L&Poe-Journal #02 – Tabu
Tabu ist die persönlichste Ecke im Journal. Es gibt Traumtabu, Lesetabu, Foto-, Sprach-, Sterntabu usw., heute also Wendetabu. Aus dem Tagebuch, Juli 1990
30.6.90 Eldena Jazz Evening in der Klosterruine, letztes Konzert für Ostmark vor der Währungsumstellung, die um Mitternacht beginnt. Die Musiker, auch ausm Westen, werden in Ostmark ausgezahlt. Es heißt, sie wollen es anschließend im Utkiek versaufen.
5.7.90 DDR-Bürger kaufen Rotwein, Rosentaler Kadarka, der oft nur in Bonzenläden zu haben war, kaufen sie jetzt weil so billig (und der am Sonntag der DM-Einführung angekarrt wurde), offenbar in großen Mengen auf. Verkäuferin im neuen Früh- und Spät (ehem. Intershop): Kommt nächste Woche wieder rein. (Dasselbe mit Joghurt).
Warum warten sie auf die nächste Wochenzuteilung, statt sofort Nachlieferung zu verlangen (oder den Lieferanten zu wechseln)? Warum kann der Rostocker Hafen (bzw. Großhandel) anscheinend immer noch nicht billige Bananen liefern, so daß wir an den täglich aus Hamburg belieferten Westständen (wie seit 3 Monaten) anstehen?
6.7.90 Berlin. Im Zug G. von der ASF [Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen]. Sie war die Lehrerin, die auf einem Mensaforum sehr emotional über ihre Entlassung sprach. „Mein Brief an die Fraktion hat gestern auf dem Kreisparteitag „eingeschlagen“. Man spricht von Anmaßung: schließlich sei man nur seinem Gewissen verantwortlich. Ziemlich trübe. Drei oder vier Leute, die in der Hektik der Wahlkämpfe Verantwortung hatten, halten sich für die Elite und von Basis nicht viel. Wahl der Landtagskandidaten auf nächsten Mittwoch vertagt.“ G. redet viel, aber nicht unsympathisch. Kaputt, Opfer des Systems. Den 90jährigen Vater am 10. November besucht. Ehrenmitglied der SPD seit 1979. Kennt W.Roth, hat Wehner noch kennengelernt, spricht von (u. mit) „Jochen“ (Vogel) usw.
In der Zug-Mitropa für 1 Tasse Kaffee + Sandwich m. Ketchup: 6,50 DM.
Auf S-Bhf Friedrichstr. auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig Zug nach Charlottenburg – einfach einsteigen.
Vormittag in der Preuß. Staatsbibliothek. – Fulminantes Spätstück. Tageskarte der BVG verloren. Zu Fuß zum Kudamm. Bei Vobis Portfolio gekauft. Kudamm der Länge lang. Obst beim Koreaner (alles mind. 1 DM billiger als in Greifswald). Döner-Kebab. Zurück mit Bus über Kudamm, Kantstr. U—Bahn 6 Richtung Tegel bis Friedrichstr.! Im Schaufenster der Sowjet. Buchhandlung Solshenizyn, Heym, Gumiljow (2,50 DM). Beim Warten auf den Stadtbus 2 Zigeunerinnen, denen ich 2 (von ca. 4 verbliebenen) DM gebe + 2 Nektarinen. Zu Hause merke ich dann, daß 2 Tafeln Schokolade fehlen – vermute, daß sie mir die ältere aus dem Beutel geklaut hat.
7.7. Samstag vorm. einkaufen: in der HO-Kaufhalle kein Stück Brot mehr, dafür wie seit Umstellung noch immer auf Korb warten. Auf dem Markt vor bzw. um beide (West-)Gemüsestände Riesenschlangen, ebf. wie immer. Als ich es kurz vor 12 noch einmal versuche, Bananen alle. Anstehen + Wucherpreise, wie gehabt fast. Geduldig wir, selbstredend.
In den Zeitungen über das Preisgebahren der Großhandelsbosse: In Rostock droht ein Ratsvertreter, kurzfristig eine Großkaufhalle für Billigprodukte bauen zu lassen, wenn sich das nicht schlagartig ändere. Kaufhallen verdienen bis zu 8 DM pro kg Fleisch. – Vom Schlußausverkauf: Der Großbuchhandel kippte Bücher für 80 Millionen in Tagebauhalde. Westdeutsche Antiquariate bedienen sich. – KKW-Verkaufsstelle [Kernkraftwerk, wurde in der DDR bevorzugt beliefert] wirft Kartons mit DDR-Schokolade, TÜTENSUPPEN USW. in den Müll, wo sich die Bürger bedienen – bevor die Ratten kommen. Staatsanwalt dazu: Wenn es kein sozialistisches Eigentum mehr gibt, gibt es auch keine Veruntreuung. Die Zeitungen sollten täglich Preislisten aus W.-Bln. oder Kiel drucken, daß man vergleichen kann. In Dörfern Bürgerinitiativen, die sich absprechen, Lebensmittel billiger in der Stadt einzukaufen, bis „ihr“ Konsum nachzieht.
