen. Das Sprechen wird so zu einem Balanceakt, eine Orgie schwebender Betonung, die erst schwerfällig anmutet, aber bei einiger Übung besteht Gefahr, davonzuschweben!

Unter jedes aus dem Korpus herausgezogene Gedicht setze man die knappe Schlußformel:

Alles wechselt ; alles libet ; alles scheint was zu hassen:
Wer nur disem nach wird=denken / muß di Menschen Weißheit fassen.

Auf Nacht /
Folgt Tag /
Auf Leid /
Wil Freud /
Der Mond /
Libt Schein /
Der Schütz /
Suchts Zil /
Was Gutt /
Pflegt Böß /
Auch Mutt /
Wo Furcht /

Auf Nacht / Dunst / Schlacht /
Folgt Tag / Glantz / Blutt /
Auf Leid / Pein / Schmach /
Wil Freud / Zir / Ehr /
Der Mond / Glunst / Rauch /
Libt Schein / Stroh / Dampf /
Der Schütz / Mensch / Fleiß /
Suchts Zil / Schlaff / Preiß /
Was Gutt / stark / schwer /
Pflegt Böß / schwach / leicht /
Auch Mutt / lib / klug /
Wo Furcht / Haß / Trug /

Auf Dunst /
Folgt Glantz /
Auf Pein /
Wil Zir /
Der Glunst /
Libt Stroh /
Der Mensch /
Suchts Schlaff /
Was stark /
Pflegt schwach /
Auch lib /
Wo Haß /

Auf Schlacht /
Folgt Blutt /
Auf Schmach /
Wil Ehr /
Der Rauch /
Libt Dampf /
Der Fleiß /
Suchts Preiß /
Was schwer /
Pflegt leicht /
Auch klug /
Wo Trug /

Auf Feur und Plagen /
Folgt Brand und Noth:
Auf Schimpf / als Spott /
Wil Glimpf / stets tagen.
Der Ochs / und Magen
Libt Wiß / und Brod:
Der Treu / und GOtt /
Suchts Hold / Danksagen
Was weit genennt /
Pflegt nah / zumeiden /
Auch Lob muß scheiden /
Wo Hohn schon rennt

Auf Plagen /
Folgt Noth:
Auf Spott /
Wil tagen.
Der Magen
Libt Brod:
Der GOtt /
Suchts Danksagen

So kann man sich durchkombinieren für viele Gedichte aus dem einen.

Auf Nacht / Dunst / Schlacht / Frost / Wind / See / Hitz / Süd / Ost / West / Nord / Sonn / Feur und Plagen /

Folgt Tag / Glantz / Blutt / Schnee / Still / Land / Blitz / Wärmd / Hitz / Lust / Kält / Licht / Brand und Noth:

Auf Leid / Pein / Schmach / Angst / Krig / Ach / Kreutz / Streit / Hohn / Schmertz / Qual / Tükk / Schimpf / als Spott /

Wil Freud / Zir / Ehr / Trost / Sig / Rath / Nutz / Frid / Lohn / Schertz / Ruh / Glükk / Glimpf / stets tagen.

Der Mond / Glunst / Rauch / Gems / Fisch / Gold / Perl / Baum / Flamm / Storch / Frosch / Lamm / Ochs / und Magen

Libt Schein / Stroh / Dampf / Berg / Flutt / Glutt / Schaum / Frucht / Asch / Dach / Teich / Feld / Wiß / und Brod:

Der Schütz / Mensch / Fleiß / Müh / Kunst / Spil / Schiff / Mund / Printz / Rach / Sorg / Geitz / Treu / und GOtt /

Suchts Zil / Schlaff / Preiß / Lob / Gunst / Zank / Port / Kuß / Thron / Mord / Sarg / Geld / Hold / Danksagen

Was Gutt / stark / schwer / recht / lang / groß / Weiß / eins / ja / Lufft / Feur / hoch / weit genennt /

Pflegt Böß / schwach / leicht / krum / breit / klein / schwarz / drei / Nein / Erd / Flutt / tiff / nah / zumeiden /

Auch Mutt / lib / klug / Witz / Geist / Seel / Freund / Lust / Zir / Ruhm / Frid / Schertz / Lob muß scheiden /

Wo Furcht / Haß / Trug / Wein / Fleisch / Leib / Feind / Weh / Schmach / Angst / Streit / Schmertz / Hohn schon rennt

Alles wechselt ; alles libet ; alles scheint was zu hassen:
Wer nur disem nach wird=denken / muß di Menschen Weißheit fassen.

