115. zeit der redensarten

Denn dieses Buch ist ein Glücksfall. Ein Glücksfall wohlgemerkt für uns Leser, denn für das Gelingen solcher Texte ist sicher mehr als Glück nötig. 31 Prosatexte hat Igel in dem schmalen Band versammelt, „reminiszenzen, ausgelöst durch träume oder einen gedankengang“ nennt die Autorin sie selbst, kurze Texte, meist nur eine oder zwei Seiten lang (ein hübsches Detail dabei sind die am Ende der ungeraden Seiten gesetzten Reklamanten in längeren Texten). Wie häufig bei solchen Prosaminiaturen ist die Gattung schwer zu bestimmen: Narrative Passagen wechseln mit lyrischem Sprechen, die konsequente Kleinschreibung (außer am Satzanfang) verleitet einmal mehr, die Texte (auch) als Gedichte zu lesen. Immer wieder werden die Texte auch in Zeit und Raum verortet (die sechziger, siebziger, achtziger Jahre werden erwähnt, Städte, Straßennamen) und verführen dazu, Autobiographisches darin zu sehen.

Doch niemals belässt es Igel dabei, autobiographisches Erleben und Beobachten nur zu behaupten. Zu der Stimme des „Zeitgenossen“, die uns — wie in einem Tagebucheintrag — ein Geschehen vor Augen stellt („Unter den baldachinen der platanen eingangs der karl-liebknecht-straße in l“ oder „Ich erinnere mich, wie wir abkopierten, von der landkarte„) gesellt sich immer noch eine zweite, spätere, die das im „steinbruch des tagebuchs“ gefundene Material verarbeitet, weitertreibt und (man erlaube mir das Paradoxon) zugleich auffächert und verdichtet, wie etwa zu der Metamorphose des Schaffners im Nachtzug nach r. (Radebeul?) in „Nachtfahrten“.

Dabei lösen die beiden Stimmen sich nicht nur ab, sie umkreisen einander, verflechten sich immer wieder, fließen bisweilen ineinander, ohne dabei je ihre Individualität zu verlieren. Etwa in „Zwischen Nadelarbeiten und Nadelwäldern“:

Das Kind hat an die nadelarbeiten in der unterstufe denken müssen — Mit dickem faden, rot, blau, grün, gelb … strickte es mäandernde bänder, drang es mit der nadel durch das dickicht einer geschichte, deren erklärung erst jahre später folgen sollte, bemächtigte es sich ihrer zeichen, stickte sie ein in das linnen, das grau war und von grober struktur ...“.

Sprache ist eines der großen Themen dieses Bandes, das noch sprachlose Staunen (eines Kindes) über Redensarten als Anfang der Arbeit an der Sprache:

Nein, nicht einmal mit dem gedanken daran, eine frage zu formulieren, tastete sich das ich durch die zeit der redensarten, der ver oder beleumdungen — Der mund der straße schien niemals stillzustehen…“ (in „Zeit der Redensarten“). Wie im Dazwischen zwischen zwei Sprechern halten die Texte auch hier mit Leichtigkeit die Balance zwischen Sprachforschung und Sprachspiel, zwischen Staunen und Wissen:

‘Jedes Wort birgt einen widersinn in sich‘ notierte ich ins tagebuch, und der auslöser für diesen gedanken war, daß ich kurz zuvor das wort flußläufe gelesen und dabei die läufe eines tieres vor augen hatte …

/ Dirk Uwe Hansen, Signaturen

Jayne-Ann Igel: Umtriebe. Frankfurt/M (Gutleut Verlag) 2013, 60 Seiten, 11 Euro.

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