schreibt Ezra Pound (The Independent ca. 3.12.03), aber Ossip Mandelstam [mit Majakowski, Jessenin, und und und] widerspricht:
Der Tod eines Künstlers … wirkt gleichsam als Quelle dieses Schaffens, als dessen teleologischer Grund“, schrieb Ossip Mandelstam 1916 nach dem Tod Skrjabins und formulierte damit den Mechanismus der Kanonisierung des Künstlers im kollektiven Gedächtnis der Nation. Ein Leben nach dem physischen Ableben gibt es nur, wenn man Klassiker wird. Die Zeilen Mandelstams wurden stets als Vorahnung des eigenen Schicksals oder als self-fulfilling prophecy gelesen. Tatsächlich war sein tragischer Lebensweg wie geschaffen für eine postume Mythologisierung. / FAZ 2.12.03
An den Thüringer Lyriker Walter Werner (der in DDR-Zeiten wohl zu Recht zu den wichtigen Autoren der „mittleren“ Generation gezählt wurde) erinnert eine Kurzbesprechung in der „Thüringer Allgemeinen“, ca. 2.12.03
Walter Werner: „Gewöhnliche Landschaft. Thüringische Gedichte“, quartus-Verlag, 8,90 Euro.
„Poet Personalities“ heisst eine neue Software, die dichten kann. Das Programm des amerikanischen KI-Propheten Ray Kurzweil kann Gedichte analysieren, dessen Stil lernen und ähnlich lautende Texte erzeugen. / news.ch 2.12.03
Download hier.
präsentierte das vierte Lyrik-Wochenende in Bern:
Während die ersten beiden dank ihrer Zugehörigkeit zur deutschsprachigen Minderheit Rumäniens hierzulande so heimisch wie geachtet sind, sprengte die in Bukarest lebende Autorin Nora Juga gänzlich unbekannte lyrische Tropfen ein. Sie schillerten surrealistisch, spiegelten die literarische Gegenwart grotesk verzerrt – und verwiesen in ihrer Fremdheit erst recht auf den Resonanzraum dieses wie des folgenden Lyrik- Abends. Denn nicht nur die abgründige Distanziertheit von Franz Hodjaks prosaischen Versen verdeutlichte sich im Kontrast, sondern auch die Nähe von Herta Müllers Gedicht-Collagen zur späten Tradition des rumänischen Surrealismus. Indem der Folgeabend dem rumänischen Dichter und Surrealisten Gellu Naum (1915-2003) gewidmet war, dessen eigenwilliges Werk Oskar Pastior und Herta Müller in einer Hommage lyrisch umspielten, weitete sich der Blick auf das so Nahe und doch so Ferne des rumänischen Literaturschaffens. / Sibylle Birrer, NZZ 1.12.03
Rumänisch kommt uns heute auch – offline of course – die FAZ. / 1.12.03 Karl-Markus Gauß bespricht Daniel Banulescus Buch:
Daniel Banulescu, Schrumpeln wirst du wirst eine exotische Frucht sein. Gedichte (rumänisch / deutsch)
Aus dem Rumänischen und mit einem Nachwort von Ernest Wichner
144 Seiten, 11 x 17 cm, tapeziert mit Schutzumschlag
Euro 12, SFR 20
ISBN 3-901118-51-9 / Reihe abrasch Nr. 5
edition per procura, Januar 2003.
Passend Perlentaucher: Post aus der Walachei (wenn auch lyrikfrei)
‚[Robert Lowell’s] poems are not easy reading for the average American, who knows no poetry, no history, no theology, and no Latin roots.‘
— Helen Vendler, The New Republic, 28 July 2003
‚I like reading poetry at night — a doctor I know claims that this is because „poetry is the only thing you can read when you’re drunk“.‘
— John Lanchester, The Sunday Times, 1 June 2003
– – – So zwei aus zahlreichen Statements über Poesie aus
Pickings and Choosings:
Recent Pronouncements on Poets and Poetry
Selected by Dennis O’Driscoll
Poetry Ireland Review
(Versammelt bei Poetry Daily)
Zum Thema auch Edward Hirsch´s Washington Post Kolumne Poet´s Choice vom 30.11.03:
Poiesis means „making“ and, as the ancient Greeks recognized, the poet is first and foremost a maker. The Greeks saw no contradiction between the truth that poetry is inspired and, simultaneously, an art (techne, a craft requiring a blend of talent, training and practice.
