Veröffentlicht am 26. August 2006 von lyrikzeitung
Gordon Burn kehrt an den Schauplatz der literarischen Invasion von Sparty Lea bei Newcastle aus dem Jahr 1967 zurück (Guardian 26.8.)
Entgegen heutigem Anschein, wenn man die Agrarfahrzeuge beobachtet, die am King’s Head vorbeirattern, dort wo die Hütte von Sparty Lea unter den Hammer kam…, stieß Allendale mit den 60er Jahren so heftig zusammen, daß es sich einen Platz in der Untergrundmythologie erwarb. Inspiriert von der „Stammesversammlung“ von 30 Dichtern 1965 und 7000 Zuschauern bei der Lyrikolympiade in der Albert Hall, gelang es dem 19jährigen MacSweeney, eine zusammengewürfelte Armee von englischen Dichtern der neuen Generation zu gemeinsamem Trinken, Lesen und Kämpfen versammeln. Das Ereignis dauerte über eine Woche (alle Zahlen und Daten geschätzt) in Sparty Lea. Die Dichter wohnten in einer Ansammlung von vier Hütten, die der Familie MacSweeneys gehörten. Sie waren angehalten, der radikalen „oppositionellen Poetik“ Ausdruck zu verleihen, die sie vom Mainstream unterschied.
„Es war ein regelrechter blutiger Aufruhr“, sagte MacSweeney kurz vor seinem frühen Tod an den Folgen seines Alkoholismus vor sechs Jahren. …
Fast 40 Jahre danach wird das Ereignis lebhaft diskutiert auf Message Boards und Lyrik-Webseiten. Zumindest eins ist unstrittig: nachdem der marxistisch-obskurantistische Lyriker Jeremy Prynne aus Cambridge den Dichter Tom Pickard aus Newcastle aufgefordert hatte, seinen kleinen Sohn während der Lesung zum Schweigen zu bringen, ging Pickard nach draußen und knallte seinen Landrover gegen Prynnes viertürigen Morris Oxford.
„Es muß ungefähr hier gewesen sein“, sagt Pickard, der immer noch in der Gegend lebt. … „Ich fuhr den Hügel hinauf, schaltete in den zweiten, trat auf die Bremse und knallte hinein.“ Mit diesem Verstoß erwarb er die Freundschaft von Allen Ginsberg und anderen aus der Beat-Generation, während er in England als Künstler von der Bildfläche verschwand. „Die englische Intelligenzia verstieß mich“…
Veröffentlicht am 17. August 2006 von lyrikzeitung
Ralf Julke schreibt am 17. August in der Leipziger Internetzeitung:
So wie einst Walther von der Vogelweide die Welt aufweckte mit seinem Jubelruf: Hurra, ich hab min Lehen!, so weckte jüngst Carl-Christian Elze seine Freunde auf mit der Botschaft: Ich hab mein Buch! Kein selbstverständlicher Ruf in einer Landschaft, in der Gedichte eher als Freizeitvergnügen für gelangweilte Stenotypistinnen gelten und Schriftsteller Moralapostel sein müssen, sonst werden sie vom Feuilleton gar nicht wahrgenommen. Dergleichen ist Elze aber nicht.
Seit Jahr und Tag ist der heute 32jährige Mitherausgeber der Leipziger Literaturzeitschrift „Plumbum“. …
Wer heutzutage Gedichte zeugt, muss damit rechnen, kontaminiertes Material verwenden zu müssen. Das ist der Preis der Forscher: Sie wissen schon zu viel. Sie müssen immer wieder zum Ur-Schleim zurück. Alles von neuem Denken. Die Vorsicht ist angeraten. Denn Idyllen trügen. Wer wüsste das besser als ein studierter Biologe? Das sind Leute, die mit gemütlichem Bariton als Untertext zu Tierfilmen sprechen: „So schließt sich der Kreis des Lebens, wird der Jäger zur Beute. Das ist die unerbittliche Stimme der Natur. Bald kommt der Große Regen …“
Selbst das irrlichtert in Elzes Texten, unübersehbar selbst dann, wenn der Autor die Verse zerstückelt und versucht, der Sprache ihre einlullende Gemütlichkeit zu nehmen. Aber wie gesagt: Auch Wort-Fügungen sind heuer kontaminiert, Worte wie Menschenmaterial oder Transzendenz, die Elze bewusst in sein Familienalbum einfügt. Denn ein Ort taucht immer wieder auf, entpuppt sich als eigentlicher Mittelpunkt aller seiner Reisen: Nordhausen, Dora Mittelbau, die Stollen, in denen die Nazis im 2. Weltkrieg die V2 montieren ließen von Häftlingen.
