47. Laudatio

André Schinkel

Von der Genauigkeit des Blicks. Laudatio auf Kerstin Hensel
aus Anlaß der Verleihung des Walter-Bauer-Preises der Städte
Merseburg und Leuna 2014

Und plötzlich aus der schwarzen Suppe
Kommt das Schöne mit einem Handkuß.

Kerstin Hensel

Liebe Kerstin, meine Damen und Herren,

es ist mir eine Ehre, Freude, ja, und auch eine Aufregung, heute, hier, an diesem schwangeren Ort, zu diesem besonderen Tag – wir haben gleichzeitig Bauer-Geburtstag, den 110. zumal – diese Rede zu halten. Es ist dies ein Platz, der Geschichte gemacht hat. Eingedenk des linienbandkeramischen Dorfes samt Erdwerk, an deren teilweiser Ausgrabung ich mir vor zwanzig Jahren die ersten Meriten als Archäologe erwarb, über das Kommen und Gehen von Kaisern, Köpfen und Tyrannen, den ersten Landtag von Preußisch-Sachsen und den Verfall des Ständehauses Ende des letzten Jahrhunderts bis zum Wiedererblühen des Oberaltenburg-Terrains, des Merseburger Domviertels schießen hier siebeneinhalb Jahrtausende zusammen. Es ist nicht falsch, dies miteinzubedenken, wenn wir an dieser Stelle stehn.

Walter Bauer hätte es gefreut, heute unter uns zu sein, und es wäre ihm eine berührte Rückkehr wert gewesen, in die Stadt seiner Geburt, den Landstrich, in dem er aufwuchs und zu dem Menschen wurde, über dessen Tugenden und Zerrissenheit wir heute eben auch mit jedem Satz sprechen. Bauer hat sich Zeit seines enttäuschten Fortgangs nach Kanada zurück nach der Landschaft seiner Herkunft gesehnt, dem aushäusigen Landstrich an der Sächsischen Saale, der sich in einen tollkühnen Spagat zwischen Moderne und Geschichte, Industrie und magischem Beinrenke-Schwur, Ringsage und abgehauener Hand durch das Geflacker der Ismen hangelte. Der Dichter selbst ist nicht an den Platz seines Ursprungs heimgekehrt, doch dafür wird heute hier sein Werk bewahrt, gesammelt, bereitgehalten; und so ist er nun in den späten Stand einer ihm gebührenden Ehre gesetzt.

Unter den Literaturpreisen des Landes Sachsen-Anhalt hat der Walter-Bauer-Preis mit seiner nunmehr elften Vergabe die längste Tradition, er vereint zugleich die meisten Preisträger, nun bald dreizehn, und gibt in seinem auszeichnenden wie den Namensgeber ehrenden Doppelcharakter ein gutes Signal: in diesen nun wieder auf Radau und menschlichen Hackepeter ausgerichteten Tagen zeigt er nicht zuletzt unseren Willen, uns unter der Flagge der Aufklärung weiter zu verständigen. Das wollen wir also auch heute tun: es ist ganz im Sinne Bauers und, glaube ich, der Stifter der Auszeichnung sowie derer, die für seinen nun zwanzig Jahre währenden Bestand eintreten. Wir setzen heute diese nicht allein schöne, sondern eben auch wichtige Conclusio fort, indem wir der Kette der Geehrten einen würdigen, beglückenden Ring hinzufügen, wenn wir in Kürze Kerstin Hensel in die illustre Gesellung der Walter-Bauer-Preisträger aufnehmen.

Waren wir vor zwei Jahren – ich erinnere mich gut – in der (und das meine ich ernst!) lieblichen Garten- und Geflackergebirgestadt Leuna zu Gast, sind wir heute in der Kaiser-, Raben- und Zauberspruchmetropole, im Zentromer des Saal-, nein, des Saalekreises, zusammengekommen, um eine Autorin zu ehren, die die Forderungen des „Dichter“-Berufs (der ja an sich ein Ehrenbegriff ist, kein Berufsname) vollkommen erfüllt, sprich, in jeder Gattung nicht nur auf Tuchnähe unterwegs, sondern viel mehr als das, nämlich rundum und in kühler, sicherer Brillanz beheimatet ist.

