80. Exp.-Basher

Eins hat die Frankfurter Allgemeine mit dem einstigen SED-Zentralorgan gemein. Ihre klugen Leser schlugen oder schlagen immer mal, wenns not tut, auf die überkandidelten Dichter ein. Thomas Kling mußte Häme aus FAZ-Zeitungsspalten entgegennehmen, vor drei Jahren ging es Anja Utler so (L&Poe 2005 Jul #21. „Traurig ). Jetzt scheint das die Zeitung selber in die Hand zu nehmen. Am 10.4. schrieb „H.H.“ (sollte sich dahinter der Großkritiker & Lyriker mit den gleichen Anfangsbuchstaben verbergen? Muß wohl so sein) einen hämischen Verriß über den ersten Band einer jungen Lyrikerin:

Auch das Experiment hat seine Tradition, also auch seine Epigonen. Von August Stramm bis zu Thomas Kling sind es hundert Jahre. Da muss man schon ziemlich jung sein, um das Spiel noch einmal zu spielen. Mara Genschel, Jahrgang 1982, ist es. „Mara Genschel muss man hören. Und sehen“, empfiehlt ein Dichterkollege im Klappentext. Das lässt schon vermuten, dass die Buchform nicht ganz so faszinierend ist. In der Tat. Manches klingt nach Jandl, anderes nach Kling, dem sie eines der Gedichte widmet. Oder sind es Rudimente von Gedichten? Etwa so: „EXIST & / glückl. in / botanischem / G. gesessen, / „m / pl teig mit / fleisch- oder / fischfüllg., in / öl“ gegessen. / (Sachlich mich ums / Sprachliche gedrückt).“ Eine Tagebuchnotiz, typographisch aufgemotzt – aber ein Gedicht? Man darf den selbstkritischen Schluss der Autorin umkehren: „Sprachlich mich ums / Sachliche gedrückt.“ Dagegen gibt es ein beinah brauchbares Bulettenrezept, brauchbar bis auf den misslaunigen Einschub „pantsch“ und die Aufforderung: „friss frikar / nach Bratzeit sechshundert sekunden.“ Da möchte man doch vom Genuss abraten.

 

Mara Genschel: „Tonbrand Schlaf.“ Gedichte. Connewitzer Verlagsbuchhandlung, Leipzig 2008. 76 S., br., 10,- [

 

Auch das Avantgarde-Bashing hat seine Tradition, wie der Jambus oder die Metapher, nun ja. Sich über „experimentelles“ Schreiben lustig zu machen ist (wieder) wohlfeil spätestens seit Enzensbergers Aufsatz über die „Aporien der Avantgarde“. Ulf Stolterfoht hat jüngst das Nötige dazu gesagt. Bertram Reinecke schickt eine Collage, ein „experimentelles“ Gedicht aus dem Text von „H.H.“:

 

Bulettenexperiment

 

Für H. H.

 

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20081. 6s .b;.,10, €.) –

 

ü.tti.

 

 

1 die so gekennzeichneten Stellen beziehen sich auf einen Artikel bei Faz.de vom 10.04.

 

 

Hier das Gedicht von Mara Genschel, das H.H. unerschrocken verwurstet hat:

 

postskriptum

 

T.EXT

ca. 37°,

so Zug,

viel Wind:

„stoben wild
lauter Zettel
um d. Doms
Haupt…“

EXIST. &
glückl. in
botanischem
G. gesessen,

„m/pl teig mit
fleisch- oder
fischfüllg., in
öl“ gegessen.

[Sachlich mich ums
Sprachliche gedrückt]

T.EXT jetzt
ca. nur noch
sechsndreißig.

[Will ich noch zurück]

Mo: Flug

 

35. Gedichtaktion für inhaftierten chinesischen Dichter

Der internationale PEN-Gedicht-Staffellauf ist Teil einer PEN-China-Kampagne im Jahr der Olympischen Spiele. Der Staffellauf trägt das Gedicht «Juni» des inhaftierten chinesischen Dichters und Journalisten Shi Tao in 60 Übersetzungen rund um die Welt, wie das Deutschschweizer PEN-Zentrum am Montag berichtet. Franz Hohler hat das Gedicht «Juni» ins Berndeutsche übersetzt und wird es rezitieren. Das Gedicht wird am Montag auf dem Staffellauf zwei der drei Schweizer Zentren erreichen.

Die Idee zu diesem solidarischen Staffellauf für den inhaftierten Dichter wurde im Umfeld des «Writers-in-Prison-Tages 2006» in der Schweiz geboren. Diese Veranstaltung wurde von den Schweizer PEN-Zentren unter dem Titel «China und seine Grosse Brandmauer – Dichtung, Zensur und Cyberdissidenz im Reich der Mitte» organisiert. Bereits damals wurde das Gedicht von Shi Tao in westliche Sprachen übersetzt. Der Staffellauf von «Juni» wird auf der Homepage http://www.penpoemrelay.org dokumentiert. / Klein Report 8.4.

52. Armenische Dichter

Wetzlar. (tjl). Die Geschichte, Sprache, Schrift und Literatur Armeniens hat Misak Ajunts, Armenier, Künstler und ehemaliger Betreiber der Galerie am Eisenmarkt, im Rahmen der von der Phantastischen Bibliothek, der Stadtbibliothek und Volkshochschule veranstalteten Reihe „Literatur und Wein“ in der Phantastischen Bibliothek rund 50 Zuschauern vorgestellt. …

Ajunts Lieblingsschriftsteller ist Hovhannes Tumanyan (1869 bis 1923), der sehr viele Märchen geschrieben hat und die der Brüder Grimm übersetzte. Von diesem Dichter trug er eine Geschichte vor. Ferner ging er auf die sehr interessanten und zum Teil – für einen Mönch – sehr erotischen Gedichte von Nahabed Kutschak (gestorben 1592) ein. / Weilburger Tageblatt 11.3.

Politik, Experiment, Hochkultur

Versuch einer kartographischen Skizze der Lyriklandschaft in Abgrenzung zu Gerhard Falkner und Enno Stahl

Von Bertram Reinecke

Immer wieder einmal setzt irgend jemand zu dem Versuch an, die Möglichkeiten der Lyrik der Gegenwart ganz im Allgemeinen zu umreißen. Und mag dies auch auf wenigen Seiten geschehen, ein paar richtungsweisende Normative fallen da immer bei ab, ja diese machen solche Unternehmungen erst attraktiv. Glauben wir für hier daran, dass so etwas überhaupt möglich ist und antworten auf die bella triste 19 (L&Poe 2007 Okt #81. BELLA triste Nr. 19, Herbst 2007 cut), in der sich gleich zwei solcher Versuche finden. Vielleicht ist erst auf den zweiten Blick bemerkbar, dass Gerhard Falkners wie auch Enno Stahls Essay zumindest teilweise heimlich um die gleichen Probleme kreisen: Sie stellen Fragen nach dem Experiment, nach den gesellschaftlichen Wirkungen von Lyrikdiskursen und geben sich skeptisch gegen allzu elaborierte Ansätze. Dies vereinfacht natürlich das Unternehmen, sie hier gemeinsam zu diskutieren.

Eines aber noch vorher: Ich bin nicht in Falkners Maß skeptisch gegen „Theoretisieren“ 1) . Auch teile ich sein Mißtrauen gegen systemkritische Diskurse nur bedingt. Zwar weiß ich, dass die wichtigen Dinge „letztlich“ anderswo entschieden werden, meinetwegen „durch hochkomplexe Regel- und Steuerungssysteme“. Aber aus einer bestimmten Perspektive sind solche Vorbehalte widersprüchlich. Ihnen liegt ein latenter Determinismus zu Grunde. Der Autor könnte, insofern seine Vorbehalte berechtigt sind, für das Wie und Was seiner Aussagen nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden. Es ist aber Konvention, dass Menschen für ihre (Sprach)handlungen Verantwortung zu übernehmen haben. Falkners Vorbehalte hingegen setzen sich so dem Verdacht aus, eine Abschottungsstrategie zu sein.2) Da der Essay von Enno Stahl sich im Gegensatz dazu angenehm gesprächsbereit gibt,3) seien meine Ideen zunächst vor allem anhand seines Textes entwickelt, während Falkner sich erst nach und nach hineinfädelt.

Beiden Essays ist gemeinsam, dass sie aus der Außenperspektive Schlüsse über den Wert von Lyrik ziehen wollen.4) Nur von Außen etwa kann die Tatsache, dass die Zahl der Lyrikleser kaum größer ist als die ihrer Produzenten, als Aussage über Wert oder Bedeutung von Lyrik verstanden werden. Hierzulande ist jedoch auch die Zahl der Pkw-Benutzer fast deckungsgleich mit der der Fahrzeugführer. Und aus der Außenperspektive schadet Autofahren in der Tat mehr als es nutzt, von drinnen ist es wie in der Lyrik: Man kann einen dahin mitnehmen, wo er vorher nicht war.5) Stahl kann des weiteren aus seiner Außenperspektive nichts als einen Ausschließungsmechanismus in der Tatsache sehen, „dass Lyrik sich […] eines Oberschichtjargons befleißigt, und von 98 Prozent der Bevölkerung nicht verstanden wird.“6) Lyrik ist in diesen Darstellungen etwas marginales, quasi Verschrumpeltes: Außensichten können sehr verletzend sein. Da kann man nur auf die Tube drücken und (links!) überholen.

Und dann fällt sofort auf, dass es sich zunächst einmal um eine emanzipatorische Leistung handelt, Zugang zu den sprachlichen Schachzügen der Lyrik zu haben, um Ressource und Luxus. Das will den Verhältnissen erst abgerungen sein.7) (Dass sie Elysium und Therapie sind, sei nicht vergessen.)8) Ich möchte mir das nicht nehmen lassen. Und Kantisch gesprochen: Was wäre, wenn mehr Leute Zugang zu diesen Luxus hätten, ohne dass einfach billiger produziert würde, wie es Enno Stahl scheinbar vorschwebt?9)

Wer der Lyrik billige Verständlichkeit abfordert, liefert sich dem Deutschunterricht aus, der momentan bekanntlich zur Verschlankung neigt. Man vergisst leicht, dass Sprache langwierig erlernt werden mußte. Auch Lyriker haben im Diktat einmal Fehler gemacht. Ebenso schwer zu akzeptieren scheint, dass Codes, die uns etwas verständlich machen, so auch gesellschaftlich bedingt und „im Grunde“ falsch sein können.10)

Eine Argumentation wie Stahls behandelt hingegen klammheimlich als natürlich, was gesellschaftlich geworden ist. Man pflegt Schlüsse, die auf dieser Basis agieren, als naturalistische Fehlschlüsse zu bezeichnen. Fehlschlüsse deshalb, weil man auf dieser Basis mit etwas Phantasie für jeden herrschenden Zustand eine Rechtfertigung beibringen kann. (Aristoteles hat etwa die Sklaverei so gerechtfertigt.)

