15. „Entschlossenheit zur Kunst“

„Der Hecht, die Träume und das Portuguiesische Café“ ist das Manifest einer Entschlossenheit zur Kunst, die sich der Verwandschaft mit der Frühromantik, also etwa Wilhelm Heinrich Wackenroders „Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders“ nicht schämt, wobei hier ein kleines Ensemble von Menschen in einer Stadt an eben die Stelle gerückt ist, die Wackenroder der Malerei einräumt.

Und alles ist da: das Weltabgewandte, die Begeisterung für die Anschauung, der Glaube an die Genialität, das Gefühl des Unwiederbringlichen, das Mönchische, das Bedürfnis, möglichst viele Metaphern anzuhäufen, damit wenigstens eine davon Wirklichkeit wird – und auch die Kenntnis von Johann Wolfgang Goethes erklärtem Widerwillen gegen die „neukatholische Sentimentalität“. Im Roman vom „Turm“ findet sich derselbe Enthusiasmus, aber der Dichter weiß heute, dass die Begeisterung geregelter Vollzug sein muss, wenn sie literarische Form annehmen soll, er kann der Wirklichkeit ins selten liebliche und weit häufiger hässliche und schmutzige Gesicht sehen.

Im Frühjahr schon erschien bei Suhrkamp, Uwe Tellkamps heutigem Verlag, ein schmaler Band, der Vorträge, kleine literarische Phantasien und Zitatensammlungen enthält, die entstanden waren, als der Dichter im Jahr 2008 in Leipzig „Poetikvorlesungen“ hielt. Darin finden sich die lebenspraktischen Umstände geschildert, unter denen Uwe Tellkamp zum Schriftsteller wurde – „ich war Arzt und schrieb, weil etwas, das ich mir weder erklären konnte noch wollte, mich dazu trieb“. Auch setzt sich Uwe Tellkamp in diesem Buch mit Werken und Literaten auseinander, die ihm etwas bedeuten (Haikus, Hölderlin, Onetti, Friederike Mayröcker, auch Durs Grünbein und Thomas Kling).

Vor allem aber enthält der Band ein poetisches Programm, das von der Lyrik (und aus ihr kommt Uwe Tellkamp, was überdeutlich vor allem in den missratenen Metaphern ist, in den „verschollenen Zeitungen“ etwa) zur Epik und in den Roman führt: „Der moderne Dichter, wie ich ihn verstehe, ist wieder Dom-Baumeister.“ / Thomas Steinfeld, Süddeutsche 1.8.

UWE TELLKAMP: Die Sandwirtschaft. Anmerkungen zu Schrift und Zeit. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009. 168 Seiten, 11 Euro.

UWE TELLKAMP: Der Hecht, die Träume und das Portugiesische Café. Roman. Zweite Auflage. Verlag Faber & Faber, Leipzig, 2009. 158 Seiten, 18 Euro.

14. Sintflut

So ist das Recht. Das Recht, beschrieben, tröstet

Rainer Kirsch

Ich lese in einem Buch:

Scheich Raschad Hassan Chalil, ehemaliger Dekan der Fakultät für Islamisches Recht an der renommierten Kairoer Al-Azhar-Universität, hat Anfang 2006 eine öffentliche Debatte über erlaubte und unerlaubte Sexualpraktiken ausgelöst. Er hat eine Fatwa erklärt, wonach eine Ehe ungültig wird, wenn sich die Partner beim Akt ganz ausziehen.

Seyran Ateş, Der Multikulti-Irrtum. Wie wir in Deutschland besser zusammenleben können. Ullstein 2007, S. 166

Vielleicht werden manche bei Nennung der Quelle abwinken (ungelesen!), andere können fragen: was bedeutet das schon angesichts der täglichen Schreckensmeldungen über Mord- und Selbstmordanschläge, Willkür und Armut? Man kann auch sagen, daß vom Staat bezahlte Wissenschaft auch andernorts ihre Blüten treibt – alles richtig! Dennoch machen mich solche Nachrichten traurig. Eine einst große Zivilisation versucht seit fast 200 Jahren sich dem Niedergang entgegenzustemmen und es gelingt und gelingt nicht. Der 11. September – was für ein Rückschlag für den Islam, und viele bemerken es nicht einmal. „Ich denk nicht gern dran, aber leider oft“ (Karl Mickel). Meist gehe ich dann zum Bücherregal und ziehe etwas Passendes heraus. Heute die von Khalid Al-Maaly herausgegebene kleine Anthologie „Die Flügel meines schweren Herzens. Lyrik arabischer Dichterinnen vom 5. Jahrhundert bis heute“ (Manesse 2008). Ich lese darin, von AL-Khansa, Fadl, Wallada, Qasmona, Fadwa Tuqan. Lande bei der libanesischen Dichterin Joumana Haddad, die über „Liliths Wiederkehr“ schreibt:

Der Flöte der beiden Schenkel entsteigt mein Gesang
Und aus meiner Wollust öffnen sich die Flüsse.
Wie könnte es keine Sintflut geben
Immer dann, wenn zwischen meinen senkrechten
Lippen ein Lächeln aufscheint?

13. Su Dungpo, ein chinesischer Renaissancemensch

Einer, der sich dabei besonders hervortat, war der vom Kaiser nach Hangzhou verbannte Dichter Su Dungpo, nach dem nicht nur ein unter seiner Ägide errichteter Damm, sondern auch ein Rezept für Schweinefleisch benannt ist. In Europa würde man ihn als Renaissancemenschen bezeichnen, denn Su, wie seine Landsleute ihn liebevoll nennen, war kein weltfremder Dichter, sondern ein tatkräftiger Gouverneur, der sich beim Deichbau ebenso bewährte wie bei der Eindämmung einer Cholera-Epidemie, die er mit von ihm selbst verschriebenen Kräutern kurierte. …

Su Dungpo unterscheidet sich von den dichtenden Kaisern und Mandarinen des alten China durch den persönlichen Ton seiner Poesie, die über die Distanz von 900 Jahren hinweg so frisch klingt, als stamme sie nicht aus der Sung-Dynastie, sondern von heute. Ähnlich wie Goethe versenkte er sich in die Natur und war gleichzeitig eine öffentliche Person, die hohe Ämter bekleidete, was ihn nicht daran hinderte, sich in vorgerücktem Alter in seine Dienstmagd zu verlieben, der er einige seiner schönsten Gedichte gewidmet hat:

Die unsterbliche Schönheit / Dichter sprachen vor mir, / seit Jahrhunderten besangen sie die Liebe. / Aber mir scheint, die Lieder alle / gelten nur dir, die du eben lebst. / Die Weiden, die über das Wasser hängen – / und im Teich spiegelt sich dein Gesicht. / Denn wie konnten sie vorübergehen / An dir, da du vollkommen bist! / Sie alle kannten dich, du Verwandlung / Des immer gleichen Bildes. / Der Mond, der über die Sträucher scheint – / Wie schön ist dein Auge! (Übersetzung Günter Eich)? / Hans Christoph Buch, Die Welt 1.8.

12. SLASH ‚N‘ SMiLE

Tom de Toys, 30.7.2009 (8-11 Uhr),

inspiriert durch http://www.Lyrikzeitung.de

SLASH ‚N‘ SMiLE
(iNTRAWEHNÖSE VERCLiCKERUNGSMAßNAHME)

