81. Österreichischst

Diese Eigenschaft (mit einem „vielleicht“ davor) schreibt Wieland Schmied dem Künstler Attersee zu. Wie sehr im ostmittelsüddeutschen Raum die Grenzen verschwimmen, zeigt auch dies Zitat aus der Siebenbürgischen Zeitung (#80):

In die Düsseldorfer Ausstellung „Bild-Zeichen“ des renommierten Malers und Grafikers Franz Kumher, eines Banater Berglanddeutschen, führt Walter Engel ein, während Paul Tischler anlässlich des 65. Geburtstages von Christian Ludwig Attersee über den in Pressburg/Slowakei geborenen, europaweit bekannten Allround-Künstler schreibt.

Ein Bild von Attersee schmückt das neueste Heft der immer spannenden Wiener Zeitschrift „Freibord“, die Gerhard Jaschke im 30. Jahrgang herausgibt: die Zeichnung einer Frau, die ein Buch nicht nur in der Hand, sondern über den diversen erotischen Zonen trägt (Lippen, Brüste, Scham und Füße). Das Heft 134 erscheint in Gedenken an gleich 13 verstorbene Weggefährten (darunter Wolfgang Bauer, Istvan Eörsi, Gerhard Kofler und Milo Dor). Vorangestellt ein kleines Gedicht von Günter Brus, Faksimile als Briefgruß:

Guten Morgen,
es ist halb 11.
Robert Walser
macht im Grab Gebelf.
Dein GB

Im Heft der Zyklus „Buchsport“ von Attersee und zwei Reden von Schmied auf den Künstler. In einer davon erklärt er den Superlativ auf das rot-weiß-rote Land u.a. mit Hinweis auf seine erste Arbeit von 1964/65:

Sie heißt „Komm mit nach Österreich“ und erklärt sich als Fremdenführer für außerirdische Wesen, die sich in den neun Blättern (Collagen mit Mischtechnik auf Karton, die jeweils durch das Zitat markanter Sehenswürdigkeiten eines unserer Bundesländer zu ihrem Besuch aufrufen und von Textmontagen von Gerhard Rühm begleitet werden) … in den Bildern selbst niedergelassen haben und in ihnen heimisch geworden sind.“

Außerdem im Heft: „denk krümel“ von Elfriede Gerstl, eine Art Comic von Ilse Kilic und Gedichte von Margret Kreidl, Petra Ganglbauer, Marietta Böning, herbert j. wimmer und Walter Pilar.

Nachsatz für Greifswald und Umgebung: Im Falladahaus in der Steinstraße (Heimstatt des Vereins pom-lit.de) gibt es viele Bücher und Zeitschriften – nicht nur aber auch „pommerscher“ Provenienz. Es gibt eine Teilnachlaßbibliothek des 1988 gestorbenen Stralsunder Lyrikers Uwe Lummitsch, eine größere Auswahl polnischer Literatur (auch in polnischer Sprache, eingeschlossen Zeitungen und Zeitschriften aus der Aufbruchszeit 1980-81), etwa 80 Prozent der Zeitschriften „Sinn und Form“ und „Neue Deutsche Literatur“ von den Anfängen in der frühen DDR bis zur Bundesrepublik, rumäniendeutsche Zeitschriften der 70er/ 80er Jahre, aber auch etliche Jahrgänge der österreichischen Zeitschriften „Manuskripte“ und „Freibord“. Der Verein kann sich keinen Bibliothekar leisten. Wenn Sie etwas davon benutzen wollen: schreiben Sie mir eine Mail oder besuchen Sie mich auf einer unserer Veranstaltungen.

 

54. Literaturförderung

Die Süddeutsche fragte am 8.4. deutsche Autoren und Autorinnen, welche Rolle Literaturförderung für sie spiele. Ulrike Draesners Antwort:

Ich schreibe diese Zeilen in Frankreich. Meine Kollegen hier versuchen, von Nebenjobs, Erbschaften und Partnern zu leben; ich lebe von meinen Lesungen und bin dankbar dafür, dass es Tradition und Institution des literarischen Vorlesens in Deutschland gibt. Natürlich wird auf diese Weise mein Schreiben unterstützt – ich verdiene Geld mit etwas, das meiner eigentlichen Arbeit wenigstens verwandt ist, wenn es sie auch oft schmerzlich unterbricht. Wer über Gelder für Schriftsteller diskutiert, möge nicht vergessen, dass Lesungshonorare, aber letztendlich auch Preise und Stipendien, immer eine Gabe für mehrere sind. Gefördert werden auch jene, die zuhören: im Auffassen, Denken, Genießen und Wahrnehmen der Welt durch die Vielfalt ihrer Facetten und Sprachen.

Überflüssig, bizarr, gehärtet und geweiht

Misch-Text von Wilhelm Fink, Hamburg

Eva Hesse: »Die Überflüssigkeit der höchsten aller Berufungen [der kreativen] in der modernen Welt drückte sich niederschmetternd materiell in der Unmöglichkeit aus, sich durch dichterische Leistungen den bescheidensten Lebensunterhalt zu verdienen, wie Pound an seinen Freunden und an sich selbst erfuhr.«

Je bizarrer ein Mensch ist, um so schwerer hat er es. War es nicht seltsam (Eva Hesse berichtet es), dass Ezra Pound in der Tat immer wieder auf Menschen zusteuerte, die nicht gut für ihn waren? – Worum handelt es sich? Grillparzer: TGB II,8 290: »Meine inneren Zustände! Das Unzusammenhängende, Widersprechende, Launenhafte, Stoßweise darin übersteigt alle Vorstellung. Heute Eis, morgen in Flammen«. – Auch Charlotte von Kalb war es nicht gegeben, eine richtige Gefühlspolitik zu treiben. Wollte sie einen Freund gewinnen, so übergoß sie sein Herz mit Sturmfluten ihrer Empfindungen: dass ihm der Atem verging und sein Glück sich fast in Furcht wandelte. – – Sie schrieb einmal, was das Gute und Erhabene im Leben sei, – »Nur die Ehrfurcht für das, was wir in uns und anderen GEIST nennen«. Und sie fährt fort – – : »daher sind die Affekte als Schranken des Guten und des Lichts so quälend.« Es sind spezielle Wesenszüge, die wir bei vielen Schriftstellern finden. . Einen Reizpunkt ansteuern, in eine Problemschleuse sich einschließen lassen: Ist es ein selbstquälerischer und zwanghafter Zug? Zum Beispiel – das schier Incompatible zusammenführen wollen, sich in Gegensätzen erproben wollen, die unvereinbar scheinen. Es heißt (bei Kafka, TGb) – »Der Schriftsteller, zu Lebzeiten tot und doch der eigentliche Überlebende, kann aufzeichnen, was er unter den Trümmern sieht, denn er sieht anderes und mehr als die anderen.«

