Louise Glück
(* 22. April 1943 in New York City)
Blühende Pflaume
Im Frühling verkündet die Walddrossel aus den schwarzen Ästen
des blühenden Pflaumenbaums ihre alljährliche
Botschaft vom Überleben. Woher kommt ein solches Glück,
das die Nachbarstochter in diesen Gesang hineinliest,
und einstimmt? Nachmittags sitzt sie
im Halbschatten des Pflaumenbaums, wenn der sanfte Wind
ihren unberührten Schoß mit Blüten überschwemmt, grünlich weiß
und weiß, ohne eine Spur zu hinterlassen, anders
als die Frucht, die bei stärkeren Winden
ausfransende dunkle Flecken einzeichnen wird, im Sommer.
Aus: SEHEN heißt ändern. Dreißig amerikanische Dichterinnen des 20. Jahrhunderts. Eine zweisprachige Anthologie. Herausgegeben, übertragen und mit einem Nachwort versehen von Jürgen Brôcan. Stiftung Lyrik Kabinett, München 2006, S. 103
Der bitteren – wohl mehr existenziellen als poetologischen – Bestandsaufnahme von 1962 sei heute ein etwas anderes Gedicht hinzugefügt. Mehr folgt im Lauf des Celanjahrs.
ZRTSCH
Zahniger Zorn,
ich zätsche,
zundere,
zaibe.
Es ännt
hinterm Hirn,
es gegittert.
E-e-g! E-e-g!
Ich haare, ich harsche.
Öötschst. Heringst.
Aus: Paul Celan, Die Gedichte. Kommentierte Gesamtausgabe in einem Band. Hrsg. u. kommentiert von Barbara Wiedemann. Frankfurt/Main: Suhrkamop, 2005, S. 524.
Das Gedicht entstand am 25. Januar 1968 und war ebenfalls zu Lebzeiten unveröffentlicht. Es führt vor, dass Wortbildungs- und Satzbauregeln auch unverständlichen Äußerungen Bedeutungen mitgeben. Ob schon einmal jemand versucht hat, das in eine andere Sprache zu übersetzen?
Hölderlinjahr, Beethovenjahr, Hegeljahr… und Celanjahr. 100. Geburtstag im November (!), 50. Todestag heute!* Ich konnte mich nicht für ein Gedicht entscheiden und beschloss, etwa fünf an fünf Tagen zu präsentieren. Es sollten nicht zu bekannte und trotzdem mich bewegende Gedichte sein, Gedichte verschiedener Arten womöglich. Ich beginne mit
ARS POETICA 62 Das große Geheimnis - beim Bärlapp, da stands, auf der Wiesen. Ich hätte es pflücken können, leicht, mit zwei Zehen. Aber ich hatte zu tun, ich brachte Hyperion die Sprache bei, auf die es uns Hymnikern ankam. Er lernte gerne und brav. Beim Wort Hure wuchs ihm der braune Lorbeer schnell um Taktstock und Klaue: er hatte was man zum Reimen braucht, nach Pindar und einigen Ungarn, Finnen und Pruzzen. In seinem Vers stand die Zeit, im Licht ihrer schwäbischen Stunden, schnurrbärtig, jung und gesamtstumm. Sinnig, hört ich mich sagen, sinnig meinem andern, gestern im Schwarzwald halbierten Nachbarn, dem Mann mit der Dohle (und der vernähten Zäsur!) fehlte noch dieses Schatzwort. (Sonst wär auch die zweite Hälfte gestorben und aus- leg- bar.)
Aus: Paul Celan, Die Gedichte. Kommentierte Gesamtausgabe in einem Band. Hrsg. u. kommentiert von Barbara Wiedemann. S. 473f.
Das Gedicht entstand am 2. und 3. Dezember 1962. An diesen beiden Tagen übertrug er auch ein Gedicht von Ossip Mandelstam: „Den steigenden Zeiten“. Eine frühere Fassung hatte als Untertitel „Eine Marginalie“. Natürlich spukt Hölderlin im Gedicht, der schwäbische Hymniker. Vielleicht auch Heidegger (mit der vernähten Zäsur) und manche Widersacher Celans in der unseligen Gollaffäre. Aber ich glaube, man kann sich in ihm bewegen auch ohne alles aufzudröseln. Celan hat es nicht selbst veröffentlicht.
