Wenn der 1934 geborene Niederländer Rutger Kopland in diesem Jahr den Sprung von der Kandidatenliste für den Literaturnobelpreis auf die Siegertreppe schaffen sollte, sage niemand, er kenne diesen Autor nicht. Von den 13 Gedichtbänden, die der emeritierte Professor für Psychiatrie veröffentlicht hat, ist vieles in fast alle Weltsprachen übersetzt worden. Jetzt wird die bislang fehlende Übertragung ins Deutsche endlich nachgeholt. Die Auswahl macht neugierig auf mehr. Wie Kopland die Spannungen zwischen Ratio und Abgründen des Unbewussten in prägnanten elegischen, traurigen, aber nie larmoyanten Versen auf den Punkt bringt, wird zum Leseerlebnis. Koplands in Bildern, Gerüchen und Geräuschen konzentrierte Gedanken über Leben und Tod, Zeit, Liebe und Abschied, Menschen und Tiere leben von der präzisen Betrachtung paradoxer Verhältnisse und Verhaltensweisen. Je klarer und genauer die in lapidare Verse gesetzten Wahrheiten über das Wesen von Glück, Einsamkeit, Liebe und Verlorenheit sind, umso mehr bewahren sie Geheimnisse der Schöpfung. In Koplands Gedichten triumphiert das Rätsel über jegliche Erkenntnis. / Die Welt 6.8.
Rutger Kopland: Dank sei den Dingen. Aus dem Niederländischen von Mirko Bonné und Hendrik Rost. Hanser, München. 96 S., 14,90 €.
Außerdem Kurzrezension von
Alberto Szpunberg: Der Wind ist manchmal wie alle. A. d. Span. v. Juana und Tobias Burghardt. Edition Delta, Stuttgart. 161 S., 17,50 €.
Die Darmstädter Jury wählte Anna Louisa Karschs Liebesgedichte „Die Sapphischen Lieder“ (Wallstein-Verlag) zum Buch des Monats August.
Seit 1952 vergibt in Darmstadt eine unabhängige Jury aus Schriftstellern, Journalisten und Literaturkritikern regelmäßig den Titel „Buch des Monats“ an ein neu erschienenes Werk, mit dem Ziel, auf dessen besondere literarische Qualität öffentlich aufmerksam zu machen.
Im August 2009 sind dies „Die Saphhischen Lieder“ der 1791 verstorbenen schlesischen Dichterin Anna Louisa Karsch, die in die Literaturgeschichte als „deutsche Sappho“ einging. Die Liebesgedichte waren, wie der Wallstein-Verlag mitteilt, zum großen Teil bisher unveröffentlicht. Bei dem 326 Seiten langen Werk handelt es sich um eine gebundene, textkritische Ausgabe mit Illustrationen. Der Preis beträgt 29,90 Euro
Das Bieler Tagblatt bringt eine gute Nachricht (für mich):
Eugen Gomringer, der als Vater der konkreten Poesie gilt, hat den ersten Preis des Lyrikwettbewerbs des Rilke-Festivals Siders erhalten. Insgesamt wurden neun Preise und zwei lobende Erwähnungen vergeben.
Im Text ist dann allerdings vor allem von Schweizer Politik und Amateurlyrik die Rede:
SVP-Nationalrat Oskar Freysinger teilt sich den ersten Preis in der Amateur-Kategorie mit der türkischen Lehrerin Esra Aykin. Freysinger war letzte Woche zum Ärger der Organisatoren an die Medien gelangt mit der vorzeitigen Bekanntgabe seiner Auszeichnung. Darauf wurde verschiedentlich gemeldet, der Walliser habe „den“ Rilke-Preis gewonnen.
In der Hauptkategorie ging der zweite Preis ex aequo an die Engadiner Schriftstellerin Leta Semadeni und den Walliser Literaturwissenschaftler Hugo Sarbach. In der französischsprachigen Hauptkategorie gewann Jean-Yves Masson den ersten und Eliane Vernay den zweiten Preis. Eine Fachjury beurteilte 45 eingereichte Lyrikbände.
