91. 333333

Auch ein Jubiläum: Meine private Gedichtdatenbank erreichte soeben just diese Zahl von Datensätzen. Das sind Titel und Nachweise von Gedichten von über 28.000 Dichtern aus fast allen Ländern. Mein tägliches Arbeitsmittel, unentbehrlich auch für diese Zeitung. Datensatz Nr. 333333 ist ein Gedicht von Wieland, dessen Landgut Oßmannstedt gerade wiedereröffnet wurde.

Das Gärtlein still vom Busch umhegt,
Das jeden Monat Rosen trägt,
Das gern den Gärtner in sich schließt,
Der es betaut, der es begießt,
Es lebe hoch!

Der Bergmann, stark und wohlgenährt,
Der ohne Licht zur Grube fährt,
Der immer wirkt und immer schafft,
Bis er erlahmt, bis er erschlafft,
Er lebe hoch.

Datensatz Nr. 333338 ist das Gedicht Preispoet von Angelika Janz – entstanden offenbar aus aktuellem Anlaß. Zitat aus einem Dankbrief der Autorin an Sebastian Nutzlos und Samuel Lépo:
Kontere sehr gern mit den imaginären 10 Millionen zurück, weiß ich doch, dass auch  hinter Ihnen/Euch Dichter stehen, die unablässig unkommerziell qualitätvoll Sprache verdichten. Danke

87. Nahbeller?

Leserbrief zu Nachricht 84:
ach, Dr. Michael Gratz, ich kann mir nicht vorstellen, dass die Lyrikerin vor der Publikation  dieser Scherzkeks-Meldung zugestimmt hat. Da hört es für mich mit „lustig“ auf!
Wilhelm Fink, Hamburg