Nim einen Libes=kuß

Quirinus Kuhlmann

(* 25. Februar 1651 in Breslau; † 4. Oktober 1689 in Moskau, hingerichtet), deutscher Schriftsteller und Mystiker.

Der XLI. Libes-Kuß
Ihro Röm. Kaiser= und Königs=Majestät des Allerglorwürdigsten LEOPOLDUS Hochansehnlichen Rath /
H. George von Schöbel und Rosenfeld /
Thumherrn zu Magdeburg bei H. Peter und Paul / in den Durchlauchsten Palmenorden
Den Weitberühmten Himmlischgesinnten /
Meinen Hochschatzbaren Gönner.

Nim einen Libes=kuß zum Zeichen meiner Hold
Und küsse ewig mich mit deinem Libes=gold:
Es müsse so vil Küß Dir noch das Glükk vermählen /
Als unser Wechsel=kuß wil Wechsel=küsse zehlen.

Der Wechsel Menschlicher Sachen

„Nihil est in rebus humanis natura stabile, nihil aequabile, nihil sufficiens, nihil in eodom statu permanens: sed omnia quadam veluti rota circumvolvuntur, diversas saepe diebus singulis, atque etiam horis vicissitudines afferente.“
Gregor, Nazianzenus, de Pauperibus amandis *

[Quirinus Kuhlmann, Himmlische Libes-küsse, 1671 [Nachdruck], hrsg. von Birgit Biehl-Werner, Tübingen 1971, S.53ff.]

Auf Nacht / Dunst / Schlacht / Frost / Wind / See / Hitz / Süd / Ost / West / Nord / Sonn / Feur und Plagen /
Folgt Tag / Glantz / Blutt / Schnee / Still / Land / Blitz / Wärmd / Hitz / Lust / Kält / Licht / Brand und Noth:
Auf Leid / Pein / Schmach / Angst / Krig / Ach / Kreutz / Streit / Hohn / Schmertz / Qual / Tükk / Schimpf / als Spott /
Wil Freud / Zir / Ehr / Trost / Sig / Rath / Nutz / Frid / Lohn / Schertz / Ruh / Glükk / Glimpf / stets tagen.

Der Mond / Glunst / Rauch / Gems / Fisch / Gold / Perl / Baum / Flamm / Storch / Frosch / Lamm / Ochs / und Magen
Libt Schein / Stroh / Dampf / Berg / Flutt / Glutt / Schaum / Frucht / Asch / Dach / Teich / Feld / Wiß / und Brod:
Der Schütz / Mensch / Fleiß / Müh / Kunst / Spil / Schiff / Mund / Printz / Rach / Sorg / Geitz / Treu / und GOtt /
Suchts Zil / Schlaff / Preiß / Lob / Gunst / Zank / Port / Kuß / Thron / Mord / Sarg / Geld / Hold / Danksagen

Was Gutt / stark / schwer / recht / lang / groß / Weiß / eins / ja / Lufft / Feur / hoch / weit genennt /
Pflegt Böß / schwach / leicht / krum / breit / klein / schwarz / drei / Nein / Erd / Flutt / tiff / nah / zumeiden /
Auch Mutt / lib / klug / Witz / Geist / Seel / Freund / Lust / Zir / Ruhm / Frid / Schertz / Lob muß scheiden /
Wo Furcht / Haß / Trug / Wein / Fleisch / Leib / Feind / Weh / Schmach / Angst / Streit / Schmertz / Hohn schon rennt

Alles wechselt ; alles libet ; alles scheint was zu hassen:
Wer nur disem nach wird=denken / muß di Menschen Weißheit fassen.

*) „Nichts in der menschlichen Welt ist von Natur aus dauerhaft, nichts gleichbleibend, nichts vollendet, nichts bleibt im selben Zustand erhalten; sondern alle Dinge rotieren wie auf Rädern, und der Wechsel geschieht oft innerhalb einzelner Tage, oder auch innerhalb von Stunden.“

DEr Früling hatte schon den Feldern abgenommen

Sibylla Schwarz

(* 14. Februar jul., 24. Februar greg. 1621 in Greifswald; † 31. Juli jul., 10. August greg. 1638 ebenda)

In Pommern galt damals noch der julianische Kalender, weil die meisten protestantischen Länder die Kalenderreform des Papstes boykottiert hatten. Nach dem heutigen Kalender war ihr Geburtstag der 24. Februar.

