Hans Arnfrid Astel
Hilde Domins Frage
„Wozu Lyrik heute?“
erinnert mich an einen Witz,
wo der Leutnant
den Rekruten fragt,
„Weshalb soll der Soldat
sein Gewehr nicht fallen lassen?“
worauf dieser antwortet,
„Ja, warum soll er eigentlich nicht?“
Aus: Neues (& Altes) vom Rechtsstaat & von mir. Alle Epigramme von Arnfried Astel. Frankfurt/Main: 2001, 1978
Heute vor 80 Jahren stand der 13jährige Ernst Jandl in Wien in einer grölenden Menschenmasse, die dem Führer zujubelte. Viele Jahre später verarbeitete er das akustische und haptische Erlebnis in einem Gedicht.
Ernst Jandl
wien : heldenplatz
der glanze heldenplatz zirka
versaggerte in maschenhaftem männchenmeere
drunter auch frauen die ans maskelknie
zu heften heftig sich versuchten, hoffensdick.
und brüllzten wesentlich.
verwogener stirnscheitelunterschwang
nach nöten nördlich, kechelte
mit zu-nummernder aufs bluten feilzer stimme
hinsensend sämmertliche eigenwäscher.
pirsch!
döppelte der gottelbock von Sa-Atz zu Sa-Atz
mit hünig sprenkem stimmstummel.
balzerig würmelte es im männechensee
und den weibern ward so pfingstig ums heil
zumahn: wenn ein knie-ender sie hirschelte.
Über das Gedicht bei Planet Lyrik
Hans Arnfrid Astel (eigtl. Arnfrid Astel, Pseud. Hanns Ramus, * 9. Juli 1933 in München; † 12. März 2018 in Trier), deutscher Lyriker
Aus Leibeskräften
brüllt er ins leere Weltall.
Man hört ihn nicht weit.
Aus: Sternbilder. West-östliche Konstellationen. Heidelberg: Wunderhorn Verlag, 1999
Zeit: 14.-15. Mai 2018
Veranstaltungsort: Maxim Gorki-Institut für Weltliteratur der Russischen Akademie der Wissenschaften, Moskau
Zum Andenken an Prof. Vladimir Sedelnik
Am 14.-15. Mai 2018 veranstalten die Abteilung für neuere Literaturen Europas und Amerikas und die Abteilung für neuere russische Literatur und Literatur des russischen Exils des Maxim Gorki-Instituts für Weltliteratur der Russischen Akademie der Wissenschaften zusammen mit der Axel Springer-Stiftungsprofessur für deutsch-jüdische Literatur- und Kulturgeschichte, Exil und Migration der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) und dem Forschungslabor „Erforschung der national-kulturellen Codes der russischen Identität im Kontext der europäischen Mentalität an der Wende vom 20. zum 21. Jahrhundert“ des Instituts für Philologie und Journalistik der Staatlichen Lobachevski-Universität Nižni Novgorod eine wissenschaftliche Konferenz zum Andenken an Prof. Vladimir Sedelnik „Russland — Deutschland: literarische Begegnungen nach 1945“.
Die Konferenz findet im Rahmen des Langzeitprojekts „Der literarische Prozess in Deutschland des 20. und 21. Jahrhunderts“ statt.
Im Anschluss an die Konferenz ist eine gemeinsame Buchpublikation geplant.
Die Konferenzteilnehmer*innen, die auch zur anschließenden Buchpublikation beitragen werden, kommen aus den Bereichen vergleichende Literaturwissenschaft, interkulturelle Kommunikation sowie Geschichte der deutschen und russischen Literatur.
Das neue Projekt setzt das 2017 bereits abgeschlossene Forschungsvorhaben „Russland — Deutschland: literarische Begegnungen 1918-1945 fort. Genauso wie sein Vorgänger zielt es auf die Erforschung der Interdependenzen, Überschneidungen, typologischen Affinitäten, rezeptiven Projektionen und imagologischen Stereotypen, die an den Grenzen zwischen deutschen und russischen Kulturräumen, allerdings erst nach dem Zweiten Weltkrieg entstehen.