In der Amateur-Kategorie, in der 50 Einzelgedichte begutachtet wurden, wurde der zweite Preis ebenfalls geteilt. Ausgezeichnet wurden die Beiträge von Margit Weber aus Feldmeilen und Rainer Wedler aus dem deutschen Ketsch.
Oskar Freysinger hat in der Vergangenheit wiederholt mit seiner Lyrik Schlagzeilen gemacht. So rezitierte er 2002 am SVP-Parteitag ein selbstverfasstes Gedicht, in dem er die Schweiz „Dornwittchen“ nannte. Das Gedicht endete mit den Zeilen „Dornwittchens klitzekleines Fuzzi ist wohl zu eng für Bortoluzzi“.
In einer Meldung vom Januar 2005 hieß es:
Der Walliser SVP-Nationalrat und Gymnasiallehrer Oskar Freysinger kann nicht Mitglied im Schriftstellerverband «Autoren & Autorinnen der Schweiz» (AdS) werden. Der AdS hat seine Aufnahme abgelehnt.
An seiner Sitzung vom Mittwoch dieser Woche ist der AdS-Vorstand zum Schluss gekommen, dass Freysinger «die Voraussetzungen für die Verbandsmitgliedschaft beim AdS nicht erfüllt», wie der Verband mitteilte.
MDR FIGARO | 06.08.2009 | Diskutieren Sie mit!
Wieviel DDR-Realität steckt in der DDR-Literatur?
Der Lyriker Adolf Endler provozierte kurz vor seinem Tod mit der Aussage, vom literarischen Erbe der DDR werde nichts übrig bleiben. Der Grund: Sie spiegelte nicht die Realität wieder. MDR FIGARO widmet sich der Debatte mit einem „Hörer-Forum“ und mehreren Beiträgen.
Noch vor wenigen Monaten äußerte er anlässlich einer großen Ausstellung zur Geschichte der deutschen Nachkriegsliteratur eine provozierende Vermutung: „Von der DDR-Literatur wird – bis auf einige Ausnahmen wie Sarah Kirsch, Heiner Müller, Volker Braun und Karl Mickel – kaum etwas bleiben.“ Warum? Weil die Wirklichkeit dieses Landes, die konkreten Lebensumstände seiner Menschen, in dieser Literatur kaum vorkomme. Zum Beispiel finde sich nichts in der Literatur über die riesige Abwanderungsbewegung in den letzten Jahren der DDR. Doch stimmt Adolf Endlers drastisches Urteil? (Beiträge von Kurt Drawert und Daniela Dahn) / MDR
Alexander Krohn schreibt:
Stefan Döring (geb. 1954), neben Bert Papenfuß, Jan Faktor und Sascha Anderson einer der wichtigsten Vertreter der späten DDR-Untergrund-Literatur, veröffentlichte in den 80ern ein Buch und in den 90ern noch eins. Zum Ausklang dieses Jahrzehnts erscheint nun «Drei Etüden».
Distillery 33
Stefan Döring. Drei Etüden
Mit einer Einbandgrafik nach einer
Vorlage von Marika Kammerer.
1. Auflage 2009.
Brosch. 40 S.
ISBN 978-3-941330-24-5
7 Euro
Als Leit-Lautung fiepte und kicherte ein Lachen Rabelaisscher und Chlebnikowscher Abkunft, das sich in scharfen Endreimschlägen und schrillen Lautballungen zum Hohnlachen steigerte und Grotesken hervortrieb. All dies wurde in der Lyrik zusammengestichelt in Reimketten, vernäht mit Polemikspitzen und intertextuellen Fäden zu Nahverwandten wie Paul Gurk, Kurt Schwitters oder Günter Bruno Fuchs.
