Von Staaten und Menschen

Wie heißen wir? Wem gehören wir? Mascha Kaléko wird im kalendarischen Teil der Wikipedia eine deutsch-russische Dichterin genannt, in ihrem Lexikoneintrag „eine deutschsprachige, der Neuen Sachlichkeit zugerechnete Dichterin“. *) Geboren wurde sie als Golda Malka Aufen, das nichtehelich geborene Kind des „jüdisch-russischen Kaufmanns“ Fischel Engel und der „österreichisch-jüdischen“ Rozalia Chaja Reisel Aufen. 1914 zogen die unverheirateten Eltern mit dem Kind auf der Flucht vor Pogromen nach Deutschland. Der Vater wurde, ’s war leider Krieg, sogleich als „feindlicher Ausländer“ interniert. Sie besuchte die Schule in Frankfurt am Main, Marburg und Berlin. 1922 heirateten die Eltern, sie erhielt den Namen Mascha Engel.  1928 heiratete sie den Hebräischlehrer Saul Aaron Kaléko, sie hieß nun Mascha Kaléko. Unter diesem Namen erschienen ab 1929 ihre Gedichte. Die Initiatoren der Bücherverbrennung 1933 wußten nicht, daß sie Jüdin war, so blieb sie zunächst verschont und konnte noch publizieren. 1936 wurde ihr Sohn Evjatar Alexander Michael in Berlin geboren, er war nicht von ihrem Ehemann, sondern von dem ebenfalls aus Polen stammenden Dirigenten Chemjo Vinaver. 1938 wurde ihre Ehe geschieden und sie heiratete Vinaver. Noch im selben Jahr emigrierten sie in die Vereinigten Staaten. Der Name des Kindes wurde in Steven geändert. 1944 wurden sie US-amerikanische Staatsbürger. 1960 wanderten die Eheleute Vinaver nach Israel aus. In Deutschland wurde sie wieder gedruckt, aber das Land blieb unheimlich. „1960 wollte man ihr den Fontane-Preis der Akademie der Künste in Berlin (West) verleihen; wegen eines ehemaligen SS-Mitgliedes in der Jury, Hans Egon Holthusen, lehnte sie dies jedoch ab. Der Geschäftsführer der Akademie Herbert von Buttlar wusch Holthusens SS-Mitgliedschaft rein und empfahl den Emigranten, wenn es ihnen nicht gefalle, fortzubleiben.“ (Wikipedia). 1968 starb ihr Sohn in New York, 1973 ihr Mann in Tel Aviv. 1974 war sie noch einmal in Berlin, sie trat noch einmal auf und spielte mit dem Gedanken, neben Jerusalem eine kleine Wohnung in Berlin zu beziehen. Auf der Rückreise machte sie Station in Zürich, wo sie am 21. Januar 1975 starb. In Zürich ist sie begraben.

Geboren wurde sie in Chrzanów, das damals Schidlow hieß und zum von Österreich-Ungarn besetzten Teil Polens gehörte. Ihr zweiter Ehemann kam aus dem von Rußland annektierten Teil Polens, aus Warschau.

Chrzanów war bei der dritten Teilung Polens dem zu Österreich-Ungarn gehörenden Westgalizien zugeschlagen worden. 1809 bis 1815 kam die Stadt zum Herzogtum Warschau von Napoleons Gnaden. Der Wiener Kongress schlug sie der Republik Krakau zu, die unter dem gemeinsamen Protektorat der Großmächte Russland, Preußen und Österreich bis 1846 bestand. 1846 kam sie zum Großherzogtum Krakau, das zum Königreich Galizien und Lodomerien das zum Kaisertum Österreich gehörte. Nach dem Ersten Weltkrieg gehörte Chrzanów zum nun unabhängigen Polen. Am 4. September 1939 wurde Chrzanów von deutschen Truppen besetzt, bis 1945 hieß sie Krenau. Am 24. Januar 1945 wurde sie von der Roten Armee eingenommen. Heute gehört sie zur Woiwodschaft Kleinpolen. Diese Darstellung verkürzt die komplexe Geschichte. Erwähnt sei noch eine Zugehörigkeit zu Sachsen, die sich bis heute im Stadtwappen spiegelt.

Was die Dichterin betrifft, ich fasse zusammen: Golda Malka Aufen alias Mascha Engel / Kaléko / Vinaver,  7. Juni 1907 – 21. Januar 1975, in der Schweiz gestorbene und begrabene österreichisch-russisch-polnisch-jüdisch-deutsch-US-amerikanisch-israelische Autorin.

Wie dem sei. Ich fände es in Ordnung und sogar sehr gut, wenn man sie in Deutschland als deutsche, in Österreich als österreichische, in Polen als polnische, in den USA als amerikanische (in New York gibt es wie in Berlin eine Tafel an ihrem Wohnhaus), in Israel als jüdische oder israelische Dichterin lesen und würdigen würde.

Nachtrag: Thomas Sparr widmet ihr ein Kapitel in seinem Buch Grunewald im Orient. Das deutsch-jüdische Jerusalem. Berlin: Berenberg, 2018.

*) Andere Versionen der Wikipedia sagen: a Jewish German language poet (Englisch), une poétesse et écrivain allemande, eine deutsche Dichterin und Schriftstellerin (Französisch), deutsche Dichterin (Italienisch, Polnisch), eine bekannte Dichterin deutscher Sprache (Spanisch), deutschsprachige Dichterin (Slowenisch), deutsch-jüdische Dichterin (Kroatisch, Hebräisch), deutschsprachige jüdische Dichterin (Schwedisch), deutsche Dichterin jüdischer Herkunft (Tschechisch). Ungarisch kann ich nicht überprüfen, Google übersetzt zsidó származású német költőnő. mit: in Deutschland geborene Dichterin jüdischer Herkunft.

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