/ JEREMY EICHLER, NYT*) November 30, 2003 (über „Verklärte Nacht“, Text Richard Dehmel)
[Achtung: Extrem-Bildung!:]
Das eigenwillige Klangbild ist ein Hauptmerkmal der Dichtungen von Gerard Manley Hopkins (1844-1889). Weniger bekannt ist jedoch, dass es von den strengen Gesetzen walisischer Verskunst inspiriert und beeinflusst wurde. …
Wie stark die Lieblichkeit des hügeligen Clwyd Valley Hopkins gedrängt haben muss, sein Gelübde zu brechen und zur Dichtung zurückzukehren, kann man seinen Tagebucheintragungen aus jenen ersten Monaten in Wales entnehmen. Die lyrischen Naturbeschreibungen, zu denen ihn die walisische Landschaft beflügelt, fallen, obwohl in Prosa, durch betonte Rhythmisierung und Musikalität auf und nehmen bereits den «new rhythm» voraus, zu dem ihm die walisische Prosodie wichtige formale Impulse für seine späteren Sonette geben wird:
A lovely sunset of rosy juices and creams and combs; the combs I mean scattered floating bats or rafts or racks above, the creams, the strew and bed of the sunset, passing north and south or rather north only into grey marestail and brush along the horizon to the hills. …
Im klassischen cynghanedd groes werden alle Konsonanten der ersten Zeilenhälfte in der gleichen Ordnung in der zweiten Zeilenhälfte wiederholt. Ein absolut reines Beispiel dafür ist in Hopkins‘ Dichtung nicht gefunden worden, aber die Abweichungen bewegen sich im erlaubten Rahmen:
«Of the Yore-flood, of the year’s fall» («The Wreck of the Deutschland»): Die Konsonantenfolge ist f, th, y, f, l (d) / f, th, y, (s), f, l mit den zwei fremden Elementen d und s. …
Die Lautmalerei als Genuss, und dieser Genuss wiederum ein Mittel zur Gotteserfahrung; für den Jesuiten und Dichter Hopkins bedeuteten die Anwendung von cynghanedd und das Spielen mit seinen Variationen einen möglichen Weg aus dem Dilemma zwischen Askese und sinnlicher Freude am Wort als bedeutungstragendem Klang. / Alexandra Lavizzari, NZZ 29.11.03
Hier Hopkins´ Gedichte (mit Wortliste und Konkordanz!).
Vgl. auch das – ja – legendäre Doppelheft „Dichter als Übersetzer“ der Lyrikzeitschrift „Zwischen den Zeilen“, 7/8-1996 (Urs Engeler), in dem ein Gedicht Hopkins´ wahrhaft polylingual präsentiert wurde:
Gerald Manley Hopkins
Repeat that, repeat,
Cuckoo, bird, and open ear wells, heart springs, delightfully sweet,
With a ballad, with a ballad, a rebound
Off trundled timber and scoops of the hillside ground hollow hollow hollow ground:
The whole landscape flushes on a sudden at a sound.
(In ZdZ 7/8: Übersetzungen von Felix Philipp Ingold,
Oskar Pastior, Joachim Sartoruis, Raoul Schrott, Schuldt und Frederic C. Hosenkeel sowie eine Lektüre dieser Übersetzungen durch Hans-Jost Frey)
Außerdem in der Sonnabend- NZZ: Ein Gedicht des irakischen Lyrikers Saadi Yussuf: Schloß Helsingör.
NZZ vom 28.11.03 berichtet über die Sorgen der US-Zeitschrift „Poetry“ mit einer großen Geldspende (Lyrikzeitung 10/2003 u. öfter) – – – In der gleichen Ausgabe ein Verriß des Films „Poem“ („ein kopflastiges und im schlechtesten Sinne typisch deutsches Kinowerk“) – – – In der FAZ vom 28.11.03 feiert Marcel Reich-Ranicki (s)eine Großtat: Die Frankfurter Anthologie erreicht am 29.11.03 stolze 1500. (Da stellt der Meister selbst ein weniger bekanntes Goethegedicht vor.) Natürlich nur dem zahlenden Leser – die Zeitung von Format, hinter der immer ein kluger Kopf Gedichte liest, schätzt Gedichte viel zu sehr, um sie dem schmarotzenden Internet-Publikum vorzuwerfen.
Gute Nacht Umwelt.
Ich geh schlafen.
(Irgendein Zitat)
„Der zweite Vorschlag betrifft die deutsch-jüdische Symbiose in ihrer Auswirkung auf markante Persönlichkeiten. Diese ist eines der merkwürdigsten historischen Phänomene. Die innere Problematik der daran beteiligten Menschen, das Verhältnis zwischen Deutschtum und Judentum, mit dem diese Menschen nicht zu Rande kamen, sollte Aufgabe einer Behandlung sein.
Beispiele dieser Problematik sind in einer höchst bemerkenswerten Weise in der deutschen Literatur zu finden. Es würde sich nun darum handeln, an einer Reihe von Beispielen verschiedener Art darzustellen, worum es hier ging. Dies könnte z.B. an Figuren wie Rudolf Borchardt, Jakob Wassermann, Karl Wolfskehl, Karl Kraus, Friedrich Gundolf, Peter Altenburg, Samuel Lublinski geschehen.“ Mit diesen Worten umriss Martin Buber am 8. April 1959 die künftigen Forschungsaufgaben des Londoner Leo Baeck Institutes.
