Das Thema lautet „Moving Cultures – Kulturen in Bewegung“. Einsendeschluss ist der 12. Januar 2003. Ausschreibungsmodalitäten gibt es im Kulturladen Nord, Siefried Straßner, Tel. 09 11/55 33 87 und per E-Mail unter kuno@odn.de
/ 5.9.02
Spätestens seit dem „Annus Mirabilis 1997“, in dem der Segen angestauter Hymnen und aufgesparter Preise jubiläumsbedingt auf ihn niederprasselte, ist Robert Gernhardt, einst gefürchtet als einer der schärfsten Kritiker der Elche, der meistgeliebte und gesellschaftsfähigste unter den lebenden deutschen Poeten. Wo man früher Anstoß an ihm nahm, hätschelt man ihn heute als begnadeten Verseschmied mit rundgeschliffenen Ecken und eingewebter Goldkante. Das Sinistre dieses Vorgangs bannt er im Sonett: „Lobesmassen / treiben mich in immer höh’re Zonen, / wo um Ruhmestempel Feuer flammen // Und mich Gernhardt- Priester liebend fassen: / ,Herr! Geruh in diesem Haus zu wohnen!‘ / Anbetend brech ich vor mir zusammen.“ / KRISTINA MAIDT–ZINKE, SZ 5.9.02
ROBERT GERNHARDT: Im Glück und anderswo. Gedichte. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2002. 286 Seiten, 19,90 Euro
Die Hannoversche Allgemeine (5.9.02) meldet, daß der weißrussische Dichter Ales Rasanau zum Ende seines mit dem Hannah-Arendt-Stipendiums verbundenen Aufenthalts einen Gedichtband veröffentlicht:
Ales Rasanau: „Hannoversche Punktierungen”, Weißrussisch/Deutsch, 96 Seiten. Revonnah-Verlag Hannover, 14 Euro.
L.A. Poet Dares to Blast Angelou, Stirs Up a Storm
Slam Queen vs. Inaugural Poet
Ein Bericht über eine ketzerische Besprechung einer offenbar sakrosankten Autorin, Maya Angelou, durch die „Slam Queen“ Wanda Coleman aus L.A., die die dortigen Gemüter bewegte – ein innerwestlicher clash of cultures. / The Village Voice 4.9.02
Inaugural poet könnte man etwa übersetzen mit: Kaiser-Geburtstags-Dichter (Wolf Biermann)
Der Reim ist die letzte grosse Ordnung vor der befürchteten Ordnungslosigkeit, er ist der allmählich ausgehende Atem des Sprechenden: «Zu viel wär übertrieben. / Zu wenig: wenig wert. / Und was ich aufgeschrieben, / was ich verdammt, verehrt, / ist schliesslich aufgezehrt. / Nichts ist davon geblieben. / Was bleibt, sind leere Hände: / so geht die Zeit zu Ende.»
Für uns, die Leser dieser von Krolow in den letzten drei Lebensjahren verfassten Gedichte, kann sie, dank auch dieser hervorragenden Edition, noch einmal beginnen. / Kurt Drawert, NZZ 4.9.02
Karl Krolow: Im Diesseits verschwinden. Gedichte aus dem Nachlass. Herausgegeben von Peter Härtling und Rainer Weiss, mit einem Nachwort von Peter Härtling. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2002. 221 S., Fr. 34.40.
ENZENSBERGER: Ich glaube nämlich, daß die intellektuelle und künstlerische Produktion nur sehr schwer totzukriegen ist. Die Lyrik zum Beispiel, die mir persönlich sehr am Herzen liegt, wäre nach allen ökonomischen Gesichtspunkten schon immer zum Aussterben verurteilt gewesen, und trotzdem hält sie sich nach wie vor, notfalls eben in der Form der Samisdat. Das Unkraut setzt sich auf irgendeine Weise durch. Dabei kann auch das Internet eine Rolle spielen, wie man etwa in China sieht, einem Land, in dem eine freie Presse überhaupt nicht existiert.