Und das ist beileibe nicht die einzige Gemeinsamkeit Kerstin Hensels mit Bauer. Wie bei Walter Bauer war bei ihr eine solche Entwicklung womöglich zunächst nicht abzusehen, aber letztlich unabdingbar. Wie er ist auch sie in ihren Erzählungen, Novellen und der schönen Phalanx Romane, die einen geradezu ins windungsreiche Leben hineinreißen, an den Bewerkstelligungen der Menschen interessiert, deren Sorgen eben nicht mit dem Gold der Luxusprobleme beflittert sind. Beiden eignet zudem die heftige Hingabe an das Gedicht, das in schweren Zeiten die Königsgattung der Literatur zu stellen hat. Und schließlich ist beiden nicht zuletzt auf anderen als geradlinigen Wegen die Lehre ebendieser angelegen: Walter Bauer als spätem Literaturprofessor im kanadischen Exil, Kerstin Hensel bei der Bekleidung der legendären Professur für Deutsche Verssprache und Diktion an der legendären Schauspiel-Hochschule „Ernst Busch“, dem Lehrstuhl, den sie in der Nachfolge ihres legendären Lehrmeisters Karl Mickel übernahm.

Die Poesie, das erfahren wir im ersten Teil ihres jüngsten Buchs, hat Kerstin Hensel womöglich frühzeitig das Leben gerettet – ohne Lieder und Gedichte wäre das Kind, 1961 im als Karl-Marx-Stadt verkleideten Chemnitz, also im inhäusigen Sachsen, geboren, vielleicht verhungert. „Als Kleinkind war ich eine schlechte Esserin. Meine Mutter entdeckte“, so wird im Eröffnungs-Aufsatz „Zündungen“ berichtet, „daß ich, wenn sie mir ein Lied vorsang oder ein Gedicht aufsagte, den Mund öffnete und mich problemlos füttern ließ. Bald wollte ich ohne die mütterlichen Darbietungen keinen Bissen mehr zu mir nehmen. Reim und Rhythmus wurden zum Grundbedürfnis für mich …“ Von diesem Punkt gibt es eine geradezu ungeheuerliche Entwicklung zu betrachten, sie reicht vom abenteuerlichen Lesenlernen vor der Zeit, einer skurrilen Erstlektüre bis zur frühen Abfuhr bei der „Poetensprechstunde“ der „Jungen Welt“ und dem guten Rat, es bei einem Zirkel Schreibender Arbeiter zu versuchen. Das sollte nicht der schlechteste Tip sein, öffnete sich doch dadurch die Welt der Literatur und Musik auf neue Weise.

„Im Zirkel Schreibender Arbeiter erfuhr ich meine poetische Zündung. Mit dem Sehen und Lesen lernte ich: Zuhören, Kritisieren, Kritik einstecken, Diskutieren, Spotten. Ich übte poetisches Handwerk und vor allem: bewußtes Leben. Schreiben wurde für mich Rettung vor dem Wahnsinn des Alltags.“ Und: „Nicht weil ich, die ‚schreibende Krankenschwester‘, Schriftstellerin oder gar Dichterin werden wollte, sondern weil ich frech, neugierig und abenteuerlustig war, bewarb ich mich am Literaturinstitut ‚Johannes R. Becher‘ in Leipzig.“ Soweit Kerstin Hensel in ihrem Band „Das verspielte Papier“, der wohl abgeklärtesten und lesenswertesten Poetik dieser Tage, die von einigen Bröckelzählern und Wortzerkrümlern des Literaturbetriebs nicht unwidersprochen geblieben ist. Wohl dem, will man da sagen, der Widerspruch erntet. Denn er hat dem Wahnsinn des Alltags, der ja – alles andere als das – nicht kleiner geworden ist, etwas entgegenzusetzen.