So, 8.7.90 In der Domstr. Höhe Sprach-Lit/[ehem.] Stasi Polizei + schwarze Autos mit Berliner Nummer m. zeitungslesenden Männern: Gestern abend spielte der Ministerpräsident [Lothar de Maiziere] im Dom auf der Bratsche. Dem Dom gegenüber, am Verwaltungshaus des Museums, Transparente: „Erst die Schalmei, jetzt die Bratsche. Damals Ausbürgerung. Jetzt materielles Aus für Künstler/ Kulturschaffende“. (Aber der Protestierer Münch hat seinerzeit für die Ausbürgerung gesprochen).
Mit Rike beim Spaziergang Wörterraten. Wörter mit U? „Ungezogen, unkreativ…“
Mo 9.7.90 E. fliegt nach Bonn zur „Gesamtdt. Frauenkonferenz“.
Vor 9 Schlangen vor den Technik-Läden. Dirigierte Marktwirtschaft – Uni-Buchhdlg. mit demselben Schaufenster wie vor 1 Wo., nur fehlen die gefragtesten Titel (z.B. Anais Nin).
Mittag aufm Markt: das übliche Gedrängel, Schlangen um Bananen… Bauern verkaufen Kartoffeln vom LKW, 5 kg 5 DM. (Am nä. Tag andere: 2,5 Kg. für 2 DM).
Lange Schlangen vor den Sparkassen (erster Auszahltag [der D-Mark]). Post zahlt nicht aus: kein Geld da.
Verkäuferin im ehemaligen „Freßex“ [teurer „Exquisit“- oder „Delikat“-Laden] auf die Frage, ob sie noch Nordhäuser [Doppelkorn, in der DDR beliebte Schnapssorte] bekämen: Weiß sie nicht, ob die das noch herstellen. (Am 13. in Rostock ebf. im ehem. Delikat fast die gleiche Antwort).
In der taz Gespräch mit einem „hauptamtl. inoffz. Mitarbeiter“. „Abschöpfung“ ausländischer Professoren, kostenloser DDR-Urlaub, Reisekader, Regionalwissenschaften…
FS: Fellini, Orchesterprobe (Tele 5)
KWV weist daraufhin, daß beim Abpumpen von bundesdt. Waschautomaten und Geschirrspülmaschinen Kaltwasser beizumengen ist, da die PVC-Leitungen nur für 60 Grad ausgelegt sind. Hitzefeste Leitungen können erst Ende des Jahres eingebaut werden.
Di, 10.7.90 „Die Deduktionen bundesdt. Logik sind keinesfalls historisch wetterfest. Kann man denn aus den Fehlern anderer wirklich nur lernen, daß man es selbst am besten macht?“ (Stefan Schwarz in der taz von heute, zur Debatte Kil-Jonas-Reich).
Nachts 11 gebrüllter Dialog Unihof-Gefängnisfenster [an das Unigelände grenzte das Stasigebäude mit U-Haft|: „Jaanaa, ich liebe diiich!“ – „Ich liebe dich ganz ganz ganz ganz ganz ganz doll!“. Wenig später (sie ist mit Dritten zusammen bereits um die Ecke vorm Audimax): „Uuwee, Jaanaa liebt dich seeeehr!“ (Er antwortet, mir schon unverstandlich, sie darauf: Ich Dich noch viiel viiel meeehr!“ etc.
Mi 11.7.90 Nach Rostock, wegen Lesung Papenfuß.
Die Städte (Stralsund, Rostock) auch schon ohne große Um-Bauten freundlicher durch Reklame, weggeputzte Dreckecken u. viele (kauflustige) Menschen.
Auflauf auf dem Boulevard: aber nicht der Buchbasar, sondern Pril. – Das Antiquariat unterscheidet zwischen DDR-Büchern u. Belletristik. Alles überteuert.
Inschrift unterwegs, nach Stralsund: „Alle Hoffnung ist zerstört, wenn deine Stimme der SED gehört“. Etwas weiter: „Wähle nicht die SED, das tut jedem Deutschen weh.“ In Rostock am Studentenwohnheim: Make love, not money. Im Fahrstuhl: Rot Front. (Hätt er nur früher!). Auf einem Bretterzaun in der Stadt: Haut die Glatzen, bis sie platzen. – Anarchie ist Freiheit. – Deutschland peinlich Vaterland!
