Alfred Lichtenstein
(* 23. August 1889 in Wilmersdorf; † 25. September 1914 bei Vermandovillers, Département Somme, Frankreich)
Die Zeichen
Die Stunde rückt vor.
Der Maulwurf zieht um.
Der Mond tritt wütend hervor.
Das Meer stürzt um.
Das Kind wird Greis.
Die Tiere beten und flehen.
Den Bäumen ist der Boden unter den Füßen zu heiß.
Der Verstand bleibt stehen.
Die Straße stirbt ab.
Die stinkende Sonne sticht.
Die Luft wird knapp.
Das Herz zerbricht.
Der Hund hält erschrocken den Mund.
Der Himmel liegt auf der falschen Seite.
Den Sternen wird das Treiben zu bunt.
Die Droschken suchen das Weite.
Aus: Alfred Lichtenstein: Dichtungen. Hrsg. Klaus Kanzog u. Hartmut Vollmer. Zürich: Arche, 1989, S. 85
Ernst Jandl
dieses gedicht
es ist noch nicht gut
und du mußt daran noch arbeiten
aber es stürzt nicht die welt ein
wenn du es dabei beläßt
es stürzt nicht einmal das haus ein
Aus: Ernst Jandl, idyllen. gedichte. Hamburg, Zürich: Luchterhand 1992, S. 22
Ernst Jandl
(* 1. August 1925 in Wien; † 9. Juni 2000 ebenda)
august stramm
er august stramm
sehr verkürzt hat
das deutsche gedicht
ihn august stramm
verkürzt hat
der erste weltkrieg
wir haben da
etwas länger gehabt
um geschwätzig zu sein
Aus: Ernst Jandl, idyllen. gedichte. Hamburg-Zürich: Luchterhand, 1992, S. 9
Luis Cernuda
(* 21. September 1902 in Sevilla; † 5. November 1963 in Mexiko-City)
Er sprach kein Wort
Sprach kein Wort,
Näherte nur einen fragenden Leib,
Denn er wußte nicht, daß Begehren eine Frage ist,
Auf die es keine Antwort gibt,
Ein Blatt, dessen Zweig es nicht gibt,
Eine Welt, deren Himmel es nicht gibt.
Die Angst bahnt sich zwischen den Knochen einen Weg,
Steigt durch die Adern auf,
Bis auf der Haut sie sich öffnet,
Fontänen aus Traum,
Fleischgewordene, den Wolken zugewandte Frage.
Ein leichtes Streifen beim Vorbeigehn,
Ein flüchtiger Blick inmitten der Schatten
Genügen, und es halbiert sich der Leib,
Begierig, in sich einen anderen Leib
Aufzunehmen, der da träumt,
Hälfte und Hälfte, Traum und Traum, Fleisch und Fleisch,
Gleich an Gestalt, gleich an Liebe, gleich an Ersehnen.
Obwohl es auch nur eine Hoffnung ist,
Denn das Begehren ist eine Frage, auf die keiner eine Antwort weiß.
Deutsch von Erich Arendt
Aus: Luis Cernuda: Das Wirkliche und das Verlangen. Gedichte spanisch/deutsch. Leipzig: Reclam, 1978, S. 59
No decía palabras
No decía palabras,
Acercaba tan sólo un cuerpo interrogante,
Porque ignoraba que el deseo es una pregunta
Cuya respuesta no existe,
Una hoja cuya rama no existe,
Un mundo cuyo cielo no existe.
La angustia se abre paso entre los huesos,
Remonta por las venas
Hasta abrirse en la piel,
Surtidores de sueño
Hechos carne en interrogación vuelta a las nubes.
Un roce al paso.
Una mirada fugaz entre las sombras,
Bastan para que el cuerpo se abra en dos,
Ávido de recibir en sí mismo
Otro cuerpo que sueñe;
Mitad y mitad, sueño y sueño, carne y carne
Iguales en figura, iguales en amor, iguales en deseo.
Aunque sólo sea una esperanza.
Porque el deseo es una pregunta cuya respuesta nadie sabe.
