Die Frankfurter Buchmesse naht und alle unsere Herbstbücher sind glücklich da: Wir setzen die Edition der Erzählungen von Maurice Blanchot in der Übersetzung von Jürg Laederach mit Der letzte Mensch fort, segeln mit Bert Papenfuß‘ Rumbalotte unter der schwarzen Flagge von Anarchie und Piraterie, freuen uns mit Ulf Stolterfoht über die gediegene gebundene Neuausgabe seiner fachsprachen XIX-XXVII, feiern mit Thomas Hettche den ersten Band der neuen Edition Spycher zum Literaturpreis Leuk, sichten die vielversprechende jüngste Lyrik-Generation im neuen Heft von Zwischen den Zeilen und ergründen mit Thomas Schestag und Francis Ponge das geheimnisvolle Blühen von Blumen wie Worten in dem prächtigen Band L’opinion changée quant aux fleurs.
Ausserdem ist unser ausführliches Gesamtverzeichnis erschienen, 100 Bücher in 10 Jahren Verlagsarbeit. Wer es per Post erhalten möchte, schickt ein email an urs@engeler.de.
Sie finden uns und unsere neuen Bücher mitsamt dem bewährten gelben Sofa in Halle 4.1, Gang G, Stand Nr. 123.
Am Donnerstag, 20. Oktober tanzen wir mit anderen unabhängigen Verlagen aus der Reihe, und am Freitag, 21.Oktober, steigt um 22.30 die Bookfair_a_go_go, die Party der unabhängigen Verlage in der Naxos-Halle an der Wittelsbacher Allee 29 (schräg gegenüber Künstlerhaus Mousonturm/Hessisches Literaturforum).
– fragmentarische Lyrik
von Anna Hoffmann (…gewiß gibt es unausrottbare / Zusammenhänge zwischen meinem / Hals und deinen Händen solange wir / aneinander festhalten / spielst du im Zorn Gottes die 1. Geige / (alles Denkbare) COMMON SENSE IST EINE LÜGE / wie jedes andere Wort…) & Clemens Schittko (…also befindet sich mein Gehirn / in meinem Kopf, der sich / zusammen mit meinem Körper / in einem Raum befindet. / Und dies alles wiederum / befindet sich in meinem Gehirn, / das ein Teil der Welt ist, / obwohl es diese / gleichzeitig hervorbringt…)
Mittwoch, 12.10.05 20:00h
Lit.List-Lesecafé
Eintritt: 2,50 Euro
Mainzer Str. 20
10247 Berlin
Tel. 29 77 1951
www.lit-list.de
Anna Hoffmann – geboren 1971 in Bergen auf Rügen. Studium der Kunstgeschichte, Geschichte, Philosophie in Greifswald, Halle und Berlin. Lebt und schreibt in Berlin. Veröffentlicht seit 1998 in Literaturzeitschriften (ua: Entwerter/Oder, perspektive, GEGNER, mare) und in Anthologien, ua: mörder planeten säuger (Edition Exil, Wien 2002); Feuer, bitte! (Dahlemer Verlagsanstalt, Berlin 2003); zeit.wort (Edition Landpresse, Weilerswist 2003); opfer tomaten schlüpfer (Edition Exil, Wien 2004). Als Einzeltitel erschienen: kreiselband (Verlag Fortdruck, Halle 2000) und Pandoras Box (parasitenpresse, Köln 2004).
Clemens Schittko – geboren 1978 in (Ost-) Berlin. Ausbildung zum Gebäudereiniger. Arbeitete als Fensterputzer. Geisteswissenschaftliche Studien an der Freien Universität Berlin. Zur Zeit Mitarbeiter beim Berliner Wissenschafts-Verlag. Lebt zurückgezogen in einer Einraumwohnung in Berlin-Friedrichshain. Veröffentlicht seit 2002 in Literatur- und Kulturzeitschriften (zuletzt in Entwerter/Oder, perspektive, Dichtungsring).
Über Wolf Biermann: „Ich steh‘ zu ihm, auch wenn er nur noch Müll redet.“ Über Durs Grünbein: „Bei ihm besteht die Gefahr, daß er in Marmor arbeitet. Der braucht mal ’nen Kratzer, dieser Marmor.“ Über die „jüngere Riege“ etwa eines Ron Winkler: „Er hat mit der Wirklichkeit nichts am Hut. Da gehe ich lieber wieder zurück zu Günter Eich und mach‘ ,Inventur‘ und sage: Ich hab‘ dies, ich hab‘ das. Ich kann nur aufschreiben, woran ich mit dem Kopf gestoßen bin. Oder was ich geküßt habe.“ Er lacht. / Cosima Lutz, Berliner Morgenpost 6.10.
Ein solches wird vom 25.-30.10. stattfinden. Thema des Festivals: „Poetisches China, harmonisches China“. Ma’anshan habe schon 16 Poesiefestivals seit 1989 veranstaltet, sagt der Bürgermeister. Überdies sei seine Stadt die Heimatstadt des berühmten Dichters Li Bai (bei uns meist Li Taibo, Li-Tai-Pe genannt.) / China View . – Die FAZ vom 6.10. ergänzt die Todesumstände Li Bais (er soll im Jahre 762 ertrunken sein, als er in betrunkenem Zustand im Boot das Spiegelbild des Mondes greifen wollte). Nun ja – jedenfalls hat er solche Szenen mit Mond und Wasser und Wein öfter in Gedichten beschrieben. Eins in der freien Nachdichtung durch Klabund geht so:
Selbstvergessenheit
Der Strom – floss,
Der Mond vergoss,
Der Mond vergaß sein Licht – und ich vergaß
Mich selbst, als ich so saß
Beim Weine.
Die Vögel waren weit,
das Leid war weit,
und Menschen gab es keine
Hier die englische Fassung von Arthur Waley:
SELF-ABANDONMENT
I sat trinking and did not notice the dusk,
Till falling petals filled the folds of my dress.
Drunken I rose and walked to the moonlit stream;
The birds were gone, and men also few.
Die Forschung glaubt nicht an schöne Legenden. Geht es nach ihr, so ist er an Leberzirrhose gestorben – oder auch an Vergiftung durch taoistische Lebenselixiere.
Hier noch ein Mond-Wein-Schatten-Gedicht des Meisters – deutsch von Günter Eich:
Einsamer Trunk unter dem Mond
Unter Blüten meine Kanne Wein –
Allein schenk ich mir ein, kein Freund hält mit.
Das Glas erhoben, lad den Mond ich ein,
Mein Schatten auch ist da, – wir sind zu dritt.
Gewiß versteht der Mond nicht viel von Wein,
Und was ich tue, tut der Schatten blind,
Doch sollen sie mir heut Kumpane sein
Und ausgelassen unterm Frühlingswind.
Ich singe und der Mond schwankt hin und her,
Ich tanze und mein Schatten hüpft noch mehr.
Wir sind uns Freunde, da wir nüchtern sind,
Ein jeder geht für sich, wenn erst der Rausch beginnt.
Nichts bleibt dem Herzen ewiglich verbunden,
Als was im hohen Sternenlicht gefunden.
Li Bai in L&Poe: 2005 Jan #58; 2004 Jan
(Lesenswert in der kurzen FAZ-Meldung ein paar Zahlen. Danach soll es in China 1 Million Dichter geben. Man rechne das in Wein um.) – In der gleichen Ausgabe ein Faksimile der Hughes-Zeichnung von Sylvia Plath (#26)
– Ein weiteres Mond-Techtelmechtel-Gedicht von Li Bai in der Fassung Klabunds fand sich zufällig heute in der Lyrikmail.
What Walden Pond was to Thoreau, what the sea was to Conrad and Melville, what seeing is to John Berger, Greek and Latin are to Anne Carson: an immense space—because the words now contain the world that once existed around them—that allows her imagination a measureless boundary. Carson wrote her first few books, Eros the Bittersweet (1986), Plainwater (1995), and Glass, Irony and God (1995), with the brio of one who had sighted an undiscovered country where imagination could renew itself and break free of the well-trodden territories that have served, tragically, to marginalize poetry (an art that sulks like Achilles when it is cut off from an active readership). / Mark Rudman, Bookforum
DECREATION: POETRY, ESSAYS, OPERA BY ANNE CARSON. NEW YORK: KNOPF. 272 PAGES. $25.
Zwei Absätze und ein Fazit aus Michael Brauns Bericht über das 4. Internationale Basler Lyrikfestival:
Für Thomas KLING. Matthyas Jenny hatte in seinem Programm diesmal den Willen und den Mut zu schroffen Kontrasten. Gewidmet war das Festival dem aufregendsten Lyriker unserer Zeit, der am 1.April dieses Jahres an Lungenkrebs gestorben ist: Thomas Kling. Urs Allemann führte in seiner Hommage an den toten Sprachekstatiker auf beeindruckende Weise vor, was «das absolute Ernstnehmen der dichterischen Sprache» (Thomas Kling) bedeutet: Die Sprache wird an eine Grenze geführt, wo die Ordnungen der Grammatik aufgebrochen und die Wörter in schrillen Formen der Deklamation bis zu ihrem Siedepunkt erhitzt werden.
Wie Hieronymus BOSCH. Im Sudhaus waren aber auch stillere Zerreissproben der Sprache zu erleben: Oswald Egger zum Beispiel entfaltete in seinen seltsam flirrenden, vegetabilischen Worterfindungen einen zaubrischen Naturwörterkosmos. Markus Stegmann, dessen düsterer Gedichtband «fuchsverbiss» im vergangenen Jahr ohne jede Resonanz geblieben ist, hatte mit Frank Schablewski einen ihm wahlverwandten Autor mitgebracht. In einem gemeinsamen Poem von Stegmann und Schablewski entsteht derzeit eine poetische Bild-Landschaft, die den apokalyptischen Szenerien eines Hieronymus Bosch entnommen sein könnte. …
So pendelte das Lyrikfestival zwischen literarischen Extremismen: zwischen frauenfreundlichen Gesängen, poetischer Wort-Zerreissungs-Kunst und radikalem Minimalismus. Wer sich nach einer wohltemperierten stilistischen Mittellage sehnt, wird bei diesem Lyrikfestival nicht fündig werden. / Basler Zeitung 20.9.
[Täuscht mich nicht alles, ist dies für Basel ein Lob; & wäre für Berlin und viele andere Festivalorte in Deutschland ein arger Verriß – womöglich mit Folgen? MG]
Als Sechste im Bunde firmiert die 1952 geborene Frances Presley. Die engagierte Feministin ist eine mit konkreter Poesie faszinierende Amerikanistin, die durch fiktional noch unverbrauchte Themen (darunter der «11. September») und innovative Formen (so im E-Mail-Imitat «Betreff: Re: Semtex») in besonderem Mass besticht. Dies Urteil gilt auch für die Übersetzer, die primär mit ihren Variationen desselben Gedichts für Lesefreude sorgen – zum Beispiel wenn das «snowy drift» der Vorlage als «verwehte Schneesaat», «stiebender Schnee» oder «Schneedrift» erscheint. Dem Laien sei übrigens eingangs das kundige Nachwort von Michaela Schrage-Früh empfohlen, das den siebzehnten Titel der gediegenen Reihe «Poesie der Nachbarn» zu einem Schatzkästchen macht. / Thomas Leuchtenmüller, NZZ 7.9.
Hans Thill (Hrsg.): Wozu Vögel, Bücher, Jazz? Gedichte aus England. Englisch-deutsche Ausgabe. Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2005. 182 S., Fr. 33.90.
Die anderen fünf Autoren in der Anthologie:
Craig Raine, Tim Turnball, J. H. Prynne, Helen Macdonald, Keston Sutherland
Carlfriedrich Claus im Kontext
von Klee bis Pollock
Kunstsammlungen Chemnitz
24. Juli 2005 bis 9. Oktober 2005
Im Rahmen der Ausstellung läuft seit Juli ein spannendes Lese- und Vortragsprogramm.
Dies demnächst:
Samstag, 17. September 2005, 19:00 Uhr
Ein langer Abend Neuer Poesie. Lesungen, Akustisches, Visuelles
Heinz Gappmayr, Friederike Mayröcker, Österreich
Ilse Garnier, Bernard Heidsieck, Frankreich
Hartmut Geerken, Franz Mon,
Oskar Pastior, Deutschland
Konzept und Moderation: Klaus Ramm, Hamburg
Samstag, 24. September 2005, 20:30 Uhr
Ort: Schlossbergmuseum
Lautpoesie international II. Sprechen, Klatschen, Stampfen, Gehen
Erwin Stache, Wolfgang Heisig,
Michael Lentz, Jan Philip Schulze,
Stefan Blum, Deutschland
Arbeitskreis Klangexperimente
Gymnasium Brandis, Leipzig
Konzept und Regie: Josef Anton Riedl, München
Samstag, 1. Oktober 2005, 19:30 Uhr
Oh läutet, Lauthälse!
LAUTKONZERT für Carlfriedrich Claus mit
Schlagzeug, Stahlcello und Stimme
Valeri Scherstjanoi, Berlin, und
Wolfram DER Spyra, Kassel/Berlin
Samstag, 8. Oktober 2005, 14:00 Uhr
Ein kleines Gesprächs-Symposion
mit Erich Franz, Rudolf Mayer, Franz Mon,
Olaf Nicolai, Werner Schmidt (angefragt)
und Gerhard Wolf
Konzept und Moderation: Klaus Ramm,
Kunstsammlungen Chemnitz, Theaterplatz 1, 09111 Chemnitz
Katalog mit zahlreichen farbigen Abbildungen, 544 Seiten
herausgegeben von Ingrid Mössinger und Brigitta Milde
Katalog: 28,00 €
Die Autorentage Schwalenberg 2005 finden in Detmold vom 2.-4.9. statt. In diesem Jahr steht die Veranstaltung unter dem Motto „das alphabet der welt“:
Inger Christensen steht mit ihrem Werk im Mittelpunkt der Autorentage. Es ist ihre faszinierende Kunst, Inhalt und Form, Sinn und Ästhetik, Sprache und Klang auf eine bisher so nicht gekannte Weise zu verschmelzen, jedes ihrer Langgedichte, die Muster aus der Natur aufnehmen, kann als ein Modell von Welt gelesen werden. Der Dichter Michael Donhauser spricht über das Wissen und die Erfahrungen, die sich in der Lyrik von Inger Christensen angesammelt haben. Vielleicht kann Poesie gar keine Wahrheiten sagen und Kunst keine Wahrheiten zeigen, aber sie kann wahr sein, weil die Wirklichkeit, die mit den Worten und Bildern folgt, wahr ist. Diese Gefolgschaft zwischen Sprache und Wirklichkeit ist die Erkenntnisweise der Poesie, von der Novalis sagt: ‹Das Äußre ist ein in Geheimnißzustand erhobnes Innre›. … Ein anderes Alphabet der Welt erschafft Oskar Pastior mit seinen dichterischen Regelwerken, zu welchen spielerischen Formen die poetische Phantasie findet, zeigt Herta Müller… / Literaturbüro Ostwestfalen-Lippe, Detmold
Tage neuer Literatur aus Dänemark
27.-29.9.
Die Dänen, unsere nördlichen Nachbarn, besitzen nicht nur die sympathischste Währung mit dem Loch in der Münze, sie sind überhaupt liebenswürdige Skeptiker allen Formatzuweisungen gegenüber. Und so kennen die Schöpfer der aktuellen Literatur aus Dänemark keine Genregrenzen. Das Dänische Literaturzentrum und die Literaturwerkstatt Berlin präsentieren vom 27. bis 29.09.2005 einige der erfolgreichsten zeitgenössischen dänischen Autoren. Alle eingeladenen Autorinnen und Autoren sind zuhause in verschiedenen literarischen Gattungen und anderen Künsten. „Im schrägen frühen Licht“ (Rifbjerg) erscheint der neue literarische Norden aufregend frisch. Mit dabei sind Peter Adolphsen, Naja Marie Aidt, Joakim Garff, Ib Michael, Klaus Rifbjerg und Kirsten Thorup, präsentiert von ihren deutschen Kollegen Jenny Erpenbeck, Bodo Morshäuser und Michael Kleeberg.
Peter Adolphsen (*1972, Århus) debütierte 1991 als Lyriker, bekannt wurde er aber durch zwei Bände „Små Historier“ (Kleine Geschichten), die 1996 und 2000 erschienen. Seine Erzählung „Brummstein“ erscheint im September bei Nagel&Kimche.