Bl. erzählt mir, daß er selbst beinahe eine Stasi-Karriere gehabt hätte. „Dann säß ich heute auf der anderen Seite der Barrikade.“
Papenfuß-Lesung fällt aus – dringende Auslandsverpflichtungen. DFF [Deutscher Fernsehfunk, neuer alter Name des DDR-Fernsehens]: Der Frühling braucht Zeit. Film v. Günter Stahnke (1965) einer der 11.-Plenum-Filme. [Auf dem 11. Plenum des Zentralkomitees der SED wurde fast die gesamte Jahresproduktion der DDR-Filmgesellschaft verboten] Genre historischer Film. „Neue Techniken u. alter Leitungsstil vertragen sich nicht.“ Heroische Anstrengungen der gesunden Kräfte der Partei pp.
Do, 12.7. Entschlossen, Computer doch zu kaufen. Erst zur Bank, wo 100 Leute davorstehen. Seiteneingang zwecks Kredit. Erst habe ich SV-Ausweis nicht dabei, dann: so niedrige Kredite vergeben wir nicht mehr. Dafür Überziehungskredit von 2000 DM, was mir Umgehung der Schlange ermöglicht. Dann zum Gryps-Compu-Laden. Zusammenstellung dauert. Wegen 1tägigem Zögern die Gelegenheit (24-Nadel-Drucker für 550 DM) weg – er will aber noch mal versuchen, leiht mir solange 9-Nadler.
Dann mit R. einkaufen für WB-Party zu U.s Ehren. Schwierig in unserer komischen Markwirtschaft. Kaufhalle sowie 3 weitere Läden haben überhaupt keinen Wein außer Wermut u. Likörwein. Schließlich finden wir einen Getränkeladen, der tatsächlich 2 Sorten Roten u. 3 Weißen hat. Nicht gerade was man will u. nicht gerade was Billliges, aber wenigstens was. Dann Grillkohle: hatte den Auftrag leichtfertig übernommen, weil ich am Währungsunions-Sonntag im Schaufenster welche gesehen hatte u. mir irgendwie vorgestellt, das ginge von nun an. War aber weg („kommen Sie nächste Woche wieder“). Dann aber im BHG-Laden doch noch Erfolg. (Stelle fest, daß ich sehr ungeduldig gegen diese schlampige Marktwirtschaft bin.)
Dann die Fete bei Li., die einen Bauernhof bei Dersekow hat. Im Garten unterm Kirschbaum, Kaffee und Kuchen, Wein und dann Gegrilltes. H. zornig über die alten Machhaber, die alle straffrei ausgehen. W. und A. über den Greifswalder Sexshop „Wenn man nicht reingehen will, kann man ja auch nach Katalog bestellen (man will ja nicht, aber)“. Gerüchte über Entlassung von einem Drittel der Mitarbeiter, angeblich noch im Sommer. Der Institutschef empfiehlt, sich schon mal umzusehen« Abends H. Computer aufstellen.
14.7. Spur der Steine im Kurs [noch einer der verbotenen Filme].
Di 17.7.90 DDR-intim: Journal mit DDR-Mädchen, mit Tips für Wessis. Im Zug vor Rostock Wahrnehmung: das Kornfeld, dahinter verfallenes Gehöft mit halbverfallener Holländermühle, alles in DDR-Grau, daneben aber, neu, der Farbtupfer in Gestalt eine (West-)Markise. Es wird, schon auf dem flachen Land. Bunter. Oder die (nagelneue) BRD-Fahne neben dem gleichfalls neuen bunten Vereinswimpel am Schrebergartenverein.
Tanta Trude: alternatives Café neben dem Kino Metropol. Davor Sitzgruppe: Punks usw. auf Sesseln auf Bürgersteig. Reaktion der Zuschauer von der Straßenbahn aus.
Im Kursbüro B. mit einem Kollegen über Prof. Heuer vom PDS-Vorstand, der heute da war und gut aufgenommen wurde. B.: Beschämend, daß wir solche Leute niedergehalten haben. Ich: Jetzt ist es zu spät. Er (schweigt). Sprechen dann über einen Studenten, der etwas gefragt hat. Heuer habe das ganz gut charakterisiert: Leute, die heute verdammen, was sie angebetet haben, und anbeten, was sie verdammt haben. Die jede Fahne im Keller haben.
(Sie schotten sich immer mehr vor der Wirklichkeit ab. Oder immer noch) Abend Elke Erb im Zwischenbau. Liest 2 Gedichte und drei Kulturbriefe für „Elsevier“ („rechts vom Spiegel“).