Lieber Wilhelm Fink,
in diesem Punkt bin ich nicht Ihrer Meinung. Obwohl Sie in einem Recht haben: ich habe Angelika Janz nicht gefragt, sondern die Nachricht sofort veröffentlicht. Ich halte das nicht für einen Scherz (es sei denn im Sinne von Goethens „sehr ernsten Scherzen“. So sprach er über den unpublizierten Faust 2, den er einer Welt nicht anvertrauen wollte, über der er verwirrte Lehre zu verwirrtem Handeln walten sah). Sie, lieber Wilhelm Fink, haben das Walten unseres Literaturbetriebs wahrlich am eigenen Leibe erfahren. Ebenso wie Angelika Janz. Während zu dieser Stunde die Agenten der großen Verlage auf die Siegerkürung in Klagenfurt warten, müssen Sie sich mit dem Selbstverlegen Ihres Werks abmühen. Der österreichische Autor Franzobel hatte zehn Bücher im Eigenverlag oder in (aus Sicht des deutschen Literaturbetriebs) kleinen österreichischen Verlagen publiziert. Das elfte Buch erschien 1995 bei Suhrkamp – kurz nachdem er den Bachmannpreis gewonnen hatte. – Franzobel scheint nicht klug geworden zu sein, denn einen Teil der frisch gewonnenen Knete steckte er in ein Gedichtbuch von Angelika Janz: Schräge Intention. Gedichte. edition ch, 1995. (Welche deutsche Feuilletonredaktion liest Bücher aus solchen Verlagen?) Neugier auf Literatur von nicht durch Marktgerechtigkeit abgesicherten Autoren ist keine Kardinaltugend. Zumindest müssen sie jung und-oder nachrichtenträchtig sein.
In dieser Lage finde ich Aktionen wie die diversen des Instituts für Ganz&GarNix erfrischend und sogar notwendig. Vor fünf Jahren zeichnete der Berliner Autor Tom de Toys sich selbst mit dem ersten Lyrik-Nahbellpreis aus. (Nur die Lumpe sind bescheiden – Goethe). Die zehn Millionen hat er offenbar nicht bekommen. Erwartungsgemäß (aber vielleicht gibts ja doch verrückte und visionäre Mäzene?) Die weiteren Preisträger:
RoN Schmidt (2001), stan lafleur (2002), HEL ToussainT (2003), Alex Nitsche (2004), Angelika Janz (2005).
Eine respektable Liste – und das ist kein Scherz!
Hier noch eine Selbstauskunft von Wilhelm Fink:
Mein 3. Lyrikband – ZündelZeilen – ist in Druck. Als INFO für die gestauchte Prosa des Lyrikers setze ich eine Probe (Selbstdarstellung) für Sie drunter.
bei Hitze grüßt aus Hamburg – Wilhelm Fink
Selbstauskunft. – – Bisher bin ich nur bei  Radio Bremen mit einer eigenen Performance vertreten – es gibt im Leben einfach verschiedene Spannungsgrade, da sind Gegensätze, -Teilhabe an Welten höherer Geister (Steiner), – dann den Verzicht auf Neugier, – – Menschen schotten sich ab, sie nehmen Vorlieb, manchmal ist es nur noch der materielle Stoffwechsel, dem sie sich hingeben, was sie noch  äussern, ist beschränkt auf das Schlichte, – etwa in der Art, wie Kutscher sich Kurzwörter zurufen beim Peitschenknall – oder – bewusstseinserweiternde Exerzitien unter Einnahme aufhellender Substanzen – mag sein, dass am Ende lauter überbelichtete Fotos zerrissen auf dem Teppich liegen – Zitat – bei Geisteskrankheiten hilft manchmal schweißtreibender Sport, harte körperliche Arbeit oder positive Ablenkung ganz allgemein – ausserdem gibt es Menschen, die mit ihrer einfühlsamen Art fähig sind, Leiden zu relativieren – Bewegung und Abwechslung führen zu einer gesunden Mischung zwischen ernst nehmen und nicht zu ernst nehmen – eine solche Mischung kann „Gepackte“ zum auspacken bewegen  – – denk‘ doch nicht mit langsamen Geist was der Klügere womöglich tun könnte, gedankenschwer handlungsarm blickt er in das Weiß, in den fallenden Schnee, unablässig dort die bleischwere Wiese selbst das Blau und Gelb der frischen Stiefmütterchen vom Märzwinter zugedeckt, begraben liegt der Denkende da, dem die Geistwelt zum Rodelfeld wird, während andere erst Glühwein trinken und dann finnischen Wodka die Stelle wärmen lassen, wo vor der Eiszeit das Herz saß.
Nahbellpreis für Alex Nitsche s. L&Poe Jun 2004

84. Lyriknahbellpreis an Angelika Janz

OFF-izielle G&GN-Pressemeldung [ http://www.GGN.de/termine.html ]
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Aufgrund gesundheitlicher Probleme unserer administrativen Abteilung können wir leider erst heute unsere Freude darüber offiziell kundtun, daß der -nicht nur in Insiderkreisen- bekannten Lyrikerin Angelika Janz der seit 2000 jährlich vergebene alternative Lyriknobelpreis am 21.6.05 von der G&GN-Jury einstimmig zugesprochen wurde. Da die finanziellen Engpässe seit der Konkursmeldung des G&GN-Institutes (siehe letzter Newsletter an Abonnenten im Oktober 2004) noch nicht behoben werden konnten, kann kein Festakt ausgerichtet und die Urkunde nur per Post zugestellt werden. Auch fand sich bis heute noch immer kein PRIVATER SPONSOR für das anvisierte Preisgeld von über 10 Millionen Euro pro Kopf, das dazu dienen soll, den Preisträgern zu ermöglichen, LEBENSLÄNGLICH SOUVERÄN AUTONOM SOZIALE POETISCHE PROJEKTE ZU REALISIEREN, ohne die Energien ihres dichterisches Genies permanent im Überlebenskampf zu verschwenden. Bisher konnte darum noch keiner der bisherigen Preisträger (darunter z.B. stan lafleur & HEL ToussainT) die Summe in Empfang nehmen. Das G&GN-Institut will mit dem Nahbellpreis auf den Skandal aufmerkam machen, daß besonders Deutschland gerne als „Land der Dichter und Denker“ dargestellt wird, aber die wahren Genies in Wirklichkeit vom Establishment (auch in Schweden) meist komplett ignoriert werden, da sie sich traditionell den jeweils aktuellen Trends & Massenmedienhysterien entziehen, auf die sich das literarisch interessierte Volk von Großkonzernen konditionieren läßt (vgl. dazu die Analyse der Inflation des Popbegriffes hin zur Popperliteratur im Kultbuch „Von Acid nach Adlon und zurück“ von Johannes Ullmaier).
Mit freundlichen Grüßen und Glückwünschen aus Berlin – gez. Sebastian Nutzlos (G&GN-Vorsitz seit 1990

