In dem viel gescholtenen Büchlein, in dem Wolf Biermann Bob Dylans Poem Eleven outlined epitaphs übersetzt hat, erzählt der wegen seiner demonstrativen Eitelkeit geschmähte Biermann die Geschichte, wie ihm die schöne Deborah die Sache mit dem Loon erklärt. Der Loon, eine bessere Ente, ist das Wappentier von Minnesota, jener Bundesstaat der USA, den Bob Dylan als junger Mann frühzeitig in Richtung New York verlassen hatte. Jedes Jahr, so berichtet Deborah dem Biermann, gebe es in Minnesota einen Loon-Wettstreit, in dem derjenige prämiert wird, der das Vogeltier am besten imitieren kann. Wenn man sich fragt, was der Mann Dylan mit seiner Stimme eigentlich alles so anstellt, so könnte man mutmaßen, dass die neverending tour, auf der sich Dylan nun schon seit Jahrzehnten befindet, nichts weiter ist als die Suche nach einem immerwährenden Sieg im Loon-Wettbewerb. Für diesen Hinweis hätte das kleine Biermann-Bändchen ein wenig mehr Respekt verdient. / Harry Nutt, FR 8.11.03 (Sieben Versuche, ein Bob-Dylan-Konzert zu beschreiben)
Vgl. auch Die Welt 8.11.03
Es ist nicht verwunderlich, daß sich Bob Dylan nach ihm benannte und daß unter anderem John Cale seine Gedichte vertonte. Es ist vielmehr verwunderlich, daß sich nicht mehr Musiker getraut haben, das zu tun. Dylan Thomas’ Gedichte packen einen zuerst durch ihren Rhythmus und Klang. Zum einen mag das daran liegen, daß Dylan Thomas Waliser war. Obwohl er sich geweigert hat, Walisisch zu lernen, sprach er ein walisisch eingefärbtes Englisch, den typischen Waliser Singsang. Rhythmus war ihm wichtiger als die eingängig korrekte Syntax, die er seinem Takt gefügig machte. Er arbeitete akribisch an der Form seiner Sprache, tagelang an einem einzigen Vers. Während die avanciertesten Autoren nach dem Ersten Weltkrieg das Vertrauen in Sprache verloren hatten, sie reduzierten, veralberten oder auf den Kopf stellten, warf sich Dylan Thomas mit Wonne mitten hinein. / Conny Lösch, junge Welt 8.11.03
Dylan Thomas: Unter dem Milchwald. Frankfurt/Main 1999; Dylan Thomas/Sven Görtz (Erzähler): »Unter dem Milchwald« (Hörsturz), 2 CDs; Dylan Thomas, Klaus Martens (Hg.): Porträt des Künstlers als junger Hund. Frankfurt/Main 1995
Sie schrieb kryptische, erotisch aufgeladene Gedichte, die in der Literaturzeitschrift «Little Review» damals für mehr Aufsehen sorgten als die zeitgleich publizierte Prosa aus dem «Ulysses». / Jürgen Bräunlein, NZZ 8.11.03
Irene Gammel: Baroness Elsa. Gender, dada, and everyday modernity. A cultural biography. Massachusetts Institute of Technology, 2002. 472 S., 90 Illustrationen. Etwas kürzere Fassung auf Deutsch: Irene Gammel: Die Dada-Baroness. Das wilde Leben der Elsa von Freytag-Loringhoven. Edition Ebersbach, 2003. 256 S., Euro 34.-.
Hier satirische Gedichte über zwei ihrer Männer.
Hier ein ganzes Kapitel aus William Carlos Williams´ Autobiographie, Zitat:
„The Baroness pursued me for several years, twice coming to Rutherford, of which more later.“
Hier eine deutsche Biographie.
Und so steht die Baroness in Ezra Pounds Canto XCV [anderswo noch ganz anders]:
The immense cowardice of advertised litterati
& Elsa Kassandra, „the Baroness“
von Freitag etc. sd/ several true things
in the old days /
driven nuts,
Well, of course, there was a certain strain
on the gal in them days in Manhattan
the principle of non-acquiescence
laid a burden.
Für die Frankfurter Anthologie interpretiert Wulf Segebrecht ein (relativ frühes) Gedicht von Günter Grass – „Der Neubau“ / FAZ 8.11.03
kommentiert und druckt die taz am 8.11.03
Der jüngste Gedichtband des 1970 geborenen tschechischen Dichters Petr Borkovec, „Feldarbeit“, verdankt seinen Namen einem Skizzenbuch des französischen Impressionisten Camille Pissarro. Die detaillierten Zeichnungen von Bauern, ihren Gerätschaften – da habe er Analogien entdeckt. „Dieser Band ist ja auch sehr visuell“, erzählte Borkovec am Donnerstag in der Buchhandlung „Lesezeichen“, wo er daraus und auch aus neuen, noch nicht ins Deutsche übertragenen Gedichten las. Ein weiteres Mal zu Gast in Dresden, nach seiner Poetik-Vorlesung im Frühsommer. …
„Feldarbeit“ – dieser Titel sei auch ein wenig Provokation, erläuterte Borkovec. Weil ja nicht er sich die Hände schmutzig mache, sondern andere dabei beobachte. „Ich bin kein Salon-Revolutionär, sondern ein Salon-Landwirt“, fügte er scherzhaft hinzu.