Dann Diskussion: „Denken in sozialen Räumen, (weil es hier so überschaubar u. alles letztlich auf den Staat zurückverwies, selbst wenn man nur einkaufen ging).“
Ursachen für Kampagne gegen Chr. Wolf? Weiß sie nicht. Sie hat sich im Zug ein Bild gemacht, das nur dies ausdrückt: daß sie’s nicht weiß. Meldet sich ein Student, der’s weiß (wie zuvor schon S. mit politischem Klischee, das er sofort zurückzieht, als sie einwendet) – Erb zu dem Studenten: „Ich nehms als Anregung: Jemand in Rostock hat gesagt, das ist die Marktwirtschaft.“
Als Chance begreifen: aber (Studentin). Auf die Frage nach Gemeinsamkeiten mit den jungen Autoren: Sie habe sich vorzuwerfen, daß sie über solchen Gemeinsamkeiten (die bei ihr das Ergebnis jahrelanger Bemühung, Jüngeren mitunter zugeflogen scheinen) versäumt habe, sich über die Unterschiede klarzuwerden.
PDS-Zimmer [PDS, Partei des Demokratischen Sozialismus, vorher SED, heute Die Linke. Offenbar war das das Zimmer, in dem ich übernachtete, und ich nannte es wegen der Ausstattung so] im Studentenwohnheim (meinem alten übrigens): An der Wand überm Bett neben einem Plakat der Grünen/UFV: Miniposter „Wir haben nichts zu verbergen!“, Bild Junge u. Mädchen m. heruntergelassenen Hosen, PDS; Nr. 2: „Wer früher nicht feige war, kann heute den Mut haben, das Programm der PDS sympathisch zu finden“, darunter 15 Namen, u.a. Andert, Ensikat, Bofinger, Kahlau, Kusche, Holland-Moritz, Mensching, Wenzel, Thalheim, Rennert, F. Schreiter (ich hänge einen Zettel darunter: Wer früher nicht feige war, kann heute Gründe haben, auch dem Programm der PDS zu mißtrauen – M.G. m.f.G-). Nr. 3 von VL [Vereinigte Linke]: Lieber rote Rüben als Kohl von drüben! Nr. 4 von einer Bürgerinitiative Allianz der Vernunft, Glöwen/DDR, Wider-Vereinigung. Dazu Kinder-Windmühle, rot mit Aufschrift PDS. Dann noch Aufkleber auf einem Bücherregal: PDS – Die Neue – was sonst – !
Mi 18.7.90 S. die Frage zurückgegeben: Wie geht’s? Nicht so gut, sagt er. Er sei doch sehr irritiert. Das Gefühl der Befreiung sei etwa im Februar verschwunden. Bei mir nicht. – Das sei offenbar eine Generationsfrage. (Geht aber doch eher quer durch).
Der Rumäne. Wenn man monatelang „Nieder mit dem Kommunismus“ gerufen hat, wundert man sich hier. Will nun ins Ausland gehen, weil es mit diesem Volk keinen Zweck hat.
An Rostocker Hauswand Inschrift: DSU [Deutsche Soziale Union, eine in der DDR gegründete Partei mit Beziehungen zur CSU], daneben kleiner: Dummheit schützt uns.
Im Zug nach Stralsund, Vater zu den Kindern in Ribnitz: In Mecklenburg wird nicht gelesen. Erst wenn wir in Vorpommern sind, gebe ich’s euch [Die Grenze zwischen den Landesteilen Mecklenburg und Vorpommern liegt zwischen Rostock und Stralsund, genauer zwischen Ribnitz und Damgarten, die heute eine Doppelstadt sind].
Vor dem Bahnhof Stralsund 14 Taxen nebst Fahrern, nur ohne Kunden.
Frau im Zug: Das vermisse ich in der Honeckererziehung meiner Tochter: John Maynard war unser Steuermann. Das haben wir gelernt. Drei Menschenleben gerettet hat der!
[Am 20. Juli flogen wir mit der DDR-Fluggesellschaft Interflug nach Helsinki.]
(L&Poe Journal #02 Neue Texte)
Brigitte Struzyk
Friedliche Revolution Am Abend, dem anderen Tag Am Achten blühte der Kirschbaum Vor Freude: Es wird! Blühte auf Ja, am Abend Und am Neunten, am Abend, kam von drei Worten ein Wind auf. Die Blätter fielen, der Baum stand stramm, ja, am Abend stürzte er um. Und einer schwang seinen Mantel, So wirbelte er ganz anderen Staub auf.
Friedrich Schlegel
(* 10. März 1772 in Hannover; † 12. Januar 1829 in Dresden)
Irrlichter
(1810)
Ungeziefer mannichfaltig
Nagt der Geister Ruhm;
Viel Gesindel, allgestaltig
Nascht vom Heiligtum.