Ende der 70er Jahre radikalisierte Endler dieses poetologische Prinzip noch einmal, das er fortan als „phantasmagorisch“ apostrophierte: waghalsige Balanceakte ins Ungesicherte, die in der Fallhöhe zum Plafond ehemaliger Hoffnungen ebenso wie zum Fond der Dichtungstradition das hervortrieben, was Bataille das „obszöne Werk“ nannte. „endlich kippt das alles kreischend ins Wüste und Kaputte um und sticht zerbeult sternenwärts“, brachte es Endler auf den Punkt. Seine 1994 unter dem Titel Tarzan im Prenzlauer Berg veröffentlichten Sudelblätter der Jahre 1981 – 1983 zeichneten als Erfahrungsgrund den als surreal wahrgenommenen Alltag im zerfallenden Staatsgebilde DDR nach. Diesem Leben war nur noch in Steigerungsformen des „Schwarzen Humors“ beizukommen war.
Endler verfeinerte nun Textformen, die sich optimal in Wohnungslesungen darbieten bzw. in der entstehenden nichtoffiziellen Zeitschriftenszene in Umlauf setzen ließen: Es entstand über die Jahre ein einzigartiges Flechtwerk von Short-stories, Anekdoten, Zeitungsausrissen, Hinterhofdialogen, Ideologie-„Kaderwelsch“, Romanexposés und Dramoletten mit verschiedenen Spaltungsfiguren wie Bobbi Bumke Bergermann, Robert F. Kellerman, Bubi Blazezak und einer Fülle von Anagrammen seines eigenen Namens, das als kapriziös-karnevaleskes „Nebbich“-Projekt selbst mythenträchtig wurde. Wiewohl es nach 1990 nach und nach zugänglich wurde, hat der unkorrumpierbare Endler in seiner Schrägsicht von außen-unten, unermüdlich weiterschreibend, die schöne neue Welt als Hypostasierung des Erlebten begriffen und in gültige Verse gebannt. / Peter Geist, Freitag
The hard-boiled, Great Depression-era poetry of Kenneth Fearing.
By Jason Boog
Poetry Media Services
During the darkest days of the Great Depression, artist Alice Neel painted a surreal portrait of her friend, the poet Kenneth Fearing. In it, the gaunt 33-year-old stares out through owl-rimmed glasses, eye sockets hollow from exhaustion and hunger, a gaping hole in his chest. There, a grinning skeleton perches, spilling a river of blood.
These were dark times. And Fearing was the poet for them.
Eighty years ago he burst onto the literary scene with his reckless and stylized first book, Angel Arms. The strongest pieces were free-form riffs on hard-boiled fiction themes: “dangerous, handsome, cross-eye’d Louie the rat / Spoke with his gat, Rat-a-tat-tat—” snarled “St. Agnes’ Eve.” A majestic revolutionary spirit balanced beside these staccato pieces, like this stanza from “Ballad of the Salvation Army”:
On Fourteenth street the bugles blow,
Bugles blow, bugles blow,
The torpid stones and pavements wake,
A million men and street-cars quake
In time with angel breasts that shake,
Blow, bugles, blow!
Though the poems were written earlier, during the Roaring Twenties, Fearing’s apocalyptic imagery proved timely. Coward McCann published Angel Arms in 1929, within months of the stock market crash that plunged the United States into the Great Depression. Historian Monty Noam Penkower details the meltdown’s subsequent catastrophic effect on the literary scene in The Federal Writers’ Project, stating that between 1930 and 1933, new books published decreased from 10,000 to barely 7,600, magazine advertising dropped 30 percent, and newspaper „mortality rates“ reached 48 percent (sound familiar?).
Albert Halper’s 1933 novel Union Square parodies the poet as a drunken wreck: “‘Blow, bugles, blow,’ he mumbled sloppily, ‘and answer, hot dogs, answer, wharking, jarking, karking. On Fourteenth Street the mustard’s green, in Union Square the mob is queen. Blow, bugles, blow, set the wild echos barking. And answer, comrades, answer, harking, larking, farking.’” Alongside Neel’s portrait, these two works present the Fearing of that time as a troubled—and troubling—genius.