An der Tatsache, dass Lyrik eine hochgradig komplexe, von Konventionen abhängige Sache ist, kommt man auch nicht mit einem Konzept von Authentizität vorbei, wie es Stahl versucht. Gerade dieser Begriff scheint mir zu einem Spiel von Konventionen zu gehören, mit dem Deutungsansprüche von Lyrik eher eingedämmt und gesteuert als geltend gemacht werden sollen. Gewiß ist Beatrix Haustein auf eine Weise authentisch – aber das wäre Celan dann auch. Stahl scheint mit Authentizität etwas anderes, nämlich eine intuitiv glaubhafte Darstellung zu meinen. Wenn man von der Erlerntheit der Sprache ausgeht, springen bei Haustein aber eher die expressionistischen Schachzüge ins Auge. Auch vermutet man Anleihen bei den Selbststilisierungstechniken Sylvia Plaths usw. Was sich direkt gibt muß es also nicht sein. Die Forderung nach dem Authentischen bleibt, wo sie sich nicht über Biografie einzulösen versucht, zunächst nicht mehr als die nach einer Sprache, die so eingängig ist, dass kein Raum für Mißtrauen gegen das Gesagte bleibt. Und gerade solche Sprache ist beispielsweise gerade Diktatur- oder Gewaltopfern oft nicht verfügbar. Sie können ihr Schicksal oft nur auf paranoide, geifernde oder schräge Weise kommunizieren.11) Gewaltverhältnisse sind eben immer im Alltag zunächst Fälle mehr oder weniger systematischer Sprachverbiegung. Wer glaubt, der gesunde Menschenverstand könnte in jedem Falle die Vertrauenswürdigkeit einer Äußerung absehen, unterschätzt die Tatsache dass der Common sense wesentlich gesellschaftlich geprägt ist.12)

Verlassen wir die Lyrik, wird die Frage der Verständlichkeit oder auch nur Einsehbarkeit kaum weniger problematisch. Es kann bekanntermaßen sinnvoller sein, die „Ästhetik des Widerstandes“ zu lesen, obwohl man manches nicht versteht, als die zugänglichere „Bild“-Zeitung. Vielleicht wäre besser von Erreichen zu sprechen, denn Verstehen ist auch nicht Verstehen. Wenn ich die Episoden von GZSZ nicht als Allegorien für mein Dasein verwenden kann, habe ich die Serie dann nicht verstanden? Oder ist mir bloß langweilig? Und wenn dies bei Goethes Faust fehlschlägt?

Solche Überlegungen führen schnell zu dem Gedanken, dass die Lyriker, die heute als musterhaft gelten, selten mehr als 2 Prozent der Sprachkundigen erreichten bzw. ihnen verständlich waren. Und so müßte man sich, will man den unvermeidlichen Wahrnehmungsverschiebungen der Hochkultur entgehen, konsequenter Weise einen neuen Kanon bauen, der sich daran ausrichtet, was wirklich Eingang in den Alltag eines großen Publikums gefunden hat. In diesem Kanon hätten dann nicht Goethe und Benn als literarische Hausgötter zu gelten, sondern eher Terstegen und Klepper.

Von den Lyrikern, aus deren Werk Enno Stahl Beispiele zitiert, scheint nur Gossenpast(i)or Hel dieser radikalen Konsequenz ins Auge zu sehen. Sein Mut sei gepriesen! Schließlich wirkt solches Schreiben zunächst ungewohnt und ruft mindestens im Betrieb eher Verständnislosigkeit hervor. Verständlich, dass viele Lyriker vor solchen Konsequenzen ausweichen.

Soweit so theoretisch. Kommen wir zu Enno Stahls praktischen Vorschlägen. Der Witz (oder Ernst) seines Vorschlags besteht darin, dass er zwar Brecht als sozialistischen Heroen auslegt,13) um das Scheitern der auf solchen Vorbildern beruhenden Lyrik in den Siebzigern aber weiß.14)

Zunächst weist Stahl mit Born darauf hin, dass ein Realismus der Warenwelt nicht weit trägt. Unbeschadet seiner Größe als Experimentator, halte ich diese an Hand von Teilen des Brinkmannschen Werkes vorgebrachte Kritik für berechtigt. Auch ich erlebe realistische Darstellungen dieser Welt in kritischer Absicht vorgebracht oft als pure Reproduktion von Gewalt. (Heul doch!)

Schon weniger plausibel sind mir die Beispiele für einen „wohlverstandenen“ Realismus als Abbild sozialer Wirklichkeit. „Abends im Lidl steht die Arbeiterklasse an“ Wer diesen Titel wie Enno Stahl als eine Gesellschaftsanalyse beinhaltend interpretiert, muß schon wissen, was er erst zu lesen vorgibt. (Er lobt, dass sich im Bild die Erosion der alten Klassen ausspricht, dies Bild damit wohlmöglich zu neuen gesellschaftspolitischen Überlegungen Anlass gibt.) Das Bild kann angesichts einer halben Brigade im Blaumann, die auf dem Weg zur Tram, noch was für den Feierabend mitnimmt, auch anderes aufgefasst werden: „Na sieh mal an, die Arbeiterklasse!“ (Von der man schon immer gehört hat.) Das wäre dann ziemlich genau das Gegenteil des von Stahl Erwünschten, poetologisch aber immer noch ein Bild des Sozialen in seinem Sinne.

Noch ungünstiger scheint das Kuhligk-Beispiel. „Hier steht immer ein Trinker / am Glückspielatomaten / wenn ich nachts / in der letzten S-Bahn …“

Stahl feiert die Tatsache, dass sich das lyrische Ich in Beziehung zum sozialen Abgrund setzt. Auch Herr und Frau Biedermeier konnten dies angesichts ihres Spitzwegs tun: „Gut das wir es gemütlicher haben.“ Die Revolution freilich hatten die hinter sich …

Ein anderer Einwand betrifft das Maik-Lippert-Beispiel: „orbitalstation pennymarkt /das logo / gelb auf orangerotem grund / wie im chinesischen banner / nur die sterne fehlen / dafür tropft milchlicht von alternden / neonröhren / auf bepackte statisten / die filmreif vorüberziehen.“ Diese Stelle wirkt auf mich zunächst vor allem langweilig. Will ich ihr eine tiefere poetische Wirkung unterstellen, muß ich annehmen, dass ich die Codes der Filmwelt als Fernseh- und Klubkinoasket nicht kenne, von ihnen her aber ein neues spannendes Licht auf diese Stelle fällt. Dies ist aus mehreren Gründen interessant. Erstens fühle ich mich auf ein bestimmtes Konsumverhalten in Bezug auf Medien festgelegt, wenn ich versuchen wollte diese Stelle zu verstehen. Es wirkt also auch hier ein Ausschlußmechanismus, wie ihn Enno Stahl in Bezug auf experimentelle Poesie an anderer Stelle so hart angreift. Das Beispiel zeigt weiterhin, dass sprachliches Abbilden entweder wie hier nur sehr fragil möglich ist oder wie in anderen abgesicherteren Fällen sehr viel langsamer vorgehen muss als das Bild. Wer sich im Gedicht auf optisches Abbilden verlassen will, unterliegt immer der Gefahr, gegen andere bildgebende Medien ins Hintertreffen zu geraten. Ganz allgemein wird, wer filmische Codes zitierend einsetzen will, sich stärker auf den Mainstream einlassen müssen, erstens um überhaupt verstanden zu werden, zweitens, weil aus ökonomischen Gründen schon ein kleiner Film ein Publikum ins Auge fassen muss, das in die Hunderttausende geht. Er legt also seine Codes teilweise in die Hände der Kulturindustrie.15) Wer genuin literale Codes benutzt ist dagegen viel freier. Deren Verständnis bedarf freilich der Pflege. Daraus erhellt, dass der Tatsache, dass unsere Wahrnehmung weitgehend medial geprägt ist, nicht immer mit Lösungen von der Stange Rechnung zu tragen ist. Einmal ganz davon abgesehen, dass es etwas flach ist, dies Phänomen als Signatur unserer Epoche auszurufen. Mit dem Phänomen hat sich in Bezug auf das Medium Buch schon Kallimachos im zweiten vorchristlichen Jahrhundert auseinandergesetzt.

Zumindest zwei der drei Beispiele von Falb16) und die vieräugigen Hunde von Tom Schulz zeigen jedoch, dass Stahl als Leser letztlich mehr weiß, als sein theoretischer Standort vermuten lässt. Diese Texte nehmen den Verfremdungsgedanken sichtlich ernster. So ernst, dass die darin auftauchenden auf soziale Wirklichkeit weisenden Begriffe (Ware, Bahnwärter, Fernseher) anfangen seltsam zufällig anzumuten. Man kann, Endler macht es vor, in diesem Sinne politische Lyrik schreiben, ohne dass solche Begriffe überhaupt noch auftauchen.17) Und Endler zeigt auch, dass das Groteske so verstanden nicht das Schicksal der Brinkmannschen Alltagsversessenheit erleiden muß.

Man erspart sich so die Knochenmühle, die noch jedem aufmuckendem Realismus bevorstand: Ist das nicht reine Erfindung? „vor dem Umbau waren im Saal provisorisch Migranten/ untergebracht“ Sollte es wahr sein, ist es exemplarisch oder nicht doch marginaler Einzelfall? Das Unangenehme: Diese Fragen sind wichtig, deswegen schwer abweisbar. („Bild hilft ihren Lesern“) Will man sich in solchen Fragen einigen, diskutiert man schon auf politischem Feld, und wird man einig, ist dies oft ein Indikator, welches Gegenargument als nächstes ins Haus steht: Ist das nicht alles längst bekannt?

Hier schon werden fast alle Gedichte, die sich an Bildern des Sozialen versuchen, zumindest in eben dieser Qualität beiseite geräumt sein. Für ein widerständigeres Gebilde bleiben weitere Fragen, respektive Keulen: „Will der Autor sich nicht bloß Bedeutung erschleichen, indem er sich zu so bedeutsamen Themen äußert?“ „Muß jemand, der so beflissen einer Sache nachjagt, nicht ständig anderes ausblenden? Kann ein so engagierter Idealist ganz dicht sein?“

Noch einmal: Diese Fragen sind zunächst vor allem ja Ausdruck gesunden Misstrauens. Freilich ebenso können sie systematisch zur Verfestigung von Ideologie eingesetzt werden. Das SED-Kritikeraktiv hat es vorgemacht. Wer auf dem Boden des sozialistischen Realismus verharrte, war irgendwann nicht mehr in der Lage, ehrliche Bilder des Sozialen liefern. Wer den Bruch mit dieser Richtung lieber nicht offiziell vollzog, hat seine Texte zumindest so umgemodelt, dass sie Lesarten boten, die völlig anders funktionierten, z.B. in Bezug auf pars pro toto Figuren, pictura Ebenen und Allegorie. (Insofern ist es unseriöser Unfug, wenn Falkner den DDR-Realismus wegen seiner inhumanen Wirklichkeitstreue schätzt. Hart aber gerecht sozusagen! Inhuman war diese Strömung, weil sie wahnhaft-verlogene Weltversionen zur Wirklichkeit dekretierte.) Unabhängig von den geforderten sozialen Bildnissen an der Oberfläche, konnte sich in den darunter liegenden Schichten selbst, sagen wir z. B. rilkesche Sehnsuchtsmotivik verbergen.18) Das berüchtige „zwischen den Zeilen lesen“ mag historisch zufällig Aspekte von Sklavensprache haben, ist aber mehr als Bauernschläue, nämlich ein Literaturmodell mit bestimmten Produktions- und Leseweisen, die auf die Instanz Zensur nicht zwingend angewiesen sind. Und natürlich lassen sich auch Lohenstein oder Romantik so lesen. Die DDR hat weder die Mikroelektronik noch das Fahrrad erfunden und die Schriftsteller, welche noch aus älteren Quellen schöpften, gaben denen, die schon nicht mehr Realisten waren die Klinke in die Hand.