Borkovec‘ Gedichte schweben nicht frei im Raum, sie sind in der Gegend angesiedelt, wo er wohnt: Cernosice, ein etwas heruntergekommener Villen-Vorort, 20 Kilometer von der tschechischen Hauptstadt entfernt – das „nicht-touristische, nicht-magische Prag“ (Kubista). Einen Ort, wo Jugendstilornamente abbröckeln, macht Borkovec zur poetischen Provinz. / Tomas Gärtner, Dresdner Neueste Nachrichten 7.11.03
Petr Borkovec: Feldarbeit. Edition Korrespondenzen, Wien. 17,70 Euro
by John Hartley Williams
from Poetry Wales
(Gefunden auf den Seiten von Poetry Daily)
In England today few poets are as popular as
Dylan Thomas – his magical poems have corrupted
a whole generation of English poets; yet
he is surely one of the most obscure poets who
ever lived.
Randall Jarrell
It’s a dull time for poetry. When did you last read something that electrified you? It’s a time of women’s poetry, lesbian poetry, gay poetry, black poetry, poetry translated from Moldavian dialects, gypsy poetry, handicapped poetry, computer generated poetry, minorities and majorities poetry, poetry against the war, poetry for the peace, poetry against plastic bags, poetry for creative cyclists. It’s the time of poetry of the writing class. But where are the poets? What happened to poetry?
(sagt der Autor und lobpreist Dylan Thomas) / 7.11.03
Aus der Fülle ihres Archivs präsentierte die New York Review of Books im November einen Geleitartikel (aus ihrer ersten Ausgabe von 1963) und zwei Briefe von Robert Lowell. / 6.11.03
was one of the best-loved and most widely anthologised poets of the 20th century. He was also one of the most underrated and marginalised when it came to the literary pecking order. / The Independent 6.11.03
Ein Gedicht des englischen Lyrikers Charles Causley, der im Alter von 76 Jahren starb.
They are waiting for me somewhere beyond Eden Rock:
My father, twenty-five, in the same suit
Of Genuine Irish Tweed, his terrier Jack
Still two years old and trembling at his feet.
My mother, twenty-three, in a sprigged dress
Drawn at the waist, ribbon in her straw hat,
Has spread the stiff white cloth over the grass.
Her hair, the colour of wheat, takes on the light.
She pours tea from a Thermos, the milk straight
From an old H.P. sauce-bottle, a screw
Of paper for a cork; slowly sets out
The same three plates, the tin cups painted blue.
The sky whitens as if lit by three suns.
My mother shades her eyes and looks my way
Over the drifted stream. My father spins
A stone along the water. Leisurely,
They beckon to me from the other bank.
I hear them call, „See where the stream-path is!
Crossing is not as hard as you might think.“
I had not thought that it would be like this.
Charles Causley
and the music curls and drums, races and swells to meet the sharpness of his reportorial eye, the spring of his rhymes. „He has sent a voltage around a generation,“ said Seamus Heaney this past summer, admiring him for his „verbal energy“ and for creating a „sense of what is possible.“
So who’s bringin‘ the guns into this country? (Hmm?)
I couldn’t sneak a plastic pellet gun through customs over in London
And last week, I see a Schwarzenegger movie
Where he’s shootin‘ all sorts of these motherfuckers with an Uzi
I see these three little kids, up in the front row,
Screaming „Go,“ with their seventeen-year-old uncle
I’m like, „Guidance—ain’t they got the same moms and dads
Who got mad when I asked if they liked violence?“
And told me that my tape taught ‚em to swear
What about the make-up you allow your twelve-year-old daughter to wear?
(Hmm:) So tell me that your son doesn’t know any cusswords
When his bus driver’s screamin‘ at him, fuckin‘ him up worse
(„Go sit the fuck down, you little fuckin‘ prick!“)
And fuck was the first word I ever learned
Up in the third grade, flippin‘ the gym teacher the bird (Look!)
So read up about how I used to get beat up
Peed on, be on free lunch, and change school every three months.
Andrew O´Hagan, NRB 6.11.03
In der BLZ vom 2.11.03 spricht Verena Mayer mit einem (online ungenannten) Vertreter der Deutschen Haikugesellschaft über den jüngsten Haikuwettbewerb (LP vom Oktober).