Ja und Nein, und Mehr und Minder
Würfeln sie herum
Drehn und kehren es geschwinder
Schnell im Kreise um.
Ihnen gibt es kein Geheimnis
Als das Einmal Eins,
Auch im Schwatzen kein Versäumnis
Alles Eins und Keins.
Wie das Böse Gott erschaffe,
Groß wie sie gesinnt,
Sich das All zusammenraffe,
Lehren sie geschwind.
Allem Tüchtigen abwendig
Ist ihr eitler Mut,
Nur im Nichtigen beständig
Diese neue Brut.
Sie verschmähn die starke Rede
Von dem Kampf des Lichts,
Lieben und vergöttern jede
Ausgeburt des Nichts.
Wie der Mücken Schwarm unzählig
Längst dem Strome zieht,
Summen andre, haschen selig
Nach Gesang und Lied.
Jedes neuen Scheins gewärtig
Mit des Seelchens Flug,
Sind sie schon von Anfang fertig
Schreiben Buch auf Buch.
Zum Geburtstag des ukrainischen Nationaldichters Taras Schewtschenko ein Auszug aus dem Mysterienspiel „Die große Gruft“
Taras Schewtschenko
(ukrainisch Тарас Григорович Шевченко, * 25. Februarjul. / 9. März 1814greg. in Morynzi, Gouvernement Kiew, Russisches Kaiserreich; † 26. Februarjul. / 10. März 1861greg. in Sankt Petersburg)
Die große Gruft, Mysterienspiel (Auszug) Ich war ein Kind, als nachts ich sah Baturyn hell in Flammen, Das Moskau angezündet hat, Den Tschetschel hingerichtet, Und alle Menschen, jung und alt, Im Flusse Sejm vernichtet. Ich lag im Palast von Mazeppa Unter all den Toten... Und die Schwester und die Mutter, Neben mir erstochen, Fest geschmiegt nebeneinander In tödlicher Umarmung; Man riss mich fort von meiner toten Mutter ohn’ Erbarmen. Wie inständig hab’ ich doch Den Offizier gebeten, Man solle ebenfalls mich töten. Nein, man ließ mich leben, Und hatte mich an die Soldaten Zum Spiel übergeben! Nur mit Mühe konnte ich mich Bei dem Brand verstecken. Ein einzig Haus noch in Baturyn Wurde nicht vernichtet!
Deutsch von Irena Katschaniuk-Spiech, aus: Taras Schevtschenko: Die Große Gruft. Poeme ukrainisch-deutsch. BoD – Books on Demand GmbH, Norderstedt. 2., bearbeitete und erweiterte Auflage. Herausgeber: Ukrainische Freie Universität, Reihe Varia, Band 72
ISBN-13: 978-3-7526-1573-9
© 2020 Irena Katschaniuk-Spiech, München
Великий льох Містерія Я була ще недолітком, Як Батурин славний Москва вночі запалила, Чечеля убила, І малого, і старого В Сейму потопила. Я меж трупами валялась У самих палатах Мазепиних... Коло мене І сестра, і мати Зарізані, обнявшися, Зо мною лежали; І насилу-то, насилу Мене одірвали Од матері неживої. Що вже я просила Московського копитана, Щоб і мене вбили. Ні, не вбили, а пустили Москалям на грище! Насилу я сховалася На тім пожарищі. Одна тілько осталася В Батурині хата!

Mehr über den Autor im Lyrikwiki
Heinar Kipphardt
(* 8. März 1922 in Heidersdorf/Schlesien; † 18. November 1982 in München)
Soldatenlied Nach einem anonymen chinesischen Gedicht aus der Han-Zeit, 25-220 unserer Zeitrechnung Wir kämpften nördlich der Schneewüsten, Wir fielen südlich der Sümpfe, Bekotet im Suhl, grablos, Den Krähen zum Fraße. Fragt die Krähen: »Die den Schneewüsten entkommen sind Und den Elefantenschlachten, wie Entkommen sie euch, den Krähen?« Fragt den Kaiser: »Warum marschieren sie bis an das Ende der Welt? Um zu verenden in einer Abortgrube? Gab es nicht nähere Abortgruben, Kaiser?«
Aus: Heinar Kipphardt: Angelsbrucker Notizen. Gedichte. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1985, S. 60
Gastkommentar von Georg Witte
L&Poe Journal #02 – Ukraine
ZWAR hat Russland die Ukraine angegriffen, ABER es wurde provoziert.
ZWAR ist Russland „undemokratisch“, ABER unsere Demokratie ist auch nur ein Schein.
ZWAR tun uns die armen Menschen leid, ABER ihr Kampf ist doch sowieso schon verloren.
ZWAR verteidigen sich da ein paar schlecht Bewaffnete, ABER die Mehrheit flieht.