Andersherum formuliert, diese Erfahrung mußte auch die Westlinke seit den 80ern machen: Mit Bildern des Sozialen kann eine Literatur nur wirksam werden, solange sie auf den Resonanzraum eines Publikums trifft, das in Weltdeutung und Werten gewisse Gemeinsamkeiten mit ihr hat. Deswegen sollte man den Kapitalismus mit seinem Spezialisierungsdruck ernst nehmen und im Zweifel die Bilder des Sozialen musikalischen Formen der Lyrik überlassen, die mehr Kraft haben solche Wirklichkeitsgemeinschaften zu stiften. Gute sozial engagierte Songtexte werde ich zu schätzen wissen. Wo es diese nicht gibt, erhöht sich die politische Wirksamkeit der Lyrik eher, je mehr sie sich der Bilder des Sozialen enthält. Das ist plausibel insofern Sprache (während Polizisten nicht überall sind) die weitreichendste Form der Gewalt darstellt und das viele Weiß in Gedichtbänden ja nicht sicherstellen kann, dass hier ideologiefreier Raum beginnt.

Vielleicht war Georges Maximin-Zyklus ja folgenreicher für die Geschichte der Gender-Dekonstruktion als manch gut gemeintes Sozialbildnis? Wenn man zu formulieren sucht, was rechtens epigonal und damit wirkungslos zu nennen ist, wird man in solche Tiefenschichten eindringen müssen und kann sich nicht, wie das oft geschieht, auf einen oberflächlichen Katalog formaler Mitte wie meinetwegen Reim, Jambus oder was immer verlassen. Fast könnte man sogar der altmodischen Auffassung zuneigen, dass jedes Gedicht, welches diese sprachliche Spannung aufrecht erhalten kann („seine eindrucksvolle Positivität“, Falkner ) und sich dem herrschenden Gerede entgegenstellt, schon deswegen für politisch korrekt zu halten. Dass solche Spannung zu erreichen weniger mit einem Beschluß zusammenhängt als vielmehr (neben vielem Anderen) mit Glücken, macht Falkner für mich erst diskutabel.

Seltsamer Weise gerät aber nicht nur jedes gute Gedicht so in den Ruch des Politischen, sondern es öffnet sich gerade von hier der von Stahl wie Falkner bestrittene Raum des Experiments im eigentlichen Sinne. Insofern die Unterscheidung zwischen dem blabla auf der einen Seite und der angespannten notwendigen Sprachführung auf der anderen Seite tatsächlich existiert, müssen der Sprache verborgene Invarianzen zu Grunde liegen, die dann belastbar genug sein müssten, ertestet zu werden.

Daran geht Enno Stahl aus mehreren Gründen vorbei.19) Zunächst ist sein Begriff von Experiment so rigide, dass selbst psychologische Versuchsanordnungen bei Stahl etwas alt aussehen. Zweitens scheint er unausgesprochen davon auszugehen, dass ganze Textkörper die Versuchskaninchen bilden. Das hat natürlich zur Konsequenz, dass steigender Bekanntheitsgrad die Versuchsbedingungen modifiziert und anders als in der Physik der Wiederholbarkeit und damit dem Experiment enge Grenzen gesetzt sind. Öfter werden daher inter- oder intratextuelle Verhältnisse den Versuchsgegenstand bilden. Die Fragen lauten dann eher: Ist diese Hinsicht der Ähnlichkeit eine relevante, weil sich ähnliche Konsequenzen hinsichtlich von Produktion oder Rezeption ergeben? Ist diese Textfigur ähnlich oder verschieden von jener? Solange man unterstellt, dass die Invarianzen belastbar sind, müssten solche Fragen zumindest teilweise sogar im Selbstversuch entscheidbar sein. Freilich wird man eingestehen müssen dass die zu testenden Hypothesen nicht immer sprachlich gut explizierbar sein werden. Ja gerade die gut explizierbaren sind vermutlich die langweiligsten, weil sie den Weisheiten der Grammatikbücher nahe kommen. Den Rahmen, wo Experiment aufhört und wo Beliebigkeit anfängt, hat man also eher durch andere Art von Plausibilität abzustecken als durch die Klarheit der Hypothese.

Man sei hier aber nicht zu rigide, denn vor dem gleichen Problem stehen selbst sprachlich mathematisch durchgebildete Wissenschaften wie die Physik. Für konkurrierende Theorien, die nicht gleich leistungsfähig sind sondern deren Leistungen sich in verschiedenen interessanten Fällen unterscheiden, gibt es kein Argumentum Cruxis. Wissenschaftstheoretiker, vielleicht sogar ihre Mehrzahl ziehen daraus den Schluss, dass eine Theorie erst vollständig ist, wenn neben den Rechenwegen und den Definitionen der involvierten Termini auch intendierte Anwendungen angegeben sind. Ob ein sich ungewöhnlich verhaltender Fall noch einer der intendierten Art ist, oder ein Gegenbeispiel für die Theorie, diese Frage ist so streitbar und beruht ebenso auf schwerexplizierbaren Prämissen wie die, ob einem Gedicht Notwendigkeit eignet oder nicht. Stolterfoht zieht daraus den Schluß, dass Sprache nicht in ähnlichem Sinne gefunden werden muß wie in den Wissenschaften, sondern umgekehrt, dass auch die Sprache der Wissenschaften erfunden ist. Was legitim Experiment heißen soll wird dadurch noch streitbarer.

Man kann es sich in dieser Hinsicht recht einfach machen und darauf verweisen, dass selbst die Paradepferde der Experimentalphysik, Galileis Versuche zur klassischen Mechanik, vor allem eins sind: Propaganda. Es ist bekannt, dass Galilei den Seereiseversuch niemals ausgeführt hat und dass das berühmte Experiment mit der rollenden Kugel auf der schiefen Ebene schlicht gefälscht ist: Man kann mit dem von ihm beschriebenen Versuchsaufbau gar nicht auf die richtigen Zahlen kommen. Hier hatte Galilei die richtige Intuition für die Zahlen, hat seinen Versuchaufbau aber nur mäßig gut darauf anpassen können. 20)

Es sei betont, dass es sich bei der hier geschilderten Position nicht um irgend einen Extremismus handelt, sondern um eine fast bis zur Langeweile gemäßigte Haltung. Das kann eine Bemerkung Mandelstams (auch nicht gerade der große Gott der Experimentalliteratur) erhellen: „Ich möchte behaupten, dass in der Danteschen Handhabung der Überlieferung alle Elemente modernen Experimentierens vorhanden sind. Und zwar: Schaffung speziellen künstlichen Rahmens für den Versuch, Benutzung von Instrumenten, an deren Präzision nicht zu zweifeln ist, sowie eine an die Anschaulichkeit appellierende Prüfung des Ergebnisses.“ 21)

Bevor wir uns von dieser Basis Falkners Essay näher zuwenden, sei auf einige praktische Möglichkeiten des Sozialen im Experiment kurz verwiesen. Bilder des Sozialen oder auch politische Aussagen können als Material von Experimenten politisch überwintern. (Funktionieren sie als Beispiele, werden die Abwehrfragen des Realismus sinnlos.22) ) Eine zweite, etwa von Heißenbüttel ausgeführte Möglichkeit besteht darin, den Gehalt sozialer bzw. politischer Aussagen testend vorzuführen. Schon bloßes Umdichten schöpft aus dieser Quelle. Am lebendigsten freilich scheint die Szene dort, wo sie Sprach-, Sprech- und diskurspragmatische Überlegungen in das poetische Tun einbezieht.23) (Auch wenn das soziale Engagement dieser Leute sich mitunter darin erschöpft, das eigene Netzwerk zu pflegen.)

Falkner hat (natürlich!) die Postmoderne radikal rezipiert und würde schon diese Überlegungen als einen möglichen aber letztlich beliebigen Anschluß ins Gerede verweisen.24) Es sieht dabei so aus, als ob ihn ein Czernin, mit seinem klassischeren, sozusagen als Pendant zur poetischen Positivität entwickelten Begriff des Experimentes mehr ärgert als der ganze Stolterfoht.25) (Schon rein sprachlich scheinen mir Wendungen Falkners wie „für den Meister“ „die Besten“ nicht so arg weit entfernt von dem an Czernin bekrittelten „Übertrumpfungsgestus der Moderne“.) Er pickt sich zwei, drei Stellen Czernins heraus und behauptet, diese seien so desavouierend, dass über den Rest gar nicht mehr geredet werden braucht. Dieser Vorgang ist mir aus Schreibgruppen in mißlicher Erinnerung: Er wird meist besonders laut vorgetragen. Gelingt es trotz dieses Sperrfeuers ins Gespräch zu kommen, geht es meist plötzlich um ganz etwas anderes.