Wenn Schlaf das Hineinkriechen des Menschen in sich selbst ist (Hebbel), so zeigt mir der Schweizer E.Y. Meyer (»Rückfahrt«), dass Schreiben auch eine Form sein kann, – zu verschwinden. Nämlich schreibend die Dinge so zuzuspitzen, dass man sich von den Menschen hinwegschreibt, z.B der Schweizer Hermann Burger. So sehr ich Ihre Briefantwort genoß, Günter Kunert, und so lebendig und geisteshell Sie vor 8 Wochen im Radio zu hören waren, so sehr legt sich jetzt Victor E. Frankl auf meine Seele: »Wer den Leser nicht gegen Verzweiflung gefeit machen kann, der soll es wenigstens unterlassen, ihn damit zu impfen.« (ich einst auf einer Postkarte an Günter Kunert)

Jede Meinung ist auch ein Versteck, jedes Wort auch eine Maske, Nietzsche. Er sagt sogar: »Um weise zu werden, muss man gewisse Erlebnisse erleben wollen, also ihnen in den Rachen laufen.« – Als ästhetische Phänomen ist uns das Dasein immer noch erträglich. – Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum. – Die Künstler enthüllen das Geheimnis, dass jeder Mensch ein einmaliges Wunder ist. (Nietzsche)

Das Texten, das Schreiben, das im Ginsterkleid der Sprache herumzupfen beginnt ähnlich wie man beim Weben zuerst, welche Wolle, welches Material ich wähle.Es geht um die Stofflichkeit, ob genarbt, zottig, es gestaucht oder locker ist, ich prüfe die Flausen und die Verdickungen (Noppen), ich greife nach dem, was hervorsteht in Drehungen und in den Wirbeln der Fäden. Selbst die Art der Beimischungen, des Fetts und der Lanolinbestandteile, auch farbliche Einsprengsel: alle diese Dinge geben Charakter. Und was geschieht? – Unter Spannung, in Zug und Drehung, dann wieder lockernd und ausgleichend, im Greif-Rhythmus der ordnenden, begleitenden Hände, beginnt das Spinnen. Unterdessen ordne ich am groben Tisch die Elemente. Ich bin in meiner Hecke. Ich durchdringe sie tastend und suchend. Dabei werde ich mir über ihre Struktur klar. Welche Zweige gehören welchem Gebüsch? Was liegt über- was untereinander im Gewirr der Stücke, der Stöcke und Ästlein. Freigegebene Spannung schlägt mir „klatsch!“ ins Gesicht: so geht es, wenn man in Strukturen eingreift mit sorglosem Griff. Shuttle ist ja nicht nur die Fähre (am Fluß, im Weltraum), sondern auch das Weberschiffchen, dass beim Teppichweben hin- und herflitzt. Ähnlich wie unser Lebensfaden von den Nornen oder Parzen in der Tiefe gesponnen wird. Ich dachte auch, dass der Dichter ein Fährmann ist, ein interprete, einer, der andere und anderes nach drüben über setzt, ein traduttore. Hemingway hat sich nie von der Kindheits- und Jugendprägung gelöst. Der Sieger geht leer aus. Seine Mutter (wie die Goethes) war in ständiger Nähe, ihrer Anwesenheit, auch wenn sie körperlich abwesend war, erdrückend. – Die Nachbarin der Hemingways, gefragt, wie sie denn war? Die Nachbarin zögerte, es zu sagen. «Groß war sie, überwältigend, wissen Sie, ich kann es nur so sagen, – sie sah aus wie der Weihnachtsmann.« Hölderlin wußte genau, was er immer wieder so und nicht anders tat. Er änderte sein Verhalten nicht. Darin lag der Hauptpunkt seines Leidens an der Welt und an den Menschen. Bewußt sich in die Schlachtbank legen. Dem Metzger noch verbal die Hand führen, damit alles richtig geschieht. Wie schrieb Hölderlin nach Bordeaux? Brief Nr. 238: »Ich bin nun durch und durch gehärtet und geweiht, wie Ihr es wollt. Ich denke, ich will so bleiben, in der Hauptsache. Nichts fürchten und sich viel gefallen lassen.«

Für HECATE formulierte ich bei swisstalk – Wer kennt schon das Internet-Klima? Die Typen verselbständigen sich, Heizhaus- und Setzkasten-Atmosphäre des Internets, Übertemperatur, Wachstumsklima. Dein Nick, dein Pseudo, dir zuerst nur lose übergestülpt, nestelt sich mit Ablegerfäden in Tropenstimmung an deine Kopfhaut, plötzlich hast du eine neue Schwarte über dem Schädel, dir wachsen neue Speicher- und Arbeitsplätze zu, das Netzhirn, zwischen deinen Brauen, als ovaler Stirnschmuck, – dort öffnet sich erstmals das Scheitel-Auge, damit erblickst du Dinge, von denen »das Freitags ein bißchen Gälisch lernende« Mädchen HECATE sich bisher nichts träumen liess, du sprichst im Pinboard dies alles für uns aus, HECATE und wir lauschen dir als der total Fremden, die den Schlüssel zum grossen schwarzen Kasten hat.

Karl Philipp Moritz schildert, ganz wie später Fontane, wie in einer Gesellschaft ihn der Rededrang befällt. Nicht aus Eitelkeit, sondern aus Verlegenheit, aus Scham, für sich und die anderen, in dieser LEERE, für das Menschengeschlecht (die er füllen möchte).

68. Aus gegebenem Anlaß

… sehe ich doch noch einmal genauer nach, was in dem bescheiden „Der Kanon“ betitelten Buch fehlt (vgl. #64). Eine flüchtige Durchsicht. Ich vermisse zum Beispiel:

Richard Anders, C.W. Aigner, Erich Arendt, Arnfrid Astel, Konrad Bayer, Uli Becker, Marcel Beyer, Nicolas Born, Christine Busta, Franz Josef Czernin, Reinhard Döhl, Stefan Döring, Elke Erb, Jan Faktor, Michael Guttenbrunner, Manfred Peter Hein, Norbert Hummelt, Thomas Kling, Johannes Kühn, Axel Kutsch, Richard Leising, Kito Lorenc, Franz Mon, Inge Müller, Brigitte Oleschinski, José F.A. Oliver, Bert Papenfuß,  Richard Pietraß, Reinhard Priessnitz, Klaus M. Rarisch, Jürgen Rennert, Gerhard Rühm, Christian Saalberg, Paul Scheerbart, Hansjörg Schertenleib, Johann Gottfried Seume, Peter Waterhouse, Konrad Weiß, Ror Wolf, Paul Wühr, Peter Paul Zahl, Unica Zürn (die Liste kann verlängert werden!).