*) Das Gedicht des Tages ist normalerweise Nacht-, Frühstmorgenarbeit. Diesmal war der Redakteur zu schlaftrunken und verdrehte die Daten. Wofür ich Celanfreunde um Entschuldigung bitte. Das Jahr ist noch lang, genug Zeit, Hölderlin-, Celan-, expressionistische oder einfach Gedichte zu lesen. Zum Beispiel jeden Morgen hier.
Else Lasker-Schüler
(* 11. Februar 1869 in Elberfeld; † 22. Januar 1945 in Jerusalem)
Am 19. April 1933 verließ die Dichterin auf der Flucht vor den Nazis ihr Heimatland.
DIE VERSCHEUCHTE
Es ist der Tag im Nebel völlig eingehüllt,
Entseelt begegnen alle Welten sich –
Kaum hingezeichnet wie auf einem Schattenbild.
Wie lange war kein Herz zu meinem mild…
Die Welt erkaltete, der Mensch verblich.
– Komm bete mit mir – denn Gott tröstet mich.
Wo weilt der Odem, der aus meinem Leben wich?
Ich streife heimatlos zusammen mit dem Wild
Durch bleiche Zeiten träumend – ja ich liebte dich.
Wo soll ich hin, wenn kalt der Nordsturm brüllt?
Die scheuen Tiere aus der Landschaft wagen sich
Und ich vor deine Tür, ein Bündel Wegerich.
Bald haben Tränen alle Himmel weggespült.
An deren Kelchen Dichter ihren Durst gestillt –
Auch du und ich.
Aus: Else Lasker-Schüler, Sämtliche Gedichte, hrsg. von Friedhelm Kemp. 3. Aufl. – München : Kösel, 1984, S. 204
Charlotte Wohlmuth
(* 1880, ab 1942 verschollen; aus Marienbad deportiert und in einem Konzentrationslager ermordet)
Wir Utopisten
Laßt uns um das Feuer scharen,
Das noch in den Herzen glimmt,
Eh’ die Lippen uns erfrieren.
Scheit um Scheite werfen wir, gesparte Worte,
In die matte Glut, daß sie entbrenne,
Züngelnd, lodernd sich erkenne.
Brände fahren ungebändigt
In die fahlen Widerspiele
Unseres Namens. – Ziele
Flammen auf vor unsern Blicken!
Unsere Hände schlagen Brücken,
Unsere Leiber sind die Pfeiler!
Eingeäschert liegen Meiler
Falscher Scham. Ihr in den Bezirken
Eingeengten Atems, sehet unser Wirken!
Alle Grenzen sind vernichtet
Wir allein nur, aufgerichtet
Ragen aus dem Fall der Zeiten
In die ersten Menschlichkeiten!
Aus: Vollmer, Hartmut (Hg.): In roten Schuhen tanzt die Sonne sich zu Tod. Lyrik expressionistischer Dichterinnen. IGEL Verlag Literatur & Wissenschaft, Hamburg 2012, S. 54. Zuerst in: Die Aktion, Jg. 8, Nr. 5/6, 9.2.1918, Sp. 55 (zus. mit einem Gedicht von
Karl Otten unter der gemeinsamen Überschrift „Wir Utopisten“ I/II)
Hier ein Porträt von Heinrich Ehmsen (1920)
Maria Benemann
(* 5. April 1887 in Herrnhut; † 11. März 1980 in Überlingen)
Herr, nun ists Zeit
Herr, nun ists Zeit. Es stehen Katastrophen,
Am Horizonte wie erstarrt in Waffen.
Herr, es ist Zeit, sie nun herbei zu raffen,
Und ein Entsetzen in das leere Gaffen,
In Deiner Völker ausgebrannten Ofen
Ein neues Grauen schwer hinein zu schaffen.
Herr, es ist Zeit, uns Späher zu vernichten,
Die wir Dich nur wie ein Phantom erdichten,
Daß wir das Unerfaßliche nicht mehr befassen.
Herr, es ist Zeit… Dich nun allein zu lassen.
Aus: Vollmer, Hartmut (Hg.): In roten Schuhen tanzt die Sonne sich zu Tod. Lyrik expressionistischer Dichterinnen. IGEL Verlag Literatur & Wissenschaft, Hamburg 2012, S. 30. Zuerst in: Die Weißen Blätter, Jg. 1, H. 7, März 1914, S. 683
Rolf Dieter Brinkmann
(* 16. April 1940 in Vechta; † 23. April 1975 in London)
Highkuh, West
Das Geld, das
Schwein, die
Schweinerei,
der Tod.