Carl-Christian Elze „stadt / land / stopp. Gedichte“, Mitteldeutscher Verlag, Halle 2006, 14 Euro
vgl.: Carl-Christian Elze: Gute Orte zum Vorlesen
In L&Poe 2004 Jun #63. In der Leipziger; 2006 Mrz #6. BELLA triste Nr. 14
Veröffentlicht am 16. August 2006 von lyrikzeitung
Allen Ginsberg mag tot sein, schreibt Kevin Friedl in der New York Post, aber in manchen Teilen von Downtown New York ist sein Geheul (Howl) immer noch zu hören. Wer sich nach der Zeit zurücksehnt, als die Beats dort durch die Straßen zogen, sollte diesen Sonnabend (also gestern!) beim Bowery Poetry Club vorbeikommen, wo es einen ganzen Tag mit Veranstaltungen zum Thema „Howl! 50 Jahre danach“ gibt. Jason Shinder, ein Freund Ginsbergs und Herausgeber des Buches „The Poem that Changed America: Howl! Fifty Years Later“, leitet die Veranstaltung, bei der ein halbes Dutzend Lyriker und Schriftsteller zu erklären versuchen, warum dieses unflätige 50 Jahre alte Gedicht immer noch anhörenswert ist. Der berühmte Nyoricanische Dichter Edwin Torres führt das Publikum durch eine Lesung des Gedichts, und Amiri Baraka trägt Musik und Lyrik mit seinem Ensemble vor.
(Wie schade, daß ich wegen der Sperrung des Hamburger Hauptbahnhofs das Flugzeug nach New York verpaßt habe).
August 19. Bowery Poetry Club, 310 Bowery (betw. Houston & Bleecker Sts.), 212-614-0505; Readings begin at 1 p.m. ($10), music at 8 p.m. ($12).
Veröffentlicht am 22. Juli 2006 von lyrikzeitung
22.7. 2006
Wie der Dichter William Wordsworth von den Bauern seines Wohnorts gesehen wurde, hat ein Zeitgenosse notiert – in der Sprache der Bauern, die ihn beobachten, wie er „mumbling“ (murmelnd) bzw. wie sie sagen, „bumming“ (offenbar soviel wie: „bum bum vor sich hinmurmelnd“) spazierengeht. Miss Dorothy Wordsworth, die Schwester des Dichters, lief ihm nach und pickte die Worte auf, wie sie fielen, und brachte sie zu Papier. Vielleicht half sie ihm auch das eine oder andere zu dichten:
He was not popular. That is, he was shy and retired, and did not mix freely with the people. He didn’t frequent public houses, unlike Hartley Coleridge. Canon Rawnsley’s interviewees invariably think of Hartley as a preferable character, a friendly man, a great drinker and a philosopher – a being superior to a poet. Wordsworth’s hobby, says one witness, was poetry. „It was a queer thing, but it would like eneuf cause him to be desolate; and I’se often thowt that his brain was that fu‘ of sic stuff, that he was forced to be always at it whether or no, wet or fair, mumbling to hissel‘ along t’roads.“
This mumbling, this „continually murmuring his undersong,“ as Canon Rawnsley puts it in his politer register, features in the peasants‘ vocabulary as „bumming“. Here is Wordsworth on the grass walk at Rydal Mount: „. . . he would set his heäd a bit forrad, and put his hands behint his back. And then he would start bumming, and it was bum, bum, bum, bum, stop; then bum, bum, bum reet down till t’other end, and then he’d set down and git a bit o’paper out and write a bit; and then he git up, and bum, bum, bum, and goa on bumming for long enough right down and back agean. I suppose, ya kna, the bumming helped him out a bit.“
Another witness: „Mr Wordsworth went bumming and booing about, and she, Miss Dorothy, kept close behint him, and she picked up the bits as he let ‚em fall, and tak ‚em down, and put ‚em on paper for him. And you med be very well sure as how she didn’t understand nor make sense out of ‚em.“ Dorothy, known to all these neighbours as a clever women who perhaps wrote some of Wordsworth’s poems for him, but certainly helped him out with them, is seen both in her latter days as an invalid, and off her head, and earlier as a fellow walker with her brother. / James Fenton, Guardian 22.7.