Anfang der erzählenden Dichtung „Faunus“

DEr Früling hatte schon den Feldern abgenommen[1]
Jhr weisses Winterkleid / an dessen stat war kommen
Jhr grün gemahlter Rock / eß ließ die Nachtigal /
Die schöne Singerin / sich hören über all ;
Der warmen Sonnen Liecht hett auch schon aufgeschlossen
Den Frost / des Wassers Bandt / und kam mit seinen Rossen
Gleich iezund auß der See / der diken Bäume Schaar /
Die vor gantz abgelaubt / bekam jhr grünes Haar.
Die Blumen hetten sich schon hin und her gesetzet /
Der Mensch die kleine Welt / war gleichsam mit ergetzet /
Der Bauren Coridon[2] erhub sich auch ins Feldt /
Mit seiner Kühe Heer / als wers ein Krieges=Heldt.
Mirtillo folget jhm mit grosser Herde Schaffen /
Menalcas[3] und sein Volck die wolten auch nicht schlaffen ;
Hier sah man wie die Kuh den Stier verjagen kan /
Dort kam mit brüllen her jhr dickköpfichter Mann ;
Hier sah man zwene Böck sich stossen gantz verwegen
Einander auff die Haut / dort dan sich nieder legen
Ein mutigs geiles Pferd / und wältzen sich herum ;
Die Ziegen tantzten auch all in die qver und krum[4] ;
Der Ackerman hub an das Feld mit Lust zu bauen /
Der Schiffer kühnes Volck den Wellen sich zu trauen[5] ;
Der kluge Vogeler ging leis und gahr geheim[6] /
Das leichte Feder=Vieh zu fangen mit dem Leim ;
Der Jäger bließ sein Horn / und jagte mit den Winden
Den schnellen Haasen nach / den Hirschen und den Hinden ;
Die Wälder lachten selbst ; Jn Summa alle Welt
Hätt jhren gantzen Muht auff Fröligkeit gestellt : ¶

[1] = Heroische Formen 92-1

[2] Coridon, Mirtillo, Menalcas: beliebte Schäfernamen in der Antike und der neueren europäischen Literatur und Musik. Das Landleben in der pommerschen Provinz wird mit Namen aus der literarischen Tradition stilisiert.

[3] ein Schäfer in den Idyllen des römischen Dichters Vergil

[4] krüm

[5] anzuvertrauen

[6] heimlich

(…)

Licht im Februar

Elisabeth Langgässer

(* 23. Februar 1899 in Alzey; † 25. Juli 1950 in Karlsruhe)

Licht im Februar

Wahrheit ohne Scheinen,
Alles ist noch klar,
Strömend von dem reinen
Licht im Februar.

Fülle der Figuren,
Kronen und Geäst,
Ferne die Lemuren,
Leer ist noch das Nest.

Anbeginn der Worte,
Zeichen, froh und still,
Urkristall der Orte:
Buschlabee, Tripstrill.

Ehemals und Immer
Hörnen durchs Revier,
Eingedenk und Nimmer –
Haimonskinder vier.

Geisterhafter Wonnen
Unzerstücktes Spiel,
Jede kaum begonnen,
Alle schon am Ziel.

Aus: Transit. Lyrikbuch der Jahrhundertmitte. Hrsg. Walter Höllerer. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1956, S. 29f

Grabschrift des Wesens Mensch

Edna St. Vincent Millay

(* 22. Februar 1892 in Rockland, Maine, USA; † 19. Oktober 1950 in Austerlitz, New York)

Grabschrift des Wesens Mensch

Hier liegt, unklagbar außer vor dem Meer
Das bricht unwandelbar in leerer Welt,
Mensch der Höchstvielfache, in Staub gefällt
Um nie zu kehren, — — unzeitig, im Stand
Der Kindheit: und der Riesenschall, der Er
Gewesen; stumm; und all sein einstiger Stolz
Ein eisern Säulenstück, des erzenes Korn
Von Regen höhlig wie ein fauler Baum.
Mensch, bündiger Mensch, wem zolltest Du den Preis,
Den Himmel in Zorn selbst aufgab zu bewegen‚
Den Hebel und das Grabscheit hinzulegen,
Und Staub zu wehn im Staub des Einerleis?
Wes, wes der Einbruch? Wes der Mörderdegen? — —
Ring nicht nach Wort, arm schütterer Mund; ich weiß.