Über Naja Marie Aidt (*1963, Grönland) schrieb die FAZ: „Aidt findet immer wieder kraftvolle Bilder für die Rätsel kindlicher Phantasien, die Leer- und Sollbruchstellen einer gefährdeten Intimität.“ Für ihre Lyrikbände erhielt sie zahlreiche Preise, 1995 erschien ihr Erzählband „Das Wasserzeichen“, 2003 „Zugang“ (beide Verlag Achilla Presse).
Kirsten Thorup (*1942, Gelsted auf Fünen) lebt als Schriftstellerin und Drehbuchautorin in Kopenhagen. Sie veröffentlicht Lyrik, Romane und Theaterstücke. Zu ihrem Roman „Bonsai“ (Insel Verlag 2005) schrieb das Ekstra Bladet: „Man liest, dass einem der Schweiß ausbricht. Der Roman geht einem im Kopf herum wie ein Stück schriller Lebensmusik, und man hat Lust, von vorn anzufangen, wenn man die letzte Seite umgeblättert hat. Bonsai ist die weitaus beste Romanlektüre des Jahres.“
Eine Veranstaltung des Dänischen Literaturzentrums in Zusammenarbeit mit der Literaturwerkstatt Berlin
Für Rückfragen und Informationen:
Boris Nitzsche/Jutta Büchter
Literaturwerkstatt Berlin
Tel: 030. 48 52 45 – 25
www.literaturwerkstatt.org
Von Regina Berlinghof
„Übersetzer“ Daniel Ladinsky gibt eigene Verse als die des persischen Dichters Hafis aus
Pseudo-Hafis-Übersetzungen beim Penguin-Verlag (amerikanische Ausgabe) und Benziger-Verlag, Düsseldorf (zu Patmos gehörend) mit deutscher Übersetzung der englischen Ladinsky-Verse
Seit einigen Jahren vertreibt der Penguin-Verlag Übersetzungen des großen persischen Dichters Hafis in der „Übersetzung“ von Daniel Ladinsky. Eine Auswahl dieser Übersetzungen erschien auch als Nachübersetzung aus dem Englischen im deutschen Benziger-Verlag, Düsseldorf (zur Patmosgruppe gehörend): „Die Liebe erleuchtet den Himmel“.
Nur handelt es sich bei keinem dieser Verse um eine Übersetzung. Kein einziger Vers läßt sich in der Gesamtausgabe der Werke des Hafis, im „Diwan“, wiederfinden. Daniel Ladinsky hat sich allenfalls von Hafis zu eigenen Gedichten inspirieren lassen und gibt diese nun als „übersetzte“ Verse des „Great Sufi Master“ heraus. Den im Internet bereits vorhandenen Betrugsvorwürfen ist er bislang ausgewichen und hat dafür den Begriff der „translation“ aufgeweicht. Er hat keinen einzigen Nachweis vorgebracht, welche originalsprachlichen Hafisverse er seinen „Übersetzungen“ zugrunde gelegt hat. So, wie sich seine „Übersetzungen“ auch lesen, kann er das gar nicht.
Hier ein paar hübsche Beispiele im Original-Layout:
„WHO WILL FEED MY CAT? (S. 145)
I
Will need
Someone to feed my cat
When I leave this world,
Though my cat is not ordinary.
She only has three paws:
Fire, air,
Water.
A HOLE IN A FLUTE (S. 203)
I am
A hole in a flute
That the Christ’s breath moves through
Listen to this
Music.
I am the concert
>From the mouth of every
Creature
Singing with the myriad
Chords.
MISMATCHED NEWLYWEDS (S. 40)
Like
A pair
Of mismatched newlyweds,
One of whom still feels very insecure,
I keep turning to God
Saying,
‚Kiss
Me.’“
COURTEOUS TO THE ANT (S. 87)
God
Blooms
>From the shoulder
Of the
Elephant
Who becomes
Courteous
To
The
Ant.
THE HATCHECK GIRL (s. 197)
Why
Are there
So few in the court
Of a perfect
Saint?
Because
Every time you are near Him
You have to leave pieces
Of your
Ego
With
The hatcheck
Girl
Who won’t give them
Back––
O
O
O
U
C
H
.“
Jeder Hafisliebhaber und jede Fachfrau, die diese „Übersetzungen“ zu Gesicht bekommen, werden bestätigen, daß ihnen diese Hafissentenzen gänzlich unbekannt sind.