Dem Institut, dem die Ausbildung und Tätigkeit als Krankenschwester vorausgeht, folgt die freie Aspirantur beim gestrengen Mickel. 1988 erscheint ihre erste größere Veröffentlichung, der Gedichtband „Stilleben mit Zukunft“ im Mitteldeutschen Verlag; bereits 1989 setzt Kerstin Hensel mit der fulminanten Erzählsammlung „Hallimasch“ nach – einem Buch, in dem sie, unbekümmert und jenseits aller Performance-Drücke alle möglichen Werkzeuge, die ihr zur Verfügung stehen, in elf Versuchsanordnungen, eine aufregender als die andere, einmal vorzeigt und damit letztlich – eine gigantische Performance liefert. Dieses Buch, es ist von einigen wundervollen Stichen Karl-Georg Hirschs zusätzlich durchgeschüttelt, treibt mich immer noch um. Es ist die buchgewordene Hoffnung für mich, mit meinen prosaischen Fragmentwüsten doch noch irgendwann zurande zu kommen.

Experimentell geht es da zu und sagenhaft, auf den Punkt und reichlich autark von irgendwelchen Vorgaben, wie entwickelte Prosa in einer, ach, entwickelten Gesellschaft auszusehen hätte. Aber hören Sie selbst: „Sie sieht was ihr auserwählt wurde stumm und zweifelnd sieht sie unfähig zu empfinden was der Vater ihr zugedacht hat an Glück ja womöglich soll es Glück sein nach Erfüllung drängend in diesem Zeitalter der Schöpfung Glück heißt zwei Menschen zu stellen gegenüberzustellen für einen Zweck Glück heißt es so einzurichten daß man sieht einen fruchttragenden Baum eine weiche Schlafstatt ein Paar Mann und Weib Glück heißt was sie sieht so stumm und niedergeschlagen anzunehmen und erstmals sagt Lilit nehm ich an und sie schickt dem Vater Dank und es quält ihre Augen die sie gen Himmel richtet und sofort danach wieder auf ihn den auserwählten der flüsternd und feierlich vor ihr steht ein Jüngling und flüsternd sagt Lilit Lilit Lilit und begehrlich und mit weichen bartlosen Lippen und / sie sieht was ihr auserwählt wurde als ob sie nichts wahrnimmt eiskalt fühlt sie ihr Gesicht und ihren bloßen Körper den sie immer bewegte in der Sonne …“

Daneben herzrumpelnde Geschichten, ein saurer Geruch nach Plagwitz, fast schon klassisches Terrain, gutes Essen und eine Ritterin Rosel, daß einem ganz – ich zitiere noch einmal, denn so endet der Band – ganz „hoppaldei“ wird. Aber kein Bezug auf eine höhere Verordnung von Erzählglück von erlauchterer Stelle. In diesem ersten großen Wurf unserer heutigen Heldin des Abends, meine Damen und Herren, tritt bereits vollständig die vollkommene und in ihrer Wortkraft und Diktion völlig eigenständige Kerstin Hensel auf, deren Werk sich von hier aus in weitere Gedichte, Erzählungen, in Romane, Hörspiele, Stücke, Filme, Libretti, Aufsätze, Denkzettel und Kinderbücher verzweigt – ein glaziales Brett mit fünfzig Posten, mitten in das beflissene Zeitgeräusch um den Jahrhundertbruch gelegt.

Diese besondere, zupackende Sprache ist es, die einen von Anfang an erwischt. Kerstin Hensel treibt sie in der Myriade nachfolgender Prosabücher, in der kleinen Stinopel-Epopöe „Im Schlauch“, in „Neunerlei“, der Novellen-Triole „Federspiel“, vor allem in der Romankette „Auditorium panopticum“, „Gipshut“, „Im Spinnhaus“, „Falscher Hase“ und „Lärchenau“ noch mehrmals auf ein ungeahntes Niveau. In ihnen ist von oft seltsamen Heldengestalten die Rede, die ihren bedrohten, gefährdeten, angeknickten Alltag mit Herzwärme, oder -kälte, und manch burschikosem Spruch ableisten; Gestalten, die Walter Bauer gefallen hätten, weil er sie im Leuna-Werk oder beim Hemdenwechseln (der Verwandlung des Arbeiters zum Sonntagsmenschen) ebenso hätte antreffen können und sie, auf seine Weise, beschrieben hätte.

