116. Die Poppsche Eule

Wenn ich Popp lesen höre, empfinde ich es so, dass er die einzelnen Takes so moduliert, dass man mitmerken kann, wie absurd der Fokus doch ist. »Das angewinkelte Knie auf dem Hochsitz schläft« funktioniert natürlich auch solo, aber mit der Richtungsvorgabe durch die Stimme weiß man leichter, dass hier keiner eleganz-unfähig durch die Literatur stakst. Man weiß dann schnell: Das geht hier clever vorbei an dem, was man Eigentlichkeit heißt.

Weil wir auch gar nicht wissen, was Eigentlichkeit ist, oder wie die Leeren unterhalb dieser nun rationalisierbar sind.

Also versuchsweise vom Gegenteil her operieren, zurecht kommen, vom Nicht-gleich-Sinnlichen, Nicht-gleich-Nahen: »Beton war Denken, eine Schule / massiv«. Und  »Kraneisen ragten noch Jahre aus ihnen, Rostohren / Angeln. Glaube an Konstruktion: Mein Bauabschnitt / Richter VII. Deiner, reduzierte Geschosshöhe / einer der Evangelisten. Tiefpunkt des Territoriums.« Das sind so Stellen für Entschlüsselungs-Connaisseure – auch wenn der Beton sich aus dem Band als friedliches Trauma aus einer Kindheit zwischen Plattenbau und Panzerstraßen lesen lässt.

Die Texte bleiben trotz des Hazardierens »irdisch«, selbst da, wo Popp den Pan anruft – mit großem Zuwendungs-O. Mindestens in »narrativ«, einer der sechs Abteilungen des Bandes, wo ein Archivalienwisperer die Feder führt.

Doch auch ihn leitet die Poppsche Eule, auch ihm eignet ein Eulen-nach-Athen-Raum, »Die Brust ein Eulenhag, mit Stille ausgestopft«. Die Eule ist der große dunkeleske Vogel dieser Dichtung, sie wird immer wieder aufgeführt: als Wampum, Totem, Wappentier. »Eulen / bedruckte Duschhaut, die am Körper klebt, Wasser«.

Aber das ist nur ein Touch dieser Gedichte.

/ Ron Winkler, Fixpoetry

Steffen Popp: Dickicht mit Reden und Augen. Gedichte. ISBN: 978-3-937445-54-0, 19,90 €, kookbooks, Berlin 2013.

4 Comments on “116. Die Poppsche Eule

  1. die rezension „Popp und Spiele …“, die ich einen tag nach ihrem erschienen bei FIXPOETRY las, hat mich zu einem cut-up inspiriert (argumente siehe dort). nur soviel: der manierismus der rezension wird im cut-up als kontrastmittel verwendet. wenn z. b. die präposition „über“ als verb gebraucht wird, sei das dem adjektiv „arg“ auch gestattet usw.

    EROS MIT SCHERE

    intended cut-up version

    Ich lag im Gras, den schalen Plot in Händen,
    und neben der Begehrten argt es mir:
    Was macht es, daß sich wer
    nach einer Schwerthülse verzehrt?

    Wer brächte sich nicht gern von einer Reise
    ein antiquiertes Souvenir herbei,
    wer möchte sich nicht selber gerne schlingen
    um heiße flirrende Kisten,
    in makellosen Klamotten, der-
    weil einem die Sonne aus dem Arsch scheint.

    Kaffee wird geboten, dazu ein Wasser aus der langen Leitung —
    aber das ist kein Kaffee, das ist ein Fake,
    gefühltes Gleiten im Selbst.

    Zuweilen hilft es, die Verklärung
    auf einen limbischen Nenner zu bringen,
    anstatt in internetter Laune
    Manierismen zu parieren,
    auf todsicher gefälschten Papieren
    mit dem Nimbusschlüssel zu fuchteln.

    Umnachtung mischt sich mit Salbungstendenz,
    und eine Drastik, die mit Fledermäusen fickt,
    schießt den rhetorischen Vogel ab.

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  2. Reblogged this on horstbellmer and commented:
    Also versuchsweise vom Gegenteil her operieren, zurecht kommen, vom Nicht-gleich-Sinnlichen, Nicht-gleich-Nahen: »Beton war Denken, eine Schule / massiv«. Und »Kraneisen ragten noch Jahre aus ihnen, Rostohren / Angeln. Glaube an Konstruktion: Mein Bauabschnitt / Richter VII. Deiner, reduzierte Geschosshöhe / einer der Evangelisten. Tiefpunkt des Territoriums.« Das sind so Stellen für Entschlüsselungs-Connaisseure – auch wenn der Beton sich aus dem Band als friedliches Trauma aus einer Kindheit zwischen Plattenbau und Panzerstraßen lesen lässt.

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