Die ausgezeichneten Haiku sind unter www.haiku.de zu finden oder in
Haiku mit Köpfchen. Anthologie zum 1. Deutschen Internet-Wettbewerb. Hamburger Haiku Verlag, 2003. 127 Seiten, 9,80 Euro.
The sestina, an intricate verse form created and mastered by the Provençal poets, is a 39-line poem consisting of six six-line stanzas and one three-line envoi (or „send-off“). The six end-words are repeated in a prescribed order, as end words in each of the subsequent stanzas. The concluding tercet brings together all six of the end words. The numerological scheme, which once may have had magical significance, has the precision and elegance of musical (or mathematical) form:
Stanza one: 1, 2, 3, 4, 5, 6
two: 6, 1, 5, 2, 4, 3
three: 3, 6, 4, 1, 2, 5
four: 5, 3, 2, 6, 1, 4
five: 4, 5, 1, 3, 6, 2
six: 2, 4, 6, 5, 3, 1
envoi: 5, 3, 1 or 1, 3, 5
Nach dieser Einführung in die Form der Sestine kommentiert Edward Hirsch eine amerkianische Sestine (von Anthony Hecht) / The Washington Post 30.10.03
Unter dem Titel „Der Beat hört nicht auf zu hämmern“ lesen die Dichter Peter Rühmkorf und Günter Grass am 26. November im Greifswalder Dom aus ihren Werken, teilt das Koeppenhaus mit. / OZ 29.10.03
Heinz Piontek beginnt seinen autobiografischen Roman „Dichterleben“ mit dem Satz „Der Winter begann wie ein Vergnügen“. Da ahnt der Leser, dass dieses Dichterleben sich schnell dem „Winter unsers Missvergnügens“ nähert.
Nun sind alle seine Jahre, geträumt und wahr, versunken. Heinz Piontek ist am Sonntag 77-jährig in Rotthalmünster bei Passau gestorben. Er war ein vielseitiger, belesener und zurückhaltender Mann. Als Autor hat er sich auf vielen Feldern erprobt und bewährt, wenngleich er vor allem als Lyriker (und Anthologist) im Gedächtnis bleibt. Piontek, 1925 im oberschlesischen Kreuzburg geboren, gehörte zu jener Generation, die um ihre Jugend betrogen wurde.
„Die Furt“ war 1952 sein erster Gedichtband. In ihm klingt jene Selbstreflexion an, die sein Werk durchzieht: „Endlose Furt, durch die Fährnis gelegt – / werd‘ ich das Ufer gewinnen? / Strauchelnd und zaudernd, vom Springfisch erregt, / such ich der Angst zu entrinnen.“ / Peter Dittmar, Berliner Morgenpost 29.10.03
Nachruf in der NZZ vom 29.10.03 / FAZ 28.10.03 / Spiegel 28.10.03
Der Verzicht der Herausgeber auf Kommentare, die erst nach Abschluß der gesamten Textedition in gesonderten Bänden erscheinen sollen, wirkt vor dem Anschwellen der biographisch-positivistischen Celan-Exegese wohltuend und korrespondiert mit Celans poetologischer Absicht, biographische Spuren und konkrete Bezüge aus seinem Werk zu tilgen und ein Gedicht als ein Sprachgebilde zu begreifen, das, wie in seiner Büchnerpreis-Rede „Der Meridian“ ausgeführt, „ins Offene, Leere und Freie“ weist.
Die Probleme, mit denen Benutzer der Bonner Ausgabe konfrontiert sind, lassen sich nicht auf die spröde Methodik der Bonner Ausgabe zurückführen, sie sind in Celans Arbeitsweise selbst begründet. Der Autor hatte zwar in den frühen fünfziger Jahren begonnen, die jeweiligen Zeugen zu seinen Gedichten in Mappen zu ordnen und die Stufen auszuscheiden, die vor dem liegen, was Celan als „qualitativen Wechsel“ bezeichnet hat, den Moment, in dem das Wort zu einem Wort des Gedichts wird. So finden sich in den Konvoluten kaum Notizen, Wortlisten oder in losem Zusammenhang stehendes Material, das Feld des zu edierenden Textbestands wurde vom Autor selbst weitgehend abgesteckt. / Beate Tröger, FAZ 28.10.03
Paul Celan: „Der Sand aus den Urnen. Mohn und Gedächtnis“. Historisch-kritische Ausgabe. 2.-3. Band. 1. Teil: Text. 2. Teil: Apparat. Herausgegeben von Axel Gellhaus unter Mitarbeit von Holger Gehle und Andreas Lohr in Verbindung mit Rolf Bücher. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003. 600 S., geb., 98,- [Euro].
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