Carles Rebassa
Cant espiritual
Whisky, et demanam. Whisky! I tu,
senyor, ens dónes aigua. I, a més, ets
molt adorat per alcohòlics vius
que beuen brou perquè pertot fan aigua.
Whisky, vatuadell, et demanam.
Deixa’ns estar, de por i de medecina,
i ja desapareix d’un cop del món.
No et multipliquis més. No tinguis sexe
amb els aŀlots perduts de matinada
ni amb les nenes que s’enyoren d’aires
càlids i sensuals, desconeguts.
Decanta’t de la nostra llum. I prou aigua,
et demanam. Whisky, et demanam.
Fes que la terra es desfaci del cel
i arrabassa els dos ulls de viu en viu
als qui han perdut i menyspreen la terra.
Aquests són els qui et preguen la teva aigua.
Whisky, et demanam. Whisky! I tu,
senyor, ens dónes aigua. Beu-te-la tu.
Geistlicher Gesang
Whisky wollen wir von dir. Whisky! Und du,
Herr, gibst uns Wasser. Und wirst obendrein
angebetet von wahrhaftigen Alkoholikern,
die Brühe trinken, weil sie leck sind überall.
Whisky, verdammt, wollen wir von dir.
Lass uns in Ruhe mit deiner Angst und Medizin
und verschwinde endlich aus der Welt.
Vermehre dich nicht weiter. Hab keinen Sex
mit den verirrten Jungs im Morgengrauen
und mit den Mädels nicht, die sich sehnen
nach einem warmen, sinnlichen, ungekannten Windhauch.
Tritt aus unserem Licht. Und Schluss mit Wasser,
bitten wir dich. Whisky wollen wir von dir.
Mach, dass die Erde sich vom Himmel trennt,
und reiß mit bloßen Händen jenen die Augen aus,
welche die Erde verloren haben und sie verachten.
Dennn die sind’s, die um dein Wasser bitten.
Whisky wollen wir von dir. Whisky! Und du,
Herr, gibst uns Wasser. Trink’s doch selber.
[Aus dem balearischen Katalanisch von Àxel Sanjosé]
Carles Rebassa lebt in Barcelona; von ihm sind bislang fünf Gedichtbände und der Roman Eren ells erschienen. Rebassas Gedichte zeichnen sich durch ihre Expressivität aus, Wut und Lebensfreude gehen eine poetisch produktive Verbindung ein, die eine klare gesellschaftskritische Haltung durchscheinen lässt.
Auf deutsch liegt von Carles Rebassa bislang ein Auswahlband in zweisprachiger Ausgabe (katalanisch/deutsch) beim Hochroth Verlag in der Reihe poesiefestival berlin (https://www.hochroth.de/2734/poesiefestival-berlin-ausgaben/) vor.
Versteht man Gedichte ohne Kontext? Dieses Gedicht verstehen vielleicht nur Ostdeutsche meiner Generation und auch nur dann, wenn sie nicht #staatsfromm waren. Jürgen Fuchs studierte in Jena, DDR. Seine Gedichtbände erschienen im Westen Deutschlands. Er protestierte gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann durch die DDR-Führung, er wurde verhaftet und nach 282 Tagen Haft aus der Gefängniszelle an die Bundesrepublik verkauft, man kann auch sagen: abgeschoben. Nicht jeder weiß das, die DDR hat politische Häftlinge an den Westen verkauft. Das Gedicht zeigt eine typische Gesprächssituation zwischen Ostlinken und Westlinken vor 1990: bei wem ist es schlimmer? Ihr habt keine Meinungs-, keine Reisefreiheit, das ist schlimm, ABER bei uns: ich kann nicht mal Beamter werden.