Stinopel also, gut an der greisen und das Regenwasser nicht abhaltenden St.-Petri-Kirche als das nischelbeparkte Karl-Marx-Stadt erkennbar, erweist sich als der undurchbrechbare Kreis einer Stadt, in dem die Ausbüx-Versuche der Protagonistin an einer vernagelten Haustür enden. Ja, in „Im Schlauch“ muß ausgerissen werden mit sechzehn und in der gleichsam benamsten Kneipe ordentlich getrunken, daß beinahe, um ein Haar, alles, was hinter den Kulissen wummert, herauskommt und ein großer Show-down zu erwarten wäre, der aber, ganz zur Enttäuschung unserer Heldin, ausbleibt.

Vorerst ist also nix mit fein in den Abrißhäusern hocken. Ein Aufbruch mit Hindernissen: Im Schlauch einer erträumten Anderswelt, gehandicapt mit einer Familiengeschichte, die sich im Genossen Vater, der gehörnten Anneros, dem Hänflingsbruder Aljoscha schwer und auch ein bissel irr spiegelt – einer solchen Welt zu entrinnen, fordert Heldentum, schon den Gedanken daran zu fassen, braucht Mut. Aber es geht nicht anders. Zu trübe sind die Aussichten in Stinopel, in dem nicht nur die Kirche vor sich hinfault – auch das Theater am Platz hat sie mit ihrer Fäulnis schon angesteckt. Letztlich verblubbert der Ausbruch, so mutig er war: „Am dritten Tag nach ihrem sechzehnten Geburtstag ging Natalie an Vaters Seite. Dort war Platz, auf ihren Schultern thronte Aljoscha. […] Ja Ballerina! sang Semmelweis-Märrie, das nasse blaue Hemd von Siegfried Kulisch, ein sanftes Rinnsal Schweiß, gut aufgehoben der Stinopeler Himmel, Licht, einhundert Watt Sonne, KOMMST DU MIT? fragte Transportschutzbeamter Paffrath, JA!, ein Wagen der Städtischen Müllabfuhr rumpelte, fuhr querdurch, die Reihen platzten, Stinopel hielt den Atem an, Aljoscha gab die Sporen, dann schloß sich alles wieder, atmete aus, und nur am Abend, ganz im Innern der Stadt, schlug leise bellend ein Greis an.“

Eine verlorene Landschaft, will man meinen, etwas mit Staub behangen und vor allem mit einer geradeausen Ironie, ja, stoischen Selbst-Ironie zu ertragen. Gleichzeitig ist das eine der am dichtesten besiedelten Gegenden in ganz Mitteldeutschland. Es wohnt ihr eine Kraft inne, die eine Reihe Dichter und Musiker hervorgebracht hat. Nicht nur durch Hermlin ist der Kaßberg eine feste literarische Größe geworden, auch Kerstin Hensel hat auf ihm gelebt. Von hier aus zieht die Autorin einen Kreis, der bis ins Erzgebirgische, nach Leipzig, in die mitteldeutschen Zentralgebiete, über die anhaltinisch-flämische Lautverwischung (siehe „Lärchenau“) bis ins Märkische reicht und letztendlich in die Künstler- und Weltverheißung Berlin.

Gleichsam bin ich überzeugt, daß die Kraft, auch die Genauigkeit des Blicks und seine elementar unerschrockene Handhabung wenigstens partiell auch der Herkunft entnommen ist. Sachsen ist, wie wir wissen, ein guter Umweg in die Welt. In der Folge veröffentlicht Kerstin Hensel eine Vielzahl Bücher, es gibt eine Zeit der Hinneigung zur Erzählung, einen kleinen Roman-Furor nach der Jahrtausendwende und das große Grundbeharren auf dem Gedicht; dazu kommen Features und Feuilletons, Publikationen zum Zeitgewitter. Den Filmprojekten und Hörspielen des Anfangs folgen Stücke und die Kinderbücher „Scholli Ochsenfrosch“ sowie „Der Bauer schiebt den Trecker“. Dem schnörkellosen Glanz des Werks wird bereits früh mit Auszeichnungen und Ehrungen begegnet: der Anna-Seghers-Preis ist darunter, auf dieser Seite des Millenniums der Ida-Dehmel-Preis, der Stahl-Literaturpreis. 2005 erfolgt die Zuwahl in die Sächsische, 2012 in die Berliner Akademie der Künste.