He seemed headed for oblivion, but the Federal Writers’ Project (FWP)—a government-funded program that lasted from 1935 until early 1943, employing thousands of writers around the country as oral historians, researchers, and authors of state guidebooks—rescued him, if only for a short time. For some writers, like Claude McKay and May Swenson, the FWP provided a foundation from which they could launch their later careers after the economy picked up. For others, like Fearing, the project provided a brief respite from what came to seem an inevitable decline. But in that brief time, the FWP enabled Fearing to write some of his most enduring works.
In 1935 Fearing published his second collection, Poems. Out of the 20 pieces in the slim volume, eight were first published in New Masses. This new work blasted the bankers, fat cats, and politicians who had plunged the country into an economic dark age. Straight from the pages of New Masses, the bombastic “Dirge” dishes out comic-book retribution. “Wham, Mr. Roosevelt; pow, Sears Roebuck; awk, big / dipper; bop, summer rain; / Bong, Mr., bong, Mr., bong, Mr., bong.” The pop hymn mocks and mourns the domesticity of J. Alfred Prufrock in Fearing’s most famous poem:
And wow he died as wow he lived,
going whop to the office and blooie home to sleep
and biff got married and bam had children and
oof got fired,
zowie did he live and zowie did he die
The country’s resentment over the economic meltdown electrified the poet’s experiments. Horace Gregory summed it up in his 1946 anthology, A History of American Poetry, 1900-1940: “When his second book, Poems, appeared, the public that had ignored Fearing suddenly discovered his value . . . a generation that was more distinctly urban, that was self-consciously ‘hard-boiled,’ that had shared the hopes and disillusionments of 14th Street in New York and Union Square.”
The populist anger that Fearing kindled resembles 21st-century rage over CEO bonuses and stock market scammers, though no poet today has yet claimed this zeitgeist in the way Fearing captured his. The first print run of Poems quickly sold out, becoming a surprise hit despite the Depression. His success shocked the New York Times books section, earning his publisher headlines for “unusual sale of their volumes of radical verse.”
At the end of the Depression, Fearing reached the pinnacle of his poetic career: praised as an exemplary FWP member, earning Guggenheim Fellowships, and landing a contract with Random House. Sadly, it wouldn’t last. In 1938 he published the poetry collection Dead Reckoning. “[He] was content to repeat the earlier successes of his writing with slight variations on a central theme,” wrote Horace Gregory.
The collection includes “Literary,” a sarcastic advertisement from an imaginary writing school brochure. Fearing rails against “The Literary System” that provides
[a] thousand noble answers to a thousand empty
questions, by a patriot who needs the dough.And so it goes.
Books are the key to magic portals. Knowledge is
power. Give the people light.
Writing must be such a nice profession.
Fill in the coupon. How do you know? Maybe you
can be a writer, too.
After his singular moment passed, Fearing’s verse would get buried among the “thousand empty questions” that concerned writers after the Great Depression. He found more fame as a novelist in the 1940s, writing a string of novels that climaxed in The Big Clock in 1946. Ray Milland starred in the classic film noir adaptation of the book, which eclipsed the fame Fearing’s poetry once enjoyed.
After his second marriage dissolved in 1952, Fearing spent the last years of his life in his bachelor apartment. He drank pints of whisky every day, cobbling together a living as a publicist, book reviewer, and, once again, pulp writer. The poet lost the fight against the bloody skeleton lurking inside. He died in 1961.
Jason Boog is an editor at mediabistro.com’s publishing website, GalleyCat. His work has appeared in the Believer, Granta, Salon.com, the Revealer, and Peace Corps Writers. This article first appeared on http://www.poetryfoundation.org. Learn more about Kenneth Fearing, and his poetry, at www.poetryfoundation.org.
© 2009 by Jason Boog. All rights reserved.