HILFE ZUR KONKURSBEWÄLTIGUNG BITTE AN UNSERE BANKVERBINDUNG:
Name „G&GN-Verlag“, Konto-Nr.56262825, BLZ 10050000 (Berliner Sparkasse)
UMFASSENDE BASISINFOS ÜBER DIE NEUE PREISTRÄGERIN:
http://www.uni-greifswald.de/~dt_phil/litwiss/janz.html [existiert nicht mehr]
______________________________________________

TEXT DER URKUNDE:

Im Auftrag des G&GN-Instituts (www.ggn.de)
in Kooperation mit dem Kunstkonzern Poemie®:

Für die außerordentlich unbestechliche Zeitgeistresistenz
des permanenten Gesamtwerkprozesses
unabhängig von etablierten Trends
und aktuellen Stilen des
Literaturbetriebes
verleihen wir im
Jahre 2005
A n g e l i k a   J a n z
den  6. NAHBELLPREIS
Das Institut für Ganz & GarNix gratuliert
und wünscht weiterhin alle Authentizität
bei der freien lyrischen Arbeit.
G&GN – Berlin, den 21.6.2005
Sebastian Nutzlos (1.Vorsitzender)
und  Samuel Lépo (Ex-Pressechef)

68. Unauffällige Radikalität

Der österreichische Schriftsteller und Dichter Michael Donhauser ist am Samstag Abend in Neuberg an der Mürz (Steiermark) von Kunststaatssekretär Morak mit dem Ernst-Jandl-Preis für Lyrik 2005 ausgezeichnet worden. Jury-Mitglied Jörg Drews würdigte in seiner Laudatio Donhausers „unauffällige Radikalität“. / Kleine Zeitung 20.6.
Mehr: Die Presse 20.6.*)

59. Vertonte Lyrik zum Festival

Acht Komponistinnen und Komponisten vertonen Gedichte von acht Dichterinnen und Dichtern und bringen sie am kommenden Donnerstag, 23. Juni, im Konzerthaus Berlin zur Uraufführung.
Mitwirkende Dichter sind Marcel Beyer, Björn Kuhligk, Michael Lentz, Ulrich Schlotmann, Nikolaus Schneider, Ulf Stolterfoht, Anja Utler und Uljana Wolf. Ihre Gedichte werden vertont von Jean-Luc Hervé (Frankreich), Thomas Hummel (Deutschland), Tiziano Manca (Italien), Knut Müller (Deutschland), Sergej Newski (Russland), Enno Poppe (Deutschland), José Sánchez-Verdú (Spanien) und Larisa Vrhunc (Slowenien). Die Interpreten sind Silke Evers (Sopran), Dietrich Henschel (Bariton), Axel Bauni (Klavier) sowie das Kairos Quartett. / Codex Flores 16.6.
Das Poesiefestival Berlin findet vom 18. bis 26. Juni statt. Mehr Infos: poesiefestival.klug-cms.de/poesiefestival

Brief

Lieber Dr. Michael Gratz,

mein Verlag, Turnshare Ltd. in London & Kirchentellinsfurt …– http://www.turnshare.com – wird nun demnächst meine Lyrikbände 3 & 4 bringen. Arbeitstitel = Band 3 – Zündende Zeilen, Band 4 – Er trägt die große Tüte.