iCH VERGÖTTERE DAS KLEiNE i
GENAUSO WiE DAS SCHARFE ß
ALS GROßBUCHSTABE JA DOCH
RiESENGROß WiE DAS SAGBARE UND
TRAGBARE T DAS ALLEN MENSCHEN
ZUR VERFÜGUNG STEHT UM POESiE
ZU SCHAFFEN STATT NUR DUMM
AUS iHRER WÄSCHE iN DiE RÖHRE ZU
ZU STAMMELN WANN BEGiNNT DENN NUN
JA WANN DENN ENDLiCH DAS GEDiCHT
DER TYP HAT DOCH NEN NAMEN
DA MUßß ETWAS HiNTER STECKEN
SOLL DAS JETZT NE GRABiNSCHRiFT
iMiTiEREN ODER iS DAS JETZ MODERN
KRiEGT DER DAFÜR NEN PREiß
MIT EiNZELPUBLiKATS-TOPSiEGEL
PREMiUM ALPHA DOPPELPLUS
WER BiTTE BRAUCHT DiE DiCHTUNG
EiGENTLiCH ZUM LEBEN KANN MAN DENN
GEDiCHTE KAUEN LÄßßT SiCH LYRiK
SCHON AUF iNTENSiVSTATiON
VERABREiCHEN DiENT DAS GEDiCHT
DEM ÜBERLEBEN UND DER JUGENDLiCHEN
EWiGKEiT HEY HABEN SiE DAVON GEHÖRT
JA WiSSEN SiE DENN ZUFÄLLiG
OB DAS AUCH STiMMT ????????
??????????? ]BiNDE-STRiCH[ ????
ACHT FRAGEZEiCHEN FÜR UNENDLiCHE
GEFÜHLE PLUS ELF WEiTERE ERGiBBT
NACH NEUESTEN BERECHNUNGEN
NEUNZEHN DiE ZAHL DER SONNE
DiE VERSTECKTE BOTSCHAFT LAUERT
MANCHMAL MiTTENDRiN UND DAUERT
EiNE WEiLE AN BEVOR DER STECKER
AUS DER DOSE GEZOGEN AKKU LEiDER
LEER DiE FESTPLATTE ABSCHMiERT
WÄHREND DA DRAUßEN WiE GEÖLT GELACKT
GEMORDET WiRD VOM EWiGEN WELTFRiEDEN
KEiNE REDE KEiNE SPUR DAS WÜRDE
iCH DEM LESER GERNE UNTERJUBELN
UNTER ÜBER – DAS GEDiCHT iST PiCKEPACKE
VOLL MiT ANSPiELUNGEN ANDEUTUNGEN
AN AN AN AN ANNA iST ES NiCHT
GERiCHTET NiNA HAT EiN NEUES UFO
GESiCHTET ALLE BLUMEN BLÜHEN
ALLE MÖRDER MORDEN ALLE LiEBENDEN
ENTKOMMEN NiCHT DEM MiNiSTERiUM
ERSTRECHT NiCHT DEM MYSTERiUM
DER MONTAG IST KEiN FEiERTAG
DER DiENSTAG SOWiESO NiCHT
(DESHALB HEIßßT DER SO) UND
FREiTAGS MACHT DAS ARBEiTSAMT
SCHON MiTTAGS ZU DAMiT NOCH ZEiT
GENUG VERBLEiBT DiE WOCHE AUFZUARBEiTEN
DENN SONNTAGS LiEGEN ALLE FAUL AM SEE
SOGAR TOPMANAGER MiT SPiELZEUG
DiE VERSCHWÖRUNG MACHT KURZ PAUSE
DAS MOBiLE TELEFON AUF ViBRATiON
NATÜRLiCH NOTEBOOK ALS KOPFKiSSEN
iN DiE LUFTMATRATZE iNTEGRiERT
MiT DURCHBLiCK AUFS SEEPFERDCHENTREiBEN
iCH WiLL HiER KEiN PANORAMA LiEFERN
KEiNE SORGE NUR ZUM SPAß DEN RÜTTMUßß
HALTEN MEiN TALENT AM KACKEN HAHAHA
HEißßT HEUTZUTAGE: „: – )“ UND…
ZUM SCHLUßß EiN ECHTER SCHLUßßSTRiCH /
UND DEiN ViRTUELLER ZUNGENKUßß ;-)~(-;
DANACH SEH iCH NUR **********
GERMANiSTEN AN DiE FRONT !!!
[3 SAHNEHÄUBCHEN UMGEDREHTER i-TÜPFELCHEN]

__________________________

(c) G&GN-TM POEMiE / ORIGINALQUELLE:
http://blogs.myspace.com/tomdetoys

11. Woher kommst du?

„Hier gibt es keine Artillerie/ Kein waffenstarrendes Fahrzeug, keine Kampfflugzeuge/ Nur ein paar Leichen.“ Abubakar Gimbas Gedicht „Eine Friedenszone“ prallte in die Ohren der Zuhörer und hielt sie im Bann des makabren Zustands unserer Nation. Sein Gedicht trug eine Nachricht in sich angesichts der vielen gewalttätigen Situationen in Nigeria, das sich nicht im Krieg befindet.

Gimba war Gastautor auf der Monatssitzung des Abuja Writers‘ Forum am 26.7. Ein fruchtbarer und angesehener Autor aus Niger – der sanfte Poet zog ein großes Publikum an, besonders Schriftsteller und Journalisten. …
Eins der Gedichte, die er außerhalb Nigerias während seines Studiums in Ohio geschrieben hatte, beschäftigte sich mit dem Rassismus. Es basiert auf einer Erfahrung, die er auf einer Reise nach Cincinati, Ohio machen mußte. Das Gedicht „Woher kommst du“, das die humorvolle Art zeigt, in der Gimba über ernste Angelegenheiten schreibt, war ein Favorit des Publikums.
Es beschreibt die spezielle Behandlung, die Nigerianer auf den Flughäfen der meisten westlichen Staaten erfahren. So geht der Dialog: „Woher kommen Sie? / Aus Australien / Passieren. Herzlich willkommen. Der Nächste…“
Die gleiche Behandlung für Malaysier, Südafrikaner, Bulgaren. Dann ist Nigeria dran. Ein entwürdigendes Theater des Absurden folgt. „Woher sind Sie? / Aus Nigeria / Warum sind Sie hier? / Geschäftsreise? / Reisen Sie allein? / … / Sind Sie schwanger? … / Ziehen Sie sich aus. Alles… / Verstehen Sie kein schlichtes Englisch?“ / Victor Ehikhamenor, Next 1.8.

10. Poet’s Choice: ‚The Solipsist‘ by Troy Jollimore

A friend of mine once observed that a lot of my poems — really, a surprising number — are about the head, or the skull, or the brain. So perhaps it was inevitable that I would eventually write a poem about a solipsist: a person who thinks that he is the only person in existence and that everything else, the entire world, is just his experience, with no independent reality of its own.

I make my living teaching philosophy, but I’m always wary of putting philosophy explicitly into my poems. Randall Jarrell once warned that „poetry is a bad medium for philosophy,“ and, indeed, it’s very hard to write a good poem that is also philosophically interesting. But in „The Solipsist,“ I let myself try it — partly because solipsism is not a position I hold. In fact, the way the poem is supposed to work is that by the time you get to the end, you realize how utterly absurd and ridiculous the position is. / Washington Post 2.8.

9. Fadenwürde

»Pop«iges von Sternmut, das wäre auch mal was – aber nein, Schluss gleich zu Beginn mit versuchten Wortspielereien, die wird der Autor (Jg. 1958) substanzieller liefern.

Ungewöhnlich ist, dass zum Titel ein Titelgedicht gleich zum Einstieg präsentiert wird. Aber hoffe niemand auf eine sofort griffige Erklärung dieser Wortneuschöpfung „Fadenwürde“ –

Hier sei schlicht und ausnahmsweise die erste Strophe zitiert: „lege meine Sinne über deine Haut / in die Zeitkerze brenne ich / durch den Windsplitter / der Aufruhr der Fadenwürde / trampelt der Irrsinn durch den Hirnlappen / peitscht der Wind über das Schwundmoor.“

Hier ist Hermetik angesagt. Der moderne Lyriker beobachtet die Welt vielleicht nicht anders als wir – aber seine Entäußerungen scheinen seltsam chiffriert. Verbunden mit der Frage, warum uns ein Künstler die Welt in unverständlichen Worten, Tönen oder Farben wiedergibt, sollte uns freilich die Frage überfallen, ob wir denn tatsächlich die Welt verstehen, wenn sie uns in simplen Worten, Tönen, Farben begegnet?! Es ist klar: Kunst will uns sensibilisieren, zum Innehalten bewegen, zum Wechseln der Perspektive, zum Variieren der Distanz.

Dabei sind manche Texte Sternmuts dialogisch angelegt, das lyrische Ich wendet sich an ein Du, es behauptet auch ein Wir: „komm, / Wir lassen uns beirren von Sinnen.“ Und dann blüht uns „der Reichtum der Sonne der Worte“ und wir „baden im Glück der Sprache“. / Karl-Heinz Schreiber, Literaturzeitschrift „KULT“, Textem

Norbert Sternmut: Fadenwürde, Pop Verlag, Ludwigsburg 2009, 96 Seiten, 14,30 Euro, ISBN 978-3-937139-67-8

8. Berührende Poeme in pathetischer Saxofonsoße

… schreibt Julian Hofer, Die Welt 30.7.:

Hätte er doch einfach geschwiegen. Hätte die (vertonten) Gedichte der Selma Meerbaum-Eisinger beim Konzert des Schleswig-Holstein Musik Festivals in der Musikhalle für sich stehen lassen: Jene berührenden, ja ergreifenden Poeme, die das jüdische Mädchen ihrer ersten großen Liebe widmete, bevor sie 1942 mit 18 Jahren im deutschen Arbeitslager Michailowka starb. Zeilen von Glück und Sehnsucht, vom „glühenden, rauschenden Leben“ und dem „Dunkel jeder schwülen Nacht“.

7. Peter Horst Neumann gestorben

Über die Komposita und Schlüsselworte bei Paul Celan wie über den „Unsinn“ bei Günter Eich hat Peter Horst Neumann Bleibendes geschrieben. Seine eigenen Gedichte (beispielsweise „Pfingsten in Babylon“ 1996), waren aber bewusst nicht nur in ihrer Epoche angesiedelt. Zum Echoraum auch seiner Gedichte gehörten Jean Paul und Eichendorff. Denn ihr Autor liebte, als Gelehrter und Essayist wie als Lyriker, die Aktualität des Anachronistischen, die Vergegenwärtigung des Abwesenden: „Die Brücke, halb, / auf der wir tanzen. // Das fehlende, / es will erschrieben sein . . . „. Am vergangenen Montag ist Peter Horst Neumann im Alter von 73 Jahren in Nürnberg gestorben. / LOTHAR MÜLLER, SZ 1.8.

6. Alpenwüste

Arthur Rimbaud erlebt im November 1878 den verschneiten Gotthard im Nebel. In einem Brief, einem unvergleichlichen Stück Alpenprosa, schildert er, wie da kein Schatten mehr sei, obwohl man sich mitten unter ungeheuren Dingen befinde: «. . . keine Strasse mehr, kein Abgrund, keine Schlucht, auch kein Himmel; nichts als Weiss kann man wähnen, fühlen, sehen oder nicht sehen, denn unmöglich kann man die Augen von der weissen Eintönigkeit heben.» Hundert Jahre früher notiert Goethe in Realp, nach der Bezwingung der Furka im hüfthohen Schnee, einen entgeisterten Bericht über «die ödeste Gegend der Welt», eine «ungeheure einförmige schneebedeckte Gebirgswüste». Er sei überzeugt, dass einer, über den seine Einbildungskraft nur einigermassen Herr würde, hier vor Angst und Furcht vergehen müsste. / Beatrice von Matt, NZZ 31.7.

5. Dantes Allegorie und die wirkliche Hölle

Ein lang verborgener, auch aus politischem Kalkül versteckter und durch Zensur beschädigter Epitaph ist geborgen, ein Monument jiddischer Literatur, in das die Namen der Opfer eingemeißelt sind. Hubert Witt, dem aus Breslau stammenden Leipziger Germanisten und Übersetzer mittelhochdeutscher und jiddischer Dichtung, sowie dem Schweizer Verleger Egon Ammann ist ein ungeahntes, in dieser Größenordnung vielleicht letztes Fundstück jiddischer Literatur zu verdanken.

Wer in Abraham Sutzkevers „Gesängen vom Meer des Todes“ und in seinem Bericht über das „Wilner Getto 1941-1944“ zu lesen beginnt, dem öffnet sich ein zweiflügliges Höllengemälde aus Gedichten und Prosa, das sowjetische wie auch litauische und selbstverständlich deutsche Antisemiten lieber endgültig zugeklappt hätten. Selbst Sutzkever schreibt in der Sorge, die Trauer zu entehren, weil Worte auch verraten können. Dennoch will sich Abraham Sutzkever mit Dante messen, fragt ihn, ob er „ein Weilchen die Höllen vertauschen“ mag. „Ich spaziere in deiner, und du in den wirklichen Feuern … du bleibst Alighieri, und deine Hölle bleibt Allegorie.“ Sutzkevers Hölle war blutige Wirklichkeit. / Herbert Wiesner, Die Welt 1.8.