Die Konferenzvorträge sollen diese Thematik auf vier Ebenen untersuchen. Das Panel „Russland in den Augen deutscher Autorinnen“ umfasst die Referate, welche die axiologisch aufgeladenen Darstellungen Russlands in den Werken deutscher Schriftstellerinnen aus imagologischer Perspektive präsentieren. Im Fokus des Panels „Deutschland in den Augen russischer Autorinnen“ steht die Rezeption von Deutschland und Deutschen in den Werken der russischsprachigen Gegenwartsschriftstellerinnen. Im Panel „Das ‚russische‘ Deutschland vs. das ‚deutsche‘ Russland: literarische Kontakte“ wird den direkten und indirekten Kontakten zwischen russischen und deutschen Künstlerinnen und Literaturforscherinnen sowie den vielschichtigen Einflüssen dieser Kontakte auf die in der internationalen Kommunikation entstehenden kulturellen Texte in Russland und in Deutschland nachgegangen. Das Panel „Die künstlerische Praxis: Affinitäten, Überlagerungen, Parallelen“ widmet sich schließlich den vielfältigen Formen der literarischen Interaktion, die das Entstehen des gemeinsamen russisch-deutschen Kulturtextes ermöglichen.
Die Exposés der Konferenzvorträge werden frühzeitig in der elektronischen Edition des Gorki-Instituts für Weltliteratur „Neue russische geisteswissenschaftliche Forschungen“ veröffentlicht. Aus diesem Grund bitten wir Sie, uns ihr Thema und das Exposé als rtf-Datei (am besten ohne Fußnoten) bis 30. März 2018 auf folgende Mailadresse zukommen zu lassen: muchina@yandex.ru
Inge Müller
(geb. Inge(borg) Meyer, * 13. März 1925 in Berlin; † 1. Juni 1966 ebenda)
M.B.*
Im Wein ist Wahrheit, sagst du
Bier macht ehrlich
Und Schnaps löst mir die Zunge.
Im Rausch erst bin ich was ich bin:
Narr, Weiser, Revolutionär und Dulder
Gottgläubiger und Atheist
Mensch oder Tier
Zum Teufel mit der Wahrheit:
Noch ein Bier!
*) Manfred Bieler
Aus: Inge Müller: Irgendwo, noch einmal möcht ich sehn. Lyrik, Prosa, Tagebücher. Hrsg. Ines Geipel. Berlin: Aufbau, 1996, S. 137
Eine Initiative der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, der Stiftung Lyrik Kabinett und des Hauses für Poesie
Welche Gedichtbücher sind besonders bemerkenswert, interessant, überraschend? Die Liste mit den diesjährigen Lyrik-Empfehlungen ist jetzt unter http://www.lyrikempfehlungen.de veröffentlicht. 20 Gedichtbände wurden aus den Neuerscheinungen von Anfang 2017 bis März 2018 ausgewählt.
Veranstaltungen finden am 16. März in Leipzig auf der Buchmesse und in der Galerie KUB statt, am 12. April im Haus für Poesie in Berlin. Zum Welttag der Poesie am 21. März werden die Lyrik-Empfehlungen in fast 100 Buchhandlungen und Bibliotheken deutschlandweit präsentiert.
Die Lyrik-Empfehlungen sind ein gemeinsames Projekt der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, der Stiftung Lyrik Kabinett und dem Haus für Poesie in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Bibliotheksverband. Sie werden jährlich von einem wechselnden Kreis von Kritikerinnen und Kritikern sowie Lyrikerinnen und Lyrikern ausgesprochen und zur Leipziger Buchmesse veröffentlicht. In diesem Jahr stammen die Empfehlungen von: Nico Bleutge, Michael Braun, Florian Kessler, Michael Krüger, Kristina Maidt-Zinke, Marion Poschmann, Monika Rinck, Joachim Sartorius, Daniela Strigl und Uljana Wolf.