Dr. Gratz, meine Wildwasser-Kurztexte und meine Schlinger-Lyrik leuchten neu auf, sobald sie ins richtige Bassin oder auf die passende Rennstrecke gelenkt werden.

Vier Gedichtproben hänge ich drunter – als Verdeutlichung auch für den Buchtitel »Er trägt die große Tüte«!

Gruß vom Hamburger Nordlicht

Ihr Wilhelm Fink

1)

Der Linke

Er trägt die große Tüte
unter dem karierten Hemd
teilt die roten Bonbons aus
gegen Ausbeutung im Betrieb.
Er macht den Mund auf.
Er ist für frischen Wind.
Bald fliegt er.

Erstdruck HAMBURGER MORGENPOST

*

2)

Die U-Bahn schreit
in den Schienen,
sie stoßen dir
Taschen ins Knie,
du atmest mit ihnen
die Luft, aber
wer ist neben dir?

Erstdruck HAMBURGER MORGENPOST

2)

Im städtischen Hallenbad

du hast nicht mal so kleine Füße
aber dein Leib ist berückend schmal
wenn du dich aus Versehen falsch hinlegst
auf dem Grund des Schwimmbeckens
auf blaurandigen Kacheln als lebloses Objekt
die Augen offen, die Atmung eingestellt

*

3)

Dezemberfinale, Spiel
des Züngleins »Zweitausend«,
ausschwingende Schalen,
auf dem Swimmingpool knistert leise
die dünne Schale des Silvestereises,
die Ränder der Städte sie dünsten,
– Gasometer-Region, Abfallhalden,
Friedhöfe für Autos, Gebeine.
Schmal sind die Urnenplätze,
Engel aus Kunststoff
beugen sich über Grüfte, lächeln,
– Jahrhundert der Kindfrauen,
zappelig, auf den Lippen
sind sie rauchzarter Racker,
die Teenie-Pille zwischen den Zähnen
haben sie Federn gelassen,
das Beifutter ist ausgeknöpft.
Klirrende Eiskunst der Mini-Liebe,
sie beißen im Kuss,
sie kichern beim Liebesschuss,
– uns bleibt die Wärme,
das Bezwingende der Laute
der uns vertrauten Sprache,
und,  menschliche Gesten,
– das Heben einer Hand,
das Niederschlagen
kunstvoll gekreuzter Wimpern

* * *

23. British Modernism in America

British Modernism has not been served well by American critics and readers. Preoccupied by American poetry’s own version of family court – who are the true heirs of William Carlos Williams, Charles Olson, or even Robert Lowell? when will the prodigal Stein finally come back from Europe and take her place at the head of the table? – we have been content merely to nod approvingly at the likes of Basil Bunting and David Jones. But as the recent publication of J.H. Prynne’s Poems, Tom Raworth’s Collected Poems, and the many collected and selected volumes streaming out of Salt Publishing remind us, the story of British Modernism in America is still a work in progress.

/ Brian Kim Stefans, Boston Review April /May 2005 (hier bei Poetry Daily) schreibt über den schottischen Dichter W.S. Graham, der als Teil dieses work in progress begriffen werden solle und in die Reihe der Gerard Manley Hopkins, Wallace Stevens und Hart Crane gehöre.

New Collected Poems of W.S. Graham, ed. Matthew Francis
(Faber and Faber)

Hier ein Interview mit Harold Pinter über Graham (mit Briefen, einem Gedicht und weiteren Informationen). – Hier die Besprechung von Andrew Motion im Guardian, 13.3.04.