Hier sieht es so aus, dass ihm Stolterfoht deswegen unproblematischer ist, weil er den gordischen Knoten durchschlägt und sich wie Endler lustvoll im Gerede einrichtet. Er teilt mit Falkner die Diagnose, dass solches Gerede nicht unbedingt ernst zu nehmen ist. Aus Falkners Sicht glücken Stolterfohts Texte einfach weil sie andere (lies: geringere) Ansprüche stellen, während Falkner zu den notwendigen Sprachschichten vorzudringen sucht. Czernin ist ihm da auf zweierlei Weise lästiger. Erstens setzt er ebenfalls auf diesem Feld Maßstäbe, und zwar andere. Zweitens erklärt er sie für graduell standortrelativ und zeitvariant (würde Falkners Zollstock wohl auch alt nennen), entzieht sich also dem Angriff durch Falkners Meßlatte. Falkner nutzt denn auch die naheliegendste Antwortstrategie: Er versucht Czernin dort abzuwerten, wo Czernin seine Maßstäbe teilt. Abgesehen davon, dass ich Begriffe wie „emotive Verbosität“ eher lustig finde (Spricht sich nicht im anspruchsvollen Fremdwort eine Sonderbosheit aus, die die deutsche Formulierung nicht hätte?) hat man Falkners Meinung: „Auf Standards des sachlichen Argumentierens habe ich keinen Bock.“, auch schon unprätentiöser gelesen als bei ihm: „Gerade die Prozesse dauernder und nachhaltiger Entschärfung kultur- und systemkritischer Diskurse durch hochkomplexe Regel- und Steuerungssysteme, die allen nonkonformistischen Zugriffen entzogen sind, sowie der Umstand, dass diese Diskursverfahren und ihre Ergebnisse, um philosophisch anschlußfähig zu sein ‚so hoch aufgehängt sein müssen‘, dass damit verhindert wird, dass sich das Blumengießen in ein Blutvergießen verwandelt, machen die ausgefeilten Theorien immer mehr zu Endlagern für die potentielle Durchschlagskraft des Gedankens.“

Falkner setzt lieber auf „neuronale Interpretationsleistungen.“ Was irgendwie ganzheitlich und so naturnah klingt dass es den immanenten Irrtümern jeglicher Theorie entgeht, ist bei näherem Hinsehen nicht mehr als ein Denken, welches darauf spekuliert, dass ein gesundes Ressentiment, in ein merkbares Bild gepackt, letztlich wirkungsvoller ist als ein treffendes Argument. Das Unangenehme an diesem Rückenmarksintellektualismus ist, dass er sich dazu auf eingeübte Mißtrauensreflexe genau jenes Feuilletons verläßt, das er so heftig angreift. Jeder Versuch der Gegenrede wird von der Welle der eingeübten Plausibilitäten weggespült – zumindest so lange man sich weiter in jenem schlecht belüfteten Denkraum bewegt. (Vom selbstbezüglichen Resampling mancher kritisierter Lyriker ist Falkner da gar nicht so weit entfernt.) Wer sich also für solch markigen Feuilletonismus wirklich begeistert, mag an dieser Stelle auch gleich aufhören zu lesen. Ich werde ihn nicht eines Besseren belehren.

Wer trotz der schlechten Presse aber zum Beispiel Heißenbüttels Texte zur Hand nimmt, bemerkt spätestens auf den zweiten Blick, dass Falkners Behauptung, dieser schriebe Stramm-, Holz-, Schwitters-Paraphernalia, etwa ebenso differenziert ist wie die, Falkner schriebe solche zu Richard Schaukal oder Cäsar Flaischlen. Wir sind einfach gewohnt, je öfter uns etwas begegnet, also je näher es dem Mainstream ist, auch mehr Unterschiede wahrzunehmen. Ähnlich schief ist seine Darstellung des Prenzlauer Bergs.26)

Falkners Behauptung, dass er nach den „wahren“ Maßstäben der Größte ist, Grünbein auch noch recht genial und einige Lyriker von Jetzt immerhin begabt genug für eine Hiwirolle sind, mag hingegen plausibel sein, solange man eben alles andere wegläßt.

Man fühlt sich ein bißchen veralbert. Man denkt, dem Leser einer Literaturzeitung könnte etwas mehr Kenntnis zugetraut werden. Dass der Osten irgendwie komisch ist und Literatur die wir nicht verstehen nichts wert sein wird, hatten wir eigentlich schon immer geahnt27). Nach Falkners Meinung ist schlechte Lyrik aber sogar derart abträglich für die geistige Gesundheit (s. S. 131 und „Schund“ 132), dass fraglich wird, ob das Bücherregal noch der rechte Ort dafür ist, ob nicht der Giftschrank der bessere Platz für sie wäre. Gott sei Dank kann er Bücher nicht verbieten! Das Lesen ausgesucht schlechter Literatur kann nämlich durchaus zur geistigen Gesunderhaltung beitragen. Da kann man nämlich bemerken, dass sein Absolutismus dem der SED-Parteiverlautbarungen durchaus ähnlich ist.

Auch die SED damals besaß zwar alle Weisheit, verriet sie aber niemandem. Was würde sonst aus dem schönen Führungsanspruch? Falkner reklamiert einen solchen für den Band „wemut“, sagt aber nicht, worin dieser besteht. (Er zitiert zwar eine Liste28): Diese ist aber zu allgemein. Würde man Benn unter dem Mißverständnis lesen, er sei ein Zeitgenosse, würde er ungeachtet anders gearteter Entstehungsvoraussetzungen seines Werkes ebenso unter die Liste fallen wie, mit Verlaub, mein Frühwerk.) Während aus dem Giftschrank besser nicht gelesen werden sollte, tragen nach Falkner zur lyrischen Gesundheit freilich die Klassiker bei, er nennt vier Grundlagenwerke, drei aus seiner Hand eins über ihn. (Immerhin insgesamt weniger als 1 Kapital.)

Wie dazumal pathologisiert Falkner seinen Gegner, er scheint dekadent wie eine untergehende Klasse, wenn nicht „fast [immerhin] klinisch desorientiert“, an Zwangsvorstellungen leidend (S. 137) oder behindert (S. 128 oben). Schon Intelligenz ist verdächtig (z.B. S. 130 oben). Die Partei übernimmt die Verantwortung, wer etwas nicht kennt hat keine Schuld. Wissentlich Urteile zu fällen (wie Braun) ist dagegen unentschuldbar.

Erstaunlich wie weit sogar die Personage der SED-Propaganda in Falkners Text anwesend ist. Wir finden den politisch Unzuverlässigen (Michael Braun) ebenso den ewig Gestrigen (Sebastian Kiefer.) Mit Wendungen wie „falschen Entwicklungen“, „unwiderlegbaren Beweisen“ und „auf breiter Front“ macht sich DDR-Phraseologie breit.

Freilich, hie und da gäbe es noch welche, die sich uneigennützig und aufopferungsvoll um die (Falknersch verstandene?) Sache der Lyrik kümmern. Was müssen das für naive FDJler sein! Warum heißen sie bei Falkner dann ausgerechnet Kritiker? Nein nein, Falkners Polemik ist so geschmacklos, dass man an keiner Stelle zustimmen mag und eher zusammenzuckt, wenn er das Wort Zivilcourage in den Mund nimmt.

Es scheinen einem nicht immer nur die Kritiker mit Schnee von gestern kommen zu wollen!

Falkner argumentiert auf gleiche Weise wie die SED in einem polaren Bezugsfeld. Wenn zwei dasselbe tun darf es eben nie dasselbe sein. Das hieß Parteilichkeit (parteiisch war allenfalls der Klassengegner) und hieß, dass die Zensur in Chile schlecht, die in der DDR aber erstens nicht vorhanden, zweitens aber gleichwohl gut war. Warum Falkner ausgerechnet an diesem abgegriffenen Diskursmuster so viel Freude findet, bleibt sein Geheimnis. Hier eine kleine Liste:

1. Wenn die Lyriker gemeinsam etwas tun, die Falkner schätzt, spricht das für sie, wenn andere das tun, ist das Heiratspolitik oder Tauziehen.

2. Falknerjünger erhalten Preise zu Recht, wenn andere diese bekommen, zeigt das nur die desolate Lage der Kritik.29)

3. „Gerade die vermeintlichen ‚Kenner‘ entpuppen sich bei näherer Betrachtung zumeist als vollkommen abgestumpfte Jongleure von Namen.“ Sich selber wird er nicht meinen oder?

4. Galrev oder Kookbooks sind Hypes30), während DuMont oder „Das Gedicht“ ihre potenteren Etats einzig zur Verbreitung der reinen Lehre lauterer Lyrik zu verwenden scheinen. (Die müssten ja fürchten, dass sie auf der Buchmesse niemand mehr ernst nimmt, wenn das so stimmte.)

5. Jede theoretische Grundlage außer der eigenen wird madig gemacht. Was bei Falkner hoch aufgehängt ist, hängt doch sicher im gesellschaftlichen Überbau? Was der dialektische Materialismus den Greisen ist dem Weisen seine „neuronale Interpretationsleistung“.

Warum überhaupt solchem Mummenschanz widersprechen? Falkner ist, wie man weiß, schon ein genug geplagter Mann.

Weil die Welle seiner Plausibilitäten eben auch da wirkt, wo er sich nicht in alte Propagandamuster verstrickt sondern scheinbar vollkommen sachlich vorgeht. Falkner will polarisieren. Je polarisierter der Diskurs, desto geringer die Möglichkeit des poetischen Gesprächs. (Manchmal traut man sich ja schon gar nicht den Namen Thomas Kling auszusprechen, weil man dann sofort in die eine oder andere Ecke abgeschoben wird.)

Seine Urteile, wie schwachbrüstig sie als Wirklichkeitsanalyse sind, wirken auch indem sie als sich selbst erfüllende Prophezeiungen eine Zukunft herstellen.

Wenn Falkner z.B. seinen Vertrauensvorschuß dafür mißbraucht, das Geschmacksurteil als Standard der Lyrikkritik durchzusetzen, hätte ein Erfolg die Konsequenz, dass junge Lyriker sich bald lediglich im Netz werden austoben können. Denn das Geschmackurteil von xy wird für den Druck selten genügend interessant sein. Warum sollte ich xy glauben, wenn ich nicht sehe, woher sein Urteil rührt? Wer schon bekannt ist, bleibt hingegen interessant. Zynisch also, wenn Falkner sich fast im gleichen Atemzug bei den Jungen lieb Kind macht und über die Lyrikopas die Nase rümpft. Er will damit den Jüngeren ebenso wenig wohl wie mit seiner Verbreitung von Generalmißtrauen gegen fremde Kenntnis. 31

Möchte, zweitens, wer, während das Schiff kaum in See gestochen ist, am Erfolg einer Entdeckungsreise zweifelt, nicht vielleicht umdrehen? Wer laut fragt, „ob sich tatsächlich etwas bewegen läßt“, legt seine Autorität in die Waagschale die Skeptiker zu bestärken, kalkuliert dämpfende Wirkung der eigenen Rede also ein. (Angesichts allein der Essays von Schloyer, Draesner, Stahl und Jackson in derselben bella triste habe ich eher das Gefühl, es hat sich schon was bewegt.32) ) Das gleiche gilt für den, der Lyriker unter den Generalverdacht des Kungelantentums setzt. Wie soll eine Debatte denn Früchte haben können, wenn jede erarbeitete gemeinsame Position gleich wieder von Mißtrauen zersetzt wird?

Von der gleichen „Ehrlichkeit“ ist das „inzwischen“ im Satz „Ich habe zwar ein großes Faible für jede durch die Sache gedeckte Kompliziertheit, bei unserem Thema aber führt sie, wie ich inzwischen einsehe nirgendwohin.“ Es soll wohl so getan werden, als berücksichtige dieser Reflex auch Einsichten in aktuellere Entwicklungen.33) Die Zeiten, wo etwas nur neu genug sein mußte, um über alles andere gestellt zu werden, soweit es sich dabei nicht überhaupt um eine beschönigende Erinnerung handelt, sind aber, unabhängig davon was man sonst alles über Kritik zu meckern hat, wenn es sie je gab, schon etwas her.

