Amerikanische Dichter

Aus einem Gespräch, das Die Welt mit Charles Simic führte

Irgendwo haben Sie den Dichter als „Verkörperung von Wagemut, von individueller Freiheit und Demokratie“ bezeichnet, als uramerikanischen Typus.

Seit Walt Whitman kommen amerikanische Lyriker meist aus dem Nichts und sind gewissermaßen self-made. Die meisten von uns sind irgendwie in ihre Arbeit hineingestolpert und tun sie nicht aus der alten romantischen Überzeugung, ein missverstandenes Genie zu sein, sondern weil sie von einem tiefen demokratischen Gefühl geleitet werden.

Haben Sie den Eindruck, dass dem Dichter, der die „ältesten Werte“ verteidigt und „die Erfahrung des Einzelnen gegen die des Stammes behauptet“, wie Sie in einem Essay schreiben, in den USA und anderen westlichen Gesellschaften heute eine besondere Bedeutung zukommt?

Ich denke schon, aber man trichtert dies den Leuten nicht mit dem Hammer ein. Allein die Haltung macht einen Unterschied, und wenn man als Lyriker von dem Sockel herabsteigt und sich unters Volk mischt, ist schon viel gewonnen. Das schönste Kompliment, das ich je erhalten habe, stammt von einem Mann, der in einem Landstrich Amerikas, in dem es so viel Kultur gibt wie in der Sahara, mit verblüfftem und irgendwie verstörtem Ausdruck einer Lesung beiwohnte und danach auf mich zukam: „Entschuldigung, Mr. Simic, aber war das, was Sie vorgelesen haben, wirklich Poesie?“ Ich weiß nicht, ob ich ihn überzeugen konnte, aber er sagte: „Unglaublich, ich habe Gedichte immer gehasst, aber ich habe jedes Wort verstanden, das Sie vorgelesen haben.“

(…)

„Wann immer alles andere in Amerika zum Teufel zu gehen scheint“, schreiben Sie in einem Essay, „geht es der Lyrik gut.“ Werden deswegen momentan wieder mehr Gedichte gelesen?

Zumindest geht alles andere zum Teufel.

Charles Simic: Picknick in der Nacht. Gedichte 1962-2015. Aus dem Englischen von Wiebke Meier. Hanser, München. 280 S., 22,90 €.

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