Auf den ersten Blick könnte man meinen, daß Marcel Reich-Ranicki besonders die (aus Denkschwäche oder Trägheit so genannten) experimentellen  Autoren ausläßt. Er mag sie halt nicht: bekannt! Dabei sind manche dieser Texte längst lesebuchreif und manche tatsächlich in Lesebüchern vertreten, die Werbung hat sich ihrer bemächtigt: sie wurden kanonisch! Aber die Fehlstellen gehen weiter. In der Liste enthalten sind etliche wichtige von den österreichischen Autoren der letzten 50 Jahre. Es fehlen die „Rumäniendeutschen“: nur Werner Söllner ist dabei, nicht aber Oskar Pastior, Rolf Bossert, Franz Hodjak. Es fehlen auffallend viele Frauen, nicht nur aus jüngerer Zeit. Und es fehlen die deutschen Autoren „fremder“ Herkunft: Cyrus Atabay aus Iran war seit den 50er Jahren (!) ein wichtiger deutscher Lyriker. Adel Karasholi aus Syrien, Said aus Iran (er war Vorsitzender des deutschen PEN-Zentrums). Zafer Senocak und Zehra Cirak wurden in der Türkei geboren und wuchsen hier zu deutschen Autoren heran. Sie alle haben viele Bücher auf Deutsch veröffentlicht. Alles das fehlt bei Reich-Ranicki. Das ein Kanon?!

Er wird sagen, das halte er eben nicht für bedeutend und bestätigt so dem Kenner nur seine Ignoranz. In Wirklichkeit verrät die Liste, daß hier jemand, der mit Heine und Goethe aufgewachsen ist und auch die klassisch gewordenen Gedichte der neueren Zeit mag, die Lyrikszene nicht wirklich beobachtet (niemand kann alles gleichmäßig beobachten, nicht einmal ein Papst). Der Papst ist nackt! (Okay, ich bin kein Kind, aber soviel sehe ich doch!) Da aber der Betrieb in Deutschland einen Papst braucht, der ihn in seiner Trägheit beliefert und bestätigt, bekommt er, was er braucht. Ja, dieser „Kanon“ ist wirklich ein Kanon: für alle die in den Redaktionen und Verlagen, die froh sind, daß ihnen einer vorkaut, was ihrem empfindlichen Magen bekommt, und das aussperrt, was sie doch nicht alles selber ausforschen können. Die Oma, der Zahnarzt, die oder der in der Freizeit gern mal ein Gedicht liest, mag hier gut bedient sein. Die jungen Menschen aber, die sich das Buch kaufen oder schenken lassen aus Neugier auf das, was wichtig ist und was sie noch nicht kennen, die werden wahrhaft beschissen.

Das ist der Skandal dieses Betriebes und dieses Unternehmens mit dem Namen „Der Kanon“.

– Und dabei gibt es einen wirklichen Kanon, der all das bietet. Ich habe nämlich, als ich die obige Liste zusammenstellte, nicht mein Gedächtnis oder meine Bücherregale konsultiert, sondern ein dickes Buch mit dem Titel „Der neue Conrady. Das große deutsche Gedichtbuch“. Die Ausgabe von 2000 enthält alle diese oben genannten Autoren (und noch viel mehr, was dort auch fehlt). Obwohl das Buch fünf Jahre früher erschien, reicht es viel weiter an die aktuelle Lyrik heran als die siebenbändige Kassette, die vorgibt, alle wichtigen deutschen Gedichte zu versammeln. Dieses Buch kann man Kanon nennen (übrigens auch zahlenmäßig: es enthält fast doppelt soviele Autoren wie jener „Kanon“!) Liebe Lehrer, bringt das unseren Kindern bei: nicht auf Werbesprüche hereinzufallen. Zu viele Erwachsene und selbst Leute vom „Fach“ tun es viel zu oft.

Der Herausgeber des wirklichen Lyrik-Kanons, der Germanist Carl Otto Conrady, wird heute 80 Jahre. Hier eine Gratulation aus der Welt vom 21.2.:

Es soll Leute geben, die nicht durch den Tag kommen, ohne nicht wenigstens einmal im „Conrady“ geblättert zu haben. Dem Germanisten Karl Otto Conrady ist es recht, wenn Lyrik geistige Alltagsnahrung ist und nicht für besondere Weihestunden aufgespart wird. Was gibt es Besseres zur sprachlichen Bewältigung der Existenz und zur immer neuen Erfrischung des Sprachvermögens als die Poesie?

Vgl. auch FAZ 21.2. (Wulf Segebrecht)

63. Der schlechteste Dichter der Welt

ist – nach britischer Ansicht – ein Brite, genauer gesagt: ein Schotte, oder die Schotten sagen: ein Ire. Er heißt William McGonagall, lebte von 1825-1902 und ist so schlecht, daß er schon wieder gut ist. Zeitgenossen nannten ihn „the Great McGonagall„, und offenbar nahm er die Ehrung an und ignorierte die Ironie. Zwar gebe es der schlechten Dichter viele, meint der Guardian vom 21.1.2006, aber indem er so gut wie jeden Funken Poesie vermissen lasse, habe er einen einzigartigen Stil entwickelt. Wenn doch mal ein halbwegs anständiges Bild auftauche, erscheine es unpassend, wie in diesen Versen über ein Schiffsunglück: „The vessel was christened by the Duchess of York / And the spectators‘ hearts felt as light as cork“. Oft schrieb er lyrische Reportagen, so über Unglücke, Einweihungen etc.: „‚Twas in the year of 1887, and on Saturday the 12th of November.“ Er hätte die Zeile kürzen können, etwa so: „on November 12th“, aber dann hätte er den allumarmenden menschlichen Impetus verfehlt: „Which the people of Aberfeldy and elsewhere will remember.“ So berichtet er über eine Fischhandlung, „most elegant to be seen“:

„And the fish he sells there are beautiful and clean;
And for himself, he is a very good man,
And to deny it there’s few people can.“

Lacht nur, sagt der Guardian, aber denkt an die Worte von Ezra Pound: „Nur das Gefühl überdauert“.

Hier die erste Strophe über eine Brückeneinsturz (schon die Einweihung zwei Jahre vorher hatte er besungen):

The Tay Bridge Disaster by William McGonagall

Beautiful Railway Bridge of the Silv’ry Tay!
Alas! I am very sorry to say
That ninety lives have been taken away
On the last Sabbath day of 1879,
Which will be remember’d for a very long time.

Das Gedicht kann hier nachgelesen werden. Es endet mit einer guten Lehre: „For the stronger we our houses do build, / The less chance we have of being killed.“

„Poetic Gems“ is published by Duckworth, price £7.99.

Tom de Toys: Rede zur Gründung einer Kulturpartei

Im gedenken an Nietzsches FRÖHLICHE WISSENSCHAFT, Picassos vision einer WISSENSCHAFT VOM MENSCHEN, Kandinskys INNERE NOTWENDIGKEIT und Paul Klees INNERES EXIL ist diese polemik Joseph Beuys (promotor einer „sozialen plastik“ gemäß eines ERWEITERTEN KUNSTBEGRIFFS und gründervater der „GRÜNEN“) gewidmet sowie stellvertretend für viele künstlerschicksale Eric Satie & Kurt Schwitters, die beide verarmt und vereinsamt starben, während ihre werke inzwischen zum europäischen kulturellen kanon zählen.