Während heute noch Kritiker (und ganze Literaturseminare) darüber lamentieren, wie unverständlich und damit wirkungslos Franz Mons Hörspiele sind, sind Elemente seiner Verfahren längst bis zum nicht sonderlich esoterischen Musikprojekt Agro Berlin (mit seinen befremdlichen Bildern des Sozialen) vorgedrungen. Die „kraftlosen“ stimm- und sprachpragmatischen Methoden haben die Punks und Lesben im Bürgerradio erreicht. Der Hornbachbaumarkt versucht sich im Sampling heterogener Codes. Warum muß die Diskussion um das Experiment immer wieder von vorne anfangen? Alles „Trachtenvereine“ während ein paar Klassiker Falkners Maßanzüge auftragen?

Und, um sich nicht von Falkners Polarität Experimentell vs. was eigentlich ? Falknerismo einfangen zu lassen, sei auch seine häßlichste verbale Reflexzonenmassage noch genannt. „Das Gedicht scheint, über seine eindrucksvolle Positivität hinaus, auch ein Behältnis für besonders abstruse persönliche Phantasien bereitzustellen“, bemerkt Falkner verwundert. (Wie musterhaft und behütet müßte einer sein, der nicht wenigstens als Kind einen Spottvers im Munde führte, wenn er schon nicht die Zivilcourage hatte ihn selbst zu basteln?) Und ehe man sich zu denken traut, Einsichten, Hoffnungen und Wünsche können doch, weil ungewöhnlich oder uneingelöst, durchaus so abstrus oder befremdlich wirken, dass sie nur mit der Trickkiste der Poesie auszusprechen sind. Aber bevor dieser Gedanke aufkommen kann, randaliert Falkner das Thema entzwei: „Ein Behältnis, das wegen der vermeintlichen seligen Verschwommenheit, die man seinem Inhalt gerne andichtet, als ein Gefäß betrachtet wird, in welches Menschen, die das ‚Poetische‘ als Selbstumrahmung missbrauchen möchten und die sich auf Grund ihrer Beziehungen diesen Rahmen leisten können, glauben, ihre schalen Säfte von Verschrobenheit, Künstlertum oder Selbstpoetisierung abschlagen zu können.“ Nein, so will man natürlich nicht wiedererkannt werden: Soll man deshalb wirklich gleich jenen Gedanken fallen lassen?

Die gezielte Genauigkeit dessen, was ein altmodischer normativer Theoretiker genau richtig falsch als Kategorienfehler bezeichnet, wird, wie seit Jahrhunderten, weiter widerständig und kräftig dem Machtlosen beispringen. Jeder einsichtige Leser weiß: Das Utopische, und sei es bei Rilke, funktioniert nun einmal so.

Anmerkungen

1. „Wenn wir das Gedicht unter überzeugender Einbeziehung der dafür geeigneten Theorieflut reflektieren, entlüften wir den Diskurs nur ein weiteres Mal in jene Höhen, in denen er akademisch sich ausrandaliert um schließlich als Schnee von Gestern auf den Boden der Tatsachen zurückzusinken oder in die Leeren Patronenhülsen der nächsten Kritikergeneration zu schmelzen.“ (Die Metapher ist recht dunkel.)

2. Üblicher Weise entbinden wir nur elaborierte Intellektuelle (wie Dekonstruktivisten) oder psychisch Kranke von dieser Art Verantwortung, was auch immer das bedeutet.

3. Es gehört Mut zu seinem Versuch, das Gedicht in einer Zeit, in der die Abweisung von politischen Ansprüchen beliebter Lyrikersport geworden ist, Texte genau danach zu befragen. (In der Bella jüngst Ahrens und Brischke)

4. Während Stahl konsequent zugibt, als „eher Nichtlyriker“ zu sprechen, wechselt Falkner immer wieder zwischen Außen- und radikaler Innensicht. Ich werde dem insofern Rechnung tragen, als ich versuchen werde, bei der Illustration meiner Ausführungen, dann und wann außerlyrische Beispiele einzustreuen.

5. Analog läßt sich Falkners Furcht vor Campushype und Intelligenzmoden besser von einem externen Standpunkt nachvollziehen: Sappho war jedoch ihrerzeit zunächst ebenfalls nur ein Campushype. Die Intelligenzmoden des 14. und 17. Jhs haben uns, wenn man schon ihre Bedeutung für die Lyrik bestreiten will, hervorragende politische Literatur gebracht. Zudem liest auch heute mancher Lohenstein.

6. Nicht einmal 2 Prozent der DDR-Bürger waren bei der Stasi, kann man die vernachlässigen?

7. Wenn ich also die Innenperspektive einnehme, sei mir die erste Person Singular zugestanden und beispielsweise (auf die Tube, auf die Tube) festgestellt, dass es nicht so einfach ist an seine Bücher zu gelangen, wenn man ohne, Netz und Versandhandel 20 Kilometer vom nächsten Buchladen entfernt wohnt, der ein DDR-Buchladen ist, in dem ein fünfzehnjähriger Steppke keine Bückware kaufen kann.

8. Solche Rechtfertigungen bleiben natürlich immer in der mißlichen Situation, dass sie ein Stück weit ihren Gegenstand nur „als etwas anderes“ rechtfertigen können. „Letztlich“ läßt sich Lyrik als gesellschaftliche Praxis wohl ebenso wenig rechtfertigen wie der heilige Nikolaus, bedarf einer solchen Rechtfertigung aber sicher ebenso wenig.

9. Natürlich weiß ich, dass Lyrik auch Herrschaftsdiskurse perpetuieren (Ideologie) wie erzeugen kann. Nicht nur Foucault und Baudrillard haben darauf hingewiesen. Es geht mir um etwas anderes. Nur bei der Kunst kann es einem einfallen, Komplexität an sich für fragwürdig zu halten. Bei einem Computerprogramm (auch Userwissen generiert Herrschaftsdiskurse) wird man zwar Einfachkeit vorziehen, wird aber einsehen, dass ein Programm, dass mehr Möglichkeiten bietet, auch komplexer aufgebaut ist.

10. So behindert die von beflissenen Deutschlehrern antrainierte Übung, sich unter Metaphern in jedem Fall etwas vorzustellen, manchen bei der Celan- oder Stolterfohtlektüre.

11. Jede Gedenkstätte kann ein Lied davon singen, dass es bestimmte Typen von Opfern gibt, die in ihren Anliegen so verschroben geworden sind, dass man sich diese kaum anders als mit verhohlenem Spott vom Leibe halten kann.

12. Ein zweiter Einwand wäre, dass wir einen weltgeistigen geschichtsträchtigen Blick Zeitgenossen meist nur als authentisch abkaufen, wenn diese schon älter oder sehr erfolgreich sind. Dies Phänomen ist nicht neu. Wenn Schiller Hölderlin vorschlägt, sich erstmal an kleinen Gegenständen zu versuchen, scheint so eine Intuition am Werk. (Dies Spiel wird meist nicht reflektiert, weil wir bei jeder Aussage eines jüngeren Dichters, die wir teilen, diese für selbstverständlich und ein Klischee halten können, wenn wir sie nicht teilen, nennen wir sie falsch. Eine für falsch gehaltene Aussage verunsichert, zumindest solange man sich nicht routiniert ideologiekritischen Überlegungen hingibt, also eher, wenn sie von einem Großdichter autorisiert ist.)

13. Er nennt z.B. einen Satz Brechts zum Verhältnis Form und Engagement dogmatisch. Schaut man sich diesen im Spannungsfeld der Brecht Lukacsschen Realismusdebatte vor, zeigt er eher das Schlitzohr Brecht.

14. Man kommt hier also mit seinem Rühmkorf allein nicht weiter.

15. Auch bei Adrian Kasnitz nehme ich sowas wahr. Grünbeins „Grauzone morgens“ ist über weite Strecken dann vollends ein Sekundärphänomen: verschriftlichter Jim Jamusch, das sei Stahls Argumenten gegen den späteren Grünbein an die Seite gestellt.

16. Z.B. „die sog. letzten fragen ziehen als rauch über den schornstein einer / modelleisenbahn / der miniaturbahnwärter fuchtelt gereizt mit den Armen warum / ist nicht ganz klar.“

17. Draußen: „Mein Herz dreht sich baß/ draußen geht etwas/Jetzt bleibt das stehn/ Jetzt ists wieder am Gehn/ Mein Fenster wird verhängt/ das ist vorbei gegangen/ Mein Herz ist Schnapsversengt/ Mein Fenster ist verhangen –

18. Z.B. Fritz Rudolf Fries: „Erlebte Landschaft“

19. Stahl kann sich für einen Gutteil seiner Irrtümer auf den berüchtigten Enzensberger-Essay stützen, der im übrigen auch den Erkenntniswert einer strikten Außenperspektive überschätzt.

20. Bei der Gezeitentheorie hat seine Intuition ihn weiter gehend getrogen, obwohl die dazugehörigen Versuche klaglos funktionieren. (Über Fälschen, Fälschbarkeit von literarischen Experimenten zu schreiben, wäre einen eigenen Essay wert.)

21. (Gespräch über Dante 1933) Angesichts der modernen Physik hat mancher vergessen, dass auch gerade das letztere Merkmal des klassischen Beweises ist. Aus diesem Grunde etwa bot der Beweis zum Vierfarbenproblem lange Diskussionsstoff in wissenschaftstheoretischen Seminaren.

22. So „weiß“ etwa jeder Quineleser aus dem Logikkurs, das Scotts Waverley ein langweiliges Buch ist, ohne es gelesen zu haben.

23. Insofern teile ich Enno Stahls Meinung von der Bedeutsamkeit der Haltung für die Lyrik. Döring: „Es ist so wie es ist wieso …“ Lentz: „Vielleicht ist es so, vielleicht ist es aber auch nicht so …“

24. Um es mit Falkner zu sagen: Ich entlüfte in Höhen. Was? Na den Schnee der ausrandaliert zu Boden sinkt. Ich ahnte kaum dass ich‘s kann!

25. Ich zäume das Pferd lieber von hinten auf – oder wo ist vorn? Ich müßte jetzt natürlich anders sprechen, quasi dumm tun, um mich nicht in den Ruch zu bringen, ein Intelligenzler zu sein. „Also man baut Flugzeuge …“

26. Es mag ja sein, das Anderson in den Neunzigern einiges Blätterrauchen verursacht hat und man mag es ihm als Verdienst anrechnen, Falkners Namen in Zusammenhang mit dem Prenzlauer Berg gebracht zu haben. Wichtiger dürften für die Szene allerdings die dortigen Lesungen von Jandl, Okudshawa, Ginsberg, Arendt oder Dada Schulze ein Jahrzehnt früher gewesen sein.

27. Wer solche Ressentiments pflegt, für den wird die Karte Mandelstam oben kein Argument sein. Man vergesse aber nicht, dass (unbeschadet seiner beispiellosen und folgenreichen Originalität) manche Einsichten Mandelstams mit denen Eliots konvergieren. Man müßte also beide gleichzeitig beiseite legen. Will man sich den Germanozentrismus tatsächlich leisten? (Gegen den Osten zu schimpfen ist natürlich interessant, weil man letztlich gegen viel weniger Leser anzutreten hat, gleichwohl mit z.B. Pastior interessante Zielscheiben erreicht. Vielleicht ist auch gerade die jüngste Konsolidierung von Andersons verlegerischer Tätigkeit eine geheime Zielscheibe von Falkners Desinformationskampagne?)