Ebd. S. 58
Kurt Heynicke
(* 20. September 1891 in Liegnitz; † 18. März 1985 in Merzhausen)
August Stramm
Du bist von den Bergen
aus den Steinen
und dem Feuer.
Blinde
werfen Dämme
sonnengegen.
Bald
wühlt die Glut
auf flache Schollen.
Dann brennen Menschen:
Du!
Aus: Kurt Heynicke: Rings fallen Sterne. Gedichte. Berlin: Der Sturm, 1917, S. 32
Gottfried Benn
(* 2. Mai 1886 in Mansfeld, Brandenburg; † 7. Juli 1956 in Berlin)
Tag, der den Sommer endet,
Herz, dem das Zeichen fiel:
die Flammen sind versendet,
die Fluten und das Spiel.
Die Bilder werden blasser,
entrücken sich der Zeit,
wohl spiegelt sie noch ein Wasser,
doch auch dies Wasser ist weit.
Du hast eine Schlacht erfahren,
trägst noch ihr Stürmen, ihr Fliehn,
indessen die Schwärme, die Scharen,
die Heere weiterziehn.
Rosen- und Waffenspanner,
Pfeile und Flammen weit –;
die Zeichen sinken, die Banner –;
Unwiderbringlichkeit.
Aus: Gedichte in der Fassung der Erstdrucke. Frankfurt/Main: S. Fischer, 1982, S. 263. Entstanden 6.8.1935. Erstdruck 1936
Manchmal ist eine Übersetzung treuer, weil freier. Oder nur frei möglich? Wie hier bei Eduard Mörike:
Jesu benigne!
A cujus igne
Opto flagrare
Et te amare:
Cur non flagravi?
Cur non amavi
Te, Jesu Christe?
– O frigus triste!*
*) Diese Zeilen finden sich wirklich in einem uralten, wohl längst vergriffenen Andachtsbuch. Sie sind unnachahmlich schön; indessen fügen wir, um einiger Leser willen, diese Übersetzung bei:
Dein Liebesfeuer,
Ach Herr! wie theuer
Wollt‘ ich es hegen,
Wollt‘ ich es pflegen!
Hab’s nicht geheget,
Und nicht gepfleget,
Bin tot im Herzen,
– O Höllenschmerzen!
Aus: Eduard Mörike: Maler Nolten
George Bacovia
(* 5.jul./ 17. September 1881 greg. in Bacău; † 22. Mai 1957 in Bukarest)
Sonett
Die Nacht so schwer und feucht, man könnt ertrinken.
Im Nebel – müde, rot, kaum noch ein Blinken.
Trübselig, blakend die Laternen glimmen.
Als ob man sich in ekler Kneipe finde.
In tiefres Schwarz die Vorstadt scheint zu sinken …
Auf Dächer trist sich Regengüsse schwingen –
Und bittren, trocknen Husten hört man klingen
Durch Wände, knarrend einsturzreif im Winde.
Wie Edgar Poe ich nun nach Hause wanke,
Oder wie Paul Verlaine, vom Suff bezwungen.
An nichts verliert sich heut noch mein Gedanke.
Drolligen Schritts bin ich dann eingedrungen
Ins finstre Haus, wenn auch ein wenig schwankend,
Und stürz, stürz wieder, red wirr mit dem Munde.
Deutsch von Roland Erb, aus: George Bacovia, Pfahlbauten. Gedichte. Leipzig: Reclam, 1985, S. 14
Aus dem Band: Plumb (Blei), 1916
SONET
E-o noapte uda, grea, te-neci afara,
Prin ceaţa- obosite, roşii, fara zare-
Ard, afumate, triste felinare,
Ca intr-o craşma umeda, murdara.
Prin mahalali mai neagra noaptea pare…
Şivoaie-n case triste inundara-
Ş-auzi tuşind o tuse-n sec, amara-
Prin ziduri vechi ce stau in daramare.
Ca Edgar Poe, ma reintorc spre casa,
Ori ca Verlaine, topit de bautura-
Şi-n noaptea asta de nimic nu-mi pasa.
