57. Gleitsichtwochen

Schöne Rezension von Volker Sielaff zu Bertram Reineckes Band „Gleitsichtwochen“ bei Signaturen. Auszug:

Solche Wunder sind schweigsam / wispern die papierene Rede der Ingenieure„, lese ich nun bei Reinecke, der offenbar in den Papieren [über die Blaues Wunder genannte Elbbrücke, M.G.] geblättert hat, einem „…Gebäude aus Zahlen nicht weniger undurchsichtig / als die Brücke selbst„, aber auch oft, wie man in Sachsen sagt, „rüber und nüber gegangen“ sein dürfte. Womöglich, um an einer Schule an einem Autorengespräch mit Lehrern teilzunehmen, sein Poem mit dem schönen langen Titel „Als ihm eine Schar sich fortbildender Lehrer seine Gedichte für unverständlich erklärt hatte“ gibt davon Zeugnis: „Die Frage immer / ´Wer versteht denn das` / Sie etwa nicht? / Ich kenne welche / Ja, die kommen damit ganz problemlos klar / Sind die denn schief gewickelt…“ Reineckes muntere Gegenrede ist trochäisch geprägt, was ihr auch formal einen trotzigen Schwung verleiht. Indes – viel Hoffnung hat der Dichter scheinbar nicht, konstatiert er doch einigen von den so fortgebildeten Lehrern verschulten Schülern folgendes: „sie haben Lindgren gelesen / und durchstreifen den Vorort/ vorerst gerade so, wie man es / auch gänzlich ohne Begabung könnte / führen einen Hund mit / füttern Kaninchen / betätigen ihr Handy„. Reinecke hat sich dem Gegenstand, den er hier launig bedichtet, bereits in einem seiner Essays genähert, dem Band „Gruppendynamik – Literaturprozesse am Beispiel von Lyrikwerkstätten“ (bei J. Frank in Berlin erschienen). Ob die Lehrer das wussten?

Bertram Reinecke, das macht dieses nur 30 Seiten dünne Büchlein deutlich, ist sehenden Auges und mit wachen Sinnen durch Dresden gezogen. Er lässt, wie es von den Stipendiengebern ausdrücklich gewünscht ist, in seinen Gedichten aus Dresden „einen Bezug zur Stadt Dresden oder der sächsischen Kulturlandschaft erkennen“ – mehr noch: er spielt mit diesem ihm abverlangten „Bezug“, indem er das ihm in die Hand gedrückte Blatt dreht und wendet und gelegentlich auch genüsslich zerrupft. Wenn er die Mitglieder der Dresdner Staatskapelle in einem Gedicht als „Erntehelfer“ bezeichnet, hat das mit jenem dem Dichter eigenen  abgründigen Humor zu tun, und man will hoffen, dass die „Herren in Anzügen“ genauso darüber lachen können wie der Rezensent es konnte: „Herren in Anzügen / wieso haben die eigentlich Anzüge an? / Ach das gehört sich wohl / so nah bei der Gambe / die Basso Continuo Gruppe…“  Und, ein Stück weiter im Orchesterversmaß, finden wir dann diese großartige Beschreibung des Spiels des weltberühmten Klangkörpers: „Eine Annäherung an das Nichts / sie haben das Jahrzehnte geübt / eine Art buddhistischer Praktik sehr europäischer Prägung / besoldet laut Orchestertarif / Sonst würden sie nämlich an etwas anderes denken / Der eine mag Fußball / der andere schaut gern jungen Mädchen nach / (aber doch, doch, sehr erfolgreich für sein Alter / da kann man nichts sagen) / Könnten sie jetzt sprechen meinte einer vielleicht / „Weißt Du noch unter Schreier?

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