28. „Durchbrechen des ideologisch motivierten Pathosverbots; Engführung von Sprache und Körper; Genauigkeit und Prägnanz der Wertkategorien; Nobilitierung ästhetischer Bewertungskriterien; Operationen am Wort- und Satzkörper nicht unter dem Primat von Mechanik und Experiment, sondern als Steigerungen von poetischen Aussagemöglichkeiten.“

29. Ich kenne dämliche Kritik, die singuläre Sonderdoofheit der sagen wir Mayröcker- oder Erbfans ist mir so nicht speziell aufgefallen. (Man bedenke dass ein Kritikermissverständnis nach dem Selbstverständnis einiger der von Falkner angegriffenen Richtungen als gelungene Subversion auf deren Habenseite zu Buche steht.)

30. Dass er sich hier wie an anderer Stelle dabei mittelbar selbst zur Zielscheibe macht, mag von Generosität zeugen. Gleichwohl kann ich die Selbstwidersprüchlichkeit seiner Polemik nicht für guten Stil nehmen, auch nicht für einen guten Postmodernen. Die postmoderne Position, dass jeder Text widersprüchlich ist und diese Widersprüche bestenfalls verbirgt, mag richtig sein: Dennoch verlangt sich der Theoretiker ja hartnäckige Arbeit ab, diesen Widerspruch hervorzubringen. Erst in dieser Leistung wird er die Sprengkraft seines Tuns vermuten. Solch klaffende Widersprüche an der Textoberfläche wie bei Falkner müssen dieser Sprengkraft entbehren. Zweitens, und dies ist natürlich ein Geschmacksurteil, hat auch der gegenteilige Weg, Widersprüche um fast jeden Preis zu vermeiden, seine Sprengkraft seit Jahrhunderten bewiesen.

31. Wenn es hier eines Beweises bedarf: Selbst ein von Falkner explizit geschätzter Lyriker schrieb mir, dass er nach dem Falkner-Essay keine Lust mehr auf das lyrische Gespräch in der bella triste hätte.

32. Sachliche poetologische Debatten pflegen ein auratisches Dichterverständnis wie Falkners auch nicht gerade zu begünstigen.

33. Versichern sich nicht schon seit langem auch allerlei Fische, die nun ganz bestimmt nicht schwimmen können mit Falkners auratischer Prosa ihrer Zeitgenossenschaft?

31. Wiedergeburt der deutschen Dichtung (Faul seit 1945)

(Lammla spricht:)

Rolf Schilling war elf Jahre älter als ich und hatte bereits sechs Gedichtsammlungen abgeschlossen. Außerdem hatte er eine höchst umfassende Kenntnis der Literatur, und er zeigte mir Autoren, die eine Brücke von der Rilke-Zeit in die Gegenwart schlagen. Viele Jahre später habe ich in meinem eigenen Verlag die vergessenen davon wieder aufgelegt.

Von Schilling wurde ich außerordentlich ermutigt, aber auch gehemmt. Ich galt bald als Adept und Kronprinz und hatte Mühe, nicht für einen Imitator und Epigonen gehalten werden. Vieles, was in den achtziger Jahren entstand, trägt Spuren von Abgrenzungsversuchen, die nicht immer besonders glücklich waren. Erst mit dem „Weißen Falter“ (1992) gewann ich die formale Eigenständigkeit, die sich in Folge dadurch verstärkte, daß ich mich auch thematisch von Rolf Schilling entfernte. Mittlerweile liegen 14 Gedichtsammlungen vor, der Digitaldruck hat es ermöglicht, daß Anfang 2008 alle Werke in 9 Bänden beim Engeldorfer Verlag erscheinen.

Die früher geduckten Bücher sind in meinem eigenen Verlag erschienen. Einen anderen habe ich nicht finden können, obwohl ich als Buchhändler gute Kontakte in der Branche habe und auch weiß, worauf es für einen Verleger ankommt. Es geht in dieser Verweigerung nicht um das unternehmerische Risiko. Vor einigen Monaten habe ich hunderte von Literaturzeitschriften im deutschsprachigen Raum angeschrieben und ihnen kostenlos Gedichte zur Publikation angeboten, für viele sogar, die heftbezogene Themen vorgaben, neue Gedichte geschrieben (alle in „Babylon des Worts“). Die wenigen, die überhaupt antworteten, äußerten sich ablehnend. Dies ist ein Totalitarismus, der den in der DDR bei weitem übertrifft. Um meine Person geht es hierbei nicht: Rolf Schilling ist auch nur in meinem Verlag erschienen, und die jüngeren Autoren, die sich um eine Wiedergeburt der deutschen Dichtung bemühen, werden ebenfalls geschnitten: Joachim Werneburg, der zwei Bücher bei Arnshaugk hat und sonst nur auf eigene Kosten produziert, Timo Kölling mit seinen BoD-Bänden, und Uwe Nolte (der begabteste in unserem Kreis) hat überhaupt noch kein Buch….
Ich habe also guten Grund zu der Behauptung, daß etwas faul sei im Vaterlande, und zwar seit 1945. / Uwe Lammla


[Päng! Da war also die Welt noch heil?? Oder „nur“ die Welt der Lyrik?? Vaterland und Lyrik warn ganz schön kaputt, eh! MG]

39. „Poesiealbum“ und „Poesiealbum neu“

GUTE ZEIT FÜR LYRIK

40 Jahre nach Erscheinen des ersten Heftes der Reihe „Poesiealbum“ tritt die traditionelle Lyrikreihe, die bis 1990 im Verlag Neues Leben Berlin erschienen und von Bernd Jentzsch 1967 begründet worden ist, in diesen Tagen gleich zweifach auf den Plan.

Zum einen offerierte die Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V. (GZL) unlängst das Heft 1/2007 und nunmehr aus Anlass ihres 15-jährigen Bestehens das Heft 2/2007 ihrer Mitgliederanthologie. Und zum anderen verkündete Bernd Jentzsch im Beisein seines Verlegers Klaus-P. Anders bei der Feier der Lyrikgesellschaft in Leipzig seine Absicht, im Märkischen Verlag Wilhelmshorst die Reihe mit vier Heften pro Jahr fortsetzen zu wollen. Das erste Heft liegt bereits vor und widmet sich dem lyrischen Werk Peter Huchels (Nr. 277); die Nummer 278 wird Ernst Jandl präsentieren.

Beide Vorhaben unterscheiden und ergänzen sich gleichermaßen. Die in Leipzig ansässige internationale Lyrikgesellschaft stellt ihre Edition bewusst in den Dienst neuer Texte aus den Reihen des rund 230 Mitglieder zählenden Autorenvereins. Beabsichtigt ist darüber hinaus, ab 2008 zusätzlich zu den beiden Halbjahresanthologien zwei Themenhefte als Sonderausgaben vorzulegen. Die von Bernd Jentzsch, Ehrenmitglied der GZL, betreute Fortsetzung der Reihe gilt dem Einzelheft und zunächst vornehmlich den Werken jener Autorinnen und Autoren, die als „Poesiealbum“ herauszugeben Bernd Jentzsch während seiner Arbeit als Lektor nicht zu realisieren vermochte.

Zur Leipziger Buchmesse 2008 werden beide Initiativen gemeinsam für die Reihe „Poesiealbum“ werben, um den Zuspruch, dessen sich das Gedicht in heutiger Zeit immer mehr zu vergewissern vermag, zu bündeln.

Sowohl die Edition kunst & dichtung der Lyrikgesellschaft als auch der Märkische Verlag bieten das „Poesiealbum“ als Einzelheft oder im Abonnement an. Gern verweist dabei der eine auf den anderen.

Ralph Grüneberger und Klaus-P. Anders

Pressemeldung 04. November 2007

38. DIE LEIPZIGER LYRIKBIBLIOTHEK

Ein weiteres wichtiges, aber leider bisher nicht hinreichend öffentlich bekanntes Projekt der GZL** ist die Verwaltung und der Ausbau der Leipziger Lyrikbibliothek

. Dabei stellt dieses europaweit einmalige Projekt** im ersten Stock der Stadtbibliothek innerhalb des Literaturbetriebs in Leipzig ein wahres Kleinod dar.

Durch Bücherspenden von Autoren und Verlagen kann die Sammlung ständig erweitert werden und umfasst heute bereits über 5000 Bände in verschiedenen Sprachen, darunter einige sehr seltene Bücher aus Autorennachlässen.

Daneben bietet die Lyrikbibliothek zudem eine der größten der Öffentlichkeit zugänglichen Sammlung literarischer Zeitschriften. „Der Literat“ aus Berlin beispielsweise bietet für „Kenner“ Hintergrundinfos zu aktuellen lyrischen Publikationen, den Trends der Avantgarde spürt die Zeitschrift „ejaculata“ nach, während etwa die halbjährlich erscheinende „exempla“ ein Organ lyrischer Reaktionen auf aktuelle weltpolitische Ereignisse bietet. Die Lyrikbibliothek bezieht insgesamt 13 verschiedene literarische Zeitschriften aus dem gesamten deutschsprachigen Raum, darunter einige sehr seltene Publikationen mit nur geringer Auflage und Bekanntheitsgrad lediglich in Fachkreisen.

Die Lyrikbibliothek ist eine Präsenzbibliothek, dass heißt die Bände können leider nicht ausgeliehen werden, weil es sich teilweise um Bücher von einmaligem Wert handelt. Um so mehr aber sind Interessenten dazu eingeladen, in dem ruhigen und hellen Raum im ersten Stock der Stadtbücherei diese einmalige Sammlung zu entdecken und zu studieren.

**) Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik. Herausgeberin der Reihe „Poesiealbum neu“ (eine „Mitgliederanthologie“, im Unterschied zum alten und neuen „Poesiealbum“, das Bernd Jentzsch wieder herausgibt).

***) ??? Auch jenseits der Leipziger Kastanien ist die Lyrik, oder? In München zB. („Weltberühmt in Leipzig“). Eine gute Sache, ohne Zweifel.

2. Fall Ezra Pound

Die neueste Nummer des «Schreibhefts» nimmt sich des Falles Ezra Pound dokumentarisch an. Es bietet zahlreiche bis heute unbekannte Briefe, Aufzeichnungen, gerade auch zur zeitgenössischen Auseinandersetzung mit diesem Dichter, vor allem während jener Jahre, die er in besagter Verwahrungsanstalt zugebracht hat. Die (übrigens durchweg glänzend übersetzten) Zeugnisse von Charles Olson, William Carlos Williams oder E. E. Cummings, aber auch die Briefe des jungen Marshall McLuhan, der – darin schon ganz Kommunikationspraktiker – Pound dringend anriet, seine Dichtungen auf Tonträger aufzunehmen, bewegen gerade in dieser sinnigen Darstellung (und hilfreichen Kurzkommentierung). Sie sind ideal dazu angetan, ebenso wie das abschliessende grosse Gespräch zwischen Pound und Pier Paolo Pasolini aus dem Jahr 1968, die Beschäftigung mit diesem schillernden Modernisten wiederaufzunehmen. «Spät, sehr spät lernte ich die Traurigkeit kennen», gestand Pound am Ende dieses Interviews. Dank diesem «Schreibheft» erfahren wir mehr über die Gründe dieser Traurigkeit und haben Mühe, dabei nicht melancholisch zu werden. / Rüdiger Görner, NZZ 30.11.