Kurzübersicht der Lyrik-Empfehlungen
Deutschsprachige Lyrik
• Nico Bleutge: nachts leuchten die schiffe. C.H.Beck, München 2017.
• Paul-Henri Campbell: nach den narkosen. Wunderhorn, Heidelberg 2017.
• Ann Cotten: Jikiketsugaki. Tsurezuregusa. Peter Engstler, Berlin 2017.
• Sylvia Geist: Fremde Felle. Hanser Berlin, Berlin 2018.
• Ulrich Koch: Selbst in hoher Auflösung. Jung und Jung, Salzburg 2017.
• Barbara Köhler: 42 Ansichten zu Warten auf den Fluss. Edition Korrespondenzen, Wien 2017.
• Jürgen Nendza: picknick. Poetenladen, Leipzig 2017.
• Tobias Roth: Grabungsplan. Verlagshaus Berlin, Berlin 2018.
• Herbert J. Wimmer: Kleeblattgasse Tokio. Klever, Wien 2017.
• Joseph Zoderer: Die Erfindung der Sehnsucht. Haymon, Innsbruck 2017.
Lyrik in deutscher Übersetzung
• Maricela Guerrero: Reibungen. Aus dem mexikanischen Spanisch von Johanna Schwering. hochroth, Berlin 2017.
• Catherine Hales: 08/15-hegemonien. Englisch-Deutsch. Übersetzt von Konstantin Ames. Brueterich Press, Berlin 2017.
• Milena Marković: bevor sich alles zu drehen anfängt. Aus dem Serbischen von Peter Urban. Edition Korrespondenzen, Wien 2017.
• Tristan Marquardt und Jan Wagner (Hrsg.): Unmögliche Liebe. Die Kunst des Minnesangs in neuen Übertragungen. Zweisprachige Ausgabe. Hanser, München 2017.
• Wsewolod Nekrassow: Ich lebe ich sehe. Russisch-Deutsch. Ausgewählt, aus dem Russischen übertragen und mit einem Nachwort versehen von Günter Hirt und Sascha Wonders. Vorwort von Eugen Gomringer. Helmut Lang, Münster 2017.
• Ron Padgett: Die schönsten Streichhölzer der Welt. Englisch-Deutsch. Übersetzt, herausgegeben und mit einem Nachwort von Jan Volker Röhnert. Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung, Mainz 2017.
• Jerome Rothenberg: Khurbn. Englisch-Deutsch. Übersetzt von Barbara Felicitas Tax und Norbert Lange. Wunderhorn, Heidelberg 2017.
• Giorgos Seferis: Logbücher. Griechisch-Deutsch. Übersetzt und kommentiert von Andrea Schellinger. Elfenbein, Berlin 2017.
• Matthew Sweeney: Hund und Mond. Englisch-Deutsch. Übersetzt von Jan Wagner. Hanser Berlin, Berlin 2017.
• Keith Waldrop: gravitationen 1. ausgewählte gedichte (1968-1997). Englisch-Deutsch. Herausgegeben und aus dem Englischen übersetzt von David Frühauf und Jan Kuhlbrodt. gutleut, Frankfurt a.M. 2017.
Ein Gedicht der Hofdame Nijō-in no Sanuki (1141-1217) aus der Anthologie „Sechsunddreißig Dichterinnen des Alten Japan. Höfische Dichtkunst der Heian- und Kamakura-Perode. 9. bis 13. Jahrhundert“ (Köln: DuMont Buchverlag Köln. In Zusammenarbeit mit der New York Public Library, 1992) (8R).
Ein Gedicht über die Liebe
Auf unserem Lager
für eine Nacht, wo er mich
zurückgelassen,
ist alles so wie es war,
nur Staub hat sich aufgehäuft.
Aus dem Japanischen von Peter Pörtner.
