61. Sonett aus Glas und Beton

Eine Prosaminiatur, präzise notiert, voller Komik, jedes Wort an seinem Platz. Allein schon die Bewegungen darin –  fliegen, füttern, öffnen, sammeln, stehen, gehen. Clemens Setz, dem Autor dieser leichten, phantastischen Zeilen, gelingt es, die Papageien, unsere buntgefiederten Sprachimitatoren, aus dem ihnen von uns Menschen zugedachten Käfig zu befreien.

(…)

Warum aber hat Setz, der Erzählkünstler, seine Prosa in Verse gebrochen? Und das nicht nur bei den Papageien? Und: Setz ist keineswegs allein. Dichter schreiben prosaische Texte nieder, klauen ihnen Punkt und Komma und vielleicht noch das ein oder andere, und dann brechen sie die Sätze scheinbar willkürlich in Zeilen auf, völlig unabhängig von Grammatik- oder Sinn-Einheiten. Man ahnt: das Öffnen der Sätze ins Ausgesparte hinein ist ein dichterisches  Wagnis.
In einem der letzten Gedichte des Bandes „Vogelstraußtrompete“ gibt Clemens Setz Hinweise, was dabei geschieht.

Ein Sonett, das ist ein vierzehnstöckiges
Bürogebäude aus Glas und Beton.
Und hie und da segelt durch ein eckiges
Fenster ein Flugzeug davon.

Die ästhetischen Setzungen des Gedichtes gleichen einem Gebäude aus Glas und Beton, mit 14 Stockwerken. Gerade diese stählerne Anlage aber ist in ihrer Geschlossenheit die Startbahn für ganz andere Dimensionen, für das Poetische, das hier als Flugobjekt gegen alle Realität durch alle Öffnungen davonsegeln kann. Doch leider gibt es in dem Band auch Gedichte, bei denen sich kein Flugobjekt einstellt, so oft man auch hinschaut.

Clemens J. Setz: Die Vogelstraußtrompete. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Berlin 2014, gebunden, 88 Seiten, 16 Euro

Der staatenlose, aus Palästina stammende, in Dänemark lebende Dichter Yahya Hassan (siehe unser Vorgeblättert) haut seinen Hörern seine Prosa um den Kopf. Um dies zu tun, setzt er seine Sätze in Verse. So festigt er sie. Jede Zeile ist ein Satz, oder ein Halbsatz. Hier bricht die Form kein Fenster auf unabhängig vom Sinn. Zeilenende ist Sinnunterbrechung. Jede Zeile eine Setzung. Keine Fenster, keine Balkone, keine Flugzeuge. Die Sätze sind beides in einem: Wutschrei und Hilferuf. Hassan schreibt an gegen die Gewalt im Innern der muslimischen Gemeinschaft, die ihm den Atem nimmt, und  gleichzeitig gegen die Dänen, die in ihm nur den potentiellen Kriminalstraftäter sehen.

Für sich genommen, als Ich-Äußerungen sind seine Texte eine Provokation („Ich bekriege Euch mit Worten, ihr werdet mit Feuer antworten“). Doch: hier spricht kein privates Ich. Zu Recht haben Yahya Hassans Texte einige Kritiker an die Wut in Allen Ginsbergs Langgedicht „Howl“ erinnert; und Heinrich Detering, des Dänischen mächtig, hat in der FAZ das Original kommentiert: erst aus der Spannung zwischen Schriftbild und Syntagmen ergebe sich, so sagt er, die suggestive Wirkung des Textes. „Der, der hier schreibt, und der, den Yahya Hassan sprechen lässt, erscheinen als zwei verschiedene Instanzen.“  Und dann wird Detering konkret: „Was immer der Sprecher an sexistischen und rassistischen Ressentiments, an Hass auf Israel und auf die eigene Herkunft fomuliert, wird vom Schreiber weder geteilt, noch verurteilt.“ Gerade durch die Abschottung der einzelnen Sätze im Zeilenbruch wird das Beschriebene begreifbar.

Yahya Hassan: Gedichte. Ullstein Verlag, Berlin 2014, gebunden, 176 Seiten, 16 Euro

/ Marie Luise Knott, Perlentaucher

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