Willem hält sich nicht mehr zurück

Beim Blättern in einer Anthologie stieß ich auf ein kurzes Gedicht, aber es machte stutzig. Es war offensichtlich nur der Anfang eines Gedichts. Es waren provenzalische Trobadorlieder, der Verfasser, Guillem Anelier, lebte im 13. Jahrhundert in Toulouse. Er nennt gleich am Anfang die Gattung seines Gedichts: Sirventes (betont auf der letzten Silbe). Meyers Großes Konversations-Lexikon 1909 sagt darüber:

Sirventés (Rügelied), eine Gedichtgattung, die sich zuerst bei den Provenzalen findet, wo sein Inhalt sich auf Politik oder Sittenzustände bezieht, seine Form und Melodie nicht, wie die Form der Kanzone, in jedem Fall neu geschaffen zu sein braucht, sondern einer Kanzone entlehnt werden kann. Der Meister des politischen S. war Bertran de Born, des moralischen Peire Cardinal, des Kreuzliedes Pons de Capdolh. Der Name S. ist von sirvent, »Diener«, herzuleiten, also ursprünglich im Dienste eines Herrn verfaßtes Gedicht. – Das französische Serventois (spr. ßerwangtŭá) hat zunächst denselben Begriff wie das S. der Provenzalen; daneben bezeichnet es im 13. Jahrh. auch moralisierende Gedichte in Reimpaaren und im 14. Jahrh. besonders Kanzonen zum Lobe der Jungfrau Maria. Auch für das italienische Serventese (Sermintese) ist von der Definition des provenzalischen auszugehen. Doch wurde seit dem Ende des 13. Jahrh. die Benennung Serventese in Italien statt auf den Inhalt auf die Form bezogen und für Dichtungen in kurzen (meist 3–5zeiligen), durch Übergreifen der Reime und oft auch des Sinnes untereinander verketteten Strophen angewandt. Am häufigsten ist die Strophe aus drei Elfsilblern auf einen Reim und einem Fünfsilbler mit abweichendem Reime. Vgl. Witthöft, S. Joglaresc. Ein Blick auf das altfranzösische Spielmannsleben (Marburg 1891); Nickel, S. und Spruchdichtung (Berl. 1907).

Quelle: Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 18. Leipzig 1909, S. 501. Permalink: http://www.zeno.org/nid/20007481519

(Echt gute Konversationen führte man damals!)

Das Fragment in Kannegießers Übersetzung lautet:

Guillem Anelier

Wohlan, nun halt ich mich nicht mehr,
Und dicht’ ein fröhlich Sirventes,
Auch dem Gedächtnis nicht zu schwer,
Nur nicht zum Singen, ich gesteh’s.
Die Reichen kümmert es nicht sehr,
Sie, deren Sinn nach Gold nur giert,
Drum vor so weltlichem Begehr
All’ edle Tatkraft sich verliert.

Die fahrenden Sänger. Liebeslieder und Gesänge der Troubadours. Ausgewählt und übersetzt von Karl Ludwig Kannegießer. Köln: Anaconda, 2012, S. 465. Im Original: Gedichte der Troubadours im Versmaß der Urschrift, Tübingen 1852, 2. Aufl. 1855, S. 454

Leider hört Kannegießers Fragment auf, bevor es richtig zur Sache geht. Ehrlich gesagt ziemlich liederlich ediert. Zum Glück gibts die Weltbibliothek, und ich fand das Original und eine Prosaübersetzung, für heute hier die ersten drei Strophen.

Jetzt werde ich, nicht kann ich mich enthalten,
ein Sirventes machen in diesem heitern Ton, mit guten
Versen; die leicht zu behalten sind, obgleich Singen,
wie es sonst zu geschehen pflegte, mir nicht behagt.
Denn die Reichen sind so gleichgültig, dass sie darüber
den Preis dieser Welt verlieren. Denn Habsucht
gewinnt Herrschaft über sie, wesshalb Edelsinn
sinkt und zu Grunde geht.

Denn jetzt gereicht nicht zur Freude Lustbarkeit
und Kurzweil und ächte Vorzüge; vielmehr
wächst fürwahr Schlechtigkeit‚ und Falschheit
tritt der Wahrheit entgegen.
Und Adel zieht sich Schande zu durch
gemeine Betrüger, wesshalb alles Gute zu Grunde geht;
denn so sehr sind sie voll von schlechter Begierde,
dass jede gute That sich vor ihnen verbirgt.

Und wer von ihnen Gunst haben will,
wird ohne Milde, von roher Gesinnung sein,
und wird jede That um des Besitzes willen verrichten.
wenn er nur solchen habe; denn alsdann wird er darum
mehr geehrt und als ein Verwandter gehalten werden,
und sei er auch gekommen, woher er wolle (ich weiss nicht
woher); denn jetzt wird ein tüchtiger Mann nicht geschätzt,
wenn er nicht viel hat, womit er sich helfen kann (könne).

Textfassung des Instituts für katalanische Studien aus Barcelona, dort auch das Bild der Handschrift:

Quelle des Originaltexts::

Der Troubadour Guillem Anelier von Toulouse: Vier provenzalische Gedichte. Herausgegeben und erläutert von Martin Gisi. Solothurn: J. Gassmann, 1877

One Comment on “Willem hält sich nicht mehr zurück

  1. großartig, danke, sehr anregend! warum bloß ist französisch dann so kompliziert geworden ;-))

    gesundheit, frohsinn und wiele feitere vunde im neuen jahr wünscht lars 

    Like

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..

%d Bloggern gefällt das: