Was ist das, Expressionismus?

In den über 100 Jahren sind etliche dieser Gedichte, die einmal befremdeten, zu Publikumslieblingen avanziert. Unsere Expressionismus-Anthologie 2020 versucht auch weniger Bekanntes zu bringen, aber die Ohrwürmer dürfen nicht ganz fehlen. Die Sammlung begann mit van Hoddis‘ Weltende, das war so einer, aber als ich die Anthologie zuerst las, 1968, erinnerte mich der Titel an ein Gedicht, das ich schon kannte, weil es in einem Schullesebuch „Aus deutscher Dichtung“ stand. „Weltende“ von Else Lasker-Schüler steht nicht in der Menschheitsdämmerung, aber für mich war es dabei, sicher das erste mir bekannte Gedicht dieser Art. Dieser Art? „Mein Herr, halten Sie das für ein expressionistisches Gedicht?“ Wen kümmerts? War Kafka Expressionist? Trakl? Zumindest diese beiden konnte man damit jagen, dazu gehören wollten sie nicht. Wenn Stramm Expressionismus, ist es dann Werfel? Welches von den folgenden Fragmenten ist expressionistisch?

1
Ein Veilchen fiel
Mir plötzlich wie ein blauer Stern zu Füßen.
Ich trug es in den goldnen Abend hin.

2
Mund Ohr Auge verhüllet
Schlaf Traum Erde der Wind.
Gelblich träger Würmer
Enggewundener Gang.
Pochen rollender Stürme.
Wimpern blutrot lang.

3
Die Uhren schlagen sieben. Nun gehen überall in der Stadt die Geschäfte aus.
Aus schon dunkelnden Hausfluren, durch enge Winkelhöfe aus protzigen Hallen drängen die Verkäuferinnen heraus.

4
Freund,
wenn du lächelst,
lächelt mein Herz,
und die Freude hebt ihre Fackel,
unsere Straße ist ein lächelnder Tag!

5
O Herr, zerreiße mich!
Ich bin ja noch ein Kind.
Und wage doch zu singen.
Und nenne Dich.
Und sage von den Dingen:
Wir sind!

6
Es spielt der Wind mit vielen tausend nassen Blättern,
Und alle winken immer wieder anderm Wind,
Und Waldeswalzer höre ich im Schatten schmettern.

7
Augen tauschen blaken sinken
Flüstern plätschert
Blüten gehren
Düfte spritzen
Schauer stürzen

8
Sein reines Antlitz in der weißen Klarheit
Des Irrtums grauenvolle Spur verließ.
Sie haben ihn gemordet, Geist der Wahrheit,
Trost der Armen von Paris.

9
Und die Blumen des Sommers, die schön im Winde läuten.
Schon dämmert die Stirne dem sinnenden Menschen.
Und es leuchtet ein Lämpchen, das Gute, in seinem Herzen
Und der Frieden des Mahls; denn geheiligt ist Brot und Wein.

10
Eine Wolke nur stand in den Weiten noch lange,
Ehe die Nacht begann in dem ewigen Raum,
Purpurn schwebend im All, wie mit schönem Gesange
Über den klingenden Gründen der Seele ein Traum.

11
Ich habe immer vor dem Rauschen meines Herzens gelegen,
Nie den Morgen gesehen,
Nie Gott gesucht.
Nun aber wandle ich um meines Kindes
Goldgelichtete Glieder
Und suche Gott.

12
Arbeiter! Dich an Rad, Drehbank, Hammer, Beil, Pflug geschmiedeten
Lichtlosen Prometheus rufe ich auf!
Dich mit der rauhen Stimme, dem groben Maul.

Die Auflösung steht unten. Zuerst aber Else Lasker-Schüler.

Weltende

Es ist ein Weinen in der Welt,
als ob der liebe Gott gestorben wär,
und der bleierne Schatten, der niederfällt,
lastet grabesschwer.

Komm, wir wollen uns näher verbergen …
Das Leben liegt in aller Herzen
wie in Särgen.

Du, wir wollen uns tief küssen …
Es pocht eine Sehnsucht an die Welt,
an der wir sterben müssen.

————————————-

Die Auflösung

Kurze Antwort: Alle oder keines. Alle Proben stammen aus der Anthologie Menschheitsdämmerung. 1920 nannte man sie „Symphonie jüngster Dichtung“, heute „Ein Dokument des Expressionismus“. Expressionismus gibt es nicht, es gibt nur eine nach dem 19. Jahrhundert mit Romantik, poetischem oder humoristischem Realismus, Naturalismus, Gründerzeit, Neuromantik und Jugendstil fast unerwarteten Ausbruch neuer Stimmen, als suchten sie eine Sprache für das 20. Jahrhundert, um dem 19. zu entkommen. Wenn man will, kann man das Expressionismus nennen. Aber hört bitte auf, von „expressionistischem Stil“, „expressionistischer Poetik“ zu sprechen. Poetiken gibts nur im Plural.

1: Iwan Goll
2: Johannes R. Becher
3: Ernst Stadler
4: Kurt Heynicke
5: Franz Werfel
6: Theodor Däubler
7: August Stramm
8: Walter Hasenclever
9: Georg Trakl
10: Georg Heym
11: Else Lasker-Schüler
12: Karl Otten

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