Adonis, wie Mahmud Darwisch ein Star der Abende, las aus einem Prosagedicht von 1971, aus „Grab für New York“, das den arabischen Antiamerikanismus jenseits der Religion als Kritik der Moderne beschreibt. „Der Wind weht ein zweites Mal aus dem Osten, er entwurzelt die Wolkenkratzer wie die Zelte“, heißt es in der Übersetzung von Stefan Weidner. Und: „Die Tat ist eine Richtung, ein Moment, das Wort aber ist jede Richtung.“ Intellekt statt Terror.
In einem Interview mit der Zeit beklagte Adonis kürzlich, dass die Amerikaner in politischen Fragen nie mit arabischen Oppositionellen sprechen. Er selbst hat als Dichter nämlich durchaus etwas vor: „Ich will eine neue arabische Kultur, eine neue Geschichte und Zivilisation begründen.“ / FR 21.10.10
Michel Boy trägt die beiden Gedichte, die unbekümmert um Genreschranken oft wie aufgeregte und dramatisch zugespitzte Erzählungen daherkommen, vor, wie sie unbedingt vorgetragen werden müssen: Er tritt nicht als Rezitator auf, sondern verkörpert einen Sprecher, der sich zuerst in Rage redet und dann, von der eigenen Suada mitgerissen, den roten Faden fast verliert. Tatsächlich gibt es zumal in Crosse en l’air (das ist der Bischofsstab in der Luft) die abenteuerlichsten Verwicklungen; kein noch so ernstes Thema hindert Prévert , den Eigenbewegungen der Wörter nachzugehen und etwa um einer Verkettung von Assonanzen willen immer neue Situationen zu erfinden und manchmal geradewegs in den schönsten Dada-Nonsens abzudriften. / FR 21.10.02
Bei dem Titel handelt es sich um die erste und bislang einzige Monographie über den jüdisch-mährischen Autor Hugo Sonnenschein (1889-1953). Darin untersuche ich Sonnenscheins frühe Lyrik und arbeite heraus, dass sie eng mit tschechischsprachigen Texten verknüpft ist, beispielsweise mit den Schlesischen Liedern von Petr Bezruc oder mit Dichtungen Otokar Brezinas. Außerdem enthält das Buch erhellende Hinweise auf Sonnenscheins umstrittene Biografie; in diesem Zusammenhang zitiere ich aus Dokumenten, die das 1947 vom Außerordentlichen Volksgericht in Prag gegen Sonnenschein ausgesprochene Verdikt, er sei Konfident der Gestapo gewesen, sehr fragwürdig erscheinen lassen. Die Publikation basiert auf mehrjährigen Archivstudien in Tschechien und Österreich und verarbeitet umfangreiches Quellenmaterial, das der Forschung zum Teil erst seit Anfang der 90er Jahre zugänglich ist. / 20.10.02
Dieter Wilde: Der Aspekt des Politischen in der frühen Lyrik Hugo Sonnenscheins. Frankfurt am Main 2002
Verlag Peter Lang
ISBN 3-631-38551-X
Mitte der Achtziger, Oskar Pastior war durch sein Petrarca-Übersetzungsprojekt 33 Gedichte bei Hanser drei Jahre zuvor über den beschaulichen Kreis von Kollegen und Fans von Hardcore-Experimental-Lyrik hinaus aufgefallen, und sei es auch nur, indem er den Zorn der akademischen Gilde zum Schutze der Renaissance vor unbefugten Dichterhirnen auf sich gezogen wenn nicht vereinigt hatte, machte Die Zeit ein Porträt des Dichters, in dem viel von Sprachalchemie, von Molekülen, von kleinsten Baueinheiten der Sprache jedenfalls gesprochen wurde, außerdem kam, als Metaphernlieferant, des Dichters Zigarettendrehmaschinchen vor (die heute nicht mehr in Gebrauch ist, da sein Herrchen das Rauchen drangegeben hat).
