6. „Who is me – Poete delle ceneri“

33 Prozesse musste er über sich ergehen lassen, wegen Blasphemie, Obszönität und Diffamierung. Gemeint war immer seine Homosexualität. Jedes Mal ging Pier Paolo Pasolini als ein anderer aus ihnen hervor: persönlich nicht unbedingt souveräner, nur desillusionierter, politisch nicht gelassener, nur verzweifelter – in seinen Büchern und Filmen aber von einer Energie getrieben, die aus der schönheitstrunkenen Weltfeier seiner frühen Jahre bald einen apokalyptischen Furor entwickelte.

In diesem Herbst scheint ihm eine weitere Auferstehung bevorzustehen: durch neue Bücher, eine vom Zürcher Museum Strauhof übernommene große Ausstellung – und ein reichhaltiges Rahmenprogramm…  Aber kann dieser Pasolini mehr sein als die Projektionsfigur einer Sehnsucht, die bereits vom Wissen zehrt, dass eine Figur wie er unmöglich geworden ist? Seine von keinem Funken Ironie illuminierte Radikalität würde sich selbst auf der Stelle unmöglich machen. Pasolinis heiliges Pathos – eine Lachnummer. Sein romantischer Kommunismus – eine museale Angelegenheit. Die Ausstellung ermöglicht aber ein eigenes Urteil. Sie verschlagwortet Pasolinis 1966 entstandenes autobiografisches Langgedicht „Who is me – Poete delle ceneri“ in thematischen Vitrinen – eine kompakte Einführung in Leben und Werk. …

Nicht minder gefährlich ist es, Pasolinis ungebrochene Bedeutung zu behaupten, wie es Christian Filips im Nachwort zu seiner virtuosen Übersetzung der „Friulanischen Gedichte“ unter dem Titel „Dunckler Enthusiasmo“ versucht. Im Einbruch der Kapitalmärkte die Erfüllung von Pasolinis düsteren Prophezeiungen und in den Piratenparteien gewissermaßen die Erneuerung der kommunistischen Idee zu sehen, ist nicht nur voreilig, es geht auch an der alles neutralisierenden Organisation unserer medialen Öffentlichkeit vorbei. …

Auch das „Schreibheft“ veröffentlicht bisher nie auf Deutsch erschienene Texte. Neben Pasolini-Gedichten aus 25 Jahren ist am aufschlussreichsten der Essay von Walter Siti, dem Herausgeber der 2003 in zehn Bänden erschienenen italienischen Werkausgabe. Er stellt Pasolini nicht nur als durchaus karrierebewussten Autor vor, sondern auch als unfassbaren Schlamper, der mit Zitaten und Begriffen nur so um sich warf, ohne sich ihrer versichert zu haben. Und als intellektuellen Bulimiker, der jedes auch nur bruchstückhaft angelesene Buch sofort verarbeitete.

Die Entschuldigung dafür steht in „Who is me“, jenem großen, Allen Ginsberg Tribut zollenden Poem, das wie jeder von Pasolinis Texten die Überschreitung der Literatur durch die Literatur propagiert: „Es gibt keine Poesie außer der realen Tat.“

/ Gregor Dotzauer, Tagesspiegel 18.9.


Literaturhaus, bis So 22.11., 5/3 €. Lange Nacht: Käthe-Kollwitz- Museum, Mi 30.9., 20 Uhr

Pier Paolo Pasolini – Wer ich bin. Ausstellung im Berliner Literaturhaus, Fasanenstraße 23, bis 22. November. Di, Mi, Fr 14-19 Uhr, Do 14-21 Uhr, Sa 11-21 Uhr, So 11-19 Uhr. Rahmenprogramm mit Lesungen, Filmen und Diskussionen im Haus, dem Käthe-Kollwitz-Museum und dem Kino Babylon Mitte. Infos: http://www.literaturhaus-berlin.de.

Schreibheft Nr. 73. Rigodon-Verlag, Essen 2009. 221 S., 12 €. Extra auf der Website http://www.schreibheft.de: Moshe Kahns Übersetzung von „Dichter der Asche“ (Who is me).

Pier Paolo Pasolini: Who is me. Aus dem Ital. von Peter Kammerer. Hochroth Verlag, Perleberg 2009. 34 S., 6 € (www.marcobeckendorf.de).

Pier Paolo Pasolini: Dunckler Enthusiasmo. Friulanische Gedichte. Übersetzt von Christian Filips. Urs Engeler Editor, Zürich 2009. 338 S., 28 €.

Pier Paolo Pasolini: Die lange Straße aus Sand. Aus dem Italienischen von Christine Gräbe u. Annette Kopetzki. Nachwort von Peter Kammerer. Edel, Hamburg 2009. 144 S., 38 €.

[Ab und an muß ich wohl anmerken, daß, wenn ich etwas hier zitiere, das nicht unbedingt meine Meinung ist. Selber denken! Und wer dann (!) was zu sagen hat: Kommentieren!]

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