Eine poetologische Abhandlung von Anfang des 13. Jahrhunderts zitiert dieses Gedicht als Beispiel für Gedichte, die ihre Bedeutung unmittelbar ausdrücken.
Die japanischen Formen Tanka und Haiku scheinen dem westlichen Leser vielfach unmittelbar zugänglich. Auch weil seit Anfang des vorigen Jahrhunderts Künstler und Dichter sie adaptiert und unsere Augen und Ohren geschult haben. Klingt der folgende Tanka nicht wie aus Brechts Spätlyrik?
Hätt ich nicht gewußt
daß dieser Welt des Leidens
nicht zu entfliehen ist
hätte ich mir einen Ort
fern in den Bergen gesucht.
Er stammt von einer japanischen Dichterin, die bis etwa 1263 lebte: Shikikenmon-in no Mikushige.
Die Anthologie „Sechsunddreißig Dichterinnen des Alten Japan. Höfische Dichtkunst der Heian- und Kamakura-Perode. 9. bis 13. Jahrhundert“ (Köln: DuMont Buchverlag Köln. In Zusammenarbeit mit der New York Public Library, 1992) widmet jedem der enthaltenen Fünfzeiler vier großformatige Seiten: Eine Doppelseite aus dem 1801 erschienenen Album „Die sechsunddreißig unsterblichen Dichterinnen in Farbdrucken“ mit Porträts der Dichterinnen und einer Kalligraphie des Gedichts, eine Seite, auf der das Gedicht in Übersetzung und Transkription des japanischen Textes steht und eine Seite mit Kommentaren. Die Anthologie lädt zum Genießen und Studieren ein. Die Kommentare und Gedichte wurden von Peter Pörtner aus dem Japanischen und Amerikanischen übersetzt.
Die Original-Tanka haben 31 Silben:
mi o saranu
onaji ukiyo to
omowazu wa
iwao no naka mo
tazune mitemashi
Übrigens auch Pörtners Nachdichtung, wenn man in der dritten Zeile „entfliehn“ zweisilbig liest.
Die „zentrale Aussage des Gedichts, daß man an keinem Ort der Welt vor Leid und Trauer entfliehen kann“ [Zitate in Anführungsstrichen im Folgenden aus der zitierten Ausgabe, a.a.O. p. 17R], wiederhole eine Grundlehre des Buddhismus, beziehe sich aber auch unmittelbar auf ein Gedicht der klassischen Tradition. Die drei Wörter „iwao no naka“, wörtlich „fern in den Bergen (zwischen hohen Felsen)“ stammen aus einem Gedicht der Sammlung Kokin wakashū, de Ausdruck „iwao no naka“ sei mit diesem Gedicht zu einem „später vielgebrauchten Topos für ‚vollkommenes Entronnensein'“ geworden.
Mikushige habe nicht nur zitiert, sondern die Überlieferung schöpferisch weiterentwickelt. Die Anfangszeile „mi o saranu“ sei eine Bereicherung des poetischen Vokabulars. Es bedeutet wörtlich „sich meiden“, „sich nichts ersparen“, in der nachfolgenden Poesie werde es in der Bedeutung „unentrinnbar, unvermeidbar, vorbestimmt sein“ verwendet. Der buddhistische Priester Prinz Kakujo (1250-1336) zitiert die Wendung in einer Anspielung auf „den ursprünglich erleuchteten Geist“ (in der Übersetzung kommt der „Mond meines innersten Herzens“ ins Spiel: Brecht meets Rilke!).
Das Wort ukiyo in der zweiten Zeile, wörtlich „Welt des Leidens“ oder „Welt des Elends“, bezeichne eine buddhistische Vorstellung, und auch die „fernen Berge“ verweisen den Leser auf einen Ort religiöser Übungen. All dies verleihe Mikishuges Gedicht eine ausgeprägte religiöse Färbung.