Schreibheft. Zeitschrift für Literatur. Nr. 69, Oktober 2007. Rigodon-Verlag, Essen 2007. E-Mail: Schreibheft@NetCologne.de. 221 S., 12 €.

139. Die Klangwerktage Hamburg

… sind vorbei, aber in Berlin und Leipzig kann man noch eine Nachlese erleben:

27. November 2007
BERLIN | UdK Berlin
Veranstaltungsort: Joseph-Joachim-Konzertsaal . Bundesallee 1-12 . 10717 Berlin-Wilmersdorf

20.00 – 22.00 Uhr
Eintritt frei!
PreisträgerKonzert «Junge Komponisten»

Präsentation der PreisträgerInnen des 2. Internationalen Kompositionswettbewerbes der Hamburger Klangwerktage für klavierbegleitetes Lied. Sechs weitere Berliner Erstaufführungen von Meisterschülern international renommierter Komponisten.

In Kooperation mit den Liedklassen Prof. Burkhard Kehring, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, Prof. Axel Bauni, Universität der Künste Berlin und dem Deutschen Literaturinstitut Leipzig.

Vertonungen von Texten von Emily Dickinson (1830-1886), Giuseppe Ungaretti (1888-1970), Ludwig Uhland (1787-1862), Florian A. Erdl (*1981), Lawrence Ferlinghetti (*1919), Bertram Reinecke (*1974) und Mara Genschel(*1978)

28. November 2007
LEIPZIG | Alte Börse
Veranstaltungsort: Naschmarkt . 04109 Leipzig

18.00 – 19.00 Uhr

5 € | erm. 2 €
Karten nur an der Abendkasse.
LiedSprechStunde

Lautkonzert mit Valeri Scherstjanoi. Ein Nachspüren fremder Töne von Mara Genschel, Nadja Küchenmeister, Johanna Schwedes, Bertram Reinecke und Norbert Lange.

20.00 – 22.00 Uhr
12 € | erm. 6 €
PreisträgerKonzert «Junge Komponisten»

Präsentation der PreisträgerInnen des 2. Internationalen Kompositionswettbewerbes der Hamburger Klangwerktage für klavierbegleitetes Lied. Sechs weitere Leipziger Erstaufführungen von Meisterschülern international renommierter Komponisten.

Moderation: Bernhard Schleiser.

In Kooperation mit den Liedklassen Prof. Burkhard Kehring, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, Prof. Axel Bauni, Universität der Künste Berlin und dem Deutschen Literaturinstitut Leipzig.

Kartenvorverkauf Ticket-Galerie, Hainstr. 1, 04109 Leipzig, Telefon (0341) 14 14-14, Fax -121

Online-Kartenbestellung unter http://www.Ticket-Galerie.de.

Vertonungen von Texten von Emily Dickinson (1830-1886), Giuseppe Ungaretti (1888-1970), Ludwig Uhland (1787-1862), Florian A. Erdl (*1981), Lawrence Ferlinghetti (*1919), Bertram Reinecke (*1974) und Mara Genschel(*1978)

39. „Poesiealbum“ und „Poesiealbum neu“

GUTE ZEIT FÜR LYRIK

40 Jahre nach Erscheinen des ersten Heftes der Reihe „Poesiealbum“ tritt die traditionelle Lyrikreihe, die bis 1990 im Verlag Neues Leben Berlin erschienen und von Bernd Jentzsch 1967 begründet worden ist, in diesen Tagen gleich zweifach auf den Plan.

Zum einen offerierte die Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V. (GZL) unlängst das Heft 1/2007 und nunmehr aus Anlass ihres 15-jährigen Bestehens das Heft 2/2007 ihrer Mitgliederanthologie. Und zum anderen verkündete Bernd Jentzsch im Beisein seines Verlegers Klaus-P. Anders bei der Feier der Lyrikgesellschaft in Leipzig seine Absicht, im Märkischen Verlag Wilhelmshorst die Reihe mit vier Heften pro Jahr fortsetzen zu wollen. Das erste Heft liegt bereits vor und widmet sich dem lyrischen Werk Peter Huchels (Nr. 277); die Nummer 278 wird Ernst Jandl präsentieren.

Beide Vorhaben unterscheiden und ergänzen sich gleichermaßen. Die in Leipzig ansässige internationale Lyrikgesellschaft stellt ihre Edition bewusst in den Dienst neuer Texte aus den Reihen des rund 230 Mitglieder zählenden Autorenvereins. Beabsichtigt ist darüber hinaus, ab 2008 zusätzlich zu den beiden Halbjahresanthologien zwei Themenhefte als Sonderausgaben vorzulegen. Die von Bernd Jentzsch, Ehrenmitglied der GZL, betreute Fortsetzung der Reihe gilt dem Einzelheft und zunächst vornehmlich den Werken jener Autorinnen und Autoren, die als „Poesiealbum“ herauszugeben Bernd Jentzsch während seiner Arbeit als Lektor nicht zu realisieren vermochte.

Zur Leipziger Buchmesse 2008 werden beide Initiativen gemeinsam für die Reihe „Poesiealbum“ werben, um den Zuspruch, dessen sich das Gedicht in heutiger Zeit immer mehr zu vergewissern vermag, zu bündeln.

Sowohl die Edition kunst & dichtung der Lyrikgesellschaft als auch der Märkische Verlag bieten das „Poesiealbum“ als Einzelheft oder im Abonnement an. Gern verweist dabei der eine auf den anderen.

Ralph Grüneberger und Klaus-P. Anders

Pressemeldung 04. November 2007

128. Lyrik aus Israel

 

Es gibt viele israelische Namen, die in der deutschsprachigen Literaturwelt einen hervorragenden Klang haben, etwa Amos Oz, David Grossman oder Zeruya Shalev, aber es sind durchwegs Namen von Prosaschriftstellern. „Was Lyrik betrifft, da ist es eine Schande“, klagt Giora Rosen, „denn die Lyriker, die ins Deutsche übersetzt sind, kann man an den Fingern einer Hand abzählen, und das war eigentlich der Anlass zu sagen, jetzt zeige ich euch, was wir können in diesem Bereich.“

 

Gezeigt wird das anhand der ersten deutschsprachigen Anthologie hebräischer Lyrik, die der israelische Verleger Rosen gemeinsam mit der Lektorin Nili Shahaf zusammengestellt hat.

 

Die Verpackung ist allerdings ungewöhnlich, denn die Gedichtsammlung versteckt sich in einem Fotoband zweier junger österreichischer Künstler, Ruth Anderwald und Leonhard Grond. Das Buch, im Innsbrucker Skarabaeus-Verlag erschienen, wird am heutigen Dienstag im Jüdischen Museum in Wien präsentiert. …

 

Die Übersetzerin Anne Birkenhauer hat sich an gut 200 Gedichten versucht, 68 schafften es letztlich in die Anthologie: „Das ist wirklich eine große Herausforderung, wenn man eine Anthologie macht, dass nachher nicht alle Lyriker gleich klingen, weil sie vom selben Übersetzer übersetzt worden sind. Die große Kunst ist es, bei jedem Autor zu analysieren, welche Tricks er verwendet – ist er mehr auf Klang aus, wie baut er seine Zeilen?“ / Ben Segenreich, DER STANDARD 30.10.

 

„Notizen zu einer Küste“, Buchpräsentation Jüdisches Museum Wien, 1., Dorotheergasse 11, heute, Dienstag, 17.30 Uhr

 

Israel und israelische Lyrik in L&Poe: 2001 Dez # Israel ehrt Heinrich Heine; 2002 Jan # Israels Rechte gegen Lyrik; 2002 Jul # Heine in Israel; 2003 Dez # Deutsch schreiben in Israel; 2004 Mai #1. „Uns fehlen Buchhandlungen und Freiheiten“; 2004 Okt #62. Palästinenser in Israel; 2005 Jan #73. Der israelische Lyris-Kreis; 2005 Apr #37. Poesie aus Israel und Deutschland; 2005 Jun #100. Helicon in Palästina; 2006 Mai #86. Man muß sehr viel Lyrik gelehrt haben; 2006 Okt #76. Vertonte israelische Lyrik; 2007 Jun #14. Jerusalem 1967; 2007 Jul #67. Ein Volk zwei Gefängnisse


119. Das archipelische Denken

Ein Besuch bei dem Autor Édouard Glissant auf Martinique

Glissant wehrt sich gegen die Eingemeindungen des Diversen durch den westlichen Universalismus, die er als neue Form von Kolonialismus begreift. Er hat ein „Institut du tout-monde“ gegründet und attackiert den Begriff der „frankophonen“ Literatur. Mit Kollegen wie Tahar Ben Jelloun, Amin Maalouf und Jean Rouaud fordert er, die Bevormundung der Literatur aus der Pariser Administration als „Francophonie“ zu beenden. Die jahrhundertealte Bindung zwischen französischer Sprache und französischer Nation müsse gesprengt werden.

Fünf seiner Romane sind auf Deutsch erschienen, bei dem kleinen Heidelberger Verlag Das Wunderhorn. Sie liegen wie Blei in den Regalen, Leser findet Glissant bei uns kaum. Das ist, trotz der nicht einfachen Übersetzungen, recht bizarr. Denn letztlich schafft Glissant mit der Kreolisierung erfrischende Denkanstöße, auch wenn er gelegentlich ein wenig rosarot malt. „Die Karibik ist, wenn Sie sich die Karte anschauen, eine weiße Zone auf der Karte der Massaker, der Völkermorde, die in der Welt ständig zunehmen. In der Karibik bringt kein Volk ein anderes um.“ Es gebe zwar Kriminalität und politische Kämpfe, zum Beispiel auf Kuba, aber eben keine Völkermorde wie in Ruanda. „Es lohnt ja nicht, jemanden umzubringen, weil er anders ist, denn wir sind alle anders. Das hat man in der Karibik verstanden.“

Das klingt dann doch ein wenig blauäugig. Der karibische Raum ist keine rassismusfreie Zone und kein Paradies. In Havanna werden Afrokubaner rassistisch angefeindet, Haiti ist ein Desaster, bei dem die Kreolisierung versagt haben muss, was man nicht ohne weiteres dem Westen anlasten kann. Aber vielleicht ist das „archipelische Denken“ einfach eine selten zuversichtliche Perspektive auf die Welt. Denn eigentlich sind wir alle Kreolen. / WERNER BLOCH, SZ 22.10.