Wordsworth in L&Poe: 2001 Mrz (Osterglocken (Golden daffodils) / Largely through the mediation of Coleridge); Jul; 2002 Apr (William Blake); Sep (Wordsworth was in town); 2004 Mrz #62. Massen-Simultanlesung; Apr #55. Nächtliches Abenteuer eines werdenden Dichters; Aug #49. Prelude zu Freud; 2005 Feb #68. ANNE WINTERS is a nature poet; Mai #44. Wenn Amerikaner Sonette schreiben; Mai #100. Fußnotenpflicht für Lyrik; 2006 Mrz #119. Was wir zuerst gelesen
Veröffentlicht am 14. Juli 2006 von lyrikzeitung
nennt sich ein Intelligenztest im Internet, mit dem auf eine bestimmte Sprachbegabung geschlossen werden soll. … Und es gibt jetzt auch eine gleichnamige Künstlerzeitschrift, die eigentlich ein Künstlerbuch ist und 34 Autoren und Künstler mit Originalarbeiten, Texten und Medien versammelt. Band 1 handelt vom Wasser.
Vorgestellt wurde dieser Almanach Ende Juni zur »langen Nacht der Vokabelkrieger« auf der Ferieninsel Sylt mit Lesungen von Anne Weber, Artur Becker, Bettina Gundermann, Arne Rautenberg. Außerdem gab es einen Auftritt der neuformierten Gruppe Pathetische Patienten (Wolfram Spyra, Valeri Scherstjanoi, Hartmut Andryczuk) mit elektronischen Sounds, Lautpoesie, Kurzfilmen und Gesang sowie einer kleinen Inszenierung von Welimir Chlebnikows Poem »Der Untergang von Atlantis«. / Lena Koroljova, junge Welt 14.7.
Die Künstlerbuchzeitschrift Vokabelkrieger wird herausgegeben vom Kunst: Raum Sylt-Quelle und dem Hybriden-Verlag Berlin und erscheint einmal im Jahr.www.hybriden-verlag.de
Veröffentlicht am 3. Juli 2006 von lyrikzeitung
Im Kapitel „Kritiker in der Kritik“ in „Aus dem Hinterland. Lyrik nach 2000“ zitiere ich auf den Seiten 129 und 134 diese beiden Zweiteiler, die den einen oder anderen Leserbrief herausforderten:
Die schärfsten Kritiker der Elche
wären gerne selber welche.
F. W. Bernstein
Die größten Kritiker der Molche
waren früher eben solche.
Robert Gernhardt
F. W. Bernstein dokumentiert in dem mehrseitigen Nachwort ELCHE / SELBER WELCHE zu seinem Lyrikband „Lockruf der Liebe“ (Haffmanns, Zürich 1988), wie er und Gernhardt auf einer winterlichen Autofahrt in diesen Dichterwettstreit eingetreten sind, aus dem Bernstein nach bravourösem Kampf (mit Würmern, Kühen, Quallen und weiterem Getier) letztlich als Sieger (nach Verlängerung und Elfmeterschießen) hervorging, zumal er (Bernstein!) auch noch die wohl bekannteste Alternative „Die größten Kritiker der Elche/ waren früher selber welche“ beisteuerte. Gernhardt konterte zwar recht geschickt mit den Molchen, aber Bernstein hatte das (bei der Fußball-WM wieder abgeschaffte) „Golden Goal“ bereits erzielt. Im übrigen sei Molchkritik ein Kapitel für sich, beschließt ein sichtlich mit sich zufriedener Bernstein ein Nachwort, das auf 6 Seiten sowohl beste Unterhaltung als auch umfassende Aufklärung aus erster Hand im Hinblick auf den Urheber des Elche-Zweiteiler garantiert.
