44. Freiheit

Ich fühlte mich an vielen Stellen peinlich an mich selbst erinnert. Das ist es nicht, was Knackis sich vom Knast erzählen, weil sie sich als Befreite in der Rückschau immer schon als Freie sehen. Aber das trifft es nicht. Nachdem die Ketten gesprengt sind, beginnt auch der langwierige Prozess der sprachlichen Befreiung. Zunächst war Freiheit uns formal gegeben worden, dann mussten wir sie Schritt für Schritt realisieren, und wahrscheinlich sind wir noch dabei. Wir haben uns aufgerichtet. Jetzt müssen wir uns dehnen und die Glieder ausschütteln.

Und was macht Kolbe?!  Er legt sich neue, diesmal formale Ketten an, und schreibt Sonette. Als hielte er die Freiheit nicht aus. Was dabei aber geschieht ist einzigartig, der äußere Zwang, die Macht der vierzehn Zeilen schafft innerhalb der Texte Luft, macht Räume auf. Souveränität.

 

Im letzten Gedicht des Bandes Das Buch heißt es

 

ich folge seinen Sätzen, die Augenlider schälen

                                   Schlag um Schlag den Blick,

und lege meine Hand auf jene Seite,

                                   die ich eben las, und so ist Lesen Leben.

/ Jan Kuhlbrodt, fixpoetry

 

Exklusivbeitrag

Uwe Kolbe: Lietzenlieder. Gedichte.  ISBN 978-3-10-040222-6,  € 16,99 Verlag S. Fischer Frankfurt am Main 2012.

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