„Das Gegenteil der Mythen
ein Embryo“
(wie da
der Embryo auch
schon eingeteilt
ist, verstanden
ist, als Gegensatz
1 Satz gegen 1 Satz
wie da).
In den Wörtern leben sie
ihr Leben, was das
ist: „Lav iß äh
mäh nie splendort
sink.“
Aus: Rolf Dieter Brinkmann: Westwärts 1&2. Gedichte. Mit Fotos und Anmerkungen des Autors. Erweiterte Neuausgabe. Reinbek: Rowohlt, 2005, S. 36
(Gekürzte Erstausgabe 1975)
Erich Arendt
(* 15. April 1903 in Neuruppin; † 25. September 1984 in Wilhelmshorst)
Sterben blutenfleck
Flases Fassen bleichhaft schmerzer Stirne…
bebe Hände flarren schwirr verstorben…
strahe Blicke steinwucht weitab dumpfen
hin auf fratzer Menschenlarven Erz.
Lachrot glirre Sonnen bleisack stumpfen…
röchelt Sticken schwell in welke Hirne…
fern im Augenschliessen blahst umwoben
schmelzen Nächte milb das heisse Herz.
Mondgerisse, zucke Nächte kerben:
klaffe Wunde kriss das Sehnen rasend.
Sägezerr gehiebte Ängste blechern…
Schweres Grauen schlitzt die Munde krumm.
Donnernd steigt die Stille aus dem Sterben,
buckelt tief in Himmel glei verglasend…
Zacke Flüche löchern Himmel brechern…
Monde neigen Bahnen blutgelb, stumm.
Gleiss zerströmet gellet Schrei nach oben:
Zahllos strammte Schmerz den Pfeil gewuchtet…
Küsse gilben dünn und Wahnen lodert.
Knistern raschelt See ab stirr gebuchtet.
Schläfern fitzt Genebel knöcherfab gewoben…
Schlenker Kahn der Welt fast steht.
Sternlicht prell zertümpelt modert…
Wirre filbert — glast — verweht.
Aus: Erich Arendt, Gedichte 1925-1959. (Werke I). Berlin: Agora, 2003, S. 18
Wladimir Majakowski
(*7. jul./ 19. Juli greg. 1893 in Bagdadi, Gouvernement Kutaissi, heute Georgien; † 14. April 1930 in Moskau)
Nochmals Petersburg
Tanzmusik fetzt in den Ohren,
Nebel – grauer Schneewolf – schleicht heran
mit der Kannibalenfresse eines Mohren,
doch ihm schmecken weder Frau noch Mann.
Stunden drehen drohend ihre
Runden, fünf, dann sechs – ahoi!
Hoch im Himmel thront, es ist doch irre,
So ein mieser Typ wie Lew Tolstöj.
1914
ЕЩЕ ПЕТЕРБУРГ
В ушах обрывки теплого бала,
а с севера – снега седей –
туман, с кровожадным лицом каннибала,
жевал невкусных людей.
Часы нависали, как грубая брань,
за пятым навис шестой.
А с неба смотрела какая-то дрянь
величественно, как Лев Толстой.
Deutsch von Felix Philipp Ingold, aus: „Als Gruß zu lesen“. Russische Lyrik von 2000 bis 1800. Zürich: Dörlemann, 2012, S. 237
Google-Transkription
YESHCHE PETERBURG
V ushakh obryvki teplogo bala,
a s severa – snega sedey –
tuman, s krovozhadnym litsom kannibala,
zheval nevkusnykh lyudey.
Chasy navisali, kak grubaya bran‘,
za pyatym navis shestoy.
A s neba smotrela kakaya-to dryan‘
velichestvenno, kak Lev Tolstoy.
Annähernd wörtliche Übersetzung (nur zur groben Orientierung):
Nochmals Petersburg
In den Ohren Fetzen heißer Tanzmusik,
und von Norden her – grau vom Schnee –
Nebel, mit blutdürstigem Kannibalengesicht
kaute schlecht schmeckende Menschen.
Die Stunden hängen (schweben drohend), wie ein grobes Gezänk,
über der fünften hängt die sechste,.
Und vom Himmel schaut irgend so ein Lump
Erhaben [herab], wie Leo Tolstoi.
Hans Adler
(* 13. April 1880 in Wien; † 11. November 1957 ebenda)
AUTOBIOGRAPHISCHE NOTIZ
Weiß Gott, wieso: die andern kriegen Geld!
Reklame flammt für sie von den Fassaden,
Der schönsten Frauen süße Seidenwaden
Sind sprungbereit, sobald ihr Auto bellt.