Für die meisten der genannten Persönlichkeiten steht nicht nur die von Buber angeregte Forschungsarbeit noch aus. Hingegen lässt sich im Falle Rudolf Borchardts in den vergangenen zehn Jahren ein erhöhtes Interesse an seinem Leben und Werk wahrnehmen. …
Der studierte Altphilologie ist Präzisionsfanatiker, doch bei weitem nicht alle seine Werke profitieren davon. Oftmals kommen seine Gedichte in allzu klassischem Gewand daher, so, als könnten sie den Furor des Autors für den Moment bändigen. Vieles wird dabei zur Geste. Auch von davon schreibt Kissler, dessen unaufgeregter Stil eine ebenso eigentümliche wie genaue Distanz zu seinem Gegenstand hält. Anders als Borchardt, der immer wieder Synthesen schaffen möchte, wo die Realität längst ihr Veto eingelegt hat, achtet der Interpret sehr genau auf die Falle der falschen Identifikation. / hagalil.com 28-11-03
Alexander Kissler:
‚Wo bin ich denn behaust?‘ Rudolf Borchardt und die Erfindung des Ichs
Wallstein Verlag 2003
Euro 34,00
Es ist also bezeichnend, an welchen wunden Punkten das Bennfieber im Jahr 2003 ausbricht. Sein Kokaingenuss, seine Berliner Nachtcafé- Besuche locken offenbar keinen aktuellen Popliteraten hinter das Notebook. Benns Konflikte mit den deutschen Exilanten, sein 12-jähriges erzwungenes Schweigen, die notorischen Frauengeschichten – all das scheint, zumal in den Zeiten der Veräußerlichung des Künstlers zum biographischen Schauobjekt, keinen Anstoß zu kreativer Unruhe gegeben zu haben. Sodass es, wo dann doch einmal Else Lasker-Schüler durchs Bild stiefelt, fast schon ein bisschen billig wirkt. Es ist vielmehr die Substanz des Bennschen Werks, die zur kreativen Reibungsfläche geworden ist. Mit ernsthafter Hingabe haben sie sich in einigen exzellenten Beiträgen thematischen Aspekten, sprachlichen Besonderheiten oder Wirkungsprozessen in Benns Werk gewidmet, wobei sich neben den theoretischen Annäherungen auch ein Gedichtzyklus, kurze Prosatexte und eine lose Szenenfolge finden. / Sabine Franke, FR 26.11.03
Gottfried Benn, Sämtliche Werke. Stuttgarter Ausgabe. In Verbindung mit Ilse Benn herausgegeben von Gerhard Schuster (Bände I-V) und Holger Hof (Bände VI und VII). Stuttgart 1986 bis 2003. Band VII1: Szenen und andere Schriften. Band VII2: Nachlass und Register. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2003, jeweils 685 Seiten, zus. 70 Euro (bis 1.1.2004).
Jan Bürger (Hrsg.), Ich bin nicht innerlich. Annäherungen an Gottfried Benn. Mit Beiträgen von Ulrike Draesner, Anna Katharina Hahn, Ulf Stolterfoht, Michael Stauffer, Christophe Marchand-Kiss, Alban Nikolai Herbst, Norbert Hummelt, Sandra Hoffmann, Daniel Kehlmann, Zehra Çirak, Sabine Scho, Henning Ahrens, Florian Illies, Juri Andruchowytsch und Gottfried Benn. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2003. 235 Seiten, 15 Euro.
Joachim Dyck, Hoger Hof, Peter Krause (Hrsg.), Benn-Jahrbuch. Band 1, 2003, 240 Seiten, 10 Abb., 24 Euro.
Für seinen im Suhrkamp-Verlag erschienenen Gedichtband „vierzig kilometer nacht“ erhält Lutz Seiler den mit 15 500 Euro dotierten Bremer Literaturpreis 2004 der Rudolf-Alexander-Schröder-Stiftung. Der in Gera (Thüringen) geborene und bei Berlin lebende Seiler halte in einem sehr eigenen Ton und in Bildern von großer Eindringlichkeit die Erinnerung an seine Kindheit in der DDR und die Erfahrung der Nachwendezeit fest. dpa 24.11.03
In Rolf Schneiders Berliner Anthologie am 23.11.03: Karin Kiwus, Dutschke was here. Das Gedicht beginnt so:
Wie die Geschichte so
weitergeht wenn der Volkszorn
arbeitslos durch die Straßen streunt
wie ein Hund der keinen Baum findet
an der Haltestelle vor der zuschnappenden Tür
eben noch in den Bus wischt den Schaffner anpinkelt
einer Hausfrau in ihre Einkaufstasche springt
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