DIE KRITISCHE MASSE DER KREATIVEN

(geschrieben + gehalten von Tom de Toys am 15.12.05 in der Z-BAR, berlin-mitte,
während einer konspirativen sitzung der in gründung befindlichen kulturpartei)

liiiebe freunde der vision einer kulturpartei !

ÜBER die letzten wochen hinweg häuften sich in meiner emailbox skeptische kommentare zu Malte Brants` initiative der gründung einer partei, die sich das wörtchen KULTUR auf die fahne schreibt. diese kommentare stammten nicht etwa von kulturpessimisten oder womöglich kulturfeinden sondern ausgerechnet von engsten verbündeten, die selber unter der katastrophalen kulturpolitik in diesem lande leiden! dieselben kollegen, die mir da schrieben, wie paradox und absurd sie ein derartiges unterfangen fänden, gehören zu unseren wichtigsten eventmanagern des subkulturellen undergrounds und bejammern seit jahren ihre desaströse situation, die zur selbstausbeutung zwingt, um der öffentlichkeit begabte kulturschaffende vorzustellen. natürlich geht es hier nicht um die debatte des begriffs „begabung“, denn die bedeutung von künstlerischen werken erschließt sich eben NICHT auf politischer ebene, wie es die popindustrie und ihre massenmedien tagtäglich suggerieren. wir müssen stattdessen darüber diskutieren, wie sich der allgemeine ZUGANG zu den kunstprodukten einerseits erleichtern läßt und andererseits, wie die kunstproduzenten besser gefördert werden können, um ihrem beruf und damit ihrer berufung als selbständig forschende leichter nachgehen zu können. nach wie vor herrscht diese falsche und einseitige vorstellung vom künstlertypus als einem menschen, der nur unter genügend leidensdruck zu „genialen“ meisterleistungen fähig sei, und wie zum beweis werden rollstuhlfahrer wie Stephen Hawking und Jörg Immendorff als sensationen vermarktet, als quasi-elite im zivilisationszoo der oberaffen. aber es verhält sich in wirklichkeit genau andersherum: heutzutage gibt es immer mehr kulturschaffende, die nicht WEGEN sondern TROTZ ihres überlebenskampfes nicht müde werden (auch Immendorff und Hawking zählen dazu!), ästhetische informationen zu entwickeln und zu erfinden, die einen existenziellen MEHRWERT für unsere gesellschaft darstellen und darüber hinaus für den seelischen und sozialen fortschritt der menschheit an sich sorgen – sowohl in den „bildenden künsten“ als auch in geisteswissenschaften und letztlich sämtlichen disziplinen, die den zustand der gesellschaft und ihrer werte symbolisch erforschen und darstellen, um uns bewußter, wacher, aufmerksamer, ja sensibler für das LEBEN zu machen! kultur, liebe kollegen, ihr wißt es selbst, ist etwas kritisches, und zwar im doppelten sinne: kultur ist nicht nur kritisch im sinne ihrer schwierigen selbstbeurteilung sondern auch immer kritisch im sinne von subversiv, progressiv, experimentierfreudig und frei von konventionen, tabus und dogmatischen sackgassen, in denen wir menschen oft landen, wenn es schon fast zu spät scheint, um uns vor einem untergang zu bewahren. wir brauchen kultur als ein RÜCKGRAT der zivilisation, um zivilisiert zu bleiben. oder mit anderen worten: ein bürgerliches leben in frieden und ehrfurcht vor dem leben benötigt die kritische selbstreflexion mit ästhetischen mitteln auf allen ebenen, um das leben als solches überhaupt zu erkennen und die eigene meinung mit selbstironie, seele und ganzheitlichem sachverstand zu überprüfen. denn das ist es doch, was uns am durchschnittspolitiker stört und schockiert: er ist humorlos und machtgeil, dient als korrupte marionette der industrie und traut sich kaum, seine fehler zuzugeben, wenn er sich in seiner scheuklappen-ideologie verfängt und erwischt wird. politikern haftet schon immer der skandalöse ruf an, ihr volk nur zu täuschen, ganz gleich ob in diktaturen oder sogenannten demokratien. aber woran liegt das? ganz einfach, meine damen und herren: am kulturlosen bewußtsein dieser zugeknöpften, geistig verwahrlosten oberschicht; denn kultur bedeutet OFFenheit, neugier und kosmische weite im herzen. kultur ist DAS „spirituelle“ moment der gesellschaft, und wenn sie das nicht ist, dannn hat kultur nichts mehr mit kunst zu tun, dann ist kultur nur ein musealer zombie der ewig gestrigen und verlogenen anstatt lebendiger ort der begegnung. und wenn ich begegnung sage, dann meine ich die gesamte palette von multimedialen und multikulturellen bildungsmöglichkeiten – angefangen vom wunder der SPRACHEN, mithilfe derer der einzelne sich mit seinem nächsten und fernsten nachbarn auf diesem planeten kultiviert austauschen und einigen kann, über das kirmesspektakel, wo menschen sich kultiviert miteinander vergnügen, bis hin zum großen kunstevent, bei dem das szene-gebrodel aus den ateliers und künstlerkneipen an die oberfläche schwappt, was z.b. in einigen berliner bezirken inzwischen dank sehr engagierter projekte [1] in regelmäßigen abständen geschieht. in diesem sinne plädiere ich dafür, daß eine kulturpartei keinen selbstzweck darstellt sondern der kreativen bevölkerungsschicht mit respekt helfen soll, ihre orte der künstlerischen begegnung zu pflegen und auszubauen, damit dieses land in einem ungeahnt breiten ausmaß davon profitieren kann, wieviel seele, wieviel geist, ja wieviel esprit und ekstase in seinen nischen nur darauf wartet, unseren realen banalen alltag zu bereichern und zur MOTIVATION der menschen -jungen wie alten- beizutragen, die keinen lebenssinn mehr finden in den hohlen fernsehprogrammen, sterilen operninszenierungen und überteuerten eintrittspreisen überall! nicht nur bordells müssen für arbeitslose erschwinglich sein sondern auch diese LUST AUF KULTUR muß geweckt werden, die FREUDE an der teilnahme am kulturellen treiben – denn: kultur kann und sollte in einem feineren sinne absolut sexy sein !!!

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[1] Beispiele für soziokulturelles Engagement „von unten“:

Kulturnetzwerk Neukölln e.V. (Veranstalter von „48-Stunden-Neukölln“)
Kolonie Wedding e.V. (Veranstalter von Galerie-Rundgängen)
Schillerpalais e.V. (Veranstalter von „Nacht-und-Nebel“)
Künstlernetz Neukölln (Kunst- und Kulturportal)
Kultura-Extra (Online-Magazin)

BITTE UM HINWEISE ZUR ERGÄNZUNG DIESER LINKLISTE !!!