Jürgen Fuchs lebte in Westberlin, aber das hinderte die Stasi nicht daran, ihn weiter zu bedrohen und zu schikanieren. Er starb mit 48 an Leukämie. (Mehr)
Jürgen Fuchs
(* 19. Dezember 1950 in Reichenbach im Vogtland; † 9. Mai 1999 in Berlin)

Aus: Jürgen Fuchs, #Pappkameraden. Gedichte. Reinbek: Rowohlt, 1981, S. 53
Der Wachtelschlag ist literarisch und musikalisch vielfach variiert worden, vor allem wegen seiner rhythmischen Prägnanz: PICK-wick-wick, BICKberwick, FRISCH erquickt, LObet Gott, FÜRchte Gott
Grimms Wörterbuch verzeichnet unter „Wachtelschlag“ diverse Vorkommen in der Literatur:
WACHTELSCHLAG, m.
1) der aus einem langen und zwei kurzen tönen bestehende ruf der wachtel:
ich haste mich, auf freyes feld zu fliegen,
und frischen wachtelschlag, mit langen zecher-zügen,
in dieses herz zu ziehn.
Klamer Schmidt poet. briefe 55;
ach! das ist ein köstlich locken,
drin ich waidmann nichts vermag,
nur den kuckucksruf verstehend
und den schlichten wachtelschlag.
Uhland ged.2 303;
wie frisch erquickt, wie frisch erquickt
der muntre wachtelschlag,
wenn’s aus dem kornfeld bickberwickt,
am heiszen sommertag!
L. A. Stöber bei
H. Kurz 4, 201;
früh als ihn die morgenluft und der wachtelschlag weckte. Hebel 3, 164. übertragen: in einem wonnetaumel sonder gleichen kehrte der junge Brösel die nacht heim. sein herz schlug einen wahren wachtelschlag und seine pulse hämmerten lustig. Ernst v. Wolzogen in der gesellschaft (1888) 1, 300.
2) ein schlag, in dem wachteln gefangen gehalten werden. dafür wachtelnschlag: dasz ich eines dieser lüftigen wesen bin, und es mir ganz und gar nicht zuträglich fühle, lebenslänglich zu mägden und nachbarinnen in einen wohlvergitterten frauenzwinger, wie in einen zierlichen wachtelnschlag, eingeschlossen zu werden. Wieland 39, 161.
Hier zu hören in der umhegten Natur, hier bei Beethoven, hier Schubert, hier eine Orgelversion von Haydn
(Der Beethovenlink ist falsch; gemeint war natürlich der Wachtelschlag)
Luise Hensel (* 30. März 1798 in Linum, Mark Brandenburg; † 18. Dezember 1876 in Paderborn), vor allem für ihr Kindergebet „Müde bin ich, geh zur Ruh“ bekannt, hat ihm ein ganzes Lied gewidmet und versteht Latein: DIC, cur hic? SAG warum?
Wachtelruf
Es wohnt im tiefen Waizenfeld
Ein Vöglein, treu gesinnt,
Das eine ernste Frage stellt
Jedwedem Menschenkind:
Dic, cur hic?
Wenn kaum der junge Morgen graut
Und frisch die Frühluft weht,
Weckt dich des Vögleins muntrer Laut
Zu Arbeit und Gebet:
Dic, cur hic?
Eilst du dahin mit leichtem Fuß
Zu Tanz und Spiel und Scherz,
Schlägt ernst des Vögleins Mahnungsgruß
An’s weltzerstreute Herz:
Dic, cur hic?
Und schleichst du trüb‘ und laß daher,
Rufst frevelnd wohl den Tod,
Denkst deines lichten Ziels nicht mehr,
Tönt’s hell durch deine Noth:
Dic, cur hic?
Vergaßest du, daß Gott dich schuf
Nur für ein ewig Sein,
Schallt laut des Vögleins Frageruf
Dir in die Seel‘ hinein:
Dic, cur hic?
O schütze Gott dich, Vöglein traut,
Daß deine Brut gedeiht
Und oft ihr frommer, frischer Laut
Uns mahnt zur rechten Zeit:
Dic, cur hic?
Aachen, 1862.
Aus: Louise Hensel: Lieder. Paderborn 1879, S. 157-159.
Wassily Kandinsky (Василий Васильевич Кандинский, * 4. Dezemberjul./ 16. Dezember 1866greg.in Moskau; † 13. Dezember 1944 in Neuilly-sur-Seine, Frankreich)

Aus: Wassily Kandinsky: Klänge. München: Piper, o.J. [1913]
Pdf der Erstausgabe hier.