Schlappe sechsundvierzig Jahre, nachdem Hans J. König die ursprüngliche Version der 1924 verfassten [Schalke-]Hymne „Blau und weiß, wie lieb’ ich dich“ um zwei weitere Strophen ergänzt hatte, echauffieren sich Muslime nun über den kuriosen dritten Abschnitt dieses Schlagers, in dem es heißt:
Mohammed war ein Prophet
Der vom Fußballspielen nichts versteht
Doch aus all der schönen Farbenpracht
Hat er sich das Blau und Weiße ausgedacht
Selbst der so umtriebige wie notorische Yavuz Özoguz, Mitbegründer der Website Muslim Markt, meldete sich erst jetzt zu Wort, nachdem ihn „aufmerksame Geschwister aus dem Ruhrpott, die wohl selbst als Schalke-Fans auf diese Ungeheuerlichkeit aufmerksam geworden sind“, von diesen Zeilen in Kenntnis gesetzt hatten. Özoguz griff in die Tasten und versuchte im Forum des Muslim Markt umständlich zu begründen, warum der Schalker Song eine nicht länger hinzunehmende Verhöhnung des Propheten darstellt. Zwar könne man, findet er, „zunächst das Positive sehen“, denn „immerhin bezeugt erstmalig in der Geschichte der Bundesliga gleich ein ganzer Verein, dass Prophet Muhammad ein Prophet ist“. Aber, ach:
„Blau und weiß [sind] nicht gerade exklusive Farben von Schalke. Bayerns Landesflagge hat genau wie die israelische Flagge diese beiden Farben, aber solch einen weiten Bogen wollen wir nun wirklich nicht spannen. Nur sollte bekannt sein, dass die Farben des Propheten eher grün, weiß, rot und schwarz waren.“ / Lizas Welt
«Ich werde etwas mit der Sprache machen» heißt ein Gedicht von Nora Gomringer. Das ist schamlos untertrieben, wie sich bei der Parklesung vor idyllischer Kulisse herausstellt. Im Prinzip erfindet die sympathische junge Frau mit den Locken das Medium Sprache ganz einfach neu. Ihre Mittel sind Töne, ihre Werkzeuge Laute. Sie ist nämlich nicht nur Lyrikerin, sondern vor allem Poetry-Slammerin. Das heißt, ihre Texte wirken erst gesprochen.
Man muss hören, wie sie die Worte dehnt oder staucht, wie sie faucht, mal heftig, mal ganz soft wird, mal zischt und mal haucht. Erst dann kapiert man, worauf sie hinaus will. Plötzlich ist, ohne dass man es ausdrücken könnte, klar, was sie mit der Schnecke auf dem Weg meint, die sie so bildhaft beschreibt. Das Tier ist langsam, es stört und regt dennoch – oder vielleicht deshalb – zum Nachdenken an. / Anne Peters, Nürnberger Nachrichten
Er verstehe seine Gedichte als «Gegenwehr wider die Übermacht jenes Seienden, das wir Realität nennen», schreibt Friedrich Dieckmann im Nachwort zu seinen «Meldungen vom Tage». Diese «lyrischen Notate» sind zwischen 1975 und 2008 entstanden und verzeichnen journalhaft die Befindlichkeit innerhalb einer schleichend zerfallenden DDR, die lebensgefährlich-notwendige Operation Deutsche Einheit, die die beiden «Verwachsnen» endlich trennt, bis hin zu den neuen Zuständen, die nicht wirklich neue Erkenntnisse gebracht haben. … Allerdings drückt diese Atmosphäre zuweilen wie ein dunkler Fleck unter der opaken Hülle der Worte hindurch, denn die Texte funktionieren nach einer mitunter fast Da-Vinci-Code-haften Verschlüsselungspoetik, die für den heutigen Leser (und Nicht-Zeitzeugen) nur dank den Anmerkungen zugänglich wird, die der 72-jährige Autor dieser im Eulenspiegel-Verlag edierten Ausgabe beigelegt hat. / NZZ 30.7.
Friedrich Dieckmann: Meldungen vom Tage. Lyrische Notate. Berlin, Eulenspiegel-Verlag 2009. 237 S., Fr. 30.90.