Theo Breuer
(Danke – also auch da erweist sich Ihr Buch als zuverlässige Informationsquelle!)
Veröffentlicht am 3. Juli 2006 von lyrikzeitung
… die Verse »Die schärfsten Kritiker der Elche?/ waren früher selber welche« stammen von F.W. Bernstein, Dichter und Zeichner wie Robert Gernhardt.
Der Irrtum ist indes weit verbreitet. Else Buschheuer berichtete im Mai 2006, wie sie in einer Sendung mit Marcel Reich-Ranicki über den »Elche / selber welche«-Reim sprach. »Der ist von Gernhardt!«, trompetete, ahnungslos wie fast immer, der Lauthals Reich-Ranicki. Buschheuer widersprach und korrigierte den FAZ- und Fernsehmann. »Das ist von F.W. Bernstein.« Reich-Ranicki beharrte auf seinem Irrtum und schnappschildkrötete brüsk: »Nein. Von Gernhardt! Bernstein ist ein Dirigent!« Sprach der berühmteste Literaturkritiker des Landes, der Erste seiner sinnlosen Zunft. / Wiglaf Droste, junge Welt 3.7.
Veröffentlicht am 2. Juli 2006 von lyrikzeitung
verheißt die Mail – aber keine „Texten“, nicht mal Tittentexten – es ist nichts als der übliche tägliche, stündliche SPAM. X = it, that’s it! Wer’s mag! Den anderen empfehle ich die aus einer pommerschen Kleinstadt in die Weltstädte Berlin und New York ausgeschwärmte „Dada-Baroness“ Else Ploetz alias von Freytag-Loringhoven:
Keiner
(Literarisch
Five-o-clock)
1
„Gewiss“ –
so
sprach
er –
„Das
ist
richtig –
Der
Koitus**
ist
klotzig
wichtig“ – –
2
„Gestatten
Sie
Herr – – –
Zappelmann –
das
kühle
Wort:
Wenn
man
ihn
kann.
3
Der
Koitus
braucht –
wie
die
Dichtung:
Rhytmus –
tiefinnerlichste
Richtung – – –
4
Kälte –
Feuer –
Fantasie – – –
5
Er
ist
geschlechtliches
Genie –
Ein
Körperblutgesang
unbändig – – – – –
6
Sonst
ist
er
unanständig – –
– – wie?
7
Panik
im
Tellerauge
spricht
er:
8
„Gnädige –
ich
bin
kein
Dichter“
Else Freifrau v. Freytag-Loringhoven
**) Note: Für „Koitus“ kann „Liebesrausch“ genommen werden. Nicht gern. Schwächt ab! Und warum auch?
Aus: Elsa von Freytag-Loringhoven: Mein Mund ist lüstern. I got lusting palate. Dada-Verse. Hrsg. u. übersetzt von Irene Gammel. Berlin: edition ebersbach 2005, S. 24 (Hier die – stärkere – Original-Faksimilefassung)
In L&Poe: 2002 Aug (Dada Queen); 2003 Nov; Dez (Wunderbarer Wahnsinn); 2004Feb #8. Pommersche Muse, pommerscher Dada; 2005 Mai #28. Ihr Arsch
Veröffentlicht am 28. Juni 2006 von lyrikzeitung
Durch ihre Literarisierung verlor die Dichtung aber auch ihre Eindeutigkeit. Nicht nur weil, wie Plato bemängelte, alles Schriftliche offen interpretierbar war, da es bloss Worte, nicht aber Intonation, Mimik und Gestik zu registrieren vermochte, die bestimmten, wie etwas wirklich gemeint war. Nein: Zusätzlich zu diesen sich auftuenden Ambiguitäten büsste die Poesie auch an allgemeiner Verständlichkeit und Zugänglichkeit ein. Wo die orale Dichtung bei ihrem epischen Extemporieren noch auf die kurze Aufmerksamkeitsspanne eines zuhörenden Publikums durch kurze Informationseinheiten, allgemein gültige Formeln und dauerndes Wiederholen Rücksicht genommen hatte, hatte die Poesie es nun mit Lesern zu tun. Für die ein Gedicht überblickbar wurde. Beliebig oft lesbar. So entstand der «Text» – sein immer dichter geflochtenes Gewebe, das erst nach mehreren Malen durchschaubar wurde.