(Auch die beiden Gedichte, das von ihr Beerbte und das sie Beerbende, sind vollständig in Nachdichtung und Transkription wiedergegeben, so daß auch der des Japanischen unkundige Leser den Wanderungen der Topoi nach-gehen kann.)
Heinrich Heine
Lied der Marketenderin
(Aus dem Dreißigjährigen Krieg)
Und die Husaren lieb ich sehr,
Ich liebe sehr dieselben;
Ich liebe sie ohne Unterschied,
Die blauen und die gelben.
Und die Musketiere lieb ich sehr,
Ich liebe die Musketiere,
Sowohl Rekrut als Veteran,
Gemeine und Offiziere.
Die Kavallerie und die Infanterie,
Ich liebe sie alle, die Braven;
Auch hab ich bei der Artillerie
Gar manche Nacht geschlummert.
Ich liebe den Deutschen, ich lieb den Franzos,
Die Welschen und Niederländschen,
Ich liebe den Schwed, den Böhm und Spanjol,
Ich liebe in ihnen den Menschen.
Gleichviel von welcher Heimat, gleichviel
Von welchem Glaubensbund ist
Der Mensch, er ist mir lieb und wert,
Wenn nur der Mensch gesund ist.
Das Vaterland und die Religion,
Das sind nur Kleidungsstücke –
Fort mit der Hülle! daß ich ans Herz
Den nackten Menschen drücke.
Ich bin ein Mensch und der Menschlichkeit
Geb ich mich hin mit Freude;
Und wer nicht gleich bezahlen kann,
Für den hab ich die Kreide.
Der grüne Kranz vor meinem Zelt,
Der lacht im Licht der Sonne;
Und heute schenk ich Malvasier
Aus einer frischen Tonne.
Zum 100. Todestag Frank Wedekinds (* 24. Juli 1864 in Hannover; † 9. März 1918 in München) heute ein Gedicht und die erste Strophe eines zweiten.
Schluß
Ich wußte ehmals nichts davon,
Bin unschuldsvoll gewesen,
Bis daß ich Wielands Oberon
Und Heines Gedichte gelesen. –
Die haben sodann im Lauf der Zeit
Mein bißchen Tugend bemeistert.
Ich träumte von himmlischer Seligkeit
Und ward zum Dichten begeistert.
Auch fand ich, das Dichten sei keine Kunst,
Man müßt‘ es nur einmal gewohnt sein. –
Ich sang von feuriger Liebesbrunst,
Von Rosenknospen und Mondschein;
Besang der Sonne strahlendes Licht.
Viel Schönes ist mir gelungen.
Jeweilen mit dem schönsten Gedicht
Hab‘ ich mich selber besungen.
Und folgte treu der gegebenen Spur
Auf meine Muster gestützet;
Schrieb viele Bogen Makulatur. –
Wer weiß, zu was sie noch nützet? –
Und wenn das Dichten so weitergeht,
So darf ich im Tode behaupten:
»Am Ende war ich doch ein Poet,
Obwohl es die wenigsten glaubten.« –
«Des Dichters Klage»
Schwer ist’s, heute ein Gedicht zu machen,
Darum läßt man es am besten sein;
Wenn die Menschen wirklich drüber lachen,
Sperrt man den Verfasser meistens ein;
Wenn sie sich jedoch in Tränen winden,
Dann verhungert schließlich der Poet,
Deshalb wird man es begreiflich finden,
Daß die Poesie zugrunde geht.
(…)
Menschen ohne Todesdatum. Vermutlich Anfang März 1943 starb in Auschwitz Gertrud Kolmar (Pseudonym für Gertrud Käthe Chodziesner, * 10. Dezember 1894 in Berlin). Hier ein Gedicht aus dem Nachlaß.
Gertrud Kolmar
ANNO DOMINI 1933
Er hielt an einer Straßenecke.
Bald wuchs um ihn die Menschenhecke.
Sein Bart war schwarz, sein Haar war schlicht.