Offensichtlich sind Lautgedichte nicht international. Chlebnikow und Krutschonych schrieben russische, Huelsenbeck und Ball deutsche. Weniger bekannt ist, daß Elsa von Freytag-Loringhoven, die New Yorker „Dada-Baroness“, zu den wenigen Frauen gehört, die sich in dieser Kunstart hervortaten. Die meisten sind offenbar im Deutschen noch nicht gedruckt, der schmale Auswahlband „Mein Mund ist lüstern“ (edition ebersbach 2005, 124 Seiten) enthält nur eins davon: Klink – Hratzvenga, die amerikanische Ausgabe „Body sweats : the uncensored writings of Elsa von Freytag-Loringhoven“ (MIT Press 2011, 418 Seiten) sieben. Hier ein Lautgedicht (sonic poem), das sie selber aus dem Deutschen ins Englische übersetzt hat. (Dieses ist nur partiell Lautgedicht, sie hat aber auch rein (fast) ohne Wörter auskommende.)
ZUGFENSTER
OCTOBER
BUNTGESTICKT
GETUPFT
KOBALT –
BLUTKUPFERROT
SCHWAR[Z]GOLD
LICHT –
GÜLDFLITTER
KALKWEISS
BIRKGESTALT –
ZWEIGGEÄTZ
KNOCHENFAHL –
SCHNÖRKELZART
STRICHELUNG –
TINTGEWÖLK
GEBALLT
KÜHN
FINSTERECKEN
FLASCHENGRÜN
QUECKSILBERSPIEGEL’S
SCHILFLANZTANZ.
ZIRP-ZIRP-ZIRP –
SUUUIIIRRRRR
SIRRRRRRRRR
ZIRP – – – –
WIND –
GLANZ – – –
Carwindow
Cobalt
October’s
Dotty —
Embroidered
Multitints
Bloodcopperrust
Blackgold —
Light —
Gilttinsel —
Birchbole
Chalkwhite — — — — —
Twigprints
Bonepale —
Curlyfrail —
Strokelings — — — — —
Inkclouds
Heroic
Ball — — — — —
Sombre
Corners
Bottlegreen — — — — —
Quicksilvermirrors
Reedlancedances
Tall:
Zirp-zirp-zirp
Suuuiiirrrrr
Sirrrrrrr
Siiiiiiiiirrr
Zirp — — — — —
Wind — —
Sheen — — — —
ca. 1924-1925
Elsa von Freytag-Loringhoven papers
Anmerkung aus Body sweats : the uncensored writings of Elsa von Freytag-Loringhoven MIT Press 2011:
Carwindow , ca. 1924–1925. Typescript. Box 1, folder 31. EvFL Papers, UML. There are at least three variants, including an English typescript, of this loosely translated German poem “Zugfenster.” In the margins of the manuscript, with both English and German appearing side by side on the same page (see figure 6.4), EvFL writes to DB: “You must have those registered MSS. now? Do you like ‘This is the Life in Greenwich Village? Have you got the poem ‘Ghinga?’ and ‘Kroo’?” In the (earlier) German version, EvFL notes in the margin: “To ‘The Little Review.’”
Embroidered] Embroiderd
Regina Ullmann
(* 14. Dezember 1884 in St. Gallen, Schweiz; † 6. Januar 1961 in Ebersberg, Oberbayern)

Aus: Regina Ullmann: Gedichte. Leipzig: Insel, 1919, S. 8
Heinrich Heine
(* 13. Dezember 1797 in Düsseldorf; † 17. Februar 1856 in Paris)
Michel nach dem März.
So lang ich den deutschen Michel gekannt,
War er ein Bärenhäuter;
Ich dachte im März, er hat sich ermannt
Und handelt fürder gescheuter.
Wie stolz erhob er das blonde Haupt
Vor seinen Landesvätern!
Wie sprach er – was doch unerlaubt –
Von hohen Landesverräthern.