 

89. Donhausers Sehen

Es gibt kaputte Landschaften bei Donhauser, aber keine hässlichen. Weil sein Schreiben ein Sehen und kein Beobachten ist, ist es auch kein Werten. Auffallend die Adjektivlosigkeit seiner Beschreibungen. Die Dinge werden nicht qualifiziert, sondern aktualisiert. Sie handeln. Sie zeigen sich im Tun der Worte. Darin liegt das buchstäblich Spektakuläre der Prosa Michael Donhausers. Bild und Klang tauschen sich miteinander aus wie «Laut» und «Laub» im folgenden Satz: «Ich dachte in Lauten, ich vernahm, was ich dachte, in Lauten, ich belauschte mich und hörte das Laub und hörte es rascheln.» Das Sehen Donhausers ist so spannend, weil es nicht immer schon weiss, bevor es sieht. / Samuel Moser, NZZ 26.5.

Michael Donhauser: Vom Sehen. Urs Engeler Editor, Basel 2004. 189 S., Fr. 33.-.

Kain. Rezension. Essay

Von Konstantin Ames (Leipzig)

Man (zum Beispiel ich) kann im Wahn stehen, einen durchstilisierten Gedichtkreis feuilleton- & klappentexthalber auf Stichworte zuzuspitzen. Genesis, Systemtheorie, Brecht. In einem Artikel. Geht nicht? Gab´s aber in einer beachteten Rezension (Perlentaucher.de griff drauf zurück) von Kai Martin Wiegand aus der Süddeutschen Zeitung. In welchem Zyklus will er die drei zu jedem guten Überraschungsei gehörenden Ingredienzien entdeckt haben? Wiegand nimmt Stichworte auf aus Michael Roes´ Kain. Nimmt zwei und fügt daran den Vorschlag an, den „epigrammatischen Duktus” hier an den der Buckower Elegien Bert Brechts zu halten. Halten zu Gnaden: Vergleiche können brauchbar zu sein. Vor allem wenn sie nicht aus dem off gemurmelt werden. Ich weiß, Begründungen solcher sind nicht immer ganz einfach, Platz knapp …

Deswegen sollte ihnen aber nicht aus dem Weg gegangen werden. Dem Rezensenten muss ich zugute halten: Er präsentiert sein Objekt so, dass vermutet werden kann, er habe es effektiv gelesen. Umso mehr muss ich aber und – so meine Hoffnung – müsste jeder, der nach Kain den nicht unwichtigen Hinweis für den Leser: Elegien zur Kenntnis genommen hat, von dieser Wiegand´schen Besprechung enttäuscht sein. Der Hinweis auf Brechts (angeblich) epigrammatische Tonführung reicht nicht nur nicht aus, der Rilke&Hölderlinton etwa klang mir lauter entgegen als Brechts „Umkehrelegien” : Nachgerade verfehlt ist der Hinweis auf den „Duktus” Brechts. Benns post- & expressionistische Lyrik ist eher für einen Vergleich geeignet. BennRilke&Hölderlin werden aber nicht einmal erwähnt. Von Wiegand.

Muss man überhaupt vergleichen? Kein Mensch muss müssen. Wenn das Objekt der Untersuchung Kain. Elegie heißt, schon.

