DADAheutzutage

Guten Tag Herr Gratz

Man hat mich vor einigen Tagen auf Ihre Internetzeitung aufmerksam gemacht und so folgt ein Leserbrief zum DADAheutzutage, zusammengestellt aus Texten der letzten Zeit.

OberDADA, UnterDADA, NebenDADA, WirklichDADA, DADAhäuptling, IndianerDADA, DreimalDADA, KampfDADA, SchreiDADA, DADAheinz, WauwauDADA, DADAminister, DrunterunddrüberDADA, DADADADA und überhaupt gibt’s kein CopyschutzDADA. Da wird man heit neuköllner OberDADA genannt und schert sich nicht um belanglosigkeiten. DADA ist ohnehin recht BALLA BALLA heutzutage reanimiert. DADA heutzutage muß mehr sein als Wiederholung, und darum bemühe ich mich, gelegentlich DADAläsig immer zu.

DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA,

Vom Studium kleiner Unendlichkeiten

Der Dadaismus war auch eine Reaktion auf die Selbstüberschätzung akademischer Wichtigkeit für diese Welt, feinziselierten Bilderchen gottmetaphorischen Status anzudichten und Überheblichkeit mimen da man einen akademischen Status besitzt, das konnte nicht gut gehen und wird immer wieder bekämpft werden mit Mitteln, die die Personen der jeweils aktuellen Zeit erbringen.

Heutzutage ist der Dadaismus in einer seltsamen Situation, bei den Kunsthistorikern ist er so gegen 1920 bereits weggepackte Geschichte. Etliche zeitgenössische Künstler pflegen ihn als anhaltendes Blödelprogramm oder wie Epigonen mit Fortschrittsirrtum , was das gleiche ist. Andere erfinden ständig neue Namen für Dada, weil die Erfindung: dich doch in den Olymp der Auserwählten bringt. Ständig wird der Versuch unternommen „Fixe Ideen“ zu einträglichen Marktstrategien mit Kunstanspruch durchzusetzen und oft genug wird gezahltes Papier als Maßstab für Qualität gewertet. Der wirkliche Kostenfaktor, Bewahrung als Kulturgut, wird dann später von der Gesellschaft eingefordert. Hier entscheidet ein Wildwuchs an Cleverness vieles vorläufig. Das angenommene Korrektiv “Geschichte“, funktioniert nicht automatisch. Es gibt sie, die “unfehlbaren“ Museumsleute, die aus ihrer Sicht die nicht anerkannte Kunst dann lagern. Die institutionelle Macht verfügt. Diese Kunst wird später verstanden, die Gegenwart ist dumm. Nur sicherlich nicht immer.

Die Künstler und das System Kunst müssen sich Gedanken machen über die Legitimität von Definitionsmacht: Was ist Kunst? Die Freiheit, alles als Kunst vorzuschlagen, bleibt unberührt. Aber diese Freiheit taugt nichts wenn Kapitalinteressen, persönliche Machtstrukturen und institutionelle Einsamkeit Entscheidungen durchsetzen können, die auf Verdrängung und Vernichtung zielen. Es ist fatal, der Verlust von nicht Entdecktem, schon im Keim Ersticktem. Kunst braucht Rezeption. Kunst braucht Publikum. Kunst braucht das gebildete Auge. Vieles unscheinbare und zarte wird zertreten.

Begieß es mit Sonne, damit es erwächst zu einem Baum wie Mammut.

Das Prinzip Sozialdarwinismus, wo der Stärkere gewinnt, sollte eine Gesellschaft nicht dominieren. Kunst und viele andere Bereiche in einer Gesellschaft sollten nicht mit einem Boxkampf verwechselt werden. Wo Kreativität vernichtet wird, weil sie die zusätzliche Eigenschaft sich durchzusetzen nicht hat, ist möglicherweise etwas aus der Welt verschwunden. Für lange, für immer, das sie hätte gut gebrauchen können, die Welt.

Die Weltbevölkerung muß begreifen, dass jedes Individuum einen unersetzlichen Wert darstellt für das ganze System Menschheit. Und unsere Mörder sind zu analysieren und zu bewachen, nicht einfach zu vernichten. Bei allem notwendigen und legitimen Egoismus: das Beispiel von den „Musketieren“ muß in den Gedanken der Menschheit eingebaut werden: Einer für die Menschheit, die Menschheit für Einen.

Es ist legitim, an die Möglichkeit von Unsterblichkeit für die Menschheit zu glauben, es ist sogar wahrscheinlicher als die Metapher, die das Christentum anbietet, Himmel und Hölle und anderes von den Religionen, die eine Existenz nach dem Tode der Individuen annehmen. Es wird letztendlich auch effizienter sein damit aufzuhören, über den individuellen Tod hinwegzutrösten durch Glaubensangebote, dass die eigenste Personalität irgendwie weiterlebt. Eine umfassende Sensibilität im Sozialen ist vonnöten. Die fortwährende Vernichtung menschlicher Ressourcen, aus welchen Gründen auch immer, ist nicht hinnehmbar. Es ist letztendlich fatal im Angesicht des Universum, im Angesicht unendlicher “Zustände“.

Die Menschheit wird jede Kraft benötigen, im unendlichen und ewigem Nichts zu bestehen, in dem das Universum seinen Raum einnimmt. Wir werden sorgfältigst darauf achten müssen, das durch den Verlust Einzelner nichts verloren geht, das vielleicht nur dieses Individuum erbringen kann. Wir werden durch die Geworfenheit in die Natur nicht unbegrenzte Chancen haben, uns pionierfähig zu machen für das Universum.

Ihr Machtbesessenen dieser Welt, ihr emsigen Bewacher eurer kleinen Schollen, es ist das Universum, in dem jede Heimat und Tradition überleben wird oder nie.