Ihr Ruhm steigt hoch in künstlichen Kaskaden
Und ihre Siegestafel ist bestellt
Mit allen teuren Drogen dieser Welt.
Wer keinen Frack hat, wird nicht eingeladen.
Die Zeit vergeht, die Ambitionen welken,
Verleger sparen gerne an Prozenten…
Aus meinen Liedern blühn mir keine Renten,
Fortuna läßt sich nicht von jedem melken.
Ich huste unter ausgelöschten Sternen
Und ohne Aufsehn möcht ich mich entfernen.
Aus: Hans Adler (1880-1957): AFFENTHEATER. Gedichte. Eine Auswahl. Mit einem Nachwort hrsg. von Heidemarie Müller und Martina Maria Quoika (Vergessene Autoren der Moderne XXXIV), hrsg. von Franz-Josef Weber und Karl Riha. Universität-Gesamthochschule Siegen, Siegen 1988, S. 4

Franz Hodjak
Osterspaziergang
der holunderduft am dorfrand als memento
und in den bergruinen hausen illegal
verfickte kater.
die tage ähneln immer mehr gepackten koffern.
der kettenhund streckt unruhig die ohren in den wind.
die brunnen, die einst anders rauschten, sind ausgedorrt.
man rückt auf den Stühlen hin und her.
wie feine bazillen verbreitet
unausgesprochenes nachdenklichkeit.
gott ist das, was von gott geblieben ist.
die botschaften, die von allgemeinem interesse sind,
stehn auf ansichtskarten
und in briefen.
Aus: Das Land am Nebentisch. Texte und Zeichen aus Siebenbürgen, dem Banat und den Orten versuchter Ankunft. Hrsg. Ernest Wichner. Leipzig: Reclam, 1993, S. 162
Wieland Herzfelde
(* 11. April 1896 in Weggis, Schweiz; † 23. November 1988 in Berlin)
Elegie der Jugend
Wir wachsen auf wie die Schatten im Walde
So zag betastend und körperlos.
Wir kleben an modernder Erde Schoß
Und streben nach lodernder Halde.
Mit Faserhänden saugen wir Licht,
Umklammern es in Verzückung. Doch
In uns lasten Wirrnis und Dunkel noch
Wie Schlamm. Die Sonne kennt uns nicht.
Kreaturen unsrer Erzeuger, erbeben
Vor ihnen wir. Und verfluchen sie.
Ihre Starrheit stiehlt uns das Leben.
In gleichen Gründen verankert wie sie.
Sind andern Göttern wir ergeben
Und lauschen andrer Melodie.
(Wiesbaden, 1913)
Aus: Wieland Herzfelde: Blau und Rot. Gedichte. Leipzig: Insel, 1971, S. 8
Aus dem Nachwort von Stephan Hermlin:
Wieland Herzfelde steht seit mehr als fünfzig Jahren in der Avantgarde der deutschen Kunst. Der Name des Zwanzigjährigen war verbunden mit dem Namen von Else Lasker-Schüler, die sich selbst den Prinzen von Theben und Herzfelde den Roland von Berlin nannte, und denen von Theodor Däubler, Johannes R. Becher, Albert Ehrenstein, George Grosz. Vor der Nase der kaiserlichen Zensoren machte der junge Frontsoldat 1916-1917 seine Zeitschrift »Neue Jugend«, später, in den revolutionären Jahren 1919 und 1920, eine andere mit dem Titel »Jedermann sein eigner Fussball«, von der nur eine Nummer erschien, danach »Die Pleite« und die Zeitschrift »Der Gegner«.
Albert Ehrenstein
(* 23. Dezember 1886 in Ottakring, Österreich-Ungarn; † 8. April 1950 in New York)
Ruhm
Sie besudeln das Firmament,
sie werden statt ihrer Journale
die Sterne bedrucken.
Mich widert der faulige Atem
williger Besprecheriche.
Bittrer Arbeit Abendstirn
spült doch ruckweise der Tod hinab!
Ich bin ja nur ein armes Gurgelwasser
im Rachen der Zeit.
Aus: Albert Ehrenstein: Werke. Band 4/1. Gedichte I. Klaus Boer Verlag, 1997, S. 54
Ein Entwurf hat die Überschrift: „Journalisten oder der Ruhm“. Erstdruck im Gedichtband „Die weiße Zeit“. München: Georg Müller, 1914. – In einem Notizbuch aus Berlin, Mai 1913, stehen die Zeilen 2 und 3 des Gedichts und der Eintrag: „Ein Buch schreiben, um davon zu leben, sich den Magen zufüllen, wieder Besprechungen zu lesen, das Ausbleiben anderer erbittert zu verfolgen, den Aufstieg jüngerer neidisch zu verfolgen, wie elend u. ekelhaft.“ (Werke Band 4/II, S. 143).