Apoi, cu paşi de-o nostima masura,
Prin intunerec bajbaiesc prin casa,
Şi cad, recad, şi nu mai tac din gura.
Alwine Wuthenow
(* 16.9.1820 Neuenkirchen bei Greifswald, † 8.1.1908 Greifswald)
Heute ein Gedicht in niederdeutscher (plattdeutscher) Sprache. Die Autorin Alwine Wuthenow nannte sich, vielleicht um die Familie (Ehemann Bürgermeister in Gützkow und Kreisgerichtsrat in Greifswald, Vater Superintendent in Gützkow) nicht zu kompromittieren, als Autorin Annmariek Schulten (Genitiv von Schult oder Schulte). Fritz Reuter hat sie geschätzt und gefördert. Ihr Biograf Gassen schrieb: „Von ihrem 19. Lebensjahr an war sie leidend (schwermütig), wenn auch zeitweise scheinbar geheilt.“
L&Poe heute platt(deutsch), regional, kindlich und fromm. Rohübersetzung unten.
An de Untofreden.
Ji klagt un slagt de Hänn tosam,
Dat Alls juch kümmt vördwas;
Dat nix as Unglück üm juch rum
Un nix juch mihr to Paß!
Hier ist’t nich nog un dor to veel,
To kort hier, dor to lang,
Hier is’t to dick un dor to dünn
Un nix is juch to Dank.
Sünst is dat All vel beter west,
So meint juch kloke Sinn –
Jo, wohrlich, ‚lett, as op leiw Gott
Gor nich mihr husholln künn!
Un wenn ji ‚t doch man weten wullt,
Hei ’s ümmer noch de Oll,
Is ümmer as he ständig dahn,
Bedacht noch up juch Wol.
Is, wat he ümmer wesen deed,
Rath, Helfer, Trost un Fründ
Un is noch Vader jede Stund,
Doch bünt ji uk sin Kind?
He hett sik hollen stets to juch,
Doch hollt ji ok to em?
Ach hürt, ik glöw, dat is dat Flach,
Wo Brun keem in de Klemm.
Hei is noch immer vuller Gnad,
Vull söte Leiw un Huld,
Un wenn kein Stülp nich passen will,
Glöwt mi, de Pott hett Schuld!
Das bedeutet ungefähr (die anderthalb Zeilen, die ich nicht verstanden habe, bleiben im originalen Wortlaut – vielleicht liest jemand mit, der es mir erklärt?):
An die Unzufriedenen.
Ihr klagt und schlagt die Händ‘ zusamm‘,
Dass Alls euch kommt verquer;
Dass nix als Unglück um euch rum
Und nix euch mehr zu Paß!
Hier ist’s nicht genug und da zu viel,
zu kurz hier, da zu lang,
Hier ist’s zu dick und da zu dünn
Und nix ist euch zu Dank.
Sonst ist das Alls viel besser gewest,
So meint eu’r kluger Sinn –
Ja, wahrlich, s’ist, als ob der lieb‘ Gott
Gar nicht mehr haushalten könnt!
Und wenn ihr’s doch mal wissen wollt,
er ’s immer noch der Oll,
Ist immer wie er stets getan,
Bedacht auf Euer Wohl.
Ist, was er immer gewesen ist,
Rat, Helfer, Trost und Freund
Und ist noch Vater jede Stund,
Doch seid ihr auch sein Kind?
Er hat gehalten stets zu euch,
Doch halt’t ihr auch zu ihm?
Ach hört, ich glaub, dat is dat Flach,
Wo Brun keem in de Klemm.
Er ist noch immer voller Gnad,
Voll süßer Lieb und Huld,
Und wenn kein Deckel passen will,
Glaubt mir, der Topf hat Schuld!