Erschienen sind die Bände 2007 und 2008 des russisch-deutschen Almanachs „Dominante“ mit Lyrik und Prosa von
Elke Erb, Elena Kazuba, Alla Kigel, Irena Lein,
Rut Kohn, Oxana Medwid, Maja Plissetskaja,
Katrin de Vries, Alexander Andreew,
Boris Chasanov, Hans M. Enzensberger,
Eitan Finkelstein, Vladimir Genin, Simon Gourari,
Milos Horansky, Konstantin Kedrov, Sergey Khotimski,
Arkadi Klenov, Michael Krüger, Peter H. Neumann,
Thorsten Palzhoff, Vadim Perelmuter,
Àxel Sanjosé u.a.
(Präsentation vor einigen Wochen in der Münchner Tolstoi-Bibliothek)
Als meiner Dissertation über DDR-Lyrik vom Wissenschaftlichen Rat aus ideologischen Gründen („bürgerlicher Objektivismus“ etc.) die Annahme verweigert wurde, sagte ein Kollege, um Erklärung bemüht: Du zitierst zu oft Adolf Endler. Ja, und wie denn nicht? Er war der beste Kenner dieser Literatur. Mein Doktorvater Hans Jürgen Geerdts (der noch zwei Wochen vorher gesagt hatte: Wir wollen doch Ehre einlegen, und der über die Affäre als Chef der Literaturwissenschaft gestürzt wurde drei Wochen später, weil er „die Wachsamkeit vernachlässigt“ hatte), löste das Problem, indem er einen in Greifswald nicht angreifbaren Außengutachter vorschlug, seinen Jugendfreund Horst Haase, quasi der Lyrikpapst des Ländchens. Der schrieb ein faires Gutachten, obwohl er hauptsächliches Ziel meiner kritischen Lesart war – er hatte Humor, nehme ich an.
Als „korrupt“ habe Endler den 1981 in der DDR erschienenen Gedichtband „Akte Endler“ bezeichnet. Mag sein – aber damals war es ein Novum, daß überhaupt ein Buch des aus dem DDR-Schriftstellerverband ausgeschlossenen Autors erschien; und das Buch enthielt die meisten Texte aus dem zwei Jahre zuvor bei Rowohlt erschienen Band „Verwirrte klare Botschaften“, darunter „Akte Endler“, „Aus den Heften des irren Fürsten“, „Absage“ oder „Der Unbequeme“:
Daß man ihn endlich aus dem Land rausschlage
Auf jede Antwort weiß das Schwein die Frage
Das war jetzt zitierbar. Endlers andere Bücher mußte ich in Leipzigs Deutscher Bücherei lesen oder als Fernleihe im Greifswalder Lesesaal, wo sie aus dem Stahlschrank gereicht und nach dem Lesen wieder verschlossen wurden, auf daß sie kein anderer lese. (In meinem Exemplar des DDR-Bändchens sind alle Abweichungen vom Text des Rowohlt-Bandes minutiös markiert).
Endler fehlt uns.
Seine Sudelblätter „Tarzan vom Prenzlauer Berg“ waren sein erfolgreichstes Werk; die Tagebuchaufzeichnungen aus den Jahren 1981 bis 1983 vergnügten die Leser und machten ihn nach der Wende einem breiteren Publikum bekannt; „Nebbich. Eine deutsche Karriere“ hieß sein jüngster Band mit autobiographischen Texten und Prosafragmenten, der 2005 erschien. 2007 veröffentlichte der Wallstein Verlag „Neunundsiebzig kurze Gedichte aus einem halben Jahrhundert“ unter dem Titel „Krähenüberkrächzte Rolltreppe“ (Endler, Adolf: Krähenüberkrächzte Rolltreppe).