Ein großes östliches Gesicht,
Doch schwer und wie erschöpft von Leid.
Ein härenes verschollnes Kleid.
Er sprach und rührte mit der Hand
Sein Kind, das arm und frostig stand:
«Ihr macht es krank, ihr schafft es blaß;
Wie Aussatz schmückt es euer Haß,
Ihr lehrt es stammeln euren Fluch,
Ihr schnürt sein Haupt ins Fahnentuch,
Zerfreßt sein Herz mit eurer Pest,
Daß es den kleinen Himmel läßt —»
Da griff ins Wort die nackte Faust:
«Schluck selbst den Unflat, den du braust!
Du putzt dich auf als Jesus Christ
Und bist ein Jud und Kommunist.
Du krumme Nase, Levi, Saul,
Hier, nimm den Blutzins und halt’s Maul!»
Ihn warf der Stoß, ihn brach der Hieb.
Die Leute zogen mit. Er blieb.
Gen Abend trat im Krankenhaus
Der Arzt ans Bett. Es war schon aus. —
Ein Galgenkreuz, ein Dornenkranz
Im fernen Staub des Morgenlands.
Ein Stiefeltritt, ein Knüppelstreich
Im dritten, christlich—deutschen Reich.
Aus: Gertrud Kolmar: Das Wort der Stummen. Nachgelassene Gedichte. Berlin (Ost): Buchverlag Der Morgen, 1978, S. 28f
Ab Juli 1941 musste Gertrud Kolmar Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie leisten. Ihr Vater wurde im September 1942 in das Ghetto Theresienstadt deportiert und starb dort im Februar 1943. Gertrud Kolmar wurde am 27. Februar 1943 im Verlauf der Fabrikaktion verhaftet und am 2. März 1943 im 32. sogenannten Osttransport des RSHA ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Von den etwa 1500 Berliner Juden, die in diesem Zug am 3. März 1943 in Auschwitz ankamen, wurden nach der Selektion an der ‚Alten Rampe‘ 535 Männer und 145 Frauen als „arbeitsfähige“ Häftlinge registriert und in das Lager eingewiesen. Die übrigen etwa 820 Deportierten dieses Zuges, darunter Gertrud Kolmar, wurden nicht als Häftlinge registriert und vermutlich sofort nach der Ankunft in der Gaskammer ermordet. (Wikipedia)
Weiter mit Heine. Aus seinem unerschöpflichen Reservoir galliger Deutschland- und Zeitgedichte heute dies.
Heinrich Heine
Die Wanderratten
Es gibt zwei Sorten Ratten:
Die hungrigen und satten.
Die satten bleiben vergnügt zu Haus,
Die hungrigen aber wandern aus.
Sie wandern viel tausend Meilen,
Ganz ohne Rasten und Weilen,
Gradaus in ihrem grimmigen Lauf,
Nicht Wind noch Wetter hält sie auf.
Sie klimmen wohl über die Höhen,
Sie schwimmen wohl durch die Seen;
Gar manche ersäuft oder bricht das Genick,
Die Lebenden lassen die Toten zurück.
Es haben diese Käuze
Gar fürchterliche Schnäuze;
Sie tragen die Köpfe geschoren egal,
Ganz radikal, ganz rattenkahl.
Die radikale Rotte
Weiß nichts von einem Gotte.
Sie lassen nicht taufen ihre Brut,
Die Weiber sind Gemeindegut.
Der sinnliche Rattenhaufen,
Er will nur fressen und saufen,
Er denkt nicht, während er säuft und frisst,
Dass unsre Seele unsterblich ist.
So eine wilde Ratze,
Die fürchtet nicht Hölle, nicht Katze;
Sie hat kein Gut, sie hat kein Geld
Und wünscht aufs neue zu teilen die Welt.
Die Wanderratten, o wehe!
Sie sind schon in der Nähe.
Sie rücken heran, ich höre schon
Ihr Pfeifen – die Zahl ist Legion.