Das klang so süß zu meinem Ohr
Wie mährchenhafte Sagen,
Ich fühlte, wie ein junger Thor,
Das Herz mir wieder schlagen.
Doch als die schwarz-roth-goldne Fahn’,
Der alt germanische Plunder,
Aufs Neu’ erschien, da schwand mein Wahn
Und die süßen Mährchenwunder.
Ich kannte die Farben in diesem Panier
Und ihre Vorbedeutung:
Von deutscher Freiheit brachten sie mir
Die schlimmste Hiobszeitung.
Schon sah ich den Arndt, den Vater Jahn* –
Die Helden aus andern Zeiten
Aus ihren Gräbern wieder nah’n
Und für den Kaiser streiten.
Die Burschenschaftler allesammt
Aus meinen Jünglingsjahren,
Die für den Kaiser sich entflammt,
Wenn sie betrunken waren.
Ich sah das sündenergraute Geschlecht
Der Diplomaten und Pfaffen,
Die alten Knappen vom römischen Recht,
Am Einheitstempel schaffen –
Derweil der Michel geduldig und gut
Begann zu schlafen und schnarchen,
Und wieder erwachte unter der Hut
Von vier und dreißig Monarchen.
Erstdruck: 1851
*) Ich hörte AfD-Frauen im Fernsehn und einen (übrigens erfolglosen) Provinz-Pegidisten auf dem Marktplatz zu Greifswald Heine zitieren: „Denk ich an Deutschland in der Nacht, so bin ich um dem Schlaf gebracht“. Die Damen und Herrn haben das Gedicht gar nicht gelesen, oder es interessiert sie einen Scheiß – es ist ja ein privates Gedicht von der Sehnsucht des Flüchtlings Heine nach der in Deutschland verbliebenen Mutter. Und Heine ist nicht ihr Gewährsmann, für all die Mucker, Heuchler, Frömmler, Nationalisten, Burschen, Michel und Untertanen hatte er nichts als ätzenden Spott.
Arno Holz
Aus: Die Blechschmiede
Erschienen im Insel-Verlage Leipzig 1902
Prolog:
Seit der alte Papa Wieland
seine liederlichen Musen
abenteuerlich ersuchte,
ihm den Hippogryph zu satteln,
hat schon mancher deutsche Dichter
diesen Trick ihm nachgeäfft.
In das süße blaue Wunder
unsrer Jungfrau Poesie
stippte altklug Mutter Prosa
die didaktisch lange Nase,
und die Töchter des Olympiers
degradiert nun frech zu Jockeys
jeder Schlingel, dem erbärmlich
auf der schlecht geleimten Leyer
nur ein dünnes Därmchen schnurrt.
Leider bin ich auch blos Mensch.
Dumpf in meine Wiegenlieder
brandete von fern die Ostsee,
und wir Deutschen sind entweder
Dichter, oder Philosophen.
Ich bin Dichter. Versefex.
Versefex und degradier drum
jene schlanken Marmorschönen
mit dem weltverliebten Herzen
heute selbst zum Stallknechtsdienst.
He, Euterpe, raus den Schinder!
Wiehernd bäumt er sich ins Licht.
Zieh, Urania, erst mal, bitte,
dort den Strohhalm aus dem Schwanz.
Klio und Kalliope,
putzt ihm spiegelblank die Hufe,
knüpft ihm Blumen in die Mähne,
hängt ihm Rauschgold an die Flügel,
mutig blähn sich seine Nüstern,
wohlig zuckt sein Seidenfell.
Schlottert hier nicht noch ein Riemen?
Mensch, Melpomene, du stellst dich
ja noch dümmer, als du bist!
Fester, Erato, den Sattel,
oder denkst du dir, ich wollte,
rhythmisch über Wolken stolpernd,
einen Kopfsprung inscenieren?
Kind, Thalia, willst du wohl?
Händchen weg, das Luder beißt!
Recht so, Polyhymnia,
reich ihm den krystallnen Eimer,
roten, funkelnden Falerner
zulpt der alte Schwede gern.
Hm; die Bügel federn gut.
Auch die Peitsche zieht brillant.
So. Und jetzt, Terpsichore,
heb dein Tunicachen, tanz
ihm eins rittlings vor dem Hintern,
unterm Schlage seiner Schwingen
stäuben Blüten aus den Wipfeln,
und verdutzt vom Kirchturm kräht schon
hinter uns der goldne Gockel.
Alexander Solschenizyn
( * 11. Dezember 1918 in Kislowodsk, Oblast Terek, heute vor 100 Jahren; † 3. August 2008 in Moskau)
Gespräch zweier Insassen einer Krebsstation im asiatischen Teil der Sowjetunion 1955 – kein gewöhnliches Krankenhaus, vielmehr Teil des riesigen Archipels der Gulag, der sowjetischen Straflager:
« … Wer jahrelang vor Haß geglüht hat, kann nicht eines Tages sagen: basta, heute habe ich ausgehaßt, nun werde ich nur noch lieben. Nein, er bleibt voller Haß und wird so bald wie möglich wieder jemanden zum Hassen finden. Sie kennen das Gedicht von Herwegh:
Bis unsre Hand in Asche stiebt,
Soll sie vom Schwert nicht lassen ——»
Oleg fiel ein:
«Wir haben lang genug geliebt
Und wollen endlich hassen!
Wie soll ich das nicht kennen. Das haben wir in der Schule gelernt.»
«Richtig, richtig, das haben Sie in der Schule gelernt! Aber so etwas ist doch schrecklich! In der Schule hätte man Ihnen das Gegenteil beibringen müssen: Zu des Teufels Großmutter mit eurem Haß. Wir wollen endlich lieben! — So soll der Sozialismus aussehen.»
Aus: Alexander Solschenizyn: Krebsstation. Roman in zwei Bänden. Band 2. Reinbek: Rowohlt, 1971, S. 137
Hier Herweghs Gedicht:
Das Lied vom Hasse 1841 Wohlauf, wohlauf, über Berg und Fluß Dein Morgenrot entgegen, Dem treuen Weib den letzten Kuß, Und dann zum treuen Degen! Bis unsre Hand in Asche stiebt, Soll sie vom Schwert nicht lassen; Wir haben lang genug geliebt Und wollen endlich hassen! Die Liebe kann uns helfen nicht, Die Liebe nicht erretten; Halt du, o Haß, dein Jüngst Gericht, Brich du, o Haß, die Ketten! Und wo es noch Tyrannen gibt, Die laßt uns keck erfassen; Wir haben lang genug geliebt Und wollen endlich hassen! Wer noch ein Herz besitzt, dem soll's Im Hasse nur sich rühren; Allüberall ist dürres Holz, Um unsre Glut zu schüren. Die ihr der Freiheit noch verbliebt, Singt durch die deutschen Straßen: »Ihr habet lang genug geliebt, O lernet endlich hassen!« Bekämpfet sie ohn Unterlaß, Die Tyrannei auf Erden, Und heiliger wird unser Haß Als unsre Liebe werden. Bis unsre Hand in Asche stiebt, Soll sie vom Schwert nicht lassen; Wir haben lang genug geliebt Und wollen endlich hassen!
Gertrud Kolmar
(* 10. Dezember 1894 in Berlin; † vermutlich Anfang März 1943 in Auschwitz)
Die Dichterin
Du hältst mich in den Händen ganz und gar.
Mein Herz wie eines kleinen Vogels schlägt
In deiner Faust. Der du dies liest, gib acht;
Denn sieh, du blätterst einen Menschen um.
Doch ist es dir aus Pappe nur gemacht,
Aus Druckpapier und Leim, so bleibt es stumm
Und trifft dich nicht mit seinem großen Blick,
Der aus den schwarzen Zeichen suchend schaut,
Und ist ein Ding und hat sein Dinggeschick.
Und ward verschleiert doch gleich einer Braut,
Und ward geschmückt, daß du es lieben magst,
Und bittet schüchtern, daß du deinen Sinn
Aus Gleichmut und Gewöhnung einmal jagst,
Und bebt und weiß und flüstert vor sich hin:
„Dies wird nicht sein.“ Und nickt dir lächelnd zu.