Die Kunst, die Künstler nähern sich auf ihre Art dem Thema Unsterblichkeit, Unendlichkeit. Es ist ein altes Thema hier. Das Arbeiten am ewigen Bestehen eines Kunstwerkes aber wird nur als Idee möglich sein. Ideen aller Art, wenn diese Überzeugungskraft in unseren Nachfahren erzeugen. Diese Überzeugungskraft lebt in unseren Nachkommen fort, in einem immerwährenden Kontinuum zur Unendlichkeit hin. So haben Ideen Chance auf Unsterblichkeit.

Diese theoretische Überlegung ist ja nie beweisbar. Allenfalls für den letzten Menschen das Gegenteil, wenn bis dahin das Rätsel, Woher wir kommen, gelöst sein sollte. Wir wissen recht gut wie der Mensch sich fortpflanzt. Aber wie Leben sich fortpflanzt, sich sichert, sich zur Geburt bringt, was wissen wir darüber? Was wissen wir über mögliche Variationen menschlichen Lebens im Universum?

Neben der spekulativen Theorie über die ewigen Dinge gibt es für uns Menschen die ganz praktischen Erfahrungen und Belange, die sich daraus ergeben. In aller Unendlichkeit und Unsterblichkeit lässt sich eine jede individuelle Begrenztheit pragmatisch nieder. Wir arbeiten darin.

Auch Dada, die große Idee vom Andersein der Kunst, will ein Stückchen den Weg gehen in die Unendlichkeit. Und Dada lebt, wenn Dada lernt. Dada ist mehr als Blödelprogramm. Dada ist Opposition innerhalb des Kunstsystems. Dadaismus am Beginn des 21. Jahrhunderts ist tiefster Ernst und will höchste Wissenschaft sein.

Es ist ein wenig Thema dieser Ausstellung, es ist eine Beobachtung an der eigenen Person und seinem Handlungsrepertoire, dass wir irgendwo im Ewigen existieren. Das Arbeiten mit einem DIN-A4 Blatt Papier ermöglicht einen unendlichen Variantenreichtum an Formenschöpfung. Ein Leben reicht nicht aus hier eine Varianteneingrenzung im Anschaulichen zu geben. Vielleicht lässt eine theoretische Umklammerung des gestellten Kontextes Grenzen erahnen, lassen sich Grenzen setzen, wenn das Unendlichkeitsproblem von der Menschheit angegangen würde?

Für uns Künstler aber liegt eine pragmatische, tatsächliche Unendlichkeit an Arbeit vor uns. Allein aus dem Bereich der klassischen Vorgaben an Stiften, Pinseln, farbigen Flüssigkeiten, diversesten Bildträgern und Deformationen des Materials ist kein Ende absehbar. Die Malerei, die Zeichnung steht an ihren Anfängen. Wir haben doch erst ganz wenig gemalt, es gibt doch so wenig an Zeichnung. Beeil dich Zeitgenosse, dein Leben ist ein Atem und hauche ganz viel aus, damit wir uns erinnern, wer du warst. Eh das umfassende Menschheitsgedächtnis funktioniert, da wird’s dauern. Noch ist der Mensch ein Vernichter, er ist kein Schöpfer.

Guten Tag sehr geehrte Damen und Herren, Kollegen und Kolleginnen, liebe Freunde

DADA war eine Befreiungsaktion und ist ein fortwährender Kampf gegen die kleinen Köpfe, gegen die verbretterten Hirne, gegen unser Spießbürger und immer gegen Künstler die ihre Opposition in Käfige ihrer kleinen, abgeschlossenen Welt inhaftiert wissen wollen.

„Der Dadazauber ist vorbei“, da irrt Pappa Beuys und mit ihm ganze Fakultäten.

Ohne Dada kein Beuys, kein Fluxus, kein Happening, keine Performance.

Alles ist vom Dadageist beseelt. Dada hat tausend Namen.

Ich bin bekennender DADAsoph.

Der Dadaismus heute, muß mehr sein, als Schweinegrunzen in Fersform.

Diese Ausstellung ist für mich ein Beleg an Freiheitsarbeit.

Diese Ausstellung ist dada, aber nicht DADA.

Stillosigkeit ist gewollt, eine freie Entscheidung.

Hässlich und Schön ist gewollt, eine freie Entscheidung.

Harmonie und Aggression ist gewollt, eine freie Entscheidung.

Emotionen, Fantasien, Spinnereien, Denkereien, auf der Strasse, in Mülleimern, das weggeworfene, unbeachtete finden und zur Kunst formen, ist gewollt, eine freie Entscheidung.

Diese Ausstellung ist DADA PAPA MAMA Beuys gewidmet.

„Jeder Mensch ist ein Künstler“

Diese Idee haben die ersten Dadaisten in die Welt gebracht.

Beuys hat diesen Satz populär gemacht und hat mit diesem Satz eine Massenbewegung von: ich bin auch Künstler, ermöglicht, besser beschleunigt.

Dieser Satz hat auch viele Missverständnisse in den Köpfen der Menschen erzeugt.

Über diesen Satz sollte ein jeder Mensch zunächst nachdenken, philosophieren, reflektieren und ihn in eine Welt der Sätze legen. Das ist Arbeit.

Lasse ich Beuys reden mit den Sätzen:

„Alles menschliche Wissen stammt aus der Kunst, der Wissenschaftsbegriff hat sich aus dem Kreativen entwickelt. So hat allein der Künstler das Geschichtsbewusstsein geschaffen. Es kommt entscheidend darauf an, das Bildende in der Geschichte zu erfahren. Geschichte muß demnach plastisch gesehen werden. Geschichte ist Plastik.“(Heiner Stachelhaus, 1987)

Eine Plastik formt man, biegt sie, ritzt und kratzt und baut. In der Erweiterung reden wir, diskutieren miteinander, gestalten Gesellschaft, gestalten uns immer auch selber, bauen an der sozialen Plastik weiter oder Demokratie ist eine Baustelle.