ZWAR wollen wir helfen, ABER wir frieren ohne russisches Gas.
ZWAR ist die russische Armee brutal, ABER die NATO auch.
ZWAR ist es Putin, ABER die Russen lassen ihn ja.
ZWAR ist Selensky bewegend, ABER er war ja auch Schauspieler.
ZWAR sind schon viele Soldaten getötet, ABER die Kriegsparteien nennen falsche Zahlen.
ZWAR ist die Ukraine eine Nation, ABER keine richtige.
ZWAR ist die Ukraine europäisch, ABER nicht richtig.
ZWAR sind wir für territoriale Integrität, ABER die Krim ist doch eigentlich russisch.
ZWAR sind wir für Sanktionen, ABER wir schaden uns selbst.
ZWAR liefern wir Waffen, ABER alte.
ZWAR kennen wir David und Goliath, ABER die Bibel hilft uns auch nicht weiter.
ZWAR haben wir Respekt vor dem Mut der Verteidiger, ABER auch das Wissen um die Vergeblichkeit.
(L&Poe Journal #02 Neue Texte)
Odile Endres
spitze verse I Stühle hüpften vor den augen auf und nieder dir Ist erschienen orpheus mitten in der nacht ach du Besangst die blinde & die frostig liebe & die pein Yllabisstark erklang die poesey aus deiner freien Leyer. kein wort von haushalt & kanzlei & küchen Latein im fadenkreuz der verse. gegen das gift der Alltagsalraunen flügel ausgebreitet & abgehoben: Selige famaflüge sicher vor mars in den armen von Clio! & gleichgültig gegen den grauen greifswalder Himmel liebtest du die stadt & die fretowschen felder Wälder das paradies in dem diana ritt zur jagd dort wo Amor seine pfeile schoss in deine glasreinen reime nach Regeln um die sich pest ruhr der krieg nicht scherten die Zweige deiner lorbeerkrone ihr grün noch immer leuchtet II Salzwiesensound kriecht in meine brainkreise Ich hör die dreizacktaktigen schilfsilbensongs Really you know I‘ve got the greifswaldblues … Ehrlich ich flecht die strophen aus boddenbinsen & Nachts in meinem haus da wachsen segge & sporn Erstrahlen gottlos castor & spikebespickte kronen Der ryckfluss des vergessens raubt mir den letzten Elenden vers. wenn die röhrichtchöre schweigen Durchdringen mich kranichkantaten kriechen ins Ohr mir monotone moormotetten im mollton. die Livekormorankonferenzen auf zoom sind kein trost.
Russische Propagandisten haben oft erzählt – zuletzt der Präsident höchstpersönlich in seiner Nicht-Kriegserklärung am 24. Februar –, dass es die Ukraine gar nicht gäbe und sie künstlich von Lenin (nach manchen auch von den Deutschen) geschaffen wurde. Dabei lebte der „Nationaldichter“ des Landes, Taras Schewtschenko, von 1814 bis 1861. „Das literarische Werk des ukrainischen Nationaldichters legte den Grundstein zur Schaffung der modernen ukrainischen Literatur und seine Dichtung trug stark zur Entwicklung der modernen ukrainischen Sprache und zum Erwachen des ukrainischen Nationalbewusstseins bei.“ (Encyclopedia of Ukraine, zitiert nach Wikipedia).
Im Frühjahr 2014 tauchte ein Propagandafoto in asozialen Netzwerken auf, auf dem man am Rathaus in Kiew die Hakenkreuzfahne hängen sah. Marina Weisband (damals Piratenpartei) war gerade in Kiew und stellte richtig, dass dort das Porträt von Taras Schewtschenko hängt. (Es hilft nichts, manche glauben bis heute an die Propagandalüge und an ihre eigene grenzenlose Ignoranz, und Putin schickt eine ganze Armee, um das Land mit Bomben und Raketen zu „entnazifizieren“).
Heute ein Gedicht von Taras Schewtschenko aus der Vorgeschichte nationalen Hasses. In der DDR erschien 1987 eine Auswahl seiner Gedichte auf Grundlage einer zweibändigen sowjetischen Ausgabe in deutscher Sprache von 1951. In dieser Auswahl fehlen „natürlich“ alle Hinweise auf die nationale Unterdrückung der Ukrainer, aber gegen Pfaffenlug und Zar konnte man schon frei reden. 1847 wurde Schewtschenko zum ersten Mal verhaftet und zu Verbannung mit gleichzeitigem Schreib- und Malverbot verurteilt. Gleichzeitig wurde ihm auf Lebenszeit die Rückkehr in die Ukraine verboten. Wider dem Verbote begann er dieses Gedicht in der Festung zu schreiben.