Nachtrag zur sozial-realistischen Lyrik

von Enno Stahl

Meine „Thesen zur sozial-realistischen Lyrik“ sind von verschiedenen Seiten missverständlich aufgefasst worden, das liegt zum einen daran, dass man den bewusst fragmentarischen, bewusst zugespitzten Charakter dieser kurzen Thesen verkennt – ich hatte explizit auf meinen umfangreicheren Essay zum sozial-realistischen Roman verwiesen, der als methodologische und theoretische Grundlage auch der „Thesen“ fungiert.

Zum anderen aber sind diese Missverständnisse den „Thesen“ selbst, ihrer etwas provokativ-pointierten Form, geschuldet. Wenn dort etwa die Rede von „Gebrauchslyrik“ ist, dann klingt das natürlich nach „Produktionsästhetik“ und sozialistischem Realismus. Tatsächlich sollte hier aber nur eine Spitze gesetzt werden gegen die Abgehobenheit der selbst ernannten Mystagogen Schrott und Grünbein. Wenn eine heutige Lyrik in dem Sinne „gebräuchlich“ werden kann, dass man sie versteht – selbstverständlich ohne Abstriche bei der Qualität zu machen – spricht dagegen nichts. Eine Bedingung für zeitgenössische Lyrik kann das jedoch nicht sein.

Formale und sprachliche Innovation ist dann jederzeit zu begrüßen, wenn sie einem analytischem Ziel dient, das Brecht – den ich schon im Roman-Essay dazu zitierte – als Wesen des Realismus umreißt: „den gesellschaftlichen Kausalkomplex aufdeckend/ die herrschenden Gesichtspunkte als die Gesichtspunkte der Herrschenden entlarvend.“ (Berliner und Frankfurter Ausgabe, Bd. 23: Schriften 3, S. 409). Von diesem Standpunkt her ist irrelevant, ob Gedichte schwer rezipierbar sind oder nicht, denn: „Realistisches Schreiben ist keine Formsache. Alles Formale, was uns hindert, der sozialen Kausalität auf den Grund zu kommen, muß weg; alles Formale, was uns verhilft, der sozialen Kausalität auf den Grund zu kommen, muß her.“ (ebd., S. 419)

Wahrscheinlich dienen nur ausgereifte Kunstwerke diesem Ziel, der bloße Agitationstext war und ist nicht wirkungsvoll, ein echtes Kunstwerk dagegen vermag im besten Falle seinen analytischen und subversiven Gehalt auch nach Hunderten von Jahren zu bewahren.

Andererseits spricht einiges dafür, dass die Lyrik nicht allzu sehr auf Verrätselungsstrategien setzt, weil sie sich damit noch weiter vom möglichen Rezipienten entfernt – denn die Zeit, in der wir leben, ist nun einmal von einem Tiefststand der kulturellen Bildung geprägt. Bei der Schwerfälligkeit, mit der die notwendigen Reformen hier angegangen werden, kann man nicht davon ausgehen, dass sich das in den nächsten zwei Jahrzehnten ändert. Auf Dauer aber kann es kaum befriedigend sein, wenn die Zahl der Lyrikproduzenten sich mit der der Rezipienten deckt.

Noch etwas spricht dagegen, zumindest gegen bestimmte Praktiken der Verrätselung: nämlich die literarische Evolution. Der Avantgardismus ist erledigt, in den 50er/60er Jahren hat das literarische Experimentieren an einen Point Zero geführt, hinter dem allein der Orkus der Beliebigkeit liegt. Das wesentliche Motiv der Avantgarde war Provokation, war Geste, das Aufsprengen aller Form, die Negation von Sinn – sie ging damit tatsächlich bis zur totalen Auflösung des literarischen Textes. Das war ein notwendiger Schritt, doch hat diese Strategie sich damit im selben Moment erschöpft, freies Gelände findet sich dort nicht.

Zwar gibt es im Literaturbetrieb immer die Tendenz, möglichst Verstiegenes, auch ohne jede Not, emphatisch zu begrüßen, und Verständlichkeit, Einfachheit – gerade im Gedicht – erbarmungslos zu attackieren, doch nur zu oft verschlingt die Geschichte mit den Apologeten jene, die auf sie hören.

Wenn Form zur Manier wird, wenn Hermetik keine bewusste Kontrabeziehung zur Welt des Geplappers vermittelt, dann werden Gedichte wirkungslos. Und niemand weiß mehr, wozu sie überhaupt geschrieben werden.

Ich hasse Herrmann Hesse, aber in seiner Geschichte „Der Europäer“ hat er eine denkwürdige Anekdote übermittelt: das Setting ist eine neue Arche Noah, auf der Menschen und Tiere, Angehörige aller Rassen, versammelt sind. Alle zeigen, welche Fähigkeiten sie besitzen, um das Überleben unter den veränderten Bedingungen zu gewährleisten, jede Menge praktisches Know-How kommt da zu Tage, bis der Europäer an der Reihe ist: dieser sagt großspurig, er besitze den Geist, worauf der Afrikaner ruft: „Vorzeigen!“ Niemand also kann damit etwas anfangen.

Mir scheint, Gedichten, die allein zur „Fachsprache“ mutieren, ist ein ähnliches Schicksal beschieden – ihre Qualität mag herausragend sein, aber wem nützt es?

24. Lyrik von Dort

Der unbestrittene Höhepunkt des Abends war eine Lesung der Ravensbrückerin Batsheva Dagan. Als junge Frau war sie aus Polen verschleppt worden, leistete Zwangsarbeit in Schwerin und wurde in die Konzentrationslager Auschwitz und das Außenlager von Ravensbrück, Malchow, deportiert.

Dort gab es eine lebendige kulturelle Szene: Musik und Gedichte entstanden und sogar Theater wurde gespielt, alles unter Lebensgefahr, denn es war streng verboten.

Batsheva Dagan lernte die Gedichte auswendig, schrieb sie später nieder und dichtete selbst quasi „Antworten“ auf Gedichte ihrer Freundin – posthum. Auf einem Transport in die Gaskammer rief die Freundin, Batsheva Dagan müsse über all das Leid berichten, wenn es einmal vorbei sei.

Das tat und macht die Psychologin als Zeitzeugin und als Autorin noch immer. Sie las aus ihrem gerade entstandenem Buch „Gesegnet sei die Phantasie – Verflucht sei sie! Erinnerungen von Dort“.