Abraham SutzkeverAls ich am 22. Juni frühmorgens das Radio anmachte, da sprang es mir entgegen wie ein Knäuel Eidechsen: ein hysterisches Geschrei in deutscher Sprache. Aus all dem Lärm folgerte ich nur: Das deutsche Militär war über unsere Grenzen ins Land gedrungen.

Abraham Sutzkever
Wilner Getto 1941-1944 – Gesänge vom Meer des Todes
Aus dem Jiddischen von Hubert Witt
2 Bände in Schuber, 272 und 192 Seiten
Gebunden mit Schutzumschlag
Subskriptionspreis bis 31. Dezember 2009
EUR (D) 34.95 /
CHF 56.90 (UVP) /
EUR (A) 36.00
ISBN 9783250105329

[Natürlich muß man das lesen, wenn auch leider, leider keine zweisprachige Ausgabe und nicht mal eine kleine Probe des Originals. Die zweisprachigen Ausgaben waren doch Ammanns Markenzeichen.] –

Weil ich keinen Originaltext Sutzkewers habe, hier eine Probe aus dem Poem „Luftblumen“ von Lew Berinski

Der Wint fun di Alpn, der Fön, di magnetische Wjuge,
wos macht schojn meschuge
dem gantsn Perzon-Baschtand fun militerischer Baze
in Schlof, in a Faze
fun Schtarbn tsi Chaleschn, in di barimte  Kazarmes
fun far der Milchome, un schpeter, wen naket un borwes
derschlepn zich flegn aher di Farwoglte, fun di Katsetn…

Wjuge: Fallwind
Baze: (Militär-)Basis
Faze: Phase
Schtarbn: Sterben
zi: und, oder
Chaleschn: Ohnmacht
Kazarmes: Kasernen
far der Milchome: vor dem Krieg
borwes: barfuß
derschlepn zich aher: sich herschleppen
Farwoglte: Verschleppte
Katsetn: wie mans spricht

4. Mist & Güte

99 Prozent dessen, was man in der DDR halt Kunst nannte, taugt natürlich nichts. Das ist immer so und ist nirgends anders. Aber die DDR hatte so eine Weise, in diesen 99 Prozent ganz besonderen Mist zu bieten, denn es kam dort zum künstlerischen Unvermögen immer noch diese zwanghafte Art, politische Bekenntnisse abzulegen, die Hammer-und-Sichel-Lyrik, die Wir-packen-das-Romane und die Bisschen-dagegen-Filme. Lourdes für Atheisten, „Schwarzwaldklinik“ für Unsentimentale, Micky Maus für solidarisch Gesinnte. – Aus und vorbei.

Wir sprechen hier von Kunst im engeren Sinne, im Sinne von Dauer. So viel Ewigkeitsahnung trägt doch jeder in sich, dass er weiß, dass mit solcher Kunst nicht Christa Wolf und ganz sicher nicht Günter Grass gemeint ist. Wir sprechen aber zum Beispiel von Peter Hacks, von Heiner Müller, von dem erst noch zu entdeckenden Alfred Matusche, vom eben gestorbenen Jochen Berg. Die BRD hatte auch wen – oje, ich überlege gerade, wen ich nun nennen soll. Na ja, irgendwen wird sie gehabt haben, aber keinen jener Art und Güte. / André Thiele, taz 1.8.

3. Einundalles

André Müller im Gespräch mit Günter Grass, FR 31.7.

In Ihrem jüngsten Gedichtband „Letzte Tänze“ feiern Sie Ihre sexuelle Potenz. Ein Gedicht trägt den Titel „Heftige Stöße“. In einem anderen heißt es: „Komm, lieg bei mir, solang mein Einundalles steht …“

Darin drückt sich eine Dankbarkeit aus, dass es noch geht in meinem Alter.

Dankbarkeit wem gegenüber?

Na, ihm gegenüber, dass er noch steht.

Gelänge die Erektion nicht mehr, das wäre das Ende?

Das will ich nicht sagen. Ich würde es mit Bedauern feststellen, aber ich würde ganz gewiss weiterschreiben.