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Das insistierende Herumreiten auf nordbalkanischer Geografie hat insofern einen Sinn, als dieser in Mehrheit deutschsprachige, polylinguale Teil Rumäniens, dass die Stadt und die siebenbürgische Kindheitsregion ein nicht zu unterschätzendes Schreib-Reservoir für den Dichter gebildet hat und nach wie vor bildet. Als zu seinem Siebzigsten die Münchener Zeitschrift Akzente ein Pastior-Heft herausgab, gab es dort, neben dem für Dichter-Geburtstagsnummern so üblichen Selbstgebackenen, lies Selbstgedichteten, aus dem Umkreis des Jubilars, einen ungewöhnlich interessanten Beitrag.
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Ich erinnere mich, das muss Ende der Achtziger gewesen sein, als Jandl sich in folgendem Sinne geäußert hat: „Oskar Pastior hat inzwischen die Führung in der experimentellen Lyrik übernommen“, und ich täusche mich kaum, wenn aus diesem Statement eine Erleichterung herauszuhören war./ Thomas Kling gratuliert dem Dichter Pastior zum 75., FR 19.10.02
2 von Kling ausgestellte Pastiorzitate zum Schluß:
„Hölderlin ist eine schöne, dem Deutschen verwandte Sprache.“
„Meine Halden sind natürlich Abraumhalden, taubes Gestein, Ausgeschwemmtes (wie jede Übersetzung). In der Nacht, wenn die Selbstentzündung in den Stoffen sichtbar wird, glühen die Halden von innen.“
Mehr zum Jubilar:
Mehr zum Jubilar: RALF SZIEGOLEIT über Gedichtgedichte (Frankenpost 19.10.) / Frankfurter Neue Presse (und andere) 19.10.02
Über Probleme des Übersetzens aus dem Litauischen schreibt Michael Braun anhand einer verdienstvollen, trotzdem hochproblematischen Venclova-Ausgabe:
Das Schicksal der litauischen Dichtung wird aber wohl weiterhin Tomas Venclova repräsentieren, der Emigrant, der während der ersten 40 Jahre seines Lebens mit dem Paradox konfrontiert war, in einem Land mit verschlossenem Meer zu leben. So trifft der Dichter in einem ganz buchstäblichen Sinn vor seiner Tür auf das Ende der Welt: Der frühe Frost, der geht durch alle Wörter, / Versengt den Mund, versengt die Lungen / In dem Imperium am abgesperrten Meer. / Freitag 42. 19.10.02
Tomas Venclova: Vor der Tür das Ende der Welt. Gedichte. In der Übertragung von Rolf Fieguth. Mit einem Essay von Joseph Brodsky. Carl Hanser Verlag (Rospo Verlag), München 2002, 102 S., 13,90 EUR
Billy Collins is the nation’s current poet laureate and a „wildly successful seller of books (as poets go, anyway),“ notes the poet Mary Jo Salter. „‚Do you know the Billy Collins poem about . . .‘ is the beginning of a question I’ve heard a lot recently,“ she writes, noting that people recall the subjects of Collins’s poems but usually „can’t call up Collins’s exact phrasing,“ partly because he is not known for „complex metrical effects or rhyme schemes. It’s fair to say that you wouldn’t want most poets to disregard so many tools of versification.“ … Salter says Collins is „the real thing in poetry,“ that his poems leave „your mind freshened, robbed of a few complacencies.“
NINE HORSES
Poems.
By Billy Collins.