Einige Gedichte wurden zu Liedern. Sie sang das Auschwitz-Alphabet gemeinsam mit der Literaturwissenschaftlerin und Rocksängerin Constanze Jaiser, in dem jeder Buchstabe einen anderen Inhalt erhält – bis zum Z, das für Zukunft steht. Jacob David Pampuch begleitete sie auf der Gitarre. Das Publikum im voll besetzten Saal ehrte Batsheva Dagan und ihr Werk mit stehenden Ovationen! …

Constanze Jaiser stellte ihr Buch vor „Europa im Kampf 1939- 1944, Internationale Poesie aus dem Frauenkonzentrationslager Ravensbrück„. Es besteht nicht nur aus der wissenschaftlichen Abhandlung, es gehört ein Faksimile eines Gedichtbandes dazu. Eine Studentin hatte ihn in Normschrift 1943 im KZ geschrieben. Sie sammelte dafür Gedichte von Frauen in elf verschiedenen Sprachen./ Märkische Allgemeine 8.12.

„Der Überpop mit Überschall führt zum großen Überknall !!“

Tom de Toys

ZITAT GEFUNDEN HIER

(Sebastian Nutzlos, G&GN-Vorsitzender, 19.4.2000: „GENERATION Ü“)

Betr. das wort ÜBERPOP – bitte zur kollegialen kenntnisnahme !!!

UNTER: www.KuenstlerNetz-NeuKoelln.de

SIEHE: http://knk.punapau.dyndns.org/publisher/site/knk/public/obj/page.php?obj=3785

= KunstSparten / Literatur / Tom de Toys / NEUROPOETISCHES GESAMTWERK 1986-2006 (Titel) / 1.TITEL-Verzeichnis (alphabethisch) / –> De Toys: 197 Titelanfänge ÜBER…

Bisher wurden in der Buchstaben-Rubrik Ü 197 Gedichte erfaßt, deren Titel mit dem Wort „ÜBER“ beginnt…

–> z.B. das Gedicht (genauer: E.C. = Experimenteller Chanson) vom 15.7.2000: „ÜBERPOP“

–> publiziert im G&GN-Heft „ICH FORDERE DIE LIEBE MIT GEBRÜLL“ anläßlich der damaligen lesung in der galerie Meinblau (pfefferberg) und vertont hier

–> 4. ÜBERPOP(PEN)

Genre: Acid online seit: 19.01.2003

Dateiformat: MP3 Spielzeit: 07:03 min

Qualität: 128 kbps Dateigrösse: 6,46 MB

DRUM’N’JAZZ-POEMIE-TOURHIT / Der Ernst des Lebens ist nicht mehr ideal sondern integral ! Aufgrund der bissigen bis brutalen Intonation schwankt der Text zwischen Romantik und Perversion: der umgangssprachliche Ausdruck „Ficken“ könnte hier sowohl Heiratsantrag als auch Morddrohung sein und mutiert dadurch zur schillernden Metapher für die zwangsneurotische Sexsucht unserer Gesellschaft, die das Körperlich-Erotische gleichzeitig idealisiert (Pop) und tabuisiert (Poppen). Je kommunikationsunfähiger Menschen verfloskeln desto deckungsgleicher werden oberflächliche Intimität und existenzielle Isolation – bis zum anti-humanistischen Horrorszenario einer angeblich total freien, aber in echt völlig (selbst-)entfremdeten Massenmedienorgie. Insofern möchte dieser DRUM’N’JAZZ-Song beides, nämlich nicht nur einen kritischen Schreck einjagen sondern auch den Mut zur ehrlichen, direkten Sehnsucht wecken – ich hoffe, daß sich dabei Provokation und Inspiration die Waage halten…

UNTER „HOLZHUND“ AUCH AUF DEM KNK-PORTAL GELISTET:

http://knk.punapau.dyndns.org/publisher/site/knk/public/obj/page.php?obj=3413

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HAT ES EIN DICHTER VOM RANGE EINES HERRN HAHAHAMANN NÖTIG, SICH MIT FREMDEN FEDERN ZU SCHMÜCKEN ???

meine wortschöpfung (insofern sie ÜBERhaupt meine ist, falls sie also nicht schon VOR dem jahre 2000 irgendwo benutzt wurde: wer hat davon eine ahnung??? google leider nicht!!!) geht auf ein massenmediales phänomen zurück: im jahre 2000 betrieb das stadtmagazin zitty einen gradezu satirischen inflationären gebrauch des wortes „pop“ mit jeweils wechselnden ergänzungen, wie z.B. mega-pop, hyper-pop, super-pop, ultrapop etc pp, um einzelne live-acts von poppigen bands in berlin als tagestips anzukündigen. aber anscheinend (siehe google!!) ist das ü-wort mittlerweile zum „echten“ GENRE-begriff emporgestiegen – unglaublich! journalisten fressen echt alles, wenn sie keine worte mehr finden, weil sie sowieso nur von mogelpackungen (luftnahrung) umgeben sind, die erst durch einen begriff überhaupt erst konsumierbar werden!!!! sogar auf englisch- und französischsprachigen domains findet man das deutsche wort „überpop“ übernommen. klingt toll…

zur wiedergutmachung des geistigen diebstahls (die ÜBER-tradition beim G&GN-institut sollte eigentlich szene-bekannt sein, natürlich nicht bei ignoranten jung-elitären kuhligkschikanern) wäre es eine feine gelegenheit, wenn herr hamann (den ich persönlich als eher bescheiden auftretend schätzen lernte, als er unser gast bei der „literaTÜRsprecherei“ auf dem 5.ilb war: als wolf im schafspelz?) meinen gleichnamigen holzhündischen NEUROKINSKISCHEN elektro-sprechgesang in seiner dj-show präsentiert und in der presse auf dessen urheber hinweist. das wäre doch mal ein netter paukenschlag! ein zeichen gegen die scheuklappen des eigenen establishments!!!!!!!

DAS wäre eine durchaus versöhnliche geste und würde das G&GN-institut repräsentativ dafür entschädigen, daß seit unserer gründung (1990) ZAHLREICHE wortschöpfungen aus unserem hause von medien & marken stillschweigend übernommen wurden, ohne auf uns hinzuweisen geschweige denn VON ALLEINE selbstauferlegte lizenzgebühren anständigerweise an uns abzutreten. da das G&GN ökonomisch permament „knietief im dispo“ (zitat: Fehlfarben) steckt, können wir nicht jedes wort patentamtlich schützen lassen, um dem respektlosen trend zur ausbeutung fremder kreativität vorzubeugen. selbst unsere hausmarke und einzige seit 2001 teuer rechtlich gesicherte trademark „POEMiE“ wäre fast in fremden händen gelandet, weil Ralf Schmerberg damals seinen cocacola-lyrik-kinofilm „Poem…“ gerne umgenannt hätte, als er das erste poemie-produkt auf seinem schreibtisch vorfand – wir die freigabe aber höflich ablehnten.