BARBIER: Das stimmt. Die Lyrik scheint ein Gut zu sein, das zugleich sein eigener Marktpromoter ist. Wenn es gut geht, schafft sich Lyrik eine Gesellschaft, die bereit ist, sie für viel Geld am ökonomischen Leben zu erhalten. / FAZ 4.9.02
Die Stunde schlägt heute der dänischen Lyrikerin Inger Christensen: neunmal, von 10 bis 18 Uhr, nimmt Ivo Ledergerber den schmalen Band «Schmetterlingstal» zur Hand, aus dem Worte wie Sommervögel flattern. Vor Augen hat Ledergerber dabei die «pummelige Frau», die er bei den Lyriktagen Frauenfeld ihre so sinnlichen Gedichte so eintönig und leise lesen hörte. «Eine gottbegnadete Säuferin», sagt er, und Erdenschwere legt sich auf die Flügel des Traumgewürms in ihren Sonetten. / St. Galler Tagblatt 4.9.02
… an der Expo 02 berichtet die NZZ am 2.9.:
Hätte Peter Weber – begleitet von Anton Bruhins Maultrommeln – das gebieterische Zischen seines «maresciallo del silenzio» aus der Sixtinischen Kapelle nicht erst kurz vor Mitternacht vernehmen lassen, wäre das Unerhörte dieser Poesie vielleicht nicht ungehört in den dunklen Weiten des Monoliths verhallt. …
Und wer sich immer schon gewundert hatte, wie Hugo Balls «Karawanen» in russischer Übersetzung klingen mögen, kam weit nach Mitternacht mit Valeri Scherstjanoi auf seine Rechnung: Der späte Zögling des russischen Futurismus beherrschte die leisen wie die lauten Töne gleichermassen, bewies indes eine entschiedene Vorliebe für Letzteres. Das wiederum verband ihn mit Michael Lentz, der in dem Poem «Wie es früher war» eine «komplette Zusammenfassung meiner Kindheit» ins Mikrophon brüllte.
Bericht im Landboten, 3.9.
an der Expo 02 berichtet die NZZ am 2.9.02:
Hätte Peter Weber – begleitet von Anton Bruhins Maultrommeln – das gebieterische Zischen seines «maresciallo del silenzio» aus der Sixtinischen Kapelle nicht erst kurz vor Mitternacht vernehmen lassen, wäre das Unerhörte dieser Poesie vielleicht nicht ungehört in den dunklen Weiten des Monoliths verhallt. …
Und wer sich immer schon gewundert hatte, wie Hugo Balls «Karawanen» in russischer Übersetzung klingen mögen, kam weit nach Mitternacht mit Valeri Scherstjanoi auf seine Rechnung: Der späte Zögling des russischen Futurismus beherrschte die leisen wie die lauten Töne gleichermassen, bewies indes eine entschiedene Vorliebe für Letzteres. Das wiederum verband ihn mit Michael Lentz, der in dem Poem «Wie es früher war» eine «komplette Zusammenfassung meiner Kindheit» ins Mikrophon brüllte.
Bericht im Landboten, 3.9.02
Dorothea Dieckmann berichtet über das Erlanger Poetenfest, NZZ 2.9.02 – Volker Breidecker in der Süddeutschen am 3.9. – Katrin Hillgruber in der FR, 3.9. – Edo Reents in der FAZ, 3.9. – Im Titel-Magazin gibts Gedichte des Schlagzeugers Steffen Moddrow.
