Diotima

Am 9. Februar 1769: wurde Susette Gontard geboren – Hölderlins Diotima. Ihr widmete er viele Gedichte, das erste ist ein Lied, dessen erste Fassung schon im Frühjahr 1796 entstand.

Diotima.

16strophige Fassung, wohl Juni 1796, unvollständig überliefert durch Abschriften von Suzette Gontard und Gustav Schlesier (eine erste Fassung vom März hatte 8 Strophen und ist nur in einer Beschreibung Schlesiers überliefert).

Lange todt und tiefverschlossen,
Grüßt mein Herz die schöne Welt,
Seine Zweige blühn und sprossen,
Neu von Lebenskraft geschwellt;
O! ich kehre noch in’s Leben,
Wie heraus in Luft und Licht,
Meiner Blumen seelig Streben
Aus der dürren Hülse bricht.

Die ihr meine Klage kanntet,
Die ihr liebezürnend oft
Meines Sinnes Fehle nanntet
Und geduldet und gehoft,
Eure Noth ist aus, ihr Lieben!
Und das Dornenbett ist leer,
Und ihr kennt den immertrüben
Kranken Weinenden nicht mehr.

Wie so anders ist’s geworden!
Alles was ich haßt und mied,
Stimmt in freundlichen Akkorden
Nun in meines Lebens Lied,
Und mit jedem Stundenschlage
Werd ich wunderbar gemahnt
An der Kindheit goldne Tage,
Seit ich dieses Eine fand.

Diotima! seelig Wesen!
Herrliche, durch die mein Geist
Von des Lebens Angst genesen
Götterjugend sich verheißt!
Unser Himmel wird bestehen,
Unergründlich sich verwandt
Hat, noch eh‘ wir uns gesehen
Unser Wesen sich gekannt.

Da ich noch in Kinderträumen
Friedlich wie der blaue Tag,
Unter meines Gartens Bäumen
Auf der warmen Erde lag,
Da mein erst Gefühl sich regte,
Da zum erstenmale sich
Göttliches in mir bewegte,
Säuselte dein Geist um mich.

Ach und da mein schöner Friede
Wie ein Saitenspiel, zerriß,
Da von Haß und Liebe müde
Mich mein guter Geist verließ,
Kamst du, wie vom Himmel nieder
Und es gab mein einzig Glük
Meines Sinnes Wohllaut wieder
Mir ein Traum von dir zurük.

Da ich flehend mich vergebens
An der Wesen kleinstes hieng,
Durch den Sonnenschein des Lebens
Einsam, wie ein Blinder, gieng,
Oft vor treuem Angesichte
Stand und keine Deutung fand,
Darbend vor des Himmels Lichte,
Vor der Mutter Erde stand,

Lieblich Bild mit deinem Strale
Drangst du da in meine Nacht!
Neu an meinem Ideale
Neu und stark war ich erwacht;
Dich zu finden, warf ich wieder
Warf ich meinen trägen Kahn
Von dem todten Porte nieder
In den blauen Ozean. –

Nun ich habe dich gefunden!
Schöner, als ich ahndend sah
In der Liebe Feierstunden,
Hohe Gute! bist du da;
O der armen Phantasien!
Dieses Eine bildest nur
Du in deinen Harmonien
Frohvollendete Natur!

Wie auf schwanker Halme Bogen
Sich die trunkne Biene wiegt,
Hin und wieder angezogen
Taumelnd hin und wieder fliegt,
Wankt und weilt vor diesem Bilde
[Verse 78-96 nicht überliefert]

Hab‘, ins tiefste Herz getroffen,
Oft um Schonung sie gefleht,
Wenn so klar und heilig offen
Mir ihr eigner Himmel steht,
Wenn die Schlaken, die mich kümmern,
Dieses Engelsauge sieht,
Wenn vor meines Friedens Trümmern
Dieser Unschuld Blume blüht;

Habe, wenn in reicher Stille
Wenn in einem Blik und Laut
Seine Ruhe, seine Fülle
Mir ihr Genius vertraut,
Wenn ihr Geist, der mich begeistert,
An der hohen Stirne tagt,
Von Bewundrung übermeistert,
Zürnend ihr mein Nichts geklagt.

Aber, wie in zarten Zweigen,
Liebend oft von mir belauscht,
Traulich durch der Haine Schweigen
Mir ein Gott vorüberrauscht,
So umfängt ihr himmlisch Wesen
Auch im Kinderspiele mich,
Und in süßem Zauber lösen
Freudig meine Bande sich.

[Verse 121-128 nicht überliefert]

Aus: Bremer Ausgabe Band 5, S. 27-30

Aufzeichnungen Gustav Schlesiers über die erste und die (hier vorliegende) zweite Fassung:

Von dem Gedicht: Diotima
finden sich in Hölderlin’s Redaktion folgende Redaktionen:
1) Athenäa überschrieben. – 8 Verse à 8 Zeilen. – Anfang: „Da ich noch in Kinderträumen,“ – Im Ganzen noch sehr matt, aber schon einige der spätern Hauptstellen zeigen sich.
2) Diotima. – Anfang: „Lange todt u. tief verschlossen, “ 16 Verse à 8 Zeilen. – Nebst mehreren Correktur-Zeilen- u. in Versen. Einige sind gestrichen, so daß das Ganze schon der 3. Redaktion entgegegen geht.

2 Comments on “Diotima

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