Die DDR war für Endler eine Gaunergesellschaft, im Vergleich zu Nazi-Deutschland recht harmlos, trotzdem aber ein „ganz mieser Polizeistaat“. Die Surrealisten, Dadaisten und Futuristen interessierten ihn am meisten, von der DDR-Geschichte hatte er genug. Mit Vergnügen nahm er aber die Einschätzungen des ostdeutschen Geheimdienstes in seine Prosa auf: „Der IM schätzt ein, daß die Art des Vortrags von Endler sehr gut war, weil er sehr akzentuiert sprach und wie ein Schauspieler mit deutlicher kabarettistischer Tendenz las. Während der Veranstaltung nahm er Alkohol zu sich.“ Oder: „Am Äußeren des Endler ist derzeitig auffallend, daß er am linken Ohr einen pfenniggroßen Ohrring trägt.“ …
Seit 2005 war er Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt. Doch trotz der späten Ehrungen und Preise sah er die Vorstellungen bestätigt, die er einst als Jungkommunist vom Kapitalismus hegte: Experimentelles werde heute kaum noch gedruckt; Lyrik kaum gelesen.
Zuletzt lebte er etwas abseits in Pankow an der Grenze zum Wedding, den er wegen der proletarischen Atmosphäre mochte. Pankow sei tot, umziehen werde er aber nur noch endgültig, nicht mehr zu Lebzeiten. Der Tod beschäftigte ihn viel, seine regelmäßigen Todessehnsüchte behandelte er früher mit Alkohol, denn schon bei Freud sei zu lesen gewesen, dass die Proleten ihre Komplexe mit Alkohol kurierten. Am Tod machte ihm nur Angst, dass seine Frau dann zurückbleibe. „Das Alter ist ein Schlachtfeld“, hatte er wegen seiner vielen Krankheiten oft geäußert. Am Sonntag ist Adolf Endler in Berlin gestorben. / Falko Hennig, FAZ
Nach Endlers Ausschluss aus dem Schriftstellerverband 1979 aufgrund seiner Protestbeteiligungen gegen die Ausbürgerung Biermanns durften die ostdeutschen Verlage, bis auf den von ihm selbst als korrupt bezeichneten Gedichtband „Akte Endler“, von diesem Autor überhaupt nichts mehr veröffentlichen.
Seine Werke fanden dennoch immer ihre Leser, sei es, dass er im Westen bei Rotbuch oder in einigen Handpressenexemplaren veröffentlichen konnte, sei es, dass Endler in Berlin auf privaten Wohnungslesungen (die Orte lesen sich wie ein interner Stadtplan) seine Gemeinde fand. Wolfgang Hilbig schrieb ihm: „Ich habe nach deinen Büchern stets wie nach dem berühmten Strohhalm gegriffen und von ihnen mich lange Zeit förmlich ernährt“. / Cornelia Jentzsch, FR 3.8.
Mehr: Die Zeit / Mitteldt. Zeitung / Süddeutsche Zeitung / Spiegel / Märkische Allgemeine / Badische Zeitung / DLR /
Die Jury für den 17. open mike ist benannt: Die Autoren Ursula Krechel, Kathrin Röggla und Jens Sparschuh werden in diesem Jahr die besten deutschsprachigen Nachwuchsautoren küren. Die Preise sind mit insgesamt 7.500 EUR dotiert, wobei ein Preis für Lyrik vergeben wird.
In diesem Jahr nutzten 680 junge Autoren ihre Chance zum Start in den Literaturbetrieb und sandten ihre Texte zum 17. open mike ein, 120 von ihnen bewarben sich mit Lyrik. Sechs Lektoren aus renommierten deutschsprachigen Verlagen wählen nun aus den anonymisierten Einsendungen bis zu 22 Nachwuchsautoren aus, die am 14. und 15. November beim öffentlichen Endausscheid in Berlin ihre Texte dem Publikum und der Jury präsentieren. Die Wettbewerbstexte erscheinen pünktlich als Anthologie im Allitera Verlag.
Traditionell lesen am Vorabend des Wettbewerbs mit Patrick Findeis, Svealena Kutschke und Thien Tran Finalisten und Preisträger der letzten Jahre aus ihren Debüts.