O wehe! wir sind verloren,
Sie sind schon vor den Toren!
Der Bürgermeister und Senat,
Sie schütteln die Köpfe, und keiner weiß Rat.
Die Bürgerschaft greift zu den Waffen,
Die Glocken läuten die Pfaffen.
Gefährdet ist das Palladium
Des sittlichen Staats, das Eigentum.
Nicht Glockengeläute, nicht Pfaffengebete,
Nicht hohlwohlweise Senatsdekrete,
Auch nicht Kanonen, viel Hundertpfünder,
Sie helfen Euch heute, Ihr lieben Kinder!
Heut helfen Euch nicht die Wortgespinste
Der abgelebten Redekünste.
Man fängt nicht Ratten mit Syllogismen,
Sie springen über die feinsten Sophismen.
Im hungrigen Magen Eingang finden
Nur Suppenlogik mit Knödelgründen,
Nur Argumente von Rinderbraten,
Begleitet mit Göttinger Wurst-Zitaten.
Ein schweigender Stockfisch, in Butter gesotten,
Behaget den radikalen Rotten
Viel besser als ein Mirabeau
Und alle Redner seit Cicero.
Julian Przyboś
(* 5. März 1901 in Gwoźnica Dolna/Powiat Strzyżowski; † 6. Oktober 1970 in Warschau)
Solange wir leben
Kanonendonner,
blutroter Feuerschein,
lodernd, als bräche der Himmel ein.
Hilflos, von Granaten zu Boden geschmissen,
fleh ich um Gnade, um ein Gewehr!
Schrei wie ein Tier …
Doch dann, wie vom Tod auferstanden,
blick ich umher,
sehe — von Bomben zerschlagen, zerrissen —
Warschau vor mir.
Weinen von Männern dringt
in mein geborstenes Ohr,
und wie eine Kugel ihr Schweigen.
Das war die Sekunde, in der ich den Bruder verlor.
Ihr, die ihr über die Grenzen die Köpfe tragt
und zu den Waffen flüchtet, nehmt meinen Segen!
In dem zertrümmerten Bunker sitz ich verzagt,
allzu kraftlos, die Stimme noch zu erheben,
und unsre Hymne zu singen: „Solange wir leben …“
September 1939
Deutsch von Martin Remané
Aus: Polnische Lyrik aus fünf Jahrzehnten. Hrsg. Henryk Bereska und Heinrich Olschowsky. Berlin u. Weimar: Aufbau, 1975, S. 126
Ein bißchen Heine als Antidot. – Im 24. Caput seines „Deutschland. Ein Wintermärchen“ sagt ihm die Göttin Hammonia, die sich wundert, daß der in Paris lebende Dichter in den Norden reist, daß früher Klopstock (begraben in Hamburg) ihr Lieblingsdichter war. Heute ist es – nur die Lumpe sind bescheiden – Heine (begraben in Paris):
Nur daß du meine Söhne so oft
Genergelt, ich muß es gestehen,
Hat mich zuweilen tief verletzt;
Das darf nicht mehr geschehen.
Es hat die Zeit dich hoffentlich
Von solcher Unart geheilet,
Und dir eine größere Toleranz
Sogar für Narren erteilet.
Aus Heines Antwort:
Ich wollte weinen, wo ich einst
Geweint die bittersten Tränen –
Ich glaube, Vaterlandsliebe nennt
Man dieses törichte Sehnen.
Ich spreche nicht gern davon; es ist
Nur eine Krankheit im Grunde.
Verschämten Gemütes, verberge ich stets
Dem Publiko meine Wunde.
Fatal ist mir das Lumpenpack,
Das, um die Herzen zu rühren,
Den Patriotismus trägt zur Schau
Mit allen seinen Geschwüren.
Schamlose schäbige Bettler sind’s,
Almosen wollen sie haben –
Ein’n Pfennig, Popularität
Für Menzel und seine Schwaben!
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