Ein paar Gedichte von Glissant gibt es im Atlas der neuen Poesie (Rowohlt 1995) und in der Zeitschrift Lettre international.

 

93. Selbstverständlich Pound

Ein Meisterstück, ein Geniestreich (könnte man sagen; wenn man das nicht über viele Nummern dieser Zeitschrift sagen könnte). Schreibheft Nr. 69 ist fast vollständig dem Dichter Ezra Pound gewidmet, von dem ein polizeiliches Foto vom 26. Mai 1945 aus Pisa den Titel ziert. Es beginnt mit Traumtexten von Roberto Bolaño, in denen Pound  nicht explizit vorkommt, aber Li Po, Baudelaire, Archilochos, Anaïs Nin („Mir träumte von einem Neunundsechziger mit Anaïs Nin auf einer riesigen Basaltplatte“), Robert Desnos, Roque Dalton und viele andere. Im anschließenden Playboy-Interview gibt Bolaño seine private Hitliste: „Nicanor Parra steht über allen, auch über Pablo Neruda, Vicente Huidobro und Gabriela Mistral. … Wäre Joyce anstelle von Eliot, ich wählte Joyce. Wäre Pound anstelle von Eliot, selbstverständlich Pound.“

Dann ein umfängliches Dossier über Ezra Pound im St. Elizabeths Hospital für kriminelle Geisteskranke mit Gedichten von Lawrence Ferlinghetti, E.E. Cummings, Basil Bunting, Elizabeth Bishop, William Carlos Williams, Kornelijus Platelis, Marcel Beyer, Ulf Stolterfoht und Alban Nikolai Herbst (Ezra Pound im Käfig); Briefwechseln mit H.D., Wyndham Lewis, Marshall McLuhan und E.E. Cummings und Prosabeiträgen u.a. von T.S. Eliot, Charles Olson („Hier spricht Yeats“!), William Carlos Williams, W.H. Auden, George Orwell und Benedikt Ledebur sowie einem Gespräch, das u.a. Pier Paolo Pasolini für das italienische Fernsehen mit Pound führte.

Schließlich visuelle Gedichte des Katalanen Joan Brossa und eine Rezension der Werkausgabe von Rainer M. Gerhardt (dem ersten deutschen Pound-Übersetzer) durch Michael Braun.

Marcel Beyer übersetzt Cummings‘ Jugendgedicht „pound pound pound“ um es zu untersuchen, da es ihn ratlos gemacht habe wie selten ein Gedicht. Den 13 Zeilen des Gedichts läßt er über vier Seiten Kommentar folgen. „pound pound pound“ , die erste Zeile, enthält eine unübersetzbare Mehrdeutigkeit, da es neben dem Namen (Cummings schrieb grundsätzlich alles klein, auch Eigennamen und das große „i“) noch etliche andere Bedeutungen hat, darunter stoßen, stampfen, rammen, hämmern.  Beyer übersetzt: poch, poch, poch. Sein Kommentar dröselt ein weitgespanntes intertextuelles Netz zur englischen Lyriktradition und -moderne auf. Anscheinend ist es eine („verquaste“, Beyer) Auseinandersetzung des ehrgeizigen jungen Dichters mit Pound und Eliot, die ihn nicht als Gleichen unter Gleichen sehen wollten. Was Cummings so verquast andeute, treffe ihn selber, der zu der Zeit noch nicht frei von „gelegentlichen Trivialitäts- und Kitschattacken“ sei. Das Zitat, das Beyer zum Beleg zitiert, verkürzt er allerdings auf beinah unzulässige Weise: „man lese etwa sein eigenes Drehorgelgedicht, ‚at the head of this street a gasping organ is waving“, in dem er sich als ‚queer monkey with a little oldish  doll-like face‘ auf den Leierkasten setzt.“ Nach „waving“ geht es aber weiter: „is waving moth-eaten tunes“. Der Leierkasten schwingt mottenzerfressene Töne. Die muß man wohl in Betracht ziehen oder ins Gehör, nicht? Beyer schließt: „Von pound pound pound – das wird niemand bezweifeln – [tu ich doch auch nicht!] ist es noch ein weiter Weg bis zum selbstgewissen „crazy jay blue“ (…), diesem zarten Vogelgruß, den Cummings Ende der fünfziger Jahre dem „demon“ und „thief crook cynic“, dem „trickstervillain“, dem „raucous rogue & vivid voltaire“ , dem „beautiful anarchist“, dem alten Blauhäher Ezra Pound senden wird.“

Wenn ich an dem spannenden, so lesenswerten wie instruktiven Heft etwas zu mäkeln hätte, es wär: daß den übersetzten Gedichten nicht das Original zugesellt wird. Die paar Seiten müßten doch noch drin sein? Die letzte Strophe von William Carlos Williams‘ Gedicht „To my friend Ezra Pound“ übersetzt Norbert Hummelt so:

Dein Englisch
ist nicht eigentümlich genug
Als Autor von Gedichten
erweist du dich als untüchtig, um nicht zu sagen
wucherisch.

Williams‘ letztes Wort ist natürlich usurious: Pounds Zauberwort „usura“. Das Wort sie sollen lassen stahn.

Hier sozusagen zum Ausgleich Cummings‘ Gedicht vom blauen Eichelhäher im Wortlaut:

crazy jay blue)
demon laughshriek
ing at me
your scorn of easily
hatred of timid
& loathing for (dull all
regular righteous
comfortable)unworlds
thief crook cynic
(swimfloatdrifting
fragment of heaven)
trickstervillain
raucous rogue &
vivid voltaire
you beautiful anarchist
(i salute thee

1. Pöme Euroeach*

Die Mauer fiel gerade noch rechtzeitig, um eine Westberliner Institution kennenzulernen: Die Heinebuchhandlung im Bahnhof Zoo. Ein paar Jahre später schlugen die (vorwiegend) Herren der nunmehr Deutschen Bahn zu und begradigten die Front. Statt fröhlich-anarchischer Vielfalt nun die überallgleiche Einheitsbuchhandlung. Die Einheitsparty ist tot, es lebe die Einheit. (Wieder ein paar Jahre später purzelte der ganze Bahnhof hinterdrein, abgeklemmt, ausgetreten). Soweit so erwartbar schlecht.

Jetzt sammelt die immer noch deutsche Bahn wieder ein paar Punkte. Bei einem kurzen Aufenthalt in der Unterwelt des Berliner Hauptbahnhofs (dessen Name dem oben beschriebenen Gesetz folgt, wie bei Honecker so auf bundesdeutscher Erden) kam ich vor einem jener Automaten zum Stehen, aus denen der Reisende Süßigkeiten oder Coladosen ziehen kann. Dazwischen aber, auf Nummer 36, ein Buch. Ein kleines gelbes Heft der SuKuLTuR-Reihe: Frank Fischer: Die Zerstörung der Leipziger Stadtbibliothek im Jahr 2003. Ich kickte eine Euromünze hinein, und das Buch fiel mir zu. Dahinter stand ein Titel von Stan Lafleur oder stan lafleur, die nächste, Jeffrey McDaniel, die dritte, Barbara Wrede, die vierte und Mascha Kurtz, die fünfte Münze. Eine Art Lotterie, bei der es eins von etwa 60 Titeln der Reihe zu gewinnen gibt. Sollte ein Sammler alle Titel haben wollen, kann er dran arm werden, denn sie sind wahllos sortiert. Ich hätte gerne einen Gedichtband von HEL gewonnen, drei davon sind im Angebot, aber meine Münzen waren alle und zudem lag der Band von Fischer wieder vorn. So stieg ich in den Zug nach Senftenberg, wo Sewan Latchinian Goethes Faust inszeniert hat – er nennt es „Fäuste“, und zu recht, denn er spielt beide Teile an einem Abend, mehrere Fäuste und Mephistos und dazu an fünf verschiedenen Spielorten. Sehens- und hörenswert, wer kann: hin, es gibt nur noch 5 Termine bis Anfang November!

So ein Heft ist gerade richtig für eine kürzere Zugfahrt. 20-24 Seiten und soweit ichs bis jetzt erforschen konnte durchweg lesbar. Debütanten stehen neben jungen und älteren bereits ausgewiesenen Autoren (ich nenne wahllos noch: Crauss, Kuhligk, Rinck, Dath und Kilic). Die meisten Prosa, aber ein paar schöne Gedichtbände sind darunter. Der New Yorker Jeffrey McDaniel, übersetzt von Ron Winkler, ist ein Must Have! Auch eine Fundgrube für Wort- und Metaphernsammler, hier ein paar Beispiele, die ich zwischen Berlin und Falkenberg las: Atheistennächte, Nadelaustauschprogramme, Secondhandshops für Gefühlskostüme; du bist eine schmutzige kleine Windschutzscheibe; weil Sex mit dir wie Großbritannien ist: kühl, schlaff und ein bißchen verklemmt; Erdstillstand; der Mond so rund wie der Mund eines Feuerwehrmanns, der aus einem brennenden Gebäude rennt; frische Agonie für nur drei Dollar das Bund; Lollipop ihrer Aufmerksamkeit; Sargbaum; Ich mag Mädchen mit großen Problemen. Ich kann ohne dich nicht leben Problemen. Oh mein Gott, sie hat den Verstand verloren Problemen. Verdammt sie zündet das Haus an Problemen. Muß man die Bahn nicht loben, die sowas anbietet?**)

Vgl. L&Poe 2004 Feb #6. Hel-Automat

*) Pomes pennyeach (Pöme fennig’nstück) heißt ein Gedichtband von James Joyce
**) Nachtrag 2011: die Automaten im Hauptbahnhof sind seit vielen Jahren wieder auf Einheitskeks und -cola umgestellt. Paßt auch nicht zu dieser Bahn.

6. Unberechenbar

Kaum bemerkt von der breiteren österreichischen Öffentlichkeit hat der 1963 in Südtirol geborene Oswald Egger heuer den Peter-Huchel-Preis bekommen, die renommierteste Auszeichnung für deutschsprachige Lyrik. Der Umschlag seines neuesten Gedichtbandes nihilum album zeigt auf der Innenseite eine Wabenstruktur unregelmäßiger, in sich geschlossener Rahmen. Das Cover aber interpretiert die Eckpunkte eines solchen Rahmens als Gelenke und spreizt die Kanten zur Skizze einer Gliederpuppe auf. Figuren wie diese trennen innerhalb des Bandes auch jeweils zehn Gedichte. Sie führen vor, wie Eggers Vierzeiler mit der Bedeutung ihrer Wörter umgehen. Sie setzen den Rahmen der Erwartung, der mit ihnen verknüpft ist, in Bewegung. Die Wortbedeutung wird unberechenbar. / Christoph Leitgeb, DER STANDARD 2.8.
Oswald Egger, „nihilum album. Lieder & Gedichte“. EU 23,50/150 Seiten. Suhrkamp, Frankfurt/Main 2007. (mit CD)
Oswald Egger, „Nichts, das ist. Gedichte“. EU 8,20/159 Seiten. edition suhrkamp, Frankfurt/Main 2001.