Jeder Mensch ist ein Künstler, ich kritzle ein paar Blätter voll und werde Millionär, falsch verstanden.

Jeder Mensch ist ein Künstler, ich steh am Mittag auf, bau was mit Kartons und werde Weltberühmt, falsch verstanden.

Jeder Mensch ist ein Künstler, ich mach es mir bequem, schreibe rotweingequollene Sätze und werde Universitätsprofessor, falsch verstanden.

Das Künstler Arschlöcher sind, dieser Satz von Beuys wird selten zitiert.

Einige Sätze aus einem Gespräch zwischen Amman, Kounellis, Kiefer, Beuys.

Kiefer:“ Ich glaube, dass Janis und Beuys auf einem gesicherten Boden stehen, auf dem ich nicht stehe. Denn für mich ist es eine Beschwörung zu sagen, der Mensch stehe im Mittelpunkt. Davon bin ich gar nicht überzeugt. Ich glaube auch nicht, im Sinne von Beuys, dass jeder Mensch ein Künstler sei. Für mich ist auch nicht sicher, dass es eine Entwicklung gibt, an der man arbeiten kann, damit jeder Mensch ein Künstler wird.“

Darauf Beuys: “ Wenn du ein waches Auge hast für das Menschliche, kannst du sehen, dass jeder Mensch ein Künstler ist. Ich war jetzt in Madrid und habe gesehen, wie die Männer, die bei der Müllabfuhr arbeiten, grosse Genies sind. Das erkennt man an der Art, wie die ihre Arbeit tun und was für Gesichter sie dabei haben. Man sieht, dass sie Vertreter einer zukünftigen Menschheit sind. Und ich habe etwas bei den Müllabfuhrleuten gesehen, was ich bei den Scheisskünstlern vermisse, denn die Künstler sind zum grossen Teil opportunistisch, sie sind Arschlöcher, das muss ich jetzt auch mal sagen. Die Künstler sind die reaktionärste Klasse. Eigentlich gibt es ja keine Klasse mehr, aber die Künstler sind so reaktionär, dass sie schon fast wieder eine neue Klasse bilden.“

Ich behaupte ja das Klassenkampf wieder modern wird und rufe alle aristokratischen Gemüter des Landes auf, egal wie prall oder leer eure Geldbeutel sind, legt die Bequemlichkeit auf den Sonntag und arbeitet für euch, dieses Land, Europa, die Welt. Das Universum ruft nach euch. Werdet Künstler, erarbeitet euch die Qualität eines Gottes. Keiner ist Gott, Gott als Existenz ist Rätsel.

Rainer Wieczorek, Berlin 3.11.05

dieser DADAabend oder Denke selber, als Hommage an eine Schillerdichtung und Einstein

DADA Lebt

DADA hat tausend Namen

DADA braucht das Land

DADA für Europa

DADA für die Welt

DADA als Opposition zu den etablierten Kunstschinken

DADA als die ewige Opposition

DADA das Prüfliche vor sich selbst

DADA da du die da trallala war ein mal

DADA hat Abitur gemacht

DADA ins 21. Jahrhundert retten

DADA für ein Stück Ewigkeit

DADA Heute

DADA definiert sich selbst

DADA ist evolutionär

DADA Viren nach Amerika

DADA für ein Hallelujaja

DADA I love you

DADA bin ich.

DADA ist für mich Satire

DADA ist für mich lyrisches Kabarett, politisch

DADA ist Politikerschelte, jenseits guter Manieren

DADA ist Gesellschaftskritik mit dem eigenen Wortschatz

DADA ist meine Einsatzphilosophie

DADA ist Kunst

Kunst ist Dada.

DADA die große Idee vom Andersein der Kunst.

Und, der Dadaismus lebt, wenn er lernt, mehr als Blödelprogramm zu sein.

Dadaismus am Beginn des 21. Jahrhunderts ist tiefster Ernst und will höchste Wissenschaft sein.

Künstler müssen sich bewusst werden, das sie einen Bildungsauftrag haben an ihre Gesellschaften. Der Boehme soll sein Atelier in die Kneipe verlagern.

Wir müssen unser Land dazu bringen das es unterrichtet über Bilder, das es die Grammatik der Bilder, die Welt der Bilder verstehen lernt. Dem reinem Geschmacksurteil sollte ein Bildungsurteil entgegengehalten werden. Das Wirken von Bildern, auch der laufenden, die des Kommerzes und die Bilder jenseits der Kunst sollten der Allgemeinbildung zugänglich gemacht werden.

Die schöne Erinnerung vom Volk der Denker und Dichter, braucht eine Erfrischung, braucht Nahrungsaufnahme für unsere Zeit.

Ein Volk muß heute Gesellschaft sein, dieser Gesellschaft Energie zuführen, das von einer Gesellschaft mit Denkern und Künstlern gesprochen wird, ist angestrebt.

Letztendlich muß Kunst den Beweis erbringen, dass sie eine Wissenschaft ist.

Ein „Dekorationsmarkt“, wird sich Historisch gesehen nur begrenzt halten im Menschheitsgedächtnis.

Kunst als Wissenschaft der Fantasie, des Unbewussten, der Linie, der Form, der Farbe, der angewandten Ästhetik. Was ist schön, was ist hässlich, was machen die Bilder, Bilder mit der Sprache verknüpfen, Bilderurteil zur Grundschulbildung erklären ist die Aufgabe.

Den Dadaismus halte ich insofern für wichtig und fähig das System Kunst zu erneuern, zu verändern, zu beeinflussen, da hier kein Korsett vorzufinden ist.

Dada muß immer Opposition bleiben, auch vor sich selbst und vor sich selbst.