Auch taucht recht früh eine Dichterschaft an der Seite von Kerstin Hensel auf, die sich in die sprachwuchtige, unbeirrbare junge Dichterin, die „schreibende Krankenschwester“ nicht zuletzt ein bissel verkuckt und wohl auch mit begeisterter Schnappatmung diesem Vorwärtstreiben eines umfassenden und, das muß man sagen, bis dahin so ungehörten Werks folgt. Kerstin Hensel ist, das darf man behaupten, das jüngste Mitglied der Sächsischen oder besser Mitteldeutschen Dichterschule, einer wenn auch lose postulierten Autorengemeinschaft, der es um viel mehr geht oder ging als dem Zeitgeist ein lyrisches Klammerchen anzuheften. Das allumfassende Hensel-Werk rührt wohl nicht allein aus der reichlichen Gabe und dem Drang dazu, sondern nicht zuletzt auch aus dem Begreifen und Anwenden eines allumfassenden Werkideals. Der gestrenge Mickel grummelt am Horizont und entpuppt sich als wichtigster Lehrer, eine gute Reihe Lyriker nimmt in der Nähe Platz, teils eine ganze Generation älter, was, so vermute ich, wiederum auf die Einzigartigkeit von Kerstin Hensel innerhalb ihrer Generation verweist.

Und: die Zusammenarbeit mit dem großen Holzstecher Karl-Georg Hirsch ist zu nennen, deren gegenseitige Anstachelung für die schönsten, weil bibliophilen, und subtilsten Flugblätter der DDR sorgte. Die langjährige Dichter- und Lebensgemeinschaft mit Rolf Haufs. Volker Braun. Allen eigen ist die Faszination, die Achtung vor der Linie, die in diesem Werk gezogen ist. Das Faszinosum führt Kerstin Hensel ab 1993 in andere Verlage, nach Intermezzi bei Suhrkamp und Kiepenheuer erscheint der Hauptteil ihrer Bücher bei Luchterhand. In der Bibliothek des Mitteldeutschen Verlags, der mir nach dreimaliger Häutung mit Lektoratsaufträgen einen Teil meines Fortlebens ermöglicht, blättere ich oft in den vier Hensel-Bänden, die dort in den Jahrgängen 1987 bis 1993 eingestellt sind. Daß es dort nicht mehr Bände wurden, ist den Zeitbrüchen und mehr noch der hintergründigen Beflitterung dieser Zeitbrüche zu verdanken. Zuletzt erschien neben dem „Verspielten Papier“ ein geradezu empörend frisches Bündel Gedichte und Denkzettel, „Das gefallene Fest“, in der Lyrikreihe des Leipziger Poetenladen-Verlags.

Diese gedimmten Aufbrüche, ich sagte es, sind es, die für das Hensel’sche Erzählwerk symptomatisch sind. In „Lärchenau“ geht das am Ende nicht gut aus, in den drei mitreißenden wie hochgradig berührenden Frauennovellen des „Federspiels“, die 2012 erschienen, sind eben die Frauen und/oder heranwachsenden Frauen die Treibkräfte dieses Aufbegehrens. Auch der Name Paffrath wird uns nochmal begegnen, in „Falscher Hase“, dem mittleren der 2000er Romane, in Pankow dann und dort in Gestalt eines doppelten Schlawiners, dessen Schlawinertum allerdings finster und alles andere als lustig ist: ist doch der eine als Steigbügelputzer der größten Katastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts gemarkt und verheddert sich der andere der Liebe wegen in gleich mehreren Abgründen und legt schließlich, Sohn eines Brandmeisters, Feuer. Mit „Im Spinnhaus“ hingegen liefert Kerstin Hensel so etwas wie einen Heimatroman, es gibt es einen gewaltigen Umzug durch die Zeiten zu bewundern – hier kommen die kleinen Helden der Jahrzehnte zu Wort, die „fasernhustenden“ Arbeiter mit ihren Sippen, deren Schicksalshauch über das Wegbrechen des Textilrauschs hinweg Mahnung und Bestand hat. „Aus dem Spinnhaus kann nichts Gutes kommen“, ist die stehende Quintessenz dieses selbst wie fein gewebten, behutsam, aber eben nicht wortscheu ziselierten Buches, das im besten Sinne als eine schrullig-ernste südwestsächsische Sozialgeschichte gelesen werden kann.

