Poetopie

plötzlich stürzt du vom Rad – unsanft empfängt dich dein Heimatplanet

Hansjürgen Bulkowski

IV. kaffeesatz (donnerstag)

Nora Zapf

Aus: Nora Zapf, rost und kaffeesatz. Gedichte. Köln: parasitenpresse, 2018, S.6

Das deutsche Publikum

Karl Marx

Heute vor 200 Jahren wurde Karl Marx geboren. In seiner Jugend schrieb er Gedichte wie diese Knittelverse.

In seinem Sessel

In seinem Sessel, behaglich dumm,
Sitzt schweigend das deutsche Publikum.
Braust der Sturm herüber, hinüber,
Wölkt sich der Himmel düster und trüber,
Zwischen die Blitze schlängelnd hin,
Das rührt es nicht in seinem Sinn.

Doch wenn sich die Sonne hervorbeweget,
Die Lüfte säuseln, der Sturm sich leget,
Dann hebt´s sich und macht ein Geschrei,
Und schreibt ein Buch: „der Lärm ist vorbei.“

Fängt an darüber zu phantasieren,
Will dem Ding auf den Grundstoff spüren,
Glaubt, das sei doch nicht die rechte Art,
Der Himmel spaße auch ganz apart,
Müsse das All systematischer treiben,
Erst an dem Kopf, dann an den Füßen reiben,
Gebärd´t sich nun gar, wie ein Kind,
Sucht nach Dingen, die vermodert sind,
Hätt´indessen die Gegenwart sollen erfassen,
Und Erd´und Himmel laufen lassen,
Gingen ja doch ihren gewöhnlichen Gang,
Und die Welle braust ruhig den Fels entlang.

Die andere Hälfte

Brigitte Struzyk

Die andere Hälfte

Die Äpfel und Birnen sind abgenommen
wenn alles abgenommen wird
bewahre der Himmel
die Blüten im Winter
Zum Grunde gehen
kann dauern bedauern
die Blüten die Frucht
die Früchte aus Wachs
die Nachgebildeten

Ja gegen den Wind
wird dem Wachs entwachsen
eine neue noch dürftige Ernte
Wildwuchs

Aus: Brigitte Struzyk, Der wild gewordene Tag. Gedichte. Berlin und Weimar: Aufbau, 1989, S. 124

Wind winde Weiden wenn Weöres weint

Brigitte Struzyk

Am anderen Abend

Bind Besenbinder brauchbare Besen
Bald badet die Bachmann
Hitziger Hajnal halt ihr das Handtuch
Finde für Fühmanns Fächer Folianten
Wind winde Weiden wenn Weöres weint
Am anderen Abend atmet Anna auf
Grün glänzen die Grenzen im Garten von Vas
Die Donau drängt doch dort draußen
Die Träume die Tränen die Trennung nach Haus

Aus: Brigitte Struzyk, Der wild gewordene Tag. Gedichte. Berlin und Weimar: Aufbau, 1989, S. 124

Bachmann, Fühmann: deutschsprachige Autoren
Hajnal, Weöres: ungarische Autoren
Vas: [ˈvɒʃ] (deutsch Eisenburg), ein Komitat (Verwaltungsbezirk) im Westen Ungarns

Mittelmänner

Rae Armantrout

(* 13. April 1947 in Vallejo, Kalifornien)

Aus: Rae Armantrout: narrativ. Ausgewählte Gedichte. Aus dem Amerikanischen von Uda Strätling & Matthias Göritz. Wiesbaden: luxbooks, 2009 (luxbooks.americana), S. 228f

Anständiges Sonett

Ulla Hahn

(* 30. April 1945 in Brachthausen, heute Kirchhundem im Sauerland)

Anständiges Sonett

Schreib doch mal
ein anständiges Sonett
St. H.

