46. Witz, Wut und Widerborstigkeit

Bei den Kritikern sind seine bildungsaffinen Gedichte vor allem für Witz, Wut und Widerborstigkeit bekannt. Es ist diesem Lyriker eigen, sich immer wieder neue (politische) Widerstandsräume in seinen Gedichten zu verschaffen und den Leser herauszufordern. Die Kritik, die er aber darin ausübt, bleibt glücklicherweise stets kritisier- und attackierbar.

Auch seine neuen Gedichte – unter dem Titel „Arbeiten und wohnen im Denkmal“ bei luxbooks in Wiesbaden erschienen – bleiben dieser Linie treu. Auch sie machen es dem Leser nicht leicht: Sie entziehen ihm das Fundament sicheren Auslegens.

Dies liegt einerseits an der Variierung der verwendeten Gedichtformen, die durchweg nicht klassisch genannt werden können und die sogar sich selbst generierende und perpetuierende Wiederholungsmaschinerien wie etwa Konjugationstabellen enthalten. Ein Beispiel: „ich wohne – wohnen, / ich fahre – fahren, / ich wähle – wählen, ich nehme mit – mitnehmen // wir wählen ich wähle? / du wählst? / er wählt sie, es? // wir wählen,? / ihr wählt,? / sie wählen?“ – Dies ist ein Ausschnitt aus dem den Gedichtband beschließenden Zyklus „die große Schrift, die kleine Schrift, die schöne Schrift, die saubere Schrift“, ein Zyklus, der, sofern er der dem Duden gemäßen Groß- und Kleinschreibung der Wörter folgt, sowohl den Gedichtband, dem er beigegeben ist und in dem die meisten Gedichte diese Schreibung gänzlich missachten, als auch die Gegenwartslyrik, die in aller Regel nur von der Kleinschreibung Gebrauch macht, (sozusagen) auf die Schippe nimmt. (Eine argumentativ nachvollziehbare Rechtfertigung dieser Technik der Kleinschreibung in der Lyrik fehlt bisher.) Doch Bresemann wäre nicht Bresemann, würde er durch die orthographische Korrektheit dieses Zyklus nicht auch ein grundsätzliches Thema ansprechen: Was das sein mag? Nun, es ließe sich an den fahrlässigen Umgang mit Sprache denken, an ihre emoticonhafte Kleinwerdung und Verknappung, an ihren Schwund im technischen Zeitalter der Abkürzungen, die in diesem Band (gewiss) auch (kritische) Verwendung finden. Es ließe sich weiterhin an die Sprache per se als ein Spiel zwischen Anpassung und Widerstand denken: Welche neuen Wörter, welche Anglizismen setzen sich durch, welche nicht? Welche Wörter werden vergessen, welche nicht? Und warum? / Alexandru Bulucz, faust-kultur

Tom Bresemann
arbeiten und wohnen im denkmal
Englisch Broschur, 86 Seiten
ISBN: 978-3-939557-58-6
Luxbooks, Wiesbaden 2014

One Comment on “46. Witz, Wut und Widerborstigkeit

  1. wer muss hier was gegenüber wem rechtfertigen, in welcher länge und wozu? reicht eine einmalige rechtfertigung, muss sie in jedem gedichtband als verpflichtendes vor- oder nachwort abgedruckt werden oder soll diese der einfachheit halber jedem einzelnen gedicht als vorabentschuldigung für die wahl stilistischer notwendigkeiten beigefügt werden? darf nur eine „technik“, die argumentativ nachvollziehbar gemacht wurde, dann auch im gedicht verwendet werden? und wer ist jener technokratische oligarch, der als instanz darüber befindet, ob ein stilmittel auch wirklich ausreichend argumentativ gerechtfertigt wurde?

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