Ein weiterer Kern dieses Werks, wenn nicht sogar der eigentliche, sind für mich die Gedichtbände von Kerstin Hensel. Ich habe mir die Lyrik bis hierher vom Munde abgespart. „Ich lebe im Wahn sprechen zu können“, steht dort und: „Meine Zunge verholzt“. Die Gedichte Kerstin Hensels sind konzentriertester Ausdruck, selbst wenn sie einmal in einer Pointe ausgehn. Jedes Wort in ihnen muß gemessen werden. Angesichts des Labertaschenjahrhunderts samt Aussicht auf Kopfverlust, in das wir münden, sind das ungewöhnliche Forderungen. Die Lyrik, die selbst in ihrem konkretesten Beispiel, solange es ihrem Verfasser noch um etwas geht, einen magischen Restkrümel enthält, ist die – wenn man diesen Begriff für Literatur verwenden mag – unzeitgemäßeste Gattung der Dichtung. Das war sie immer, nicht zuletzt, weil sie auch über der Zeit steht. Von den Jahren, in denen sie entsteht, kündet sie überdies, darum muß sie sich nicht groß bemühen. So ist sie Bestandsaufnahme und arbeitet am Lustzweifel an der Ewigkeit zugleich.

Noch der heiligste Krempel taugt
Zum Verfeuern. Weg die Girlanden der Gebete,
Die postdramatischen Schnitt-
Muster! Weg die gelifteten Synapsen!
Das Kälbergold! Die brillanten Provider!
Das ausgekippte Aktienpaket – auf den Müll! Alles
Herrlich, alles umsonst. Seltene Erden
Kleben an meinen Sohlen. Sie strahlen
Daß ich was bin
Aber was und warum geht mir das Herz
In die Knie

Diese Verheiß…tröstung, denn wo
Das Herz ist mein Schatz
Matthäus Sechs Punkt zwoeins
Et cetera ach et cetera

Sollte ich nach mir noch einmal
Zurück auf die Erde geraten
Wünschte ich zu gedeihen in Wasser und Sand
Achtfüßig, weißblütig, winzig, tauglich
Für Feuer und Frost, Zucker und Salz,
Ein total toleranter Algenfresser, der, sich häutend,
Den Tod überlebt, starr
Vor gutem Willen, weltweit beliebt: ein Bärtierchen mit dem Geist
Eines Bärtierchens.

So sei es. Wo denn
Ist mein Herz

So sei es. Erschrecken Sie nicht, meine Damen und Herren, das Bärtierchen ist der lyrische Hauptmoment dieses Textes, denn es trägt die Ewigkeit durch beherztes Überwintern genauso in sich wie den Wunsch, all der vorgeblichen Sorge zu entkommen, die uns an den Kopf brandet. Dieser Wunsch, er ist auch unter den Sehern alt, aber dort ist er leider unerfüllbar. Es bleibt nichts übrig, als nach seinem Herzen zu suchen im Wust, während das Tierchen durch die Äonen schlendert und sich, weißblütig, schlicht keine Platte macht. Einen Satz von Marcel Reich-Ranicki, dem Kerstin Hensel auch interessant und telefirm zu begegnen wußte, variierend, der so hieße: „Leben, Liebe und Tod sind alles, worum es geht: alles andere ist Mumpitz“, müßte man für das Bärtier weiter logarithmieren: „Leben – alles andere ist Mumpitz“, und wer wünscht sich das nicht, frage ich Sie?!