Aus der Eröffnungsrede, die der österreichische Schriftsteller Raoul Schrott (geb. 1964) am «34th Poetry International Festival » in Rotterdam gehalten hat. / NZZ 28.6.2006
Veröffentlicht am 27. Juni 2006 von lyrikzeitung
«Vor mir Krakau im grauen Talgrund. / Schwalben tragen die Stadt auf langen Zöpfen / aus Luft. Krähen in schwarzen Pelerinen / behüten sie», heisst es in einem Gedicht von Adam Zagajewski. Zwanzig Jahre lang hat er einst in dieser Stadt gelebt – vor einigen Monaten ist er aus dem Pariser Exil zurückgekehrt, um es noch einmal zu versuchen. Als wären zwei Nobelpreisträger, Czeslaw Milosz und Wislawa Szymborska, für eine mittelgrosse Stadt nicht genug, hat auch er (der ebenfalls bereits als Nobelpreis-Kandidat gehandelt wird) sich den Krakauer Dichtern angeschlossen, was der Stadt endgültig den Nimbus einer Literatenhochburg verliehen hat. / Marta Kijowska, NZZ 27.6.2006
Veröffentlicht am 27. Juni 2006 von lyrikzeitung
Das Totalitätsdenken war die radikalste Abstraktion der konkreten Welt und zugleich die tiefste Verbeugung vor der Realität, die dem menschlichen Denken je möglich war. An einer Stelle schrieb Hegel: „grabe einen Toten aus und befrage die Made, die an seinem Fleische nagt: Was der Pfaff am Grabe versprochen, hat sie eingelöst – das Leben nach dem Tode. Wäre sie begabt zu Glück, sie wäre dankbarer Christ. Wäre sie Mensch, sie wollte Papst werden. Wäre sie Philosoph, sie würde Tinte scheißen, die vom Tod als einem Festmahl kündet. Der Mensch, der Christ, der Philosoph aber, sie alle sind im Gegensatz zu unserer Made todunglücklich: weil sie leben und die Glückseligkeit erst im Tode erwarten. Sie sind unglücklich, weil sie der Tote sein wollen und nicht die Made!“
In diesen Zeilen ist Größe und Tragik des Totalitätsdenkens in einem radikalen Bild verdichtet (weshalb man Hegel als einen der größten deutschen Dichter lesen sollte)… / Robert Menasse, SZ 27.6.2006
Veröffentlicht am 30. Mai 2006 von lyrikzeitung
Das literarische Unternehmen, das Michael Donhauser seit mindestens fünfzehn Jahren mit grosser Konsequenz und Gelassenheit verfolgt, wirft immer wieder die Frage auf, wie wir der Welt gegenübertreten. Denn dass wir es tun und dass in dem, was Heidegger als Dasein charakterisierte, die Glücksbedingungen des Ästhetischen liegen, daran will Donhauser keine modischen Zweifel hegen. Aus dieser grundlegenden Sicherheit ergibt sich dann weiter ein Sprachvertrauen, mit dem sich der 1956 in Vaduz geborene, in Wien und Vaduz lebende Autor abseits der diversen Strömungen der literarischen Moderne befindet – und dennoch in beständigem Austausch mit ihr. Lyrische Sprechweisen, die in seinen Texten oft durchklingen, kommen von weiter her. Goethe oder Hölderlin, Michael Donhauser bewahrt sie und trägt sie weiter, indem er ihre Inhalte entdramatisiert, den alten Formen ihre Strenge nehmend, sie in neue Kontexte, neue Nachbarschaften stellend. / Leopold Federmair, NZZ 30.5.