Komm beiss dich fest ich halte nichts
vom Nippen. Dreimal am Anfang küss
mich wo’s gut tut. Miss
mich von Mund zu Mund. Mal angesichts

der Augen mir Ringe um
und lass mich springen unter
der Hand in deine. Zeig mir wie’s drunter
geht und drüber. Ich schreie ich bin stumm.

Bleib bei mir. Warte. Ich komm wieder
zu mir zu dir dann auch
‚ganz wie ein Kehrreim schöner alter Lieder‘.

Verreib die Sonnenkringel auf dem Bauch
mir ein und allemal. Die Lider
halt mir offen. Die Lippen auch.

Liebende

Alejandra Pizarnik

(eigentlich Flora Pizarnik; * 29. April 1936 in Buenos Aires; † 25. September 1972 ebenda)

Liebende

Eine Blume
       nicht weit von der Nacht
       mein stummer Körper
       öffnet sich
 dem zarten Drängen des Taus

Aus: Lyrik aus Lateinamerika. Hrsg. u. ins Deutsche übertr. v. Curt Meyer-Clason. München: DTV, 1988, S. 244

Ein modernes Weib

Maria Janitschek

(geborene Tölk, * 22. Juli 1859 in Mödling bei Wien; † 28. April 1927 in München)

Ein modernes Weib

Ein Mann beleidigte ein Weib. Es war
Von jenen schnöden Thaten eine, die
Kein Weib vergessen und vergeben kann.

Geraume Zeit verstrich. Da eines Abends
Ward an die Thür des Frevlers laut gepocht.
Er rief: „Herein“, und sah voll tiefen Staunens,
In Trauerkleidern eine Frau vor sich.

Sie schlug den Schleier bald zurück. Er blickte
In ihre großen stolzerstarrten Augen,
In diese großen schmerzversengten Augen …
Er lächelte verlegen, denn ein Schauer
Erfaßte ihn … Er bot ihr höflich Platz,
Sie aber dankte, und mit ruhiger Stimme
Sprach sie zu ihm: „Du hast mich schwer beleidigt,
Es war nur Gott dabei … vor diesem Gott,
Vor dir, und mir allein, will ich den Flecken
Den Makel meiner Ehre, zugefügt
Von deiner Hand, verlöschen.
Höre nun!
Um dies zu thun, bleibt mir ein Mittel nur:
Ich kann nicht gehn, um einem fremden Menschen
Das was ich selbst mir kaum zu sagen wage,
Zu offenbaren. Für mich herrscht kein Richter,
Er wär′ denn blind und taub und stumm, deshalb
(Ein Schildern des Vergangenen glich′ aufs Haar
Der neuen That, hieß′ selber mich entehren),
Deshalb gibt′s eins nur: hier sind Waffen, wähle!“
Sie stellte auf den Tisch ein Kästchen hin
Und öffnete den Deckel. – –
Lange standen
Die beiden Menschen stumm. Er sah sie an,
Sie hielt das glänzend große Aug′ gerichtet
Fest auf die Waffen.
Plötzlich brach er aus
In lautes Lachen. Da durchglühte feurig
Ein tiefes Rot die farbenlosen Wangen
Der jungen Frau. Wie, wenn die ganze Antwort
Dies Lachen wär′? Sie hätte schreien mögen

Vor Wut und Elend. Aber sie bezwang sich,
Und sagte mild: „Wenn dir ein Unvorsichtiger
Zufällig auf den Fuß getreten wäre,
Du würdest ohne lange Ueberlegung
Ihm deine Karte in das Antlitz schleudern,
Nichts Lächerliches fändest du dabei.
Nun denk′: nicht auf den Fuß trat mir ein Mensch,
Mein Herz trat er in Stücke, meine Ehre!
Verlang′ ich mehr, als du verlangen würdest
Für einen unvorsichtigen Schritt, sag′ selbst,
Ist das nicht billig?“