Ich habe bereits vor einem Jahr, als ich von Lesern auf die deutsche Nachübersetzung aufmerksam gemacht wurde, die deutsche Penguin-Vertretung gewarnt und dringend zu einer Überprüfung geraten. Geschehen ist nichts.
Im Internet fand ich vor einem Jahr bereits die Stellungnahme
• des türkisch-amerikanischen Dichters Murat Nemet-Nejat (http://home.jps.net/~nada/hafiz.htm),
Die weiteren WEB-Äußerungen, die sich äußerst kritisch bis sarkastisch mit Ladinsky auseinandersetzen, sind:
• der persische Iranist Professor Heshmat Moayyad (leider nur auf persisch) http://www.talash.de/n16/34.htm (Herr Dr. Eschraghi hat in Auszügen den Text ins Deutsche übersetzt und am Ende seines Gutachtens angefügt.)
• Selbst bei Amazon.com finden sich inzwischen einige Leserbewertungen, die Ladinskys „Übersetzung“ nur noch als „fraud“ (Betrug) bezeichnen. Die deutsche Amazon.de-Redaktion hat die gekürzte Fassung meines Webtagebucheintrags vom 16.5.05 (http://www.regina-berlinghof.de/tagebuch200505.htm#16) bei den Leserbewertungen des Benziger-Buches bislang nicht veröffentlicht und damit zensiert.
Glücklicherweise hat sich im Juni dieses Jahres der Frankfurter Orientalist und Religionswissenschaftler Dr. Armin Eschraghi zu einem Gutachten bereit erklärt. Er vergleicht die Plumpheit und Offensichtlichkeit der Ladinsky-Fälschungen mit denen der Hitlertagebücher.
Die vollständige Version seines Gutachtens, das die deutsche Penguin-Vertretung und der Benziger-Verlag vollständig bereits im Juni erhalten haben, finden Sie auf der Verlagshomepage unter http://www.yinyang-verlag.de/Eschraghi_Ladinsky_Hafez_16.6.2005.pdf . Diese Presseerklärung finden Sie dort unter
http://www.yinyang-verlag.de/YYPressemitteilung_Hafis_Ladinsky.pdf
Wer in diesem Fall die Irreführung von Lesern und Käufern bemäntelt, totschweigt oder in Kauf nimmt, öffnet Tür und Tor für weiteren Mißbrauch. Dann dürfen wir in Zukunft mit Übersetzungen und Werken eines Pseudo-Goethe, Pseudo-Shakespeare, Pseudo-Grass, Pseudo-Jelinek rechnen, die unbekannte, aber geschäftstüchtige Autoren unter dem Namen literarischer Größen der Öffentlichkeit unterjubeln.
Penguin und Benziger (Patmos) können sich nicht mehr auf „Unwissenheit“ berufen. Trotz der Warnungen vom letzten Jahr an Penguin und des neuen Gutachtens von Dr. Eschraghi im Juni dieses Jahres an beide Verlage gehen die Verkäufe der Titel als „Hafis-Übersetzungen“ munter weiter.
Die Käufer erwerben 0 % Hafis und 100 % Ladinsky, eine Irreführung von Kunden und Lesern, die zu strafrechtlichen Maßnahmen berechtigt. Ich möchte gegen Kollegen nicht so weit gehen. Aber ich erwarte, daß der Penguin-Verlag und der Benziger-Verlag sowie alle Verlage, die Hafisübersetzungen auf der Basis einer Ladinsky-„Übersetzung“ anbieten, diese Titel umgehend aus ihrem Programm nehmen und die Leser und Käufer über ihre gefälschte Hafisausgaben aufklären und sich entschuldigen.
Wer sich Falschgeld hat andrehen lassen, ist nicht berechtigt, dieses Falschgeld weiterzugeben. Das muß auch für den Verkauf von Falschgeld-Büchern gelten.
Ob die Leser und Käufer dieser „Übersetzungen“ Schadensersatzansprüche wegen Betruges geltend machen werden, soll diesen überlassen bleiben.
Hiermit sei jedenfalls die Öffentlichkeit vor Ladinsky und seinen „Übersetzungen“ gewarnt. Sie erwerben keine Hafisverse, sondern Ladinsky-Fälschungen, die sie unter diesem Namen vermutlich nie gekauft hätten.