Michael Donhauser: Ich habe lange nicht doch nur an dich gedacht. Urs Engeler Editor, Basel / Weil am Rhein und Wien 2005. 194 S., Fr. 39.–.
In L&Poe: 2001 Mrz (Vom Jazzpianisten Thelonius Monk / Eines der grossen programmatischen Dichtwerke der klassischen Moderne); Sep; 2002 Mrz (Lyrik in ausgewählten Zeitschriften); Jul (Die Leonberger Kreiszeitung); Nov (Die Leonberger Kreiszeitung / Sieben Himmel); 2004 Mai #76. Paul Jandls Fazit zu Meran, NZZ 17.5. / #77. Meraner Lyrikpreis; Aug #4. Konzepte; 2005 Mrz #17. 9 – 13 – 17: Engeler überall; Mrz #109. Michael Donhauser erhält Jandl-Preis für Lyrik; Mai #89. Donhausers Sehen; Jun #46. Ein Lyrik-Weg; Jun #68. Unauffällige Radikalität; Jul #78. Unikatkünstler; Sep #5. Alphabet der Welt; Nov #45. Engeler Newsletter; Nov #122. Ausgezeichnete Lyrik; 2006 Mai #25. Der Meraner Geschmack_
Veröffentlicht am 8. Mai 2006 von lyrikzeitung
Über die Finalisten und die Preisträger von Meran (#22) schreibt Paul Jandl in der NZZ vom 8.5.:
Prall gefüllt ist der kulturelle Fundus des aus Stuttgart stammenden und in Berlin lebenden Ulf Stolterfoht. Stolterfohts «lingualer drang» amalgamiert die Sprache des Barock mit jener der Elektrotechnik, Hip-Hop mit der Goethe-Zeit. «Des Knaben Wunderhorn» wird in «drei kampfliedern aus nord-württemberg» mit dem ächzenden Anarchismus der Achtundsechziger verschnitten: «auf auf! ihr auserwählten / fäuste! und würget mit anarcho-kraft / des molochs ungestalte brut.» Bei Stolterfohts bildungssattem Auftritt rauschen Johann Gottlieb Herders «Kritische Wälder» noch einmal. …
Ulrike A. Sandig, Jahrgang 1979 und Studentin am Leipziger Literaturinstitut, schreibt lakonische Gedichte, fern von Tempo und zerebraler Gegenwart. Und ein wenig wie Sarah Kirsch: «war der tisch, war der stuhl, sass ein kind / in der küche und ass, war es still auf dem flur, / ging niemand herum und zählte die eigenen / schritte.» «Anmutig zärtlich», wie die Jury meint, sei dieser Blick «auf eine geheimnisvolle, bisweilen unheimliche Welt», den man sich dann doch gerne wieder konterkarieren lässt. Etwa durch Jan Volker Röhnerts plüschige Poplyrik, die den hohen Ton durch blechern verstimmte Tröten treibt, bis sie so melancholisch klingen wie sein «Chanson perdue».
Eine «Echoarchäologie» betreibt Hartwig Mauritz mit seinen Gedichten, die Bild um Bild übereinander legen. Ganz in der Gegenwart angekommen ist Ron Winklers überzeugende Kunst. Digital sind seine Surrogate der Idyllen: «Wald ist eine schöne Form von Agglutierung» heisst es da, «ein geflügelter Raum / mit dem Potenzial weitgehend richtig zu sein. / ich kann dir das gern mal brennen.» Am «Lago Momentane» fühlt sich Winklers lyrisches Ich «auffallend jetzt». Der Jury war das zu wenig zeitlos. Ein Verdikt, das auf den Aarauer Andreas Neeser wohl nicht zutraf. Er erhielt für seine «Schichtungen menschlicher Erfahrungen und Erinnerungen», wie es in der Urteilsbegründung heisst, den mit 2100 Euro dotierten Medienpreis der RAI / Sender Bozen.