erinnert sei hier auch noch einmal an den vorfall auf der kunstausstellung fraktale 2002, wo Bernhard Draz (ironischerweise auch noch selber der Meinblau-betreiber) die zweite methode der quantenlyrik für eine lichtinstallation anwendete, uns aber erst im nachhinein seine PLAGIATUR mit einem breiten zynischen grinsen OFFEN gestand (die emailkorrespondenz wurde im G&GN-institut archiviert!!!), SIEHE: „[rohrpost] G&GN-SKANDAL: Scharlatan „Fraktale3″-Chef DRAZ !“

–> http://amsterdam.nettime.org/Lists-Archives/rohrpost-0211/msg00071.html

es geht ein extatischer ekel durch deutschland! (ja: extase mit X gibts auch schon seit 1997 dank G&GN, aber vermutlich haben WIR das X von Timothy Learyx gestohlen) wir brauchen kein kulturministerium solange es an kultivierten übermenschen mangelt!!!

in was für einer welt leben wir eigentlich, wo sogar in der kunst & literatur das schnelle kontextlose rumjonglieren mit schlagwörtern & schlagbildern aus jeder authentischen, spirituellen schöpfung eine hohle phrase, aus jeder metapher eine antischamanistische imitation macht – respektloses, seelenbetäubendes desinteresse an existenziellen, mantrisch-intuitiven wertigkeiten zeichnet diese fastfood-kultur aus! fastfooddichter, fastfoodmaler, fastfoodmusiker – und nur daß es gesagt sei: den begriff der „fastfoodliteratur“ (ebenso den der „live-literatur“ bereits 1994, man höre und staune! und gehe dann wieder in die 60er [!!!] zu jazz+poesie zurück) prägte niemand anders als das G&GN-institut 1995 in köln anläßlich des 1.off-lyrik-festivals (mit protagonisten wie z.b. stan lafleur & dirk hülstrunk) in der presse-erklärung von Samuel Lépo. übrigens wurde der begriff der „off-lyrik“ auch damals durch diesen event (dort konkret zur abgrenzung von performance-lyrikern vom social-beat-hipe) von uns eingeführt.

und das plötzliche trendy rote AUSRUFEZEICHEN STATT KLEINEM “ i “ hat hugendubel für seine werbung 1 zu 1 mitsamt dem layout übernommen von einem konzept, das ursprünglich – ach, ihr dichterdiebe, recherchiert doch einfach mal korrekt anstatt euch nachträglich der peinlichkeit auszusetZen!!!!!!!!!!!!!!

kulturfunktionäre wie politiker! alles dasselbe pack! beklaut das volk! und nennts das eigene!!!

germanisten seid wachsam! glaubt nicht den medien! sucht selbst nach den wURzeln!!!!!!!!!!!!!

wir, wir ziehen die konsequenZen (na, welche firma, welche aGENtour entdeckt nun den Zen der sprache? aber es sei verraten: das große Z gibts bei G&GN ebenfalls schon seit jahren, TROTZ fehlender vermarktung durch dumont oder suhrkamp!): wir treten ab. ja, ABTRETEN heißt die devise. wir treten unser vermögen ab. wir vermögen nichts mehr auszurichten gegen den untergang der wAHrhaftigkeit. nach 20 jahren. unser rückzug wird schön geordnet vonstatten gehen, wie im krieg. die truppen werden nach und nach ins eigene land zurückbefördert. manche noch bevor sie ausgesandt wurden, damit sie nicht auch noch zum opfer der legalen feinstofflichen folter werden.

das innere exil liegt neuerdings in der totalen gegenwart.

wir danken für ihr verständnis.

man sieht sich – irgendwo im raumschiff….

gez. der letzte deutsche dichterfürst REinkarniert aus dem 23.jahrhundert

P.S. und schonmal im hinterkopf rattern lassen:

das duo De Toys (neuropoet mit „JA(hrhundert“-gedichten) & Ton (elektromusiker des labels Schaltkreis) nennt sich seit der neulichen weltpremiere im kölner café Storch (20.11.05) nun: “ Ü B E R H A U (P) T “ – wer findets zuerst auf hochglanz geklaut? wir spielen im frühling wieder in köln: im künstlerkiez ehrenfeld – möcht jemand darÜBER informiert werden??? 🙂

P.P.S. und sollte das G&GN der hochstaplerei bezichtigt werden können, so bitten wir „SEHR“ (Zitat: Kurt Schwitters über August Stramm) über die nötigen quellenangaben der EIGENTLICHEN urheber der vermeintlichen G&GN-prägungen für eine detaillierte gegendarstellung!!!

ACH JA: und ein buchtip: Martin Büsser: „ANTIPOP – Essays und Reportagen zur Popkultur in den Neunzigern…“

–> Pop ist inzwischen zur Modefloskel geworden. In der zornigen Einleitung fragt Martin Büsser nach, ob Popkultur in unserer Zeit überhaupt noch Inhalte transportiert oder nur noch zur Werbung ihrer selbst geworden ist. Einzelne Essays, Interviews und Glossen zeigen auf, wie Popkultur sich seit den sechziger Jahren von einer rebellischen Kultur in eine pluralistisch bunte, häufig inhaltsleere Blase verwandelt hat, die beliebig mit „Sinn“ gefüllt werden kann.

GEFUNDEN HIER

45. Engeler Newsletter

Anna Seghers-Preis an Ulf Stolterfoht: «Florian Höllerer, Leiter des Literaturhauses Stuttgart, hat den 1963 geborenen Lyriker Ulf Stolterfoht für die Auszeichnung mit dem Anna Seghers-Preis 2005 der Anna Seghers-Stiftung vorgeschlagen, weil dieser Autor in seinen Gedichten meisterlich mit der Sprache spielt und auf eine äußerst subtile Weise kritisch unsere Zeit beleuchtet.» Der Preis wird am 19. November 2005 um 19:30 Uhr in Potsdam im Alten Rathaus in einer öffentlichen Veranstaltung verliehen. Stolterfohts dritter Band fachsprachen XIX-XXVII haben wir soeben in einer gebunden Ausgabe neu aufgelegt. In Vorbereitung ist außerdem der lange vergriffene erste Band in einer verbesserten und gleichfalls gebundenen Ausgabe. Damit ist Ulf Stolterfohts fachsprachen-Trilogie wieder komplett lieferbar. Ausserdem ist von Ulf Stolterfoht in diesem Herbst bei Peter Engstler erschienen der traktat vom widergang. Diesem Buch sowie der im Frühling erschienenen Übersetzung von Gertrude Steins Winning His Way / wie man seine art gewinnt widmet sich eine Besprechung durch Gerald Fiebig bei satt.org, der beglückend reichen, hervorragend gemachten Seite für alles, was Klasse hat (nicht nur Bert Papenfuß‘ Rumbalotte): Respekt.