Der open mike ist der wichtigste deutschsprachige Nachwuchs-Literaturwettbewerb, die Lesungen haben Kultstatus. Er genießt auch über die Grenzen Deutschlands hinweg einen guten Ruf, wie jährlich zahlreiche Einsendungen aus der Schweiz und Österreich sowie in diesem Jahr aus u.a. Irland, Polen, der Türkei und Frankreich belegen. Verleger, Lektoren und Agenten finden während des open mike „ihren“ literarischen Nachwuchs. Er ist für viele Autoren zum Sprungbrett ihrer Karriere geworden, zahlreiche bekannte Schriftsteller wie Karen Duve, Kathrin Röggla, Terézia Mora, Zsuzsa Bánk, Jochen Schmidt, Tilman Rammstedt, Markus Orths, Ariane Grundies, Christian Schloyer und Jörg Albrecht begannen ihre Laufbahn beim open mike.
Weitere Informationen unter www.literaturwerkstatt.org und www.crespo-foundation.de
Er hat den Marktplatz eher gescheut: Carlfriedrich Claus, Annabergs berühmtester Bürger – nach den weitaus populäreren Adam Ries und Barbara Uthmann. Dies mag auch ein Anlass für den mutigen Versuch eines ersten Literatur- und Kunstfestivals namens Anna Blume zu Ehren des Ehrenbürgers der Bergstadt gewesen sein, zu dem am Wochenende namhafte Künstler, Lautpoeten und Musiker eingeladen waren.
Organisatorisch eher schwierig – und damit fast ein wenig an die Umstände der Improvisation, unter denen Claus arbeitete, erinnernd: So musste Gerhard Wolf, erster Verleger des Künstlers, krankheitsbedingt absagen, wurde die Samstagnachmittaglesung mit Jan Faktor, derentwegen einige Besucher gekommen waren, auf den Abend verlegt, und auch auf dem Marktplatz bei den Angeboten „Claus für Kinder“ bot sich ein bizarres Bild, das Claus vielleicht gefallen hätte: Eine Oldtimer-Parade neben einem Wettbewerb im Bierkastenstapeln neben originellen Angeboten zu Farb-, Wort- und Klangspielen. Das hat fast dadaistische Qualitäten, auch wenn Claus selbst kein Dadaist war, deren provokative Lautpoesie aber schätzte. Sein eigenes Werk bewertete er weniger nach ästhetischen als nach philosophischen Aspekten, wie sich Dagmar Ranft-Schinke, die Chemnitzer Malerin und Grafikerin, erinnert: „Wenn ich ihm sagte: Das ist ein schönes Blatt, dann freute er sich, meinte aber, dass für ihn eigentlich andere Kriterien gelten.“
Dies unterstreicht die besondere Stellung des als schwer zugänglich geltenden Claus’schen Werks, das auch schwer zugänglich zu machen ist. Dennoch habe man mit dem Festival versuchen wollen, den Künstler aus der „elitären Nische“ zu holen, sagt Mitorganisator Jörg Seifert vom Kunstkeller Annaberg – und griff zum Beispiel erfolgreich den Briefwechsel von Carlfriedrich Claus auf: Die Mailart-Aktion unter dem Titel „Anna Blume meets Ann Berg“ brachte originelle Einsendungen von über 200 Teilnehmern aus aller Welt, deren Absender sicher sind: Dada ist nicht tot. Das meint auch Jan Faktor, der Carlfriedrich Claus durch den gemeinsamen Verleger Gerhard Wolf kennen- und schätzen lernte, obwohl ihm die politisch-philosophischen Ansichten des Annabergers eher fremd blieben: „Ich bin geprägt von dem 68er Schock in Prag“, sagt Jan Faktor, „diese kommunistische Aurora-Utopie war mir fremd. Und ich wollte auch etwas Eigenes machen.“ Dennoch habe er Claus ehrfürchtig zugehört, nicht widersprochen. Und er nimmt in Annaberg indirekt dessen Suche nach neuen Formen der Kunst und der Gesellschaft auf mit seinem ironischen Manifest für eine „neue Lyrik“, eine „Lyrik von gesundem Starrsinn“, die „kostendeckend Verlustgeschäfte aller Art finanzieren kann“. / Freie Presse 3.8.
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