Zum Streit um Becketts Gedichte schreibt Hans-Peter Kunisch in der SZ, 2.9.02:
Erst in den 40er Jahren habe Beckett erträgliche Gedichte geschrieben, die zuvor entstandenen seien rhythmisch unverfehlt und unerträglich gelehrt. Calders Edition, die beinahe sechzig Jahre jener Lyrik vorstellt, die Beckett offenbar sein Schriftsteller-Leben lang wichtig war, zeigt, dass dem nicht in allen Fällen so ist. Die frühen Gedichte, oft französisch (in Calders Edition, so vorhanden, in Becketts eigener Übersetzung) sind gelehrter, aber auch verspielter als die späten Gedichte und Becketts Stücke.
4. ( – ) – 21 Punkte
FRANZ JOSEF CZERNIN: Elemente, Sonette
Carl Hanser Verlag, 17,90 Euro
5. ( -2.) – 21 Punkte
UNICA ZÜRN: Gesamtausgabe in 8 Bänden
Verlag Brinkmann & Bose, 221,00 Euro
Persönliche Empfehlung von Sibylle Cramer (Berlin):
ANDRE DU BOUCHET: Bruchstücke vom Berg für die Landstraße verwendet
Gedichte und Aufzeichnungen. Französisch/Deutsch
Lyrik Kabinett München, 24 Euro
Die Bestenliste im Internet:
/ 1.9.02
Die Dichtung war im Dreieck Majakowski – Brik – Lilja keine geringere Grösse als der Sex. Lilja wurde nicht nur zum Objekt, sondern auch zur Richterin für den Verseschmied Majakowski, zur Wahrheit in letzter Instanz. Falls im russischen Scherz, das Wichtigste für einen Schriftsteller sei, sich die richtige Witwe auszusuchen, ein wahrer Kern steckt, hat Majakowski keinen Fehlgriff getan, als er den Briks sein Erbe vermachte. Von den einen verehrt und den anderen gehasst, hat Lilja ihr ganzes langes Leben, strikt und korrekt, dafür gesorgt, dass sein Name nicht in Vergessenheit geriet: Sie setzte Veröffentlichungen seiner Werke und von Erinnerungen durch, und sie schrieb sogar an Stalin. Es war ihr Brief, auf den Stalin seine berühmte Resolution vom «besten und begabtesten» Dichter kritzelte, wodurch der tragische Lyriker und «agitatorische Schreihals» auf lange Zeit zum offiziösen Sowjetkünstler wurde (ein Schicksal, das auch dem keinesfalls revolutionären Stanislawski nicht erspart blieb). Elsa wiederum tat viel dafür, dass Majakowskis Name in europäischen Dimensionen Glanz gewann. / Maja Turowskaja über den in Frankreich erschienenen Briefwechsel Lilja Brik – Elsa Triolet, NZZ 31.8.02
NZZ druckt am 31.8.02 das berühmte Gedicht „Ganz Herbst“ von Frantisek Halas in einer Nachdichtung von Felix Philipp Ingold (online leider wie immer ohne Zeilenbruch). – Albert Gier bespricht in der gleichen Ausgabe zwei neue Biographien von Victor Hugo. – Die FAZ-Anthologie stellt heute ein Gedicht von Werner Kraft vor.
Könnte er wählen, würde Asher Reich noch einmal in Mea Shearim geboren werden wollen? «Ich würde genau dieselbe Kindheit wählen», sagt Reich, «und zwar wegen der Sprache. Denn ohne genau diese Kindheit wäre ich kein Dichter geworden. Die jüdischen Gebete haben Dichter wie Schlomo Ben Gavirol geschrieben. Das ist meine Basis. Texte zu schreiben ist deshalb für mich wie eine zweite Kindheit – ich bin zur sprachlichen Goldmine meiner Kindheit zurückgekehrt. Im Alter von zwei, drei Jahren lehrte man mich das Alphabet, und ich las religiöse Texte; ich wuchs ohne Spielzeuge, Tiere und Natur auf, nur mit hebräischen Buchstaben. Meine Kindheit war eine verzauberte Wörter-Welt – und ich lebe heute noch in dieser verbalen Welt.» / Bettina Spoerri, Tagblatt 31.8.02
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