2. Beat Brechbühl 70

Als Lyriker hat Beat Brechbühl 1962 mit dem Band „Spiele um Pan“ debütiert, und nicht erst sein Gedichtband „Vom Absägen der Berge“ (2001) bewies sein Gespür für markante Titel. Gern pflegt er seine Texte mit Collagen zu durchsetzen oder durch verschiedene Schrifttypen zu schicken. Huldigungen an den Typographen Giambattista Bodoni treten bei ihm den Würdigungen der Maler an die Seite. Im Verlag Waldgut, den er 1980 gegründet hat und der in Frauenfeld residiert, stellt er die von Hand gesetzten „Bodoni Poesie Blätter“ her, Einblattdrucke auf sorgfältig ausgewähltem Papier. In dem schmalen weißen Buch aus dem Jahr 1968 ist ein Text über das Gemälde „Der gefiederte Störenfried“ von Carl Spitzweg enthalten. Der Text ist ein – nicht unpolemisches – Porträt in sich verkapselten, stets nach Höherem strebenden Dichtertums. Und ein Loblied auf alles Gefiederte, sei es, wie hier, ein Rotbrüstchen oder ein geflügelter Setzkasten. An diesem Dienstag wird Beat Brechbühl siebzig Jahre alt. / LOTHAR MÜLLER, SZ 28.7.