Ernst Balcke
(* 9. April 1887 in Berlin; † 16. Januar 1912, zusammen mit seinem Freund Georg Heym beim Eislaufen im Wannsee ertrunken)
Land der Toten
Dies ist das Land, das keine Tränen kennt,
doch auch kein Lachen; Sonne nicht, nicht Wetter,
kein Tier, das flüchtig durch die Landschaft rennt,
nicht Winter, Lenz und Sommer. Nur der Blätter
Lautloses Sinken herrscht in diesem Reich;
ein lehmiger Himmel hängt ob dieser Stille
und färbt die toten Schläfer gelb und bleich.
So liegen sie, bis von der Blätter Fülle,
Der toten, sie verschüttet sind, so daß
der schmutzige Geier, der am Himmel zieht,
die Flügel zornig schlägt, und weit das Naß
des gelben Nebels aus den Federn sprüht.
Aus: Ernst Balcke, Versensporn 20. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2015, S. 26

Max Herrmann-Neiße
(* 23. Mai 1886 in Neiße, Schlesien; † 8. April 1941 in London)
Prolog [zu dem Buch „Ein kleines Leben“, 1906]
»Zwecklos ist mein Lied. Ja, zwecklos Wie die Liebe, wie das Leben.... « (Heine, »Atta Troll«.) »An jedem Tage wandern wohl Millionen Von Versebüchlein in die weite Welt. Wollt Ihr denn niemals uns're Ruhe schonen? Es kostet Euch ja doch bloß Euer Geld! Und niemand wird Euch das Geschreibsel lohnen! Wir sind ja übersatt von »Etsch zum Belt!!!« »Denn jede Stunde bringt uns neue Ware: Die Redakteure raufen sich die Haare.« » Wozu kommst Du da noch mit Deinen Liedern? So ruft empört das ganze Publikum. - Was soll ich, armer Tor, Euch drauf erwidern? Ihr habt ja recht! - Mir ist schon selbst so dumm Von vielen Versen, und die Reime widern Mich selber an, das ewige »Bim - Bum. « Jedoch - wie schreit ein jeder Lyrikus? … Die Muse ruft in mir!! Ich muß!!! Ich muß!!! Na, fürchtet nichts! Und werdet nicht gleich bleich! Du Kritiker, fall mir nicht gleich vom Stuhle!! Ich singe nicht so » wonne - wiegsam - weich«, Ich spinne nicht die ewigalte Spule, Und meine Verse sind nicht formenreich, Ich schwärme nicht von einer treuen Buhle. Doch möcht ich immerhin Euch eines raten: Lest sie nicht vor dem Frühstück oder Braten!! Nach dieser Warnung kann ich ruhig schlafen: Ich fühle mein Gewissen nun befreit, Ich seh' geborgen mich im Unschuldshafen. - Und, kriegt nun wirklich einer Katzenleid, So darf er mich deshalb nicht streng bestrafen: Ich hab' es ihm ja vorher prophezeit. - Und außerdem - manchmal bring ich auch Prosa, Wie's grade kommt: chinesisch-schwarz und rosa. »O je, o je! Das klingt nach Lilienkron!! So ruft der Kritiker, entsetzt, erschreckt. - O je, o je! Ein neuer Epigon!!! So viele haben »Wir« bereits entdeckt, Und ihre Zahl ist wohl schon Legion; Viel Lilienkrönchen hat der Herr erweckt!« Na wegen mir! Den Rock hab ich geborgt, Der Kerl darin bin Ich!!! Seid unbesorgt! Und zwar ein armes, krankes Menschenkind, Das alles, was sein Herz erfüllt, bedrückt, Das, was ihm Freude, Leid und Schmerzen sind, Was ihn betrübt und was ihn hochbeglückt, Vom Herzen also sich zu schaffen sinnt, In einer Form, wie Gott sie ihm grad schickt! Ich mache meinem Fühlen Luft, so wißt! Wie mir der Schnabel halt gewachsen ist!!!
Aus: Max Herrmann-Neiße: Im Stern des Schmerzes. Gedichte 1. Frankfurt/Main: Zweitausendeins, 1986, S. 7f
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