Mit freundlichen Grüßen,
Regina Berlinghof
Kurzbiographie von Dr. Armin Eschraghi:
Studium der Orientalistik/Islamwissenschaft, Philosphie und Vergleichenden Religionswissen schaft an der Johann-Wolfgang-Goethe Universität in Frankfurt am Main.
1999 Abschluss des Studiums, Thema der Magisterarbeit war ein unveröffentlichter Text aus der islamischen Mystik: „Der mystische Pfad zu Gott. ‘Umar as-Suhrawardîs Schrift „Der versiegelte Wein“ (ar-Rahîq al-Makhtûm li-dhawî l-‘uqûl wa’l-fuhûm). Einleitung, Text und Übersetzung.“
2004 Promotion mit dem Thema: „Die frühen Schriften des Sayyid ´Alí-Muhammad Shírází „Báb“ (1819-1850) vor dem Hintergrund der Shaikhiyya im schi´itischen Islam. Das Beispiel der Risála fí Ithbát an-Nubuwwa al-Khássa. Einleitung, Edition und Erläuterungen“. Die Dissertation wurde bei Brill (Leiden), 2004 veröffentlicht.
Von 2003-2005 Lehrbeauftragter für persische Sprache und Literatur an der Liebig-Universität (Gießen). Derzeit wissenschaftlicher Mitarbeiter am Orientalischen Seminar der Goethe Universität (Frankfurt am Main), Schwerpunkt: Moderne und klassische persische Literatur.
Mit freundlichen Grüßen,
Regina Berlinghof
_______________________________
YINYANG MEDIA VERLAG
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Im Tal 1
D-65779 Kelkheim / Ts.
Germany
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Oder
Wenn die Kolumne bröckelt, sitz ich im Tempel parterre
von Konstantin Ames (Leipzig)
„Früher habe ich meine Mahlzeiten in ein Buch geschrieben, heute schreibe ich Gedichte.“ – Werbung kann instruktiv sein, wollen wir nicht drumrum reden, es ist ja ersichtlich. Hier. & sonstwo. Der 14. Juli ist ein Tag unter vielen Dutzend Duzenden. 2005 wurde der „Zeit“ eingeschrieben, Die wahren Dichter arbeiten in der Werbung. Das war natürlich nicht der ganze Text. Da war noch mehr. Da musste noch mehr sein. Bilder sind nicht so wirkungsmächtig wie Sprache wird da an einem Eyecatcherexempel versucht zu verklaren. „Noch nie war soviel Knie“, heißt es, mit so kleinem Text, der so „seltsam nichtig“ gewirkt haben soll. Rücksichtlich der Beobachterin = Kolumnistin. Die Konsequenzsuggestion steht sofort Gewehr bei Fuß: „Es geht also doch um Sprache; Werbung ist, eben doch, Poesie.“ Das ging aber flugs! Wir bekamen bis zu diesem Geistesblitz in die eigene Kolumne hinein einen der drei impulsgebenden Werbesprüche präsentiert: DIE STADT BIN ICH. Beispielargumentationen bergen immer ein wackeliges Moment in sich.LEBE DEIN HAAR und WÄRME IN IHRER SCHÖNSTEN FORM sind die anderen beiden. Man kann, auch als „gebildeter Stadtbewohner“ an solchen Sprüchen vorbeigehen. Sie beruhen lediglich auf einem einem rhetorisch herbeigeführten Überraschungsmoment.(1) Kniff. Knuff. Für etwas. Das da könnte als ein feuilletonlesertaugliche Definition von Werbung gelten. Die poetische Funktion, wenn ich meinen Grundkurs-Jakobson richtig erinnere, meint aber doch, dass, sagen wir mal so, wieder so, wieder so blättchenleicht, daß (tztztzt!) : Sprache sich selbst feiert. Klar, warum nicht auch mal ein wenig im rhetorischen Bastelladen stöbern. Im Vertrauen: Mach ich auch ab und zu. Es muss ja nicht alles neu gesagt werden. Baum. Traum. Geiz ist geil. Ich liebe es Zu überraschen. Genausowenig wie Rührung reicht, reicht aber Überraschung. Eine Pointe macht eben noch kein Gedicht. O Brecht, der man dich noch immer hängen läßt, was murmelst du aus dem off?: und nicht einmal was ein poetischer Gedanke ist, wird halbwegs gewußt. Unsere Gedichte sind vielfach mehr oder minder mühsame Versifizierungen von Artikeln oder Feuilletons oder eine Verdopplung halber Empfindungen, die noch zu keinem Gedanken geworden sind. Ja, ist klar. Oder doch noch nicht? Nicht nur die Stadt ist anders. Anders ist auch anders, nämlich Stern. Eigentlich. Eigentlich mag ich diesen netten Parallelism von da oben, Da ganz oben. Da am Anfang den. Ist doch mutig – ah, das hatte ich ganz vergessen zu erwähnen – für solche Sportcerealien damit zu werben, dass man verspricht, Kreativität werde gesteigert. Man muss Werbung und Dichtung aber – vermute ich mal – identisch setzen, um dran zu glauben. Wer auch immer. Und dann schreibt man … Hmmm! Und wenn die Prüfung durch die Knie gegangen ist, gibt´s hinterher ein Eis & eine Dekoüberschrift.