Taras Hryhorowytsch Schewtschenko
(ukrainisch Тарас Григорович Шевченко, * 25. Februarjul. / 9. März 1814greg. in Morynzi, Gouvernement Kiew, Russisches Kaiserreich; † 26. Februarjul. / 10. März 1861greg. in Sankt Petersburg)
Den Polen Als einst wir noch Kosaken waren, Noch nicht verführt vom Pfaffenlug, Wie fröhlich unser Herze schlug! Als noch der Steppen freie Scharen Den freien Polen Brüder waren; Im stillen Garten unsres Glücks Uns Töchter blühten, lilienschöne. Stolz war die Mutter auf die Söhne, Die freien Söhne... Kühnen Blicks Wuchsen sie auf, vor ihrem Lachen War alle Grämlichkeit verbannt... Bis es das Pfaffentum verstand, Der Zwietracht Brände zu entfachen Im stillen Land. Im Blut ertränkt. Die Freiheit und das Recht verkamen; So haben sie in Christi Namen Das arme Volk ans Kreuz gehängt... Gebeugt nun standen die Kosaken, Wie wenn der Wind den Wald zerbrach. Die Ukraine weint! Vom Nacken Die Köpfe fielen, tausendfach. Der Henker wütet. Und dazu ja Gehört des Pfaffen Plapperei Und sein: „Tedeum! Halleluja!...“ So war das, Pole, Freund und Bruder! Seit Priester und Magnat am Ruder, Hat man entzweit uns und verhetzt; Wir könnten leben so auch jetzt! Gib deine Hand, uns zu verbrüdern, Gib uns dein Herz, das rein und treu! Baun wir in Christi Namen wieder Das alte Paradies uns neu! Festung Orsk, nach dem 22. Juni 1847 / Nishni Nowgorod, 1858
Deutsch von Erich Weinert, aus: Taras Schewtschenko: Meine Lieder, meine Träume. Gedichte und Zeichnungen. Verlag der Nation, Berlin; Verlag Dnipro, Kiew, 1987, S. 209f
Полякам Ще як були ми козаками, А унії не чуть було, Отам-то весело жилось! Братались з вольними ляхами, Пишались вольними степами, В садах кохалися, цвіли, Неначе лілії, дівчата. Пишалася синами мати, Синами вольними... Росли, Росли сини і веселили Старії скорбнії літа... Аж поки іменем Христа Прийшли ксьондзи і запалили Наш тихий рай. І розлили Широке море сльоз і крові, А сирот іменем Христовим Замордували, розп'яли. Поникли голови козачі, Неначе стоптана трава. Украйна плаче, стогне-плаче! За головою голова Додолу пада. Кат лютує, А ксьондз скаженим язиком Кричить: “Te deum! алілуя!..” Отак-то, ляше, друже, брате! Неситії ксьондзи, магнати Нас порізнили, розвели, А ми б і досі так жили. Подай же руку козакові І серце чистеє подай! І знову іменем Христовим Ми оновим наш тихий рай. [Після 22 червня 1847, Орська кріпость — 1850, Оренбург]
Pier Paolo Pasolini
(* 5. März 1922 in Bologna; † 2. November 1975 in Ostia)
Aus „Die besser Jugent / Der „Bessern Jugent“ zweite Form
Widmung zu "Gedichte an Casarsa" (1941-43) Quell von Wasser aus meinem Dorf. Ist kein frischer Wasser als in meinem Dorf. Quell von ländlicher Liebe.
Dedica Fontana di aga dal me país. A no è aga pí fres-cia che tal me país. Fontana di rustic amòur.
Widmung zu "Gedichte an Casarsa" (1974) Born von wasser aws eyn dorff, nit meyn. Jst keyn wasser fawl als jn dem dorff. Born von lieb zu keyn.
Dedica Fontana di aga di un país no me. A no è aga pí vecia che tal chel país. Fontana di amòur par nissún.