Erlanger Literaturpreis für Poesie als Übersetzung an Felix Philipp Ingold: Schon etwas länger her ist, dass Felix Philipp Ingold in diesem Sommer bei den Erlanger Poetentagen für sein übersetzerisches Werk geehrt wurde mit dem Erlanger Literaturpreis für Poesie als Übersetzung. Der Preis steht in Zusammenhang mit dem von Peter Waterhouse an der Bundesakademie für kulturelle Bildung in Wolfenbüttel ins Leben gerufenen und seit dem vergangenen Jahr durch die Initiative von Adrian La Salvia auch in Erlangen präsenten Übersetzergespräche. In einem neuen Text, Zum Übersetzen, beschreibt Felix Philipp Ingold die Zusammenhänge zwischen seiner Herkunft und seinem übersetzerischen Werk.

Friedrich-Hölderlin-Preis an Andrea Zanzotto: Am 19. Oktober wurde dem italienischen Autor Andrea Zanzotto, dessen deutsche Werkausgabe Planet Beltà bei Engeler und im feinen Folio Verlag erscheint, in Tübingen der Friedrich-Hölderlin-Preis verliehen: «Die Jury zeichnet damit einen der größten europäischen Dichter der Gegenwart aus, dessen Lyrik dem Werk Hölderlins in besonderer Weise verbunden ist.» Mit Andrea Zanzottos Beziehung zu Friedrich Hölderlin beschäftigt sich dessen Gespräch über Hölderlin mit Giuseppe Bevilacqua sowie die Laudatio von Peter Waterhouse.

Eine Generation wird 50: Am 20. Oktober hat Kurt Aebli seinen 50. Geburtstag gefeiert. Er ist der erste einer ganzen Reihe von Engeler-Autoren, die in diesem und im folgenden Jahr 50 werden: es stehen die runden Geburtstage von Michael Donhauser, Birgit Kempker, Bert Papenfuß, Thomas Schestag und Peter Waterhouse an. Mehr dazu dann in den nächsten Newsletter.

65. Literatur und Strom

Nicht Donau, Rhein oder Alsterfluß – Literatur aus der Steckdose (digital) würdigt ein so betiteltes Festival in Stuttgart. Sebastian Domsch berichtet in der FAZ vom 17.11.:

Erfrischend unreflexiv und dafür ästhetisch umso einprägsamer hatte sich davor die Diskussion und Performance visueller Poesie und Lautpoesie dargestellt. Nach einer Einführung von Friedrich W. Block, anschaulich dank zahlreicher faszinierender Beiträge, zeigte der Berliner Künstler Valeri Scherstjanoi, zu welchen Lauten die menschliche Stimme überhaupt in der Lage ist, wie man all diese Laute mit Hiilfe des von ihm selbst entwickelten skribentischen Alphabets graphisch darstellen kann und daß es einen hörbaren Unterschied gibt zwischen Laut[g]edichten in deutscher und in russischer Sprache.

46. Erster Arno-Reinfrank-Literaturpreis für Jan Wagner

Mit dem erstmals vergebenen Arno-Reinfrank- Literaturpreis wird der Berliner Lyriker Jan Wagner geehrt. Das teilte die Stadt Speyer, die den von der Witwe des Schriftstellers Arno Reinfrank (1934-2001) gestifteten und mit 5000 Euro dotierten Preis vergibt, mit.
Zur Begründung hieß es, Wagners Lyrik zeige eine deutliche Nähe zu Reinfranks «Poesie der Fakten». / Schwabmünchner Allgemeine 11.11.

34. Hölderlin hat das nur anders ausgedrückt

In seinem jüngstem Gedichtband, den er in einer frühen Fassung bereits 2003 in der Berliner Literaturwerkstatt vorstellte, hat sich Falkner an eine neue Kühnheit gewagt: an die Rekonstruktion des modernen Großstadtpoems, das mit einem „starken, aufgestockten Deutsch“ neu belebt werden soll. Das Langgedicht „Gegensprechstadt – ground zero“ ist zugleich Großstadtgesang, politische Rhapsodik nach den Erschütterungen des 11. September und Requiem auf eine verlorene Liebe. Das lyrische Subjekt gleicht hier jenem schlaflosen Dauergast im „Hotel Insomnia“, das schon Charles Simic als Fabrikationsstätte moderner lyrischer Fantasie beschrieben hat. „Ich habe zu wenig geschlafen / in diesem Jahrhundert!“…
Das lyrische Ich, das „zwanzig Jahre an den Lagerfeuern von Berlin“ verbracht hat, registriert die Gegenwarts-Versessenheit der Metropole, in der jeden Tag neue Utopien geboren werden und „die Gesterns – nichts als Späne (sind), / die vom Heute flogen“. Falkner verfährt fast durchweg erzählerisch, adaptiert von seinen Bezugsfiguren Walt Whitman, Charles Olson und Allen Ginsberg den offenen Vers. Die paradoxe Sprachfigur, die Verballhornung und die kühne Metapher sind ihm dabei genauso nah wie das kitschige Bild. Die Kollisionen zwischen Neo-Romantik und Banalität fallen mitunter heftig aus: „die unstillbare Liebe / das ist der poetische GAU / Hölderlin hat das nur anders ausgedrückt…“ / Michael Braun, Tagessspiegel 6.11.
Gerhard Falkner: Gegensprechstadt – ground zero. Gedicht & CD. Musik von David Moss. Kookbooks Verlag, Idstein 2005. 96 Seiten, 24,80 EU.

114. Leben und Sterben des Dichters Miguel Hernández

Zwei gegensätzliche Bilder halten den Mythos um den „einzigen großen Volksdichter Spaniens“ wach: der Ziegenhirt, der unter dem Feigenbaum Gedichte schreibt und der Märtyrer, der im Gefängnis seine Zeilen auf Papierfetzen notiert.

Miguel Hernández verbringt die letzten sechs Jahre seines Lebens in Schützengräben und Gefängnissen. Francos Todesurteil war durch Vermittlung eines falangistischen Dichters in 30 Jahre Zuchthaus umgewandelt worden. / DLF

 

Freitag, 28. Oktober 2005 |
20.10 – 21.00 Uhr bei Deutschlandfunk

 

107. Zuwenig Schlaf

Tobias Döring bespricht Gerhard Falkners Großgedicht „Gegensprechstadt – ground zero“ in der FAZ vom 24.10.:
Falkner beginnt mit den Worten: „Ich habe zuwenig geschlafen / in diesem Jahrhundert.“ Wie ein refrain ziehen sich sie sich durch den Text und markieren, wie er immer wieder neu ansetzt, seinen gegenstand zu entwerfen oder zu umwerben. Denn mit dem Aufbruch in ein neues jahrhundert ist diese Stadt erst recht erwacht und läßt dem, der sie erkunden will, wohl noch weniger an Schlaf.

Falkner, Gerhard: Gegensprechstadt – ground zero
Gedicht und CD
Kookbooks Verlag, Idstein 2005, ISBN 3937445145, Kartoniert, 94 Seiten, 24,80 EUR