Lächelnd sah er ihr
Ins zornerglühte Antlitz. „Liebes Kind,
Du scheinst es zu vergessen, daß ein Weib
Sich nimmer schlagen kann mit einem Manne.
Entweder geh zum Richter, liebes Kind,
Gesteh ihm alles, gerne unterwerfe
Ich seinem Urteil mich. Nicht? Nun dann bleibt
Dir nur das eine noch: vergesse, was du
Beleidigung und Schmach nennst. Siehst du, Liebe,
Das Weib ist da zum Dulden und Vergeben …“
Jetzt lachte sie.
„Entweder Selbstentehrung
Wenn nicht, ein ruhiges Tragen seiner Schmach,
Und das, das ist die Antwort, die ein Mann
In unserer hellen Zeit zu geben wagt
Der Frau, die er beleidigt.“
„Eine andere
Wär′ gegen den Brauch.“
„So wisse, daß das Weib
Gewachsen ist im neunzehnten Jahrhundert,“
Sprach sie mit großem Aug′, und schoß ihn nieder.

Dritte Klasse

Glykeria Basdeki

Dritte Klasse

Ich bin neun,
gehe in die dritte,
Mama ist nicht tot,
alle im Haus leben (noch),
ich habe Hefte, ich habe Buntpapier, ich mag
Dimitris aus der
fünften,
ich werde nicht so schnell alt, das
kann noch
Jahre dauern,
ich werde das Gymnasium hinter mich bringen, die Uni,
Weihnachten,
ich kann die Zunge rausstrecken, mich ausziehen für jemanden,
Jahrestage haben, aber noch bin ich erst neun
Brüche haben wir nicht (noch nicht)

Aus: Wo man spazierengehen kann und es Orangenbäume gibt. Neue Lyrik aus Griechenland.
Gedichte von Glykeria Basdeki, Niki Chalkiadaki, Katerina Chandrinou, Eleni Galani, Phoebe Giannisi, Anna Griva, Xenia Papadopoulou, Alexandra Sotirakoglou
Übersetzt von Jorgos Kartakis und Dirk Uwe Hansen. Leipzig: Reinecke & Voß, 2018, S. 6

Abends

Hertha Kräftner

(* 26. April 1928 in Wien; † 13. November 1951 ebenda)

Abends

Er schlug nach ihr. Da wurde ihr Gesicht
sehr schmal und farblos wie erstarrter Brei.
Er hätte gern ihr Hirn gesehn. – Das Licht
blieb grell. Ein Hund lief draußen laut vorbei.

Sie dachte nicht an Schuld und Schmerz und nicht
an die Verzeihung. Sie dachte keine Klage.
Sie fühlte nur den Schlag vom nächsten Tage
voraus. Und sie begriff auch diesen nicht.

Aus: Herta Kräftner, Kühle Sterne. Gedichte, Prosa, Briefe. Klagenfurt: Wieser Verlag, 1997

Das Messer

Jo Mihaly

(eigentlich: Elfriede Steckel, Geburtsname: Elfriede Alice Kuhr; * 25. April 1902 in Schneidemühl, damals Deutschland, heute Piła, Polen; † 29. März 1989 in Seeshaupt, Bayern)

DAS MESSER

O einsamer Schritt, meide jene Wälder!
Wie traurig bestickst du die Wege mit Pein!
So webt in das schneeige Bahrtuch der Felder
mit schleppenden Stichen der Abschied sich ein.

Am eisigen Bach, zwischen Bajonetten
des Frostes will ich zur Ruhe mich strecken.
Soldat meines Schmerzes, will mit den Betten
kristallenen Reifs ich mich endlich bedecken.

O grausamer Tag der sterbenden Fische!
Zwei silberne Schuppen sind Augen voll Schmerz,
Es neigt sich das Schweigen zum Fisch auf dem Tische
und stößt ihm das Messer des Mondes ins Herz.