Wer sollte hoffen, wenn nicht eine Frau?
Ihr ganzes Treiben ist ein einzig: „Du…“
Mit schwarzen Blumen, mit gemalter Brau‘,
Mit Silberketten, Seiden, blaubesternt.
Sie wußte manches Schönere als Kind
Und hat das schöne andre Wort verlernt. –
Der Mann ist soviel klüger, als wir sind.
In seinen Reden unterhält er sich
Mit Tod und Frühling, Eisenwerk und Zeit;
Ich sage:“Du…“ und immer: „Du und ich.“
Und dieses Buch ist eines Mädchens Kleid,
Das reich und rot sein mag und ärmlich fahl,
Und immer unter liebem Finger nur
Zerknittern dulden will, Befleckung, Mal.
So steh ich, weisend, was mir widerfuhr;
Denn harte Lauge hat es wohl gebleicht,
Doch keine hat es gänzlich ausgespült.
So ruf ich dich. Mein Ruf ist dünn und leicht.
Du hörst, was spricht. Vernimmst du auch, was fühlt?
Aus: Gertrud Kolmar: Das lyrische Werk. Gedichte 1927-1937. Hrsg. Regina Nörtemann. Göttingen: Wallstein, 2003 (Das lyrische Werk 2), S. 89f
Bertha Arndts
(* 9. Dezember 1809 in Arnsberg,† 9. Mai 1859 in Wien-Hütteldorf)
Vittoria Colonna
(* 1492 in Castello di Marino bei Rom; † 25. Februar 1547 in Rom)
Aus: Sonette der Victoria Colonna / mit deutscher Übersetzung von Bertha Arndts. Schaffhausen : Fr. Hurter’sche Buchhandlung, 1858
S’in man prender non soglio unqua la lima Del buon giudicio, e ricercando intorno Con occhio disdegnoso, io non adorno, Nè tergo la mia rozza incolta rima; Nasce, perchè non è mia cura prima, Procacciar di ciò lode, o fuggir scorno; Nè che, dopo il mio lieto al ciel ritorno, Viva ella al mondo in più onorata stima. Ma dal foco divin, che ’l mio intelletto, (Sua mercè) infiamma, convien ch’ escan fuore, Mal mio grado, talor queste faville. E s’ alcuna di loro un gentil core Avvien che scaldi; mille volte e mille Ringraziar debbo il mio felice errore.
Hier eine moderne englische Version
Peter Handke
Der Lyriker sitzt schön im Haus
der lyrische Epiker geht über die Hügel
der epische Epiker wird auf die Schiffe verschlagen
Aus: Peter Handke: Leben ohne Poesie. Gedichte. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2007, S. 140
Der Baal Schem Tov* pflegte zu einer bestimmten Stelle im Wald zu gehen, wo er ein Feuer anzündete und betete, wann immer er vor einer besonders schweren Aufgabe stand; und sie wurde gelöst.
Sein Nachfolger im Amt folgte seinem Beispiel und ging zur selben Stelle; er sagte aber: „Das Feuer können wir nicht mehr anzünden, aber wir können immer noch beten.“ Und er wurde erhört.
Eine nächste Generation kam, und Rabbi Mosche Leib aus Sassow ging in den Wald und sagte: „Das Feuer können wir nicht mehr anzünden, das Gebet wissen wir nicht mehr; aber wir kennen noch die Stelle im Wald, und das muss ausreichen.“ Und es reichte aus.
Der Rabbi in der vierten Generation, Israel aus Rischin, blieb zu Hause und sagte: „Das Feuer können wir nicht mehr anzünden, das Gebet wissen wir nicht mehr und die Stelle im Wald auch nicht. Aber wir können die Geschichte erzählen.“
Und es reichte aus.
Nach: Exiled in the Word. Poems & Other Visions of the Jews from Tribal Times to Present. Ed. Jerome Rothenberg und Harris Lenowitz, Washington: Copper Canyon, 1989, S. 1
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