Dada kann man als so etwas wie eine Methodenlehre zur Kunstausübung begreifen.

Dada ist ein Gegenentwurf zur Arbeitsteilung, vor allem da, wo diese stupid wird für den Einzelnen.

Dada hat uns Künstlern den Horizont erweitert, neue Kombinationsmöglichkeiten eröffnet. Und dies auch mit Wirkung auf Gesellschaften, den Individuen, das eigene Leben und dem großen Anteil daran, die Arbeit.

Durch Arbeit Sein Leben zum persönlichen Paradies zu gestalten. Zu Milliarden persönlicher Paradiese.

Dada ist Bestandteil, Erfindung der Klassischen Moderne. Diese halte ich für noch nicht abgeschlossen, ihr Repertoire ist weiterhin ausbaufähig, sie befindet sich im Prozess der Globalisierung. Ich fuße in ihr und arbeite mit ihr. Die vielen Namen über sie werden überflüssig. Die Moderne hat erst angefangen.

Anfang, Ende, Mitte, Post Moderne, Nach Moderne, Vor der Post Post Moderne, alles Begriffe die ich für unbrauchbar halte für einen Prozess dessen verlauf noch keiner kennt.

Eine eingeschobene Zusammenfassung: DADA ist für das Individuum, für Persönlichkeiten, Paradiese für alle, Selbstbestimmung.

Alle diese Begriffe tangieren den Begriff: Freiheit.

Freiheit erkämpft und erlitten zu haben, halte ich für das Wichtigste, das wir den Wegbereitern in die Moderne zu verdanken haben.

Die Freiheit in der Kunst alles tun zu können.

Ich tue nicht alles, und wir, die Künstler sollten nicht alles tun.

Jeff Koons, zum Beispiel, mit seinem Pop Art Kitsch am falschen Ort. Amerikanische Glanzbilder, Marktpropaganda bis zur Selbstvernichtung eigener und anderer Kultur.

Kollegen Schelte will ich hier nur im Pinkeln nach Oben einschieben, weil hier der Kanon definiert wird über Kunst und eine Zeit in der ich lebe,

in der ihr lebt.

Also werde ich und wird meine Kunst mitdefiniert, was im Resultat bedeuten kann das man wegdefiniert wird.

Das sollte jeder Künstler, jede Künstlerin beachten bei unserer Nonchalance, nahezu kritiklosem Umgang mit der vorgesetzten etablierten Kunst. Wenn man genau hinhört, dann existiert für die Öffentliche Meinung als Kunst, nur das „Etablierte“.

Das System Kunst sollte insgesamt sportlicher Denken: gemessene Sprünge, gemessene Zeiten, wie viel Kilos, Unterliga, Oberliga, Weltmeister und so weiter, ein größeres Spektrum an Kariermöglichkeit und Beachtung.

Ein Kontinuum von der malenden Wissenschaft bis zu gemalten Postkartengrüßen.

Was mich persönlich anbelangt so kämpfe ich um die Weltmeisterschaft und möchte in diesen Kategorien gemessen werden. Picasso, Klee, Wols, Beuys um nur einige zu nennen, sie alle sind Kollegen geworden.

Jeder kann meine Kunst ablehnen, diese für schlecht halten oder für sonst was halten, nur seien sie Vorsichtig beim zeigen und benennen ihrer Gegenentwürfe. Ich kann laut Gähnen und giftig Argumentieren und bin ihnen dennoch dankbar, wenn es am Ende für meine Kunst anregend geworden ist. Ich adaptiere gerne, was wir Künstler ohnehin mehr tun als erfinden.

Als Künstler bin ich Generalist, einer der sich nicht einschränken will, in keinem Stil, keinem Programm sich selbst beendet will. Ich will nicht meine evolutionären Arbeitsprozesse in eine Sackgasse führen. Das gilt auch für die Substanz meiner Arbeit dem Malen und Zeichnen.

Beides gehört zusammen, nicht nur bei mir selbst und der Art meiner Malerei, in der die Linie bisher dominiert, auf ihr basiert.

Jeder Maler sollte die Schulung des Zeichnens für sich entdecken und nutzen. Im Zeichnen entwickelt sich eine enorme Formenvielfalt, Entschlussfreudigkeit und Konkretheit, die weiterhilft. Das Zeichnen bildet die Hand des Malers.

Wenn ein Bild fertig ist, eine Zeichnung gemacht ist, so ist es eine Übung gewesen für mich.

Wenn ich von Übung spreche, soll dies keine Bescheidenheit suggerieren, sondern die Überzeugung, dass ein Denken in Kategorien der Vollendung für den arbeitenden Künstler zu früh Endpunkte setzt, die der persönlichen Weiterentwicklung hinderlich sind.

Herausrühren sein Innerstes. Es einfach tun, sein malen, ist immer wieder angesagt und das Scheitern daran. Die Analyse seines Misserfolges Bildet. Und das Wissen, das alles Vorläufig ist, muß verkraftet werden.

Die Malerei, die Kunst sollte sich zum Botschafter des Evolutionären entwickeln. Malerei und die Zeichnung ist immer mitgemeint, birgt eine Kraft an Abstraktion von Weltdeutung in sich, die in unserer Endlichkeit nur hier erfahrbar ist.

Vielleicht schafft es auch ein Gedicht.

Kunst soll mithelfen die Welt zu gestalten.

Kunst ist ein Werkzeug des Gärtners, den das Universum ruft. Wir sind die Gärtner. Ein jeder ist Gärtner.

Und haben sie Bitte nicht das Bild im Kopf, von einem kleinkarierten Hobbyisten, Unkraut zupfend, Ameisen vernichtend, den Naturgewalten einhalt gebieten, ein Herrgott auf 50qm.

Dieser Gärtner soll glücklich werden im Baumarkt, aber in dieser Metapher hat der nichts zu suchen.