120 pp. New York: Random House. $21.95
NYT Books 19.10.02:
• Review
• Audio: Billy Collins Reads Selections From ‚Nine Horses‘
Über eine teure Handschrift des Dramatikers (und Gelegenheitslyrikers) Heinrich von Kleist berichtet der Tagesspiegel am 19.10.02:
„Unter allen Zweigen ist Ruh,/ In allen Wipfeln hörest du/Keinen Laut./ Die Vögelein schlafen im Walde,/ Warte nur, balde/ Schläfest Du auch.“
Süddeutsche am Wochenende empfiehlt ein Restaurant mit literarischem Kontext:
Nils Emils Lammtopf mit Pfifferlingen, Bellmans gebratener Hering oder Ulla Winbladhs Fischtopf mit sahniger Schalentiersoße. Carl Mikael Bellman (1740 bis 1795): So heißt der berühmteste schwedische Komponist und Lyriker – und Ulla Winbladh war Bellmans Pseudonym für seine Geliebte, die eigentlich Maria Kristina Kallström hieß. Aber das wäre kein so guter Name für ein Restaurant gewesen. / SZ 19.10.02
Über Günter Ullmanns Buch „Der Greizer Kreis“ berichtet die Ostthüringer Zeitung am 19.10.02 und die Frankenpost am 25.10.02. Zitat:
Utz Rachowski, der in Plauen geborene und in Reichenbach lebende Schriftsteller, wurde in der DDR zu 27 Monaten Haft verurteilt: ,,Wegen Herstellung und Verbreitung eigener Gedichte und solcher von Wolf Biermann, Jürgen Fuchs und Reiner Kunze“.
und nicht die Gewässer wär‘ das für Deutschland besser“. … Mit diesen Worten stellte der “ meist verkaufte Lyriker Deutschlands“, Manfred Rommel, sein neuestes [zwölftes!] Werk „Ratschläge und fromme Wünsche – Sprüche, Gedichte und ein Bühnenstück“ vor. / Esslinger Zeitung 19.10.02
Obgleich die Dichter in arabischen Ländern noch ganze Stadien mit Zuhörern füllen, sei die Poesie im Zuge der Moderne auf dem Rückzug. Das Medium des urbanen Lebens sei der Roman. Die dominierende arabische Kultur sei längst westlich orientiert, und es gelte auch in der Dichtung gegen den poetischen Traditionalismus und die Beschränkung der Freiheit zu wirken. … Heute gehe es um die Überwindung des Kolonialismus und des Orientalismus. Außerdem müsse es „das Recht jedes Menschen sein, die Vereinigten Staaten dafür zu bestrafen, dass sie Diktaturen unterstützten“. Die Dichter Abbas Beydoun, Narvid Kermani, Adonis und Mahmoud Darwisch betonten beim gestrigen Pressegespräch der Berliner Festspiele mit ihrem samtigen Arabisch zwar das Primat des Ästhetischen und die in jeder Dichtung beschworenen universellen Existenzfragen, aber immer wieder drängte sich der politische Diskurs in den Vordergrund. / Berliner Zeitung 18.10.02
Gefeiert wie ein Popstar: Mahmud Darwisch / Berliner Morgenpost 17.10.02
Zum 90. Gründungstag des ehrwürdigen Poetry-Magazins, in dem 1915 zum ersten Mal „eine unbekannte Gedichtart, free verse“ (T.S. Eliots „Love Song of J. Alfred Prufrock“) stand und die sie alle druckte: Pound, Stevens, Sandburg and the lot, schreibt die NYT am 17.10.02.
An allen Orten und in vielen Gattungen, vom lyrischen über den historischen bis zum politischen Diskurs, konnte man – und dies war die dritte Entdeckung –, Litauens bedeutendstem literarischen Botschafter, dem Dichter, Essayisten und amerikanischen Literaturprofessor Tomas Venclova begegnen. Auf der Messe diskutierte er über „Die Rückkehr der Städte: Klaipeda – Kaliningrad – Vilnius – St. Petersburg“, am Abend darauf las er im Frankfurter Literaturhaus im Dialog mit Durs Grünbein eigene Gedichte im Original und in deutscher Übertragung. / SZ 16.10.02
Über die „Darmstädter Dichterschlacht, die als die größte in Deutschland gilt“ und deshalb „den Zuschlag für den siebten Internationalen Poetry-Slam: vom 2. bis 5. Oktober 2003 in Darmstadt und Frankfurt“ erhielt, berichtet das Darmstädter Echo (16.10.02).
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