Sein Fazit:
«Wenn unsere Seele sich lange geübt hat, über Vollkommenheit und Unvollkommenheit der Dinge zu urteilen, so ist der Geschmack da», schreibt Herder in seinen besagten «Kritischen Wäldern». Der Meraner Geschmack ist schon seit einigen Jahren da. Es ist eine Lyrik des poetisch aufgeladenen Schauens, die hier die besten Chancen hat. Mögen die Wortjongleure oder Aktualitätsbesessenen unter den Dichtern auch gekränkt sein – auf den letzten Meraner Preisträger Michael Donhauser folgt ziemlich nahtlos Ulrike A. Sandigs Inventur des Blickfelds: «kommt wind auf, zittern die körper von fliegen, libellen / den wespen im gitter und schlagen die stoffe weit aus / und zerren am sims, an den rahmen aus eichholz.»
Mehr: Nachrichten.ch 8.5.
Veröffentlicht am 24. April 2006 von lyrikzeitung
Peter Paul Zahl darf wieder Deutscher sein. Der mittlerweile überwiegend in Jamaika lebende Schriftsteller gewann vor dem Berliner Verwaltungsgericht den Prozess gegen seine Ausbürgerung durch das Auswärtige Amt (AA) im Jahre 1995. Die Entscheidung wird zurückgezogen, erklärte der Prozessvertreter des AA. Zähneknirschend. …
Als er 2002 in der deutschen Botschaft in Kingston seinen Pass verlängern wollte, wurde ihm mitgeteilt, er habe die deutsche Staatsbürgerschaft automatisch durch die Annahme der jamaikanischen verloren.
Im Stil eines „altrömischen Imperators“ habe man ihm den Pass entzogen und gedroht, sonst „alle deutschen Flughäfen anzuweisen, ihn bei einem Einreiseversuch in Abschiebehaft zu nehmen“, sagte Zahls Anwalt Harald Remé. Die damalige Entscheidung war falsch und rechtswidrig, wie das Berliner Verwaltungsgericht nun feststellte. Denn damals galt noch das 1913 unter Kaiser Wilhelm erlassene „Reichs- und Staatsangehörigkeitsgesetz“. Zahl, der nach wie vor in Deutschland gemeldet ist, hier arbeitet und seine Steuern zahlt, durfte gar nicht ausgebürgert werden. …
„Wir waren schon mehrfach mit solchen Geschichten befasst“, meinte der Vorsitzende und ließ auch durchblicken, dass hier für die Ausbürgerung wohl eher politische Gründe entscheidend waren: „Jeder, der wie ich in Berlin aufgewachsen ist, weiß doch, wer Herr Zahl ist**“. / Otto Diederichs, taz 24.4.
** Na dann ist ja alles klar. Fischer ist ja nicht in Berlin aufgewachsen, der konnte das gar nicht wissen! Hoffentlich liest er jetzt die taz! Und Steinmeier?
PPZ in L&Poe: 2002 Apr (Peter-Paul Zahl); 2004 Mrz #51. Spruch an Peter Paul Zahl (Anthologie); Mai #21. Was sind Sie eigentlich, Herr Zahl?; 2006 Feb #68. Aus gegebenem Anlaß
Veröffentlicht am 22. April 2006 von lyrikzeitung
Unter der Zeile „bücher für randgruppen“ bespricht Wolfgang Müller „Gedichte jenseits des Kanons“ von Rosa von Praunheim, Thomas Knoefel und Friedrich Schröder-Sonnenstern. / taz 22.4.2006
(Vielleicht mag die Benennung der jeweiligen „Randgruppen“ hilfreich sein: Praunheim schwul, Knoefel unbegabt, Schröder-Sonnenstern irre. Lesen Sie mehr in der taz!)
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