„Schlaf kein reim ist vollkommen // Genug darunter zu ruhen.” Programm ist das vielleicht. Anklänge – s.v.v. – auf die siehe-obige pastorale Linie sind zu finden in den Zykluselementen Das Meer ist lange nicht so still gewesen (Verse 11ff.) ; Niemandes Schlaf ; DAS SYSTEM FORDERT DIE AUSGRENZUNG (13f.) ; Bennsche Verfallsästhetisierung ist beinahe durchgehend präsent. Brecht – in der Tat Brecht – klingt womöglich einmal an, in der Passage „Aus den Güterwagen stieg rauch auf ja / Also waren sie wohl bewohnt …” wird „Der Rauch” integriert. Zu finden in „Der entmannte Himmel”. Dieserhalb kann aber nicht regelrecht von einem brechtähnlichen Duktus geredet werden. Hier haben wir´s nicht mit Sinnsprüchen zu tun, bloß weil Luhmanns nachhegelianische Wehen aus Soziale Systemen angeführt werden. Übrigens ist wie anderen zu anderen Zeiten die Komödie, so Luhmann(ianern) der Sinn ein diffizil´ Ding, sozureden: eines das keiner voll aussinnt. Zurück: Geführt werden kann die Rede aber schon von einer Vermengung von Elegiezitaten & -haltungen dazu, wie´s die deutschen Gattungsexponenten (Celan kann nebenbei bemerkt ebenso gefunden werden: „Ich richte mich auf und halte dein haar / In der hand dein goldenes haar mein bruder”) mit dieser gehalten haben. Das erlaubt der Text. Ich meine, er fordert dem Leser diese Haltung sogar ab. Wie es in „17” heißt: „Endlich hat feuer gefangen was nicht brennen / Kann glühfadenentwinder fäulnisgaslöscher … diesselben augen lesen was der // Gläubige weggeschnitten das letzte fehlende / Wort ist nicht das letzte verbrechen” Vorher: „Die wissens chaft zittert nicht angesichts des // Monströsen Wo Gott geschieht, ist der Erfolg / Garantiert! Glaube ist der Sprung ins Gelingen!”.

Zu den Features zu kommen (das heißt hier: Warum-junge-Lyriker-ein-Vorbild-hier-sehen- und-das-Teil-kaufen-sollten-Gründe) : Kitsch wird von Roes ebenso wenig gescheut (weil er Pennälerlyriktopoi von „Großstadtgezellenanmut” bis „Herzensbildung” ironisch zu brechen versteht) wie barocke Sprachalchemie, oder gar das was Brecht „Druck-Kunst” nannte. Bis auf den Klappentext aber, der klare Metrumwahl (Alexandriner) und Traditionsorientierung (Barock bis Romantik) verspricht, kann von nichtgewinnbringender Lektüre keine Rede sein. Wer hingegen auf einer gattungspuristischen Position verharren möchte, dem empfehle ich die homophone Kurve doch noch kriegen. Also: K(e)in. Elegie. Elegikern ist ja nicht verboten Essayisten zu sein. Michael Roes ist mir einer. Der schreibt: Souverän ironisch souverän

© 2005 Konstantin Ames

61. „Neues vom Experimentaldichter“ …

… Ulf Stolterfoht kündigt Thomas Poiss in der FAZ vom 19.5. an. Sagt aber:

Stolterfoht ist durch seinen anschaulichen Sprachwitz jeder glatten Post-Postmoderne voraus. Wer wie er die neuesten Theorien nach Wittgenstein und Chomsky in poetischen Sätzen reflektiert, verkörpert und beim Wort nimmt und also weiß, wohin der Hase theoretisch läuft, der hat als Dichter gut reden.

Zu: Fachsprachen XIX – XXVII. Gedichte
Urs Engeler Verlag, Basel 2005
ISBN 3905591804
Kartoniert, 128 Seiten, 17,90 EUR

78. Meraner Charme

Es gehört zum Charme eines Lyrikwettbewerbs, dass sich die hochkarätige siebenköpfige Jury mit Hingabe der «bügeleiseneinsamkeit aalglatt» in einem spätfeministischen Gedicht widmet. Die Schöpferin dieses Wortstilllebens, Barbara Hundegger aus Innsbruck, trug bei der siebten Ausgabe des Lyrikpreises Meran auch eine steile Hommage an die irakische Architektin Zaha Hadid in Form eines Sprungschanzen-Gedichts vor. Doch in der maigrün strahlenden Kurstadt hatte die durchaus quälende Sozialkritik der letzten Trägerin des eingestellten Christine-Lavant-Lyrikpreises keine Chance – hier waren eher eine ideologieferne «neue Anschaulichkeit» und das versierte Spiel der Formen gefragt. / Katrin Hillgruber, Berner Bund 18.5.2005