Eine andere Gabe ist es, das Nebeneinander von Ablehnung und Lockung, zum Spirituellen etwa, in eins zu bringen. Die Not mit den Gebeten, die nun weg sollen, gedreht um den Augenblick, da ein Hergelaufener wie Bach, der besser Ozean hieße, die Gardine fortreißt und ein göttlicher Moment, nur durch Musik erzeugt, heranschwebt. Oder die Callas. Oder eben „Comfortably Numb“, das zweite Solo. Dem Bärtierchen ist das egal, uns wird es immer beschäftigen. Wir müssen deshalb auf unser Herz aufpassen. Auch bei begrenzter Aussicht. Und träumen, einst ein Bärtierchen zu sein.

Aber in den seltensten Fällen sind Kerstin Hensels Gedichte Spielformen, nahezu immer sind sie sofort auf den Punkt gedreht, um den es geht. Der Punkt ist das Stichwort dieser Texte. Von der Befreiung ins eigene Sprechen hat sie in ihrem Essay-Band „Das verspielte Papier“ berichtet, einem Prozeß, der über mehrere Stufen und sogar, wenn ich richtig gelesen habe, eine Zurücknahme vonstattenging. In „Das gefallene Fest“ findet dieses Prozedere seinen jüngsten Ausdruck: hier treten der ungesenkte Blick, die Ironie, die Selbstbeobachtung, das Nicht-Davon-Lassen-Können, die skalpellscharfe Analyse in Versen und Denkzetteln auf. Den Band eröffnet folgender Text:

Erste Hoffnung

Die Hoffnung fährt schwarz
In der Stadtbahn im Überlandbus
Liegt sie auf der hintersten Bank
Hat alles bei sich was zum Leben
Sie braucht: ein Büßerhemd einen Stock auch Kreuze aller Couleur
Schwarz fährt die Hoffnung und weiß nicht
Wo steigt sie aus

Im Nachtdepot im Abgebrumm der Motoren
Blinzelt sie unkontrolliert und mit störrischen Fingern
Zeichnet sie in die Luft
Pläne, ermißt ihre Chance zu zahlen
Endlich morgen vielleicht

Ja, wo steigt die Hoffnung aus? Im Büßerhemd zumal, die früheste von allen? Und was ist das für eine Zeit, in die der Überlandbus davonfährt und den sie schwarz nutzen muß, ohne Aussicht, jemals regulär zu bezahlen? Wieder die ungeschönte, geradeause Rede. Für diese Sprache hat Kerstin Hensel viel Anerkennung erfahren, und ich bin froh darüber, daß wir an diesem Tag eine Dichterin feiern, die mit diesem unwirschen Blick und entschieden beherztem Furor eben gern den Finger in die Wunde dieser sich überkullernden und an ihren aufflackernden Nach-Ären herummumpelnden Zeit legt. Die das sowohl mit akupunktösen Stichen zu tun vermag wie auch mit dem verbalen Holzschnitt, in dem uns das Große und Ganze messerscharf und klar gerissen erscheint. Wir ehren Kerstin Hensel, meine Damen und Herren, weil sie uns ein Bild von diesen Jahren gibt, die man die unseren nennt und die sich dereinst in den Reigen all der anderen Jahre einsortieren; ein Bild, das wir so vielleicht gar nicht haben mögen, es ist eben leider nicht gartenzwergaffin oder lind beleuchtet, es geht in ihm gerade Grelles und Verunsicherndes vor. Davon sprechen diese Texte.