Quellen:
-ich
-du
-er / sie / es
(1) Lösungen für die Klausurvorbereitung
„Die Stadt bin ich.“ Hybrid-demütige, demokratische Ausgabe des ichigeren „L´état c´est moi!“. Vielleicht auch nur feixender Provizialismus.
„Lebe dein Haar!“ Etwas konkretisierte, zielgruppenzieligere Variante des bekannten „Lebe deinen Traum“ von Dings. „Wärme in ihrer schönsten Form!“ Fast so gut wie „Form ist Wollust“, besser als „Form ist Wolllust“
Um Paul Wühr hat sich eine Gemeinschaft aus Autoren und Literaturwissenschaftlern gebildet, darunter finden sich Namen wie Franz J. Czernin, Ferdinand Schmatz und andere Vertreter einer avancierten Lyrik. Ähnliches geschieht um Friederike Mayröcker, die für viele jüngere Autoren eine künstlerische Orientierungsgröße darstellt: „Die Mayröcker gehört zu den Unikatkünstlern, und nicht zuletzt dieses Verdienst des unermüdlichen Fortsetzens von Versuchsanordnungen ist es, das ihr seit langem den Respekt von Autoren sichert, die gerade halb so alt sind wie sie oder noch jünger. Sie hat viele beeinflußt, das stellt sich immer deutlicher heraus“ (Thomas Kling). Gemeint sind etwa Ulrike Draesner, Michael Donhauser, Peter Waterhouse, Bodo Hell und viele andere Autoren, die, wie Marlene Streeruwitz es schrieb, beim Mayröcker-Lesen „beteiligt (werden) an der authentischen Selbst-Schöpfung einer Person in Sprache zur Befreiung in diese. Befreit in eine ganz besondere eigene Freiheit, in die zu werfen immer neu unternommen wird. Immer anders. Und immer kühn.“/ Berliner Literaturkritik, aus:
KRAFT, THOMAS: Schwarz auf weiß oder Warum die deutschsprachige Literatur besser ist als ihr Ruf. Eine Werbeschrift. kookbooks, Reihe: Essay, Band 1 (Hrsg. Daniela Seel), Idstein 2005. 128 S., 14,90 EU.
Der widerständige, unter Tito verfolgte Dichter Tomaž Šalamun dagegen erwies sich mit seiner wendigen Metaphorik der Überraschungen („Unerträglich ist die Hitze unseren seidenen Eckzähnen“) als der lebendigste Erbe der Beat-Poetry vor Ort. Denn Leukerbad stand diesmal unter dem Stern – oder Wandering Star – eines zweiten Jubiläums: Im Oktober 1955 verkündete Allen Ginsberg mit „Howl“ das rabiate Gründungsmanifest der Beat-Poetry. Diese Bewegung veränderte damals nicht nur Amerika; mittlerweile ist sie aber doch ziemlich in die Jahre gekommen und neigt zur musealen Erstarrung.
Daran konnte selbst der sonore Auftritt der vollbärtigen, in ein langes schwarzes Gewand mit Goldschal gehüllten Legende Ira Cohen, Jahrgang 1935, nur wenig ändern. / Katrin Hillgruber, FR 7.7.
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