Deutsch von Christian Filips, aus: Pier Paolo Pasolini, Dunckler Enthusiasmo. Friulanische Gedichte. Basel, Weil am Rhein: Urs Engeler Editor, 2009, S. 12f
„Dieser Band bietet eine am Verfahren der Wiederholung orientierte Auswahl aus Pasolinis friulanischen Gedichten, die 1975 unter dem Titel „La nuova gioventú“ gesammelt erschienen sind.“

(L&Poe Journal #02 Neue Texte)
Brigitte Struzyk
Von Natur aus Es flirrt in der Krone Vom Stöckchen zum Zweig und vom Zweig bis zum Ast Kanadischer Ahorn Essigbaum Erle Kreuz und quer durch die Welt San Francisco Sarajewo Stamm und Wurzeln so weit weitverzweigt in der Erde kyrillischer Zeichen was hast du gegraben Quecke, Melde, und Giersch um den Stamm herum lauter neue Bäume Zwischen den Schultern Blätter Die Gedanken, Tag und Nacht die Gedanken Du unterhältst dich mit deinen Gedanken Sowohl als auch und nun das Dasselbe wie Regen und Hagel Aus Wasser und Wind Blitz und Donner Die Gedanken sind frei frei von allem Doch im Dämmerlicht scheint Jenes Licht, jener Laut Jener Fluch jenes Lied Und du singst den Refrain Auf die Ewigkeit: Ewigkeit ist eine an die gebundene Zeit erkennbare, freie, von nichts verwaltete, also auch nicht beendbare Zeit (Elke Erb)
(L&Poe Journal #02 Dossier Angelika Janz)
Angelika Janz
Wir hatten uns im Abstandnehmen verschätzt. Von Anfang an haben wir uns in der Wahl der Maßeinheit verschätzt. Wir haben uns in der Verwendbarkeit der Geräte getäuscht. Wir haben uns in der Handhabung der Geräte getäuscht. Wir hatten mit einem solchen Fehler nicht gerechnet. Wir haben nicht damit gerechnet, uns verrechnen zu können. Wir haben es einfach nicht glauben können, dass das, an das wir geglaubt hatten, einfach nicht stimmte. Wir hatten von vornherein eine unangemessene AbstandNahme ausgeschlossen.
Aus: fern, fern 1979
(L&Poe Journal #02 Dossier Angelika Janz)
Angelika Janz
PROSA, HAUT Du berichtest. Willst verschwunden sein. Schwillst in nichts in jeder Luft verändert bliebst du rosa. Wie du dichtest bist du um den Stein gewunden wie mir graut. Hast den Duft gefunden angeschaut willst du weder wie du schreibst noch wie ganz klein gesunden.
(L&Poe Journal #02 Neue Texte)
Odile Endres
ausschnitte aus den traumtagebüchern vom rand der welt
oder
die amygdala macht sachen
traummutation. alptraumstation. die pure rote not. kalte hallen krallen laken. der traum ist muted: stumm. transmembranäre enzymmanöver. der virale feind dockt an. schwestern pfleger dottores dottoressas: gesichter wie gemartert. violette wund(er)male. von schutzmasken dornenkronen brillen. sauerstofftodnot. alles geht aus. weit offen sind die rezeptorentore. kanäle der verzweiflung. barmherzigkeit mit blanken händen. schutzlos, einsatz bis zum letzten. atemzug. statt traumbüchern scheinen statistiken auf: die alptraumkurven steigen. jeder stirbt für sich allein. ohne wort … vertraute … trost… incubo. magnolienkelche / die anderen lass an uns / vorübergehen. cauchemar. draußen steht alles still nur die särge reisen. sie sind auf wanderschaft in den dunklen tälern der nacht. auf ewig unberührt. vom nachrichtensturm. den tsunamimetaphern. den virtuellen strömen. den schattenwürfen der quarantänen. die nervenstränge dünnen aus. #juststayhome: das gesetz verliert seinen grund. die welt im blick der drohnen. ein wunderbrunnen an zeit. italienisch lektionen. ieri, oggi e domani. unità 3: fragen. perché moriamo. alltagslektionen. io dimostro la mia ricetta. zeit für das schmoren im ofen guten willen und verbote. die lagunen der langsamkeit breiten sich aus. zu sehn die delfinsprünge der fake news. während uns der atem wegbleibt atmet die natur auf. kristalline wege * blütenträume * du hörst die bäume seufzen das gras. die anaconda der angst legt sich dir um den hals. du entkommst nicht. dieser traum ist kein schaum ist hartes faktenkliff gegen das dein lebensschiff geworfen wird diese zerbrechliche fähre die du teilst mit allen. uns bleiben die lichtbrücken der hoffnung. mit glück geheizte lufträume * solidaritätsakte * korallengemeinsamkeit und nachts die düstere alptraumstation. zusammen arbeiten wir aug in aug gegen die traummutation.
(L&Poe Journal #02 Ukraine)
Konstantin Ames
Komm doch Panzer, vom Völkerrecht gebrochen ihre Fahrer. Atom-Alarmzustand? Das kannst du besser Wladimir Witwenmacher Vor Eingabe der Codes nimm zur Hand (dein Vater entehrt, Russland kaputt) ein Bild deiner Mutter, W. Witwenmacher Putin, wehrhafter als dt. Lyrik, die Kiew jetzt tapfer hält. Pootin, du und ich, wir wissen es, dass du nichts hast. Komm doch, komm ins gaskalte Zeitenwendland. Zeig mir, Gollum, deine Existenzberechtigung.
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