28. Ihr Arsch

Zwischen 1913 und 1923 war Elsa von FreytagLoringhoven die Galionsfigur des weiblichen Dada. In New Yorker Kreisen nur als «Baroness» bekannt, figurierte die exzentrische Diva als Performance-Künstlerin, Erfinderin von Readymades und nicht zuletzt als Dichterin. Zum ersten Mal wurde jetzt eine Auswahl ihrer Lyrik publiziert. Übersetzt und kommentiert von Irene Gammel, die vor drei Jahren mit ihrer Monographie die Dadaistin überhaupt erst wieder entdeckt hat. Die Baroness dichtete auf Englisch, auf Deutsch, oft mehrsprachig. Dabei ist die auch heute noch ungemein modern wirkende Sprachkünstlerin mit allen Wassern gewaschen: mal knapp und kryptisch, mal schnörkellos auf eine Pointe abzielend, dann wieder monumental oder ausufernd reimend à la Wilhelm Busch. … Mit schnippischen Wortkreationen wie «Jungfernlolly» oder «Unterleibstiegel» bläst sie die Romantik von der Liebe, bedichtet den Koitus radikaler als ihre männlichen Kollegen. An denen lässt sie auch sonst kein gutes Haar: Marcel Duchamp findet sich in ihrer Lyrik als M’ars (mein Arsch) wieder, William Carlos Williams als W. C. (Water Closet). / NZZ 7.5.

Elsa von FreytagLoringhoven: Mein Mund ist lüstern. I got lusting palate. Dada-Verse. Hg. v. Irene Gammel. Edition Ebersbach, 2005. 144 S., EUR 18.-.

2. In memoriam Thomas Kling

Thomas Kling gilt vielen als der bedeutendste Dichter seiner Generation. Am Freitag, den 1. April, ist er im Alter von 47 Jahren gestorben. Im Gedenken an Thomas Kling finden sich am 10.5.2005 Dichterkollegen zu einer Lesung in der Literaturwerkstatt Berlin ein, dabei sind Christian Döring, Oswald Egger, Elke Erb, Norbert Hummelt, Tobias Lehmkuhl, Oskar Pastior, Kathrin Schmidt, Ulf Stolterfoht und Anja Utler.
Einige seiner Gedichte sind auf lyrikline.org zu lesen und zu hören

62. Seminar für Lyriker

Im Rahmen des Fortbildungsprogramms textwerk bietet das Literaturhaus München ein Seminar für Lyriker an. Es wird geleitet von dem Verleger Urs Engeler und dem Lyriker Ulf Stolterfoht. Das Seminar richtet sich an junge Lyriker, die bereits erste Veröffentlichungen nachweisen können. Die Teilnahmegebühr beträgt 250 Euro, Bewerbungsschluss ist der 4. Mai. Unterlagen können angefordert werden unter klange@literaturhaus-muenchen.de oder telefonisch unter 089/29193423. / SZ 19.4.

109. Michael Donhauser erhält Jandl-Preis für Lyrik

Der Schriftsteller Michael Donhauser erhält den mit 14.600 Euro dotierten Ernst-Jandl-Preis für Lyrik 2005. Donhauser sei „ein unzeitgemäßer Dichter, der seine poetischen Landschaften fernab der Trends und Moden entwirft“, teilte Kunststaatssekretär Franz Morak (ÖVP) heute mit. Die Auszeichnung wird Donhauser bei den Ernst-Jandl-Lyrik-Tagen im Juni in Neuberg an der Mürz überreicht. / ORF 23.3.
Mehr: Der Standard 23.3.*)