Quelle des Originaltexts: Nige Blomen ut Annmariek Schulten ehren Goren [Neue Blumen aus Annmariek Schulten ihrem Garten] von A. W. Greifswald und Leipzig: Koch / Kunike, 1861, S. 63f

Baldur Óskarsson
(* 28. März 1932 in Hafnarfjörður, † 14. April 2013)
An einen alten Freund
Beim ersten Kennenlernen ist ein Gedichtband
eine Stadt gesehen vom Meer
Du segelst die Küste entlang
Straßen öffnen sich und Sunde
und wahrscheinlich ist es schon Zeit
einen Hafen aufzusuchen
Du betrittst die Anlegebrücke
Gesichter begegnen dir
- Gesichter Gesichter Gesichter -
Du begegnest dem Blick
Lichter flammen auf
Wahrscheinlich empfängt dich die Stadt mit offenen Armen
Aus dem Isländischen von Franz Gíslason und Wolfgang Schiffer.
Aus: Wolfgang Schiffer (Hrsg.): Am Meer und anderswo. Isländische Autoren in deutscher Übersetzung. Lyrik und Kurzprosa. Silver Horse Edition, 2015, S. 68
Àxel Sanjosé
Man liest, wohin man liest, nur noch ein Wort: Corona.
Nicht Lorbeer-, Dornen-, Gold- noch Lilien- können weilen –
die Kron’ der Schöpfung muss den Rang mit Viren teilen,
der Dichter dichtet aus und schont die Ärmelschoner.
Nicht Mailand, nicht Madrid und auch nicht Barcelona
gewähren Zuflucht noch. Wohin sollen wir eilen?
Wir arbeiten remote und hörn zwischen den Zeilen
das Ticken unsrer Uhr. Schlägt uns die hora nona?
Beständiger als Erz wähnten wir Geisteswerke,
doch jetzt erhält Horaz einen ganz neuen Wert:
das Zellstoffpotential der Bände wird zur Stärke,
Ovid himself tät solch Metamorphose loben.
Was bleibt, das stiften nun die Ticker unversehrt,
man liest: »Jüngstes Gericht auf unbestimmt verschoben«.
(März 2020)
Werner Dürrson
(* 12. September 1932 in Schwenningen am Neckar; † 17. April 2008 in Neufra)
Der
ist nicht
in Sätze zu zwingen
der steht
nicht zum Wort
wir lassen ihm
Raum frei zwischen
den Zeilen
hoffen
er falle
durch sie hindurch
Aus: Werner Dürrson: Ausleben. Gedichte. Moos & Baden Baden: Elster, 1988, S. 45
Thomas Kling / Natalie Schellander
gedicht für übersetzerstudentn
poemistraforestundenslateronsowellaniewollane
wemailedsdry!(fig.a):«newheresemesecreepeloneye»
,«’nslater!»«honeyecome»(figa.b.),«b.b.goforworko
olybee….keep’emoneybeekeeper’speek’ree»(’nee:ras
chaschasch….brachalanlano….;)dem’n‘ofinga:WHER
EtHEBEELEGSWEREDEMENtLt)armsbirndaloxee’ns’layt
orbeetraytor«tür’k’n’n’t’raubn!»omen=omengelleds
pretend’tweredersernerderserner(sig.)
gedicht für übersetzerstudentn
übertragun‘!, wi komnu zus über
übn-tragn! (fig. 1): »voll an di
waffel gekriecht«, »übersetzn si«
»durchkrochne wabn« (fig. 2), »a-
beizbienchen losgejagt, jäger- und
dreiimkerübertragun’« (nie übers
hetzn, indi kohle hant gesprochnes
sprachelchen..; es folgt, unfiguriert:
DER DENKGESEZZE ÄDERUN‘) bewaffnetn
aux betrachtet heißt »dat rübn setz«,
geändert, simultan gezeichnet: doktor serner.
(für Andreas F. Kelletat)
Aus: Zwischen den Zeilen. Eine Zeitschrift für Gedichte und ihre Poetik. Hrsg. Urs Engeler. Nr. 23, Oktober 2004: Mouvante Limite / Gehende Grenzen. Hrsg. Theresia Prammer, S. 202f
Thomas Kling (* 5. Juni 1957 in Bingen am Rhein; † 1. April 2005 in Dormagen)
Natalie Schellander (* 1978 in Wien)
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