Botanik

Wilhelm Lehmann

(* 4. Mai 1882 in Puerto Cabello, Venezuela; † 17. November 1968 in Eckernförde)

Botanik des Dichters

Goethen raste sie im Blut.
Ist das nicht gefährlich?
„Mischest du Botanik ein,
Bitte, Dichter, spärlich!“

Wer so überlegen rät
Klassisch inspiriert,
Seinem Goethe hat er erst
Goethe wegkastriert.

Hüte dich vor Einsamkeit
als der schlimmsten Droge,
Schlimmer noch, Naturgefühls
Ganz verfluchtem Soge.

Allzu schneller Zauberei
Darf man sich nicht fügen.
Götter, Feen griffbereit,
Das sind leere Lügen.

Stets Natur? Das macht mich toll.
Darf die große Mutter nie
Ihren Sohn verdrießen,
Ihrer strahlenden Magie
Er sich nie verschließen?
Zu viel Licht, zu wenig Schatten!
Mehr Befremden, mehr Ermatten
Will das dichterische Soll.

Siedle doch zu besserm Nutz
Auf polierter Straße,
Balancier ins Gleichgewicht
Der gewohnten Maße.

Fast dreihundert Seiten lang
Spricht Natur. Zu viel!
Sittliche Geselligkeit
Mangelt deinem Spiel.

Duckt sich unter diesem Rat
Meiner Verse Liebestat?
Leider gibst du ihn zu spät,
Alter Mann ist der Poet,
Doch auch wär er wieder jung,
Nicht gelobt er Besserung.

Arme Verse, seid getrost,
Ihm nicht recht geheuer.
Tut nur immer, was ihr tut!
Wenn ihr solchen Leser bost
Eines andern andrem Mut
Bleibt ihr weiter teuer.

Aus: Wilhelm Lehmann, Gesammelte Werke in acht Bänden. Bd. 1: Sämtliche Gedichte. Hrsg. Hans Dieter Schäfer. Stuttgart: Klett-Cotta, 1982, S. 375f

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