Paul Wühr †

„Die Poesie“, so schrieb Friedrich Schlegel 1797 in seinen „Kritischen Fragmenten“, „ist eine republikanische Rede, eine Rede, die ihr eignes Gesetz und ihr eigner Zweck ist, wo alle Teile freie Bürger sind und mitstimmen dürfen.“ Genau 200 Jahre später hat Paul Wühr, der große Münchner Dichter vom Trasimenischen See in Umbrien, seinen 660 Gedichte umfassenden Band „Salve res publica poetica“ publiziert. Er hat uns den schamhaft vergessenen Begriff der Poesie zurückerobert und Gedichte als freie Bürger ästhetischer „Konfigurationen“ und politischer Koalitionen in einen großen Kontext republikanischer Rede gestellt.

Gemeinsam oder einander widersprechend, in Sonanz und Dissonanz, bilden die Poeme ihre poetische Republik. Das war, erschienen zum 70. Geburtstag, der erste von drei monumentalen poetischen Zyklen. Ihm folgten im Jahr 2000 „Venus im Pudel“ und dann zum 80. Geburtstag des Dichters der Band „Dame Gott“ als ein häretischer Glücksgesang, in dem alle polymorphen Gendervalenzen des Wühr’schen Werks zu ihrer auf schönste Weise falschen hierarchischen Ordnung finden, – und zur Lust, die gelesen werden kann.

Die auf Schlegel fußende Gleichsetzung von Dichtung und Rede verweist, wenn wir ihr folgen wollen, nicht nur auf den Band „Rede. Ein Gedicht“ von 1979, sie gilt selbstverständlich auch für die energischen „Ansprachen“ oder Anreden des ersten Gedichtbandes „Grüß Gott ihr Mütter ihr Väter ihr Töchter ihr Söhne“ aus dem Jahr 1976.

(…) Jetzt ist der große Poet auf dem umbrischen Berg zwei Tage nach seinem 89. Geburtstag, also am 12. Juli, in Passingnano sul Trasimeno gestorben.

(…)

Jetzt, da der Freund die letzte Absperrung überschritten hat, werde ich auch sein riesiges Lebenswerktagebuch „Der faule Strick“ von 1987 wieder lesen. In ihm steht der schöne Satz „Wir müssen die ursprüngliche Unordnung wiederherstellen.“ / Herbert Wiesner, Die Welt

In L&Poe

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