Übersetzt von Rudolf Borchardt, in: Rudolf Borchardt, Gedicht II. Übertragungen II. Stuttgart: Klett-Cotta, 1985 (Gesammelte Werke in Einzelbänden), S. 327

Epitaph for the Race of Man

XVIII

Here lies, and none to mourn him but the sea,
That falls incessant on the empty shore,
Most various Man, cut down to spring no more;
Before his prime, even in his infancy
Cut down, and all the clamour that was he,
Silenced; and all the riveted pride he wore,
A rusted iron column whose tall core
The rains have tunneled like an aspen tree.
Man, doughty Man, what power has brought you low,
That heaven itself in arms could not persuade
To lay aside the lever and the spade
And be as dust among the dusts that blow?
Whence, whence the broadside? Whose the heavy blade?…
Strive not to speak, poor scattered mouth; I know.

Winterbild

Hedwig Lachmann, verehelichte Landauer, (* 29. August 1865 in Stolp, Provinz Pommern; † 21. Februar 1918 in Krumbach, Bayern)

Winterbild

In meinem Zimmer ein paar frische Blumen,
Die allen Wintermißmut mir vertreiben.
Ein Vöglein pickt vor meinem Fenster Krumen
Und guckt dabei zutraulich durch die Scheiben.

In Stroh und Bast die Bäume eingeschlagen,
Damit der strenge Frost sie nicht berühre,
Die Beete wohl verwahrt vor kalten Tagen –
Und, bloßen Haupts, ein Bettler vor der Türe.

Aus: Hedwig Lachmann, Gesammelte Gedichte. Potsdam 1919, S. 15f

Was waren das für Zeiten

Kirti Chaudhury

Was waren das für Zeiten
Als die Dinge vorüberglitten
Und wir verharrten

Als säßen im Zug wir und sähen
Die Landschaft den Blicken entschwinden
Von Augenblick zu Augenblick

Was saß dort auf dem Draht
Nachtigall Kuckuck Spatz?

Hoch droben am Himmel
War das ein Zugvogelpaar?

Das Funkeln dort in der Ferne
War es ein Strom?
War’s eine Fata Morgana?

Manchmal häufiger manchmal seltener
Stellte sich Frage um Frage
Wir suchten verwirrt und benommen
Der Rätsel Lösung zu finden
Doch vorüber glitten die Dinge,

Was waren das für Zeiten
Sie sind längst vorbei
Wir lernten die Hetzjagd des Heute
Und rasen im Fluge dahin
Verändert hat sich die Landschaft

Auf den Zweigen hockten braune Vögel
Blickten uns neugierig an
Wohlig duftend streckte die Luft
Uns ihre Arme entgegen

Wir aber hielten nicht an
Wir vernahmen auch nicht
Das Murmeln und Glucksen der Quellen
Das Raunen und Rauschen der Blätter

Die Lotosblumen im Teich
Ließen die Köpfe hängen
Wir eilten vorüber
Vorwärts — voran
Vorüber an vielem
Was des Findens wert

Für uns gab es nur noch
Dieses eine endlose Jagen
Und mit den schwindenden Tagen
Blieb alles zurück.

1968

Deutsch von Annemarie Bostroem

Aus: Seufzend steift de Wind durchs Land. Moderne Hindilyrik. Hrsg. Irene Zahra. Berlin: Volk und Welt, 1976. S. 176f

Nicht mit dem Schwerte

Schah Faqir Allah Affrin

Lebte als Derwisch an der Tür einer Moschee in Lahore, wo er 1741 starb

Auch mit dem Schwerte kannst du
    nicht die Rebellen bessern:
Noch stärker brennt die Kerze,
    schlägst du ihr den Kopf ab.

Aus dem Persischen

Aus:  Die schönsten Gedichte aus Pakistan und Indien. Islamische Lyrik aus tausend Jahren, herausgegeben von Annemarie Schimmel. München: C.H. Beck, 1996, S. 112