Und es ist darin zugleich eine Unterweisung enthalten, die nicht zuletzt mit der heute Auszuzeichnenden und ihrem Werk zu tun hat: in den Angelegenheiten unbeirrbar zu sein. Der Kasus knacktus unserer Zeit ist der einer barbarischen Beliebigkeit, die Barbarei hat all die anderen Beliebigkeiten aufgesaugt und zu einer gewagten globalen Beliebigkeit verkürzt. Auch das bringt der gefährliche wie gefährdete Beruf des Schreibers mit sich, daß man sich hüten soll, das Herze und den Leib für leichtes Geld zu verscherbeln und aber so oder so um beides zu bangen hat. Wie die Lyrik scheint der Beruf des Schriftstellers zuweilen aus der Zeit gefallen, und doch liegt ein Glanz auf ihm bis heute. Wir haben es mit der heute zu verhandelnden Zueignung mit einem ausgesprochenen Glücksfall zu tun – der Glanz dieses Werks, das uns Kerstin Hensel über einen Zeitraum von knapp drei Jahrzehnten vorlegte, hat für Ansehen und Erfolg gesorgt, er hat ins „Literarische Quartett“ und an die Schauspielschule, letztlich sogar nach Eisenhüttenstadt geführt. Die in dieser Weise einzigartige Art zu schreiben, sich eine unbedingte Selbstständigkeit im Ton zu erhalten, hat eine deutschlandweite und darüber hinausreichende Präsenz gezeitigt. Sie hat, wie es weiter in der Begründung der Jury heißt, „den Erfahrungen oft einfachster arbeitender Menschen aus dem Osten Deutschlands eine ganz unverkrampfte und starke Stimme in dennoch hoher literarischer Kunst gegeben.“ Das wie das Stellen der eigenen Gabe in den Dienst der Lehre und Ausbildung bildet die triftige Doppelanalogie zu Walter Bauer. Es ist zugleich, bei Bauer wie bei Kerstin Hensel, ein Sprechen über die, ein Verhandeln von Würde. Das ist, glaube ich, die wichtigste der Gemeinsamkeiten.

Liebe Kerstin, für den gewaltigen Kreis dieses Werks, in dessen doppelter Mitte die gelüfteten, nachleuchtenden Aussichtstürme von Chemnitz/Karl-Marx-Stadt/Stinopel und Berlin thronen, wirst Du heute mit dem Walter-Bauer-Preis der Städte Merseburg und Leuna geehrt, sei willkommen im Preisträgerkreis, in dem es Dichter wie Wolfgang Hilbig, Peter Gosse, Dieter Mucke oder Wilhelm Bartsch zu besichtigen gibt. Jeden in der Truppe, auch mich als deren Benjamin, freut oder freute diese Zuwahl – der Preis ehrt die Dichterin, die Ehre seiner Annahme fällt auf die Auszeichnung zurück … der Vergleich mit der Präambel, in der vom „unbändige[n] Verlangen nach Freiheit, Selbstständigkeit und Ungebundenheit“ die Rede ist wie von der „Botschaft der Menschlichkeit“, des Bekenntnisses zum, ja, und der Zumutung von Geist, erweist sich als tautologisch. Bauer hätte diese Begegnung, sei es in Toronto oder Merseburg, wie gesagt, gefreut.

Abschließend – was sagte unsere tragische Heldin, die Wind- und Eulengöttin, die Erstfrau Lilit, dazu? „Der Schmerz läßt noch einmal aufleben was geschehen war dann kommt der Rausch bitter und dumpf in ihr wohnend wie ein Geliebter Unterdes Eva und Adam sieht sie zwei schwitzende Körper am Tag Steinelesend auf dem Feld liebend zur Nacht mit Leben beköstigt Am Grabrand des Paradieses ist sie Adams erste Lilit nicht glücklich sie das Weib ohne Furcht das Weib mit der Angst allein zu sein mit dem Schrecken den sie verbreitet wer sie erblickt nun war sie nicht glücklich Und es quält ihre Augen die sie gen Himmel richtet Vater nimm mich zu dir und herab ruft sie Adam sieh auf aus dem Dreck den du gräbst!“ Es gibt eben doch keine gewaltigeren Gründe für die Dichtung denn Liebe und Tod. Indes: Mit Leben beköstigt sein, welch Traum! Und welch herber Flug der liebenden Sprache!

Sehen wir also für einen Abend, meine Damen und Herren, vom Grabrand unseres Paradieses auf und freuen uns an dieser Wahl. Und nimm, liebe Kerstin, meinen Glückwunsch und meine Verehrung entgegen, mein Staunen über diese feine Fügung und den Grad einer denkbaren Beseeltheit, trotz allem. Ich danke für die Aufmerksamkeit und Geduld.

Jena · Halle a. d. Saale · Merseburg, im November 2014.
André Schinkel, alle Rechte beim Autor.

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