Mit den Absolutheiten, den Endpunkten, dem tasten im Unbegreiflichen haben sich Künstler schon immer auseinandergesetzt, ihre Philosophie ist hier erkennenbar.

Ein Leben für den Menschen im Universum ist ins reale, ins praktikable gerückt.

Ich denke das Weltraumpioniere, eine in den Weltraum wachsende Menschheit nur eine Chance hat, wenn sie totale Gerechtigkeit ausübt,

die Würde eines jeden achtet, Toleranz bis an die Grenzen ihrer Haut ausübt.

Mensch werden, den es noch gar nicht gibt.

Nur dies, wird uns, die Menschheit retten können.

Raumschiffe ohne Menschlichkeit werden Totenschiffe sein.

Eine Erde mit Verlierern wird eine verlorene Erde sein.

Diese wird im Universum sterben, verschwinden zu Materie,

für die sich, dieselbe nicht mehr interessiert.

Unser aller Arbeit wurde zu Nichts.

Diesem Nichts zu trotzen ist letztendlich nur dem vernetzte Superhirn Menschheit möglich.

Einzelne werden es zum Ausdruck bringen, weil alle ihnen geholfen haben.

Die falsche Annahme das Kunstwerke ewig Existieren können, kann nur eine Entsprechung finden, durch eine Menschheit, die es versteht im Universum zu existieren.

Und die Arbeit an der Perfektionierung des sozialen,

ist ebenwürdig,

wichtig

wie lichtschnelle Maschinen und unbezwingbares Material.

Kunst sucht in der Unendlichkeit von Form und Farbe nach Bildern die uns Menschen begeistern,

die uns berühren,

die uns bilden,

die unser Leben bereichern.

Es ist die Individualität, der Kunst ureigenstes Wesen,

diese Wahrhaftigkeit zählt für die Kunst.

Schaffe Bedeutung für die Welt, produziere deine Wahrheit für die Kunst.

Kunst ist Offen.

Kunst muß offen bleiben.

Rainer Wieczorek, März 2005

Künstler /Soziologe/DADAsoph

DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA, DADA ohne ENDE.

Mit freundlichem Gruß Rainer Wieczorek

Rainer Wieczorek (Künstler/Soziologe/DADAsoph)

„Produzentengalerie Rainer Wieczorek“ Flughafenstr. 38 und „Evolutionsbüro“ (Atelier)

Reuterstr. 85 in 12053 Berlin

teL. (030) 6134562

63. Anagramm-Handbuch

Zu welchen Letternoperationen die poetische Arbeit in der gegenwärtigen Anagramm-Szene in Wort und Bild führt, das zeigt ein Kompendium mit dem sprechenden Titel «Die Welt hinter den Wörtern». Das Spektrum der Texte reicht von Unica Zürn und Andre Thomkins über Kurt Mautz und Elfriede Czurda bis zu jüngeren Arbeiten von Heini Gut, Mario Billia oder Gerhard Jaschke. … Wer sich auf das nicht immer schwindelfreie Unternehmen der Buchstabenpermutationen einlassen will und für poetische Höhenflüge an den Grenzen der Sprache gewappnet ist, dem sei diese Anthologie als Navigationsinstrument dringend empfohlen. / NZZ 12.3.

Die Welt hinter den Wörtern. Zur Geschichte und Gegenwart des Anagramms. Hrsg. Max Christian Graeff. Verlag Martin Wallimann, Alpnach 2004. 240 S., Fr. 35.-.

 

17. 9 – 13 – 17: Engeler überall

Heute: Michael Donhauser
Singen und Schauen, Sagen und Sehen, sie durchdringen, verbinden, vertauschen und bedingen sich in Michael Donhausers Literatur seit seinen ersten Prosagedichten Der Holunder von 1986. Auch macht Vom Sehen deutlich, dass es vornehmlich die „Versammlung der Dinge“ ist, „Dinge, die da hingen und lehnten als Leiter und Besen oder lagen als vergessener Schal“, was den Autor einen „silbernen Gesang“ und ein „Durch-ihn und Mit-ihm und In-ihm“ wahrnehmen und aufzeichnen lässt. Und doch liest man allenthalben, insbesondere aber in jüngeren Texten, wie Sehen und Sagen allein von Dingen ein Ungenügen zeitigen, das, bitter genug, letztlich weder den Dingen noch den Worten gerecht zu werden vermag.
Anders als so mancher seiner Kollegen hat Michael Donhauser diesen Mangel an menschlichem Miteinander in einer oftmals nur mehr der Sprachreflexion verpflichteten Avantgardeliteratur erkannt und bereits vor Jahren eindringlich beleuchtet. / Mirko Bonné, FR 2.3.

Michael Donhauser: „Vom Sehen.“ Urs Engeler Editor, Basel 2004, 192 Seiten, 19 Euro

30. Czechowski 70

Manches verbindet Czechowski mit Karl Mickel, Wulf Kirsten, Sarah und Rainer Kirsch, all den Sachsen, ohne die es eine nennenswerte Dichtung in der DDR kaum gegeben hätte. Als Zehnjähriger erlebte er die Bombardierung Dresdens, eine Erfahrung, die für sein Schreiben so wichtig wurde wie für das Volker Brauns. Er arbeitete als technischer Zeichner, bevor er 1958 an das Leipziger Literaturinstitut ging und dort, wie es sich für einen sächsischen Dichter gehört, von Georg Maurer ¸¸Genauigkeit in der Behandlung des Gegenstands“ lernte. Auch erfuhr er jenes ¸¸Kontinuum großer Musik und geistiger Anregung“, das Leipzig vor allen DDR-Städten auszeichnete. 1998 erinnerte er sich, ¸¸daß wir, hinter einer Säule der Kongreßhalle verborgen, Ernst Bloch, Hans Mayer und Georg Maurer belauschten, als sie sich über die Strawinsky-Interpretation von Leopold Stokowski unterhielten“. / Jens Bisky, SZ 7.2.
Mehr: ND 7.2.

