„Gedicht“ vs. „Engagement“

Andreas Pflitsch in der Neuen Zürcher Zeitung zur Diskussion um den syrischen Dichter Adonis anläßlich der Zuerkennung des Remarque-Friedenspreises:

Adonis hat sich tagespolitischen Fragen geradezu auffällig verweigert und die Situation in Syrien nur zögerlich kommentiert. Zwar hat er das syrische Regime wiederholt kritisiert, aber zugleich seine Abneigung gegen die Opposition deutlich gemacht. Er lehne Gewalt in all ihren Formen ab, formulierte er geradezu befremdlich vage, und ertrage sie «weder vonseiten des Regimes noch vonseiten der Gegner des Regimes». Den bewussten Verzicht auf eine klarere Haltung mag man als für einen Friedenspreisträger unangemessen halten, sie wird aber mit Blick auf das seinem ganzen Werk zugrundeliegende Verständnis von Literatur und Politik zumindest plausibler.

Seit je wird zwischen dezidiert politisch Engagierten und Verfechtern einer zweckfreien Autonomie der Kunst über die politische Rolle der Literatur gestritten. Die einen werden mit Karl Kraus‘ bösem Wort der «Utiliteratur» geschmäht, während man den anderen die blauäugige Realitätsvergessenheit des «l’art pour l’art» vorwirft und sie im «Elfenbeinturm» verortet. Ganz ähnlich verlaufen die Konfliktlinien auch in der arabischen Literaturkritik. 1953 wurde in Beirut die über Jahrzehnte in der gesamten arabischen Welt einflussreiche Literaturzeitschrift «Al-Adab» gegründet, die ganz im Zeichen von Jean-Paul Sartres Konzept der «littérature engagée» stand. Als Antwort auf das von «Al-Adab» geforderte politische Engagement der Literatur entstand 1957 die Zeitschrift «Shi’r», die die Instrumentalisierung von Literatur im Dienste politischer Interessen strikt ablehnte. Der Kreis um die Zeitschrift sah sich zum Teil scharfer Kritik ausgesetzt. Der arabische Nationalismus feierte damals seine Hochblüte, und der bilderstürmerische Impetus von «Shi’r» in Verbindung mit einer tiefsitzenden Skepsis jeder Ideologie gegenüber brachte der Zeitschrift den Vorwurf mangelnder Integrität ein: Ihre Autoren verträten einen «unarabischen Geist». Aufgabe der Literatur sei nicht die direkte politische Botschaft, antwortete damals ihr Chefredaktor auf die Kritik, sondern die stetige Überwindung der alten Welt und die Erschaffung neuer Welten. Indem der Dichter Konventionen überwinde und Traditionen zerstöre, entwickle er eine revolutionäre Sprache. Chefredaktor von «Shi’r» war damals Adonis.

Die klare Absage an die politische Indienstnahme der Literatur ist, so viel wird in Adonis‘ Argumentation deutlich, keinesfalls mit einer Leugnung ihrer gesellschaftlichen Relevanz zu verwechseln. (…)

Seine sich gegen alles Starre und Feste richtende Poetik, die dichterische Feier der Wurzellosigkeit und die Verweigerung jedweder begrifflichen Festschreibung gegenüber zeichnen Adonis‘ Werk als eminent politisches aus, sofern man darunter anderes versteht als tagespolitische Flugblattprosa.

Eine deutliche Stellungnahme gegen die vom syrischen Regime verübten Greuel, ohne verharmlosende Relativierungen, wäre sicherlich wünschenswert gewesen. Wenn Friedenspreise aber mehr sein sollen als auf genehme politische Positionen antwortende Belohnungsreflexe, wenn sie über den Tag hinaus ihre Berechtigung haben sollen, weil sie die den aktuellen Konflikten zugrundeliegenden Muster aufzeigen helfen, dann ist die Entscheidung für Adonis vielleicht doch keine schlechte.

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