Aus: Unter dem sapphischen Mond. Deutsche Frauenlyrik seit 1900. Ausgewählt von Oda Schaefer. München: Piper, 1957, S. 42

Das Konzert

Alfred Lichtenstein

Das Konzert

Die nackten Stühle horchen sonderbar
beängstigend und still, als gäbe es Gefahr.
Nur manche sind mit einem Mensch bedeckt.

Ein grünes Fräulein sieht oft in ein Buch.
Und einer findet bald ein Taschentuch.
Und Stiefel sind ganz gräßlich angedreckt.

Aus offnem Munde tönt ein alter Mann.
Ein Jüngling blickt ein junges Mädchen an.
Ein Knabe spielt an seinem Hosenknopf.

Auf einem Podium schaukelt sich behend
ein Leib bei einem ernsten Instrument.
Auf einem Kragen liegt ein blanker Kopf.

Kreischt. Und zerreißt.

Der Lockruf

Silja Walter

(* Cécile Walter am 23. April 1919 in Rickenbach bei Olten; † 31. Januar 2011 im Kloster Fahr)

DER LOCKRUF

Bunte Wasservögel spielen
Zwischen Rohr und Binsenstielen.
Kommt die Königin gegangen,
Will sich Wasserlilien fangen.
Schüttelt Falter und Libellen
Aus Papyrusblütenschellen,
Löst zum Bad die feinen Ketten
Ihrer seidnen Sandaletten
Und fängt leise an zu singen,—
Denn in Schilf und Stengelschlingen
Liegt ein süßes, kleines Kind.

Aus: Silja Walter, Gedichte. Zürich: Verlag der Arche, 1950, S. 52

Lustgarten Kampffeld Leseabenteuer

Ich wollte eins von den nur vier Gedichten von Louise Glück (die heute Geburtstag hat) aussuchen, die Jürgen Brôcan in seine großartige Anthologie „Sehen heißt ändern. Dreißig amerikanische Dichterinnen des 20. Jahrhunderts“ aufgenommen hat. Die Wahl fiel schwer, keines ließ kalt und jedes forderte Beachtung. Dann fing ich an, rund herum zu lesen, es begann ein ein paar Stunden dauerndes Leseabenteuer, eine Lyriknacht. Zwischendurch mußte ich denken, wie schön (glänzend hart spannend wunderbar schwer erträglich unauslotbar wirr verwirrend bezaubernd gefährlich) wäre Literatur, wenn Betrieb und interessierte Leserschaft (es gibt sie doch, oder?) die Energie, die seit einem dreiviertel Jahr einer Hauswand in Hellersdorf gewidmet wurde, einem einzigen von den unauslotbar vielen spannenden Gedichtbänden gewidmet hätten, die (Brôcans Buch erschien 2006) im letzten Jahrzwölft erschienen sind. Wieviel sinnvoll verwendete Lese- und Lebenszeit! Wie lebten, wie läsen wir, wenn es das gäbe?

Am Ende beschloß ich, um unser reges literarisches Leben nicht zu überfordern (ha!), statt einer Blume einen ganzen Strauß zu überbringen. Voilà! Nicht zu anstrengend für den Anfang. Stay tuned!

Kay Ryan

Zu dicht betrachtete Dinge

Eine zu dicht betrachtete Blume
erblüht in der falschen Farbe.
Übermaß an Beachtung macht
die Narzisse zum Enzian. Blumen
brauchen Ruhe, um ihre richtige
Färbung zu bekommen. Manche
öffnen sich nur um Mitternacht.

Closely Watched Things

A too closely watched flower
blossoms the wrong color.
Excess attention to the jonquil
turns it gentian. Flowers
need it tranquil to get
their hues right. Some
only open at midnight.

Jürgen Brôcan: Sehen heißt ändern. Dreißig amerikanische Dichterinnen des 20. Jahrhunderts. München: Stiftung Lyrik Kabinett, 2006. S. 254f