1. cut: Mara Genschel

Die Betrachtung der Dinge in Endlosschleife

Ein ganzer Wald aus Mädchen, ein Dickicht [undurchschaubar], sogar nackt. || Mein Blick geht von einem schräg gestellten Schreibtisch schräg durch zwei Fenstertüren in einen Ausschnitt Grün und Himmel. || Akustisch ist im Hinterhof alles präsent: Alle Fenster sind durchweg geöffnet. Das Prinzip Schacht schwemmt diverse, zum Teil dramatische Äußerungen und Vorgänge nach oben. Streit, Musikgeschmäcker, das „Erotikcafé“. Dazwischen vermitteln Vögel. || Wie viel Sinn macht eine Unterscheidung zwischen temporären Impuls-Lieferanten und immerwährenden Lieben? Zanzotto, Egger, Hoffmannswaldau versus Cummings, Mayröcker, Mallarmé? || Man muss erst lernen, vor dem Einfluss nicht in Angststarre zu verfallen. || Im Respekt vor der Notiz gelingt es mir tatsächlich, mich halbwegs zu organisieren: Ein kleines, „blumiges“ Notizbuch für unterwegs, ein weiteres kleines, nur für Zeichnungen, ein großes für unterwegs mit viel Fremdmaterial im Umschlag, eins, um Sätze und Passagen aus Büchern abzuschreiben, die mir nicht gehören, eins für essayistische Ansätze und Fragmente, eins nur für Träume, eins, das meine akustischen Aufzeichnungen organisiert, sowie einen MiniDisc-Player für die akustischen Aufzeichnungen. Außerdem jeweils eins für jedes ernsthaft gestartete größere Projekt. Die scheinbar unverhältnismäßig penible Kategorisierung ist nur der Not geschuldet, einer Frage nach der Form. Wie lässt sich was aufzeichnen? Wie fixieren, wie wieder abrufbar machen? || Für nostalgische Notizen, die nicht annähernd so ergiebig sind wie die Sehnsucht nach ihnen, empfehlen sich vielleicht diese rosenumrankten Tagebücher zum Abschließen: Man kann die Schlüsselchen danach einfach wegschmeißen und den Inhalt der Seiten begehren, ohne sich mit ihnen konfrontieren zu müssen. || Tradierte Formen haben ihre Gründe und Abgründe. || Die durchforsteten, auseinanderfallenden Bücher an meiner Seite sind die Tagebücher von Paul Klee, Verbalnotationen von Alvin Lucier, „Das Große Lexikon der Malerei“ und John Cage, „Für die Vögel“. || „Für die Vögel“ aufzuschlagen bedeutet, nicht zu planen, sondern von einem schräg angeschnittenen Gedanken heimtückisch überrascht und eventuell handlungsunfähig gemacht zu werden. || Konzentration bleibt eine Maxime, der ich ständig angestrengt zuarbeiten muss: die Splitter in irgendeiner Weise zusammenhalten. Bruch, Demontage, Unruhe passieren sowieso und ohne Zutun, genau wie Traum und Schlaf. || Angst vor Pathos oder Kitsch halte ich für Angst vor dem unscharfen Gedanken. Der sentimentale Schwebezustand ist dann noch nicht überschritten. Dasselbe gilt aber auch für die Angst vor der Angst. Vor einer lähmenden, übermäßigen Vorsicht. Mut zu Pathos und Kitsch könnte also auch Unerhörtes, eventuell ungehörig Gutes in Gang bringen. || Ich bin nicht an Symbolik interessiert, ich glaube an Codes. || Ich glaube an einen Sinn des Dichtens: Nicht Wahrnehmungsvorgänge, sondern Rezeptionsvorgänge offen legen und verdichten; auch, um sie daraufhin freizugeben für neue Rezeptionsvorgänge. || Dissonanzen, komplexe Rhythmen, Loops – aufspüren, zulassen, eingreifen. || Verständnis, wenn es das gibt, ist immer schöpferisch. || Zur Zeit arbeite ich an alten und neuen Glossolalien, zusammen mit dem Lautdichter Valeri Scherstjanoi. Ich versuche dafür auch, die Geige zum Sprechen zu bringen; sie kann, der menschlichen Stimme eigentlich sehr ähnlich, ziemlich ekstatisch artikulieren. Das ist gewissermaßen ein Versuch, Klang zu verdichten. || Die Vertiefung in Dinge/Klänge/Texte ist verliebt und hilflos – und verursacht ab einem bestimmten Punkt immer das Prinzip Ohrwurm. Je banaler, desto mächtiger. Die typischen, unendlich oft gelesenen Klo- oder Cornflakespackungs- Texte. Das Muster des Bettbezugs. Die ein ominöses Metallrohr ansägenden Handwerker, morgens. Die rote Tasse mit den weißen Punkten. An der Musikhochschule eine gängige Aufgabe im Fach Gehörbildung: „Notieren Sie folgenden vierstimmigen Satz: Klimper, klampklamp, klimper.“ Auch wenn die Melodielinien unzählig oft wiederholt werden, auch wenn am Schluss alle Noten stimmen, auch wenn der Choral einen für den Rest des Tages nicht mehr loslässt – durchdrungen ist das Stück, der Text, das „Ding“ noch immer nicht, noch immer nicht in meinem Besitz. Das Muster meines Bettbezugs habe ich so genau studiert, ich könnte es möglicherweise aus dem Kopf heraus skizzieren; es würde sich aber sofort entziehen, als etwas Fremdes, mit der Situation des morgens Aufwachen und Träumen nichts zu tun Habendes. || Vielleicht hört die Welt da auf: wo die Betrachtung der Dinge in die Endlosschleife gerät – sich an bestimmten Stellen abnutzt, dann fratzenhaft Details hervorkehrt, bis sie sich irgendwann selbst demontiert. Aber wird sie sich jemals komplett auslöschen? || Das Schreiben hört da auf, wo die Hingabe an einen Gegenstand total wird, im Sinne einer Selbstauslöschung. Das kann glücklicherweise nicht passieren, solang das Herz schlägt, denn kein Schlag gleicht exakt dem anderen.

aus dem soeben erschienenen Sommerheft der BELLA triste

Darin Beiträge der folgenden Autorinnen und Autoren:

prosa und lyrik
° Stefan Mesch
°° Susanne Heinrich
°°° Nadja Wünsche
°°°° Tobias Hipp
°°°°° Jo Lendle
°°°°°° Simone Kornappel
°°°°°°° Martin Lechner
°°°°°°°° Kay Steinke
cut
°°°°°°°°° Mara Genschel
phon
°°°°°°°°°° Jenny Erpenbeck
pool
°°°°°°°°°°° Michael Stauffer
°°°°°°°°°°°° Sandro Zanetti
°°°°°°°°°°°°° Kai Weyand
°°°°°°°°°°°°°° Jörg Albrecht
lux
°°°°°°°°°°°°°°° Mirko Bonné

Außerdem: Illustrationen und ein Plakatumschlag von Friedemann Bochow.

Bestellungen unter www.bellatriste.de.