84. Wer nullen kann

Angelika Janz (Aschersleben/ Vorpommern) schickte folgendes Gedicht aus Anlaß des NPD-Skandals im Dresdner Landtag:

Vor dem Endspielpfiff
Mit Null beginnt es
und mit Null ist Ende.
Ans Ende beißt sich,
wer die Null benagt.
Der Nullen Notstand
schafft sich Außenstände,
der Nullen Lösung
wieder ist gefragt.
Mich fremdet, lullen
uns die Gründe
der Nullenenden mit der Lösung ein.
Die Null ist wehbeklagt
und weniger als nichtig.
Wie auch Genesung wichtig,
aber ungestillt versagt.
Ist letzten Endes
wieder Null die Lösung,
ist vor wie nach der Nullenwende
des Teutschen Zählenkönnen wieder
in Verwesung,
des Endes Lösung abgenullt vertagt.
Wer nullen kann,
ist nah am Endgelösten,
des Landes Sprach im Deutsch
ist alt und unerhört.
Mit Null beginnt es
und mit Null verschwände
des Randes Stachel,
der den Eingedösten
die Gutenachtgewalt noch
vor dem Endspielpfiff verstört.
Angelika Janz

1988

81. Lyrikbedarf

Konsequent endet der Band in einem poetischen Zettelkasten: einer Sammlung von Einzelzeilen, aus denen man bei Gelegenheit und Motivation noch hätte etwas machen können, einer alphabetisch geordneten Liste von Begriffsblüten, Neologismen, Fundstücken, summiert unter der Überschrift „lyrikbedarf“; als Geste ein sarkastisches Abwinken. Auf der letzten Seite dann das handschriftlich vom Autor eingetragene, für jedes Exemplar dieser Auflage eigens entworfene „schlußwort“. Dasjenige des Rezensenten mag dieser nicht verraten, wohl aber die Hoffnung, es möge nicht das letzte Wort gewesen sein. “ / NICOLAI KOBUS, taz 22.1.

Ulf Stolterfoht: „fachsprachen XIX-XXVII“.
Urs Engeler Editor, Basel/Weil a. Rhein 2004,
126 Seiten, 19 Euro

73. Der israelische Lyris-Kreis

 

Apropos 20er Jahrgänge: In Jerusalem lebt die Lyrikerin und Künstlerin Eva Avi-Yonah, die 1921 in Wien geboren wurde. In ihrer Wohnung trifft sich einmal im Monat ein Kreis von zwölf Dichtern, fast alle Emigranten aus Deutschland, der Bukowina und Österreich, die einander ihre auf Deutsch geschriebenen Gedichte vorlesen. Eine Auswahl erschien jetzt auf Deutsch. Besprechung in der FAZ vom 20.1.

 

Dorothee Wahl (Hrsg.)
Lyris. Deutschsprachige Dichterinnen und Dichter in Israel
Beerenverlag, Frankfurt am Main 2004
ISBN 3929198401,
Gebunden, 170 Seiten, 29,00 EUR

 

Hier ein Artikel der jüdischen Kulturzeitschrift David über deutschsprachige Autoren in Israel. Darin über Lyris und über die Lyrikerin Lilit Pavell:

 

Die Anforderung, mehrmals im Leben sich einer neuen Sprache, dem Leben in einer neuen, ungewohnten Umgebung anpassen zu müssen, erklärt die Multikulturalität der Autoren und das häufige Phänomen der Zwei- und Mehrsprachigkeit. Vor allem schreibende Frauen sind es, die ihre Texte mehrsprachig verfassen. Eine von ihnen, die in Stettin geborene Lyrikerin Lilit Pavell, kam 1933 als Zionistin nach Palästina. Bemerkenswert ist, dass sie zunächst begann, Lyrik in englischer Sprache zu schreiben und erst später, seit 1970 auf deutsch.

 

Ausgelöst wurde ihr Schreiben in deutscher Sprache durch eine Reise nach Deutschland: Ausgesetzt der Erinnerung an Vergangenes schrieb sie hier ihr erstes deutschsprachiges Gedicht mit dem bezeichnenden Titel „Vergessene Kindheit“. Das Schreiben versteht Lilit Pavell als Akt des Widerstandes gegen „Vergänglichkeit“ und „Vergeblichkeit“.

 

Gedichte von Lyris-Autorinnen in:

 

Mnemosyne. ZEIT-Schrift für jüdische Kultur. Organ des Vereins Mnemosyne – Gesellschaft für Erinnerung, hrsg. von Armin A. Wallas† und Andrea M. Lauritsch
Bd. 29, Sommer 2004, 200 S., 14,00 €, br., ISSN1022-2642


Thesen zur sozial-realistischen Lyrik

von Enno Stahl

I

Die westliche Gegenwartsgesellschaft hält sich für restlos geklärt, aber sie ist es nicht. Statt dessen Fragmente: keine soziale oder politische Idee, die einen Zusammenhang herstellte, kein Ethos, keine Aussicht, kein Ziel. Statt dessen wirtschaftliche Stagnation, sozialer Niedergang, Verelendungstendenzen.

II

Die kulturellen Produkte, deren Aufgabe es wäre, Mißstände zu markieren, zivilisatorische Möglichkeiten auszuloten, sie ignorieren diesen ernüchternden Status Quo. Ihre innere Botschaft – so überhaupt vorhanden – wird überzeichnet von ihrem Vermarktungsbegehren, wird übertönt “vom Winseln der Ware um Konsum”. Oder sie haben sich ein eigenes Ghetto zugewiesen, in dem sie gefahr- und folgenlos deuten und bedeuten können, verstiegenen Wendungen und Weisen nachgehend, fernab von gesellschaftlicher Wahrnehmung, außerhalb von Empfinden und Begreifen nicht-expertenhafter Rezipienten.

III

Für kaum eine Disziplin im Rahmen der Künste gilt das so sehr wie für die Lyrik. Sie hat den Kontakt zu den Menschen verloren, die Dichter sind ihr eigenes Publikum. Ein zirkuläres System ist entstanden, das – alimentiert durch Stipendien und Preise – sich selbst zu genügen meint. Doch dieses System steht vor dem Kollaps. Die Lyrik muss sich selber ihre Adressaten suchen: um gesellschaftliche Relevanz zurück zu gewinnen, muss sie in einem neuen Sinne sozial-realistisch werden: über und für die Gemeinschaft handeln.

IV

Eine solche Lyrik muss sich der gesellschaftlichen Lage bewusst werden, muss wirklich hinsehen, muss hinaus gehen in die städtische Wirklichkeit, muss echten und normalen Menschen begegnen, muss die wahren Gedanken und Probleme der arbeitenden oder nicht-arbeitenden Bevölkerung kennen lernen. Am Schreibtisch allein, in der Dichtklause des Künstlerdorfs, lassen sich diese Kenntnisse nicht erarbeiten.

V

Ein neuer Zugang zum Material, zum Schreiben selbst: es geht um eine soziale Topographie, um die Dokumentation waltender, bio-politischer Prozesse, um die Rolle, die Lyrik darin spielt, und um eine weltanschauliche Perspektive: wo stehst du, wenn du sprichst?

VI

Die sozial-realistische Lyrik behandelt das, was unmittelbar gegeben ist – sie sucht nicht neo-klassizistisch die Antike mit dem Auge des Textes, missachtet Pseudo-Mythen, beschäftigt sich nicht vorrangig mit eigenen Befindlichkeiten. Ihr Thema ist der Alltag, Weltlichkeit, das “Zuhandene”.

VII

Die sozial-realistische Lyrik ist daher Gebrauchslyrik: sie betreibt keine überflüssige Verrätselung, sondern bemüht sich um Verständlichkeit. Sie weiß um ihren gesellschaftlichen Standpunkt und bindet diesen mit ein.

VIII

Sie vermittelt soziale Bilder: Symbole und Metaphern aus dem Repertoire der unmittelbaren Anschauung dessen, was jedem von uns bekannt ist, was uns jeden Tag begegnet. Doch die sozial-realistische Lyrik stellt sie in einen neuen Zusammenhang. Sie zeigt Widersprüche auf, weist auf Ungleichheiten hin, die immer noch oder gerade jetzt wieder auftreten – von Politik und Wirtschaft explizit ausgeblendet, von den Medien als beliebig wiederholbare “Armuts-Version” ihres Inhalts beraubt.

IX

Auf diese Weise kann die sozial-realistische Lyrik mittel- und sogar unmittelbar einwirken. Sie kann – langwellig betrachtet – über die “Gestaltung kosmischer Schwingungen” (Deleuze/Guattari, 1000 Plateaus, S. 472), soziale Funktionen ausüben, doch nur dann, wenn sie ein Restpotenzial an subversiver Wahrheit birgt.

Sie kann aber auch direkt durch die Thematisierung sozialer Gehalte agieren, durch die poetische Aufwertung vermeintlich “niederer Gegenstände” (Personen, Orte, Sachverhalte), etwa als “Ghetto-Gesang” jenen eine Stimme leihen, die sonst nie eine haben werden.

X

Nur zu oft ereignet sich die sozial-realistische Lyrik, entsteht bzw. präsentiert sich live: Mündlichkeit, ‘spoken word’, öffentlich vorgetragener Text, sie sucht die Begegnung mit dem Publikum, Kommunikation ohne Barriere. Das verändert ihr Erscheinungsbild, ihre Form: Gedichte mit Songcharakter, ein mitreißendes Element, das den Ort der Poesie verändert, öffentliche Lyrik als soziales Sprechen.

37. Sappho der 60er Jahre

Mit Sylvia Plath hatten wir eine 60er-Jahre-Sappho, die gerade vom Lefkadischen Felsen gesprungen war, schreibt Erica Jong in der Sunday ´s Book Review der New York Times vom 12.12.

IN The New Yorker of Aug. 3, 1963, a remarkable sequence of poems appeared, by a dead poet whose name was not yet familiar but whose voice sounded like no other. Under these poems was the attribution: Sylvia Plath (1932-1963). Since Mr. Shawn’s New Yorker carried no contributors‘ notes, readers had no idea who wrote these astonishing poems; but the ominous double dates confirmed that she had gone like Alcestis to the land of the dead.

The sequence began with “Two Campers in Cloud Country“ and ended with “The Moon and the Yew Tree“:

This is the light of the mind, cold and planetary.
The trees of the mind are black. The light is blue.
The grasses unload their griefs on my feet as if I were God. . . .
I simply cannot see where there is to get to

WE can see in this new edition what a careful constructor of poems Plath was. She weighed her commas and semicolons. She cared about what Denise Levertov and Allen Ginsberg used to call “breath units.“ She must have read her poems aloud to hear them in the air.

It is touching that they were mostly written at four in the morning — “that still, blue, almost eternal hour before cockcrow, before the baby’s cry, before the glassy music of the milkman, settling his bottles,“ as Plath put it for the BBC two months before she died for a program that was never broadcast. “If they have anything else in common, perhaps it is that they are written for the ear, not the eye: They are poems written out loud.“ I adopted this habit too, when my daughter was an infant. I love that sky blue-pink hour, do my best writing then and read what I’m writing aloud to myself, especially poetry.

So “Ariel: The Restored Edition“ is illuminating. I only wish Frieda Hughes and HarperCollins had included a recording of Plath’s last reading for the BBC, in 1962.

/ ERICA JONG, NYT *) 12.12. 2004

ARIEL: The Restored Edition, HarperCollins, $24.95

Featured Author*) Sylvia Plath (enthält Besprechungen und Artikel 1966 – 1998 sowie 3 Tonaufnahmen der Autorin)

 

46. Zu Jelinek /38

Ein Brief

Lieber Dr. Gratz, Elfriede Jelinek, in ihrer Nobelpreis-Rede, hat ein recht preiswertes, ja billiges Verfahren, Sätze zu produzieren. Sie wirft die Assoziations-Maschine an. Selbst Kalauer und dümmliche gedankliche Querverbindungen werden benutzt und ausgenutzt bis an den Rand. Die Maschinistin der Kunsthonig-Schleuder greift vor, sie überholt die Kritiker durch Selbst-Einsicht. Sie ist Kriegerin und Bekriegte, Täterin und Opfer in einer Person. Ein riesiges Ich-Orchester, – ein verschrecktes kaltes Ich -, füllt die Welt mit Leere, mit glitzerndem Seiten-Lametta, es raschelt – aber da ist NICHTS.

Als Erleidende ihres persönlichen Schicksals (Paranoia, Depressionen, nix geht ohne chemische Krücken) ist Elfriede Jelinek eine von uns.

Sie ist durch und durch zeitgemäß.

Wilhelm Fink, Hamburg

Texte von Wilhelm Fink / seine Homepage

39. Sappho-Fragmente

Wolf Busch schreibt zur Nachricht @1:

wie gut, daß es L&Poe gibt, sonst wüßte ich vermutlich immer noch nicht, daß es einen neuen Sappho-Papyrus gibt. Die englische Übersetzung von Anne Carson, auf die Sie in diesem Zusammenhang hinweisen, bezieht sich wohl auf das Fragment 32 D. (Fragmentzählung von Diehl), dessen Übersetzung in der von Max Treu herausgegebenen Sappho-Ausgabe (Sappho: griech. u. dt; hrsg. von Max Treu. 7. Aufl. München; Zürich: Artemis, 1984) auf Seite 41 zu finden ist.

Der neue Sappho-Papyrus betrifft allerdings das Fragment 65a D., wenn ich das richtig sehe. In der eben erwähnten Ausgabe von Max Treu steht die Übersetzung auf Seite 59.

Auch Joachim Schickel hat dieses Fragment übersetzt, zu finden auf Seite 33 von: Joachim Schickel (Hrsg.): Sappho. Strophen und Verse. 7. Aufl. Frankfurt a. M.: Insel, 1995.

In der „Erfindung der Poesie“ (Eichborn, 1997) hat es Raoul Schrott (ziemlich frei) übersetzt (dort als Nummer LV auf S. 138 f.)

Sinnigerweise findet man eine englische Übersetzung auch auf einer Seite, auf der es um „Aging Reversal for Skin and Hair“ geht: http://www.skinbiology.com/renewingskinandhair.html

Lieber Wolf Busch,

vielen Dank für Ihren Brief mit den wertvollen Hinweisen. Ja, das ist schon bedauerlich, daß diese Nachricht so wenig Beachtung fand.- Ich hatte mir für die Weihnachtszeit Sappho vorgenommen, und Sie verkürzen mir jetzt die Wege.

Freundliche Grüße
Michael Gratz

 

41. Heine-Preis

Robert Gernhardt erhält am Montag in Düsseldorf den Heinrich-Heine-Preis. Vielleicht trösten ihn die 25.000 EU über seinen Hader mit der Rechtschreibreform? / Der Standard 11.12.2004*)

Mehr: : Neue Ruhr Zeitung 13.11. / Der Standard 14.12.

36. Hotel Macondo

Acht Zeilen von Beckett entwickeln den Zyklus „Hotel Macondo“, acht Prosagedichte, in denen Klimkes Themen und Motive explodieren: das Eis, das Meer der verlorenen Zeit, die toten Träume, die apokalyptische Schattenlosigkeit, und dazu der imaginierte Aufstand „eines Tages“, der dem Haus Macondo oder Aracataca seinen Namen wiedergibt. / Alexander von Bormann, Die Welt 11.12.

Christoph Klimke: Hotel Macondo. Oberbaum, Berlin. 91 S., 18,41 EUR.

34. Hälfte des Lebens

Perlentaucher Arno Widmann räumt einen Gedichtband von Hans Thill vom Nachttisch und stellt das Gedicht „Hälfte des Lebens“ vor.

Hans Thill: „Kühle Religionen“. Gedichte. Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2003, 104 Seiten, 17,90 Euro. ISBN 3-88423-212-6.

40. Ukrainische Avantgarde

Am Beginn der postsowjetischen Autorengeneration in Lemberg steht die Gruppe „BU-BA-BU“, die 1985 von Jurij Andruchowytsch, Viktor Neborak und Oleksandr Irwanets gegründet wurde. Sie begannen mit Lesungen im Freundeskreis. Ab 1987 traten sie mit Performances ihrer musikalisch-theatralischen Poesievorträge an die Öffentlichkeit. Zentral für ihre Literatur war, in Anlehnung an Bachtin, die Theorie, dass die Gedichte nicht aus sich selbst, sondern aus ihren Figuren heraus entstehen sollten. Sie machten die Sprache der Bauern und des Nationaldichters Schewtschenko zu einer Sprache der Avantgarde. Wie das Beispiel Andruchowytsch zeigt, erneuerten sie die ukrainische Literatursprache, indem sie verschiedenste historische und ethnische Schichten auf der Suche nach einer neuen Identität zu einer Synthese zusammenführten. / Jutta Lindekugel, Freitag 51

10 EUROpäer